Schlußbericht des Nuntius von Österreich aus dem Jahre 1985 und seine Aktualität (1 von 5)

Edition-Winkler-Hermaden-oesterreich-ungarn-02Der Schlussbericht des Nuntius von Österreich aus dem Jahre 1985, welchen wir hier in sechs kommentierten Teilen vorlegen, ist ein Schreiben, welches der Mehrheit der Leser bereits bekannt sein durfte, da es seit Langem im Internet zu finden ist.[1] Es stellt sich somit die Frage, worin der eigentliche Sinn besteht etwas Bekanntes und Historisches erneut ins Netz zu stellen. Die Antwort lautet: Weil es so gut ist! Der Bericht des Msgr. Mario Cagna macht der vatikanischen Diplomatie alle Ehre, welche damals über wirklich fähige, fromme und kirchlich denkende Diplomaten, die zugleich Geistliche waren, verfügte. Wahrscheinlich ist es auch heute noch der Fall, obgleich der traurige Fall des Nuntius Wesołowski in der Dominikanischen Republik eine andere Geschichte erzählt. Der Lagebericht des Nuntius Cagna lässt sich auch wohl grosso modo auf das heutige Österreich und das heutige Deutschland übertragen, obgleich die Sätze:

„Der österreichische Episkopat ist gut. Von allen Bischöfen kann man ohne Ausnahme sagen, daß sie persönlich fromm, ehrlich, fleißig, rechtgläubig, ihren Aufgaben hingegeben, nicht politisierend und fern von Extremismen aller Art sind.“

ihre Gültigkeit in Bezug auf die DBK und die ÖBK größtenteils verloren haben. Innerhalb der 30 Jahre, die seit diesem Schreiben vergangen sind, hat sich der Zustand der Kirche sowohl in Österreich als auch in Deutschland weitgehend verschlimmert, wovon die letzten Unternehmungen der DBK, sprich die Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts und eine selbstgemachte Umfrage zur Aufhebung der katholischen Ehelehre zeugen. Fügt man dem auch noch den Ausspruch von Kardinal Marx hinzu, wonach man keine Filiale von Rom sei, so ist der materielle, wenn auch noch nicht der formale Weg in die deutsche Nationalkirche schon sehr weit fortgeschritten. Da uns leider keine Abschlussberichte der Nuntien in Deutschland zur Verfügung stehen, ein Analogieschluss hier aber zulässig erscheint, so kann man wirklich schlussfolgern, dass Rom bzw. der Vatikan mindestens seit Mitte der 1980-ger Jahre sehr gut über die Situation in Österreich und wohl auch in Deutschland Bescheid wusste und wirklich wenig unternahm, um dieser Entwicklung entgegen zu arbeiten. Das stille und heimliche Schisma scheint in Deutschland und Österreich seit Langem vorzuliegen. Vielleicht sind die Geschichten, die man sich über kard. Casaroli erzählt, wirklich wahr, denn wenn jemand in den 1980-gern einen Einfluss auf die Bischofsernennungen hatte, dann war er es, da Johannes Paul II im „Außendienst“ tätig war und an den Angelegenheiten der Kurie, nach dem, was man so liest und hört, wenig Interesse zeigte. Daher ist mit der Zeit ein Machtvakuum entstanden, welches von den falschen Leuten ausgefüllt wurde.

In der kommunistischen Zeit gab es einen Witz, der folgendermaßen ging: „Was wird passieren, wenn in der Sahara-Wüster der Kommunismus eingeführt werden würde? Ein Jahr lang nichts und danach geht der Sand aus“. Und uns allen geht heute der Sand aus.

Schlußbericht des Nuntius

Abschließende Beurteilung des Zustandes der Kirche Österreichs

 Hochverehrte Eminenz,

ich habe die Ehre, Ihnen in einer kurzen und vollständigen Synthese einige Bemerkungen über die Lage der Kirche in Österreich mitzuteilen. Diese beruhen auf Beobachtungen, die ich in den achteinhalb Jahren meiner Leitung der Apostolischen Nuntiatur in Wien machen konnte. Wenn man sich ein Gesamtbild der Kirche in Österreich machen will, riskiert man freilich, die aufsehenerregendsten Elemente, meist die negativen, hervorzuheben und alles oder fast alles beiseitezulassen, was es an Gutem gibt, was still, verborgen und sogar leidend ist, und damit einseitig und ungerecht zu werden.

Man muß in der Tat vorausschicken, daß sowohl der städtische und ländliche Klerus als auch die Laien, besonders jene, die in den verschiedenen Untergruppen der Katholischen Aktion organisiert sind, aber auch jene, die außerhalb jeder Organisation stehen, treu zum christlich-römisch-katholischen Geist stehen. (Deutlich wurde dies durch den überaus herzlichen Empfang, der dem Heiligen Vater bei seinem jüngst vergangenen Besuch zuteil wurde und der alle, sogar die Hierarchie, durch seine Wärme und Spontaneität überraschte.) Dies ist eine feste, freilich anonyme Grundlage, die bei guter Leitung zu einem wahren und tiefen Wiederaufstieg in der Zukunft führen kann. Das Übel liegt teilweise in den Gesetzen und den Gesellschaftsstrukturen, die ein politischer Laizismus seit langer Zeit herbeigeführt hat („Aufklärung“, Sozialismus in der Gegenwart). Dieser zersetzt das christliche Wertesystem, das im Lande eine große Tradition hat. Andererseits ist er auch im Geist des katholischen Teils der Gesellschaft eingewurzelt, der allmählich seine Leitungsfunktion aufgegeben hat. Es ist außerdem nicht leicht, in wenigen Seiten das zusammenzufassen, was in dieser alten und bunten Nation geschieht, die klein ist und zugleich Menschen hervorbringt, die in allen Gebieten der Kultur hervorragen, die aber abgestanden und paradox wirkt. Dieses festliebende Volk ist nicht fröhlich. Dieser gebieterische Sozialismus (in Wien hält er die Macht seit langem fest in Händen) mildert nicht den ausgeprägtesten Individualismus. Dieser Liberalismus des „Leben und Lebenlassens“ läßt die einen nicht mit den anderen in Verbindung treten. Dieses Land ohne Extremismen oder gewaltsame Proteste, das Papst Paul VI. „Insel der Seligen“ nannte, zählt eine äußerst hohe Selbstmordrate und vermerkt ein Ansteigen der Abtreibungen (seit 1975 bis heute etwa eine Million) und eine Zunahme des Verbrauchs von Antidepressiva. Es ist nicht leicht, in die österreichische Seele einzudringen, die zwischen einem barocken Katholizismus und einer müden, genußsüchtigen und fatalistischen Skepsis geteilt ist. Viele Ausländer haben in den Wiener Kirchen den Eindruck einer tiefen und ausgeprägten Frömmigkeit, die jedoch eher traditionell und stereotyp ausgerichtet ist. In Wirklichkeit ist der Glaube nur wenig gebildet und heute von den Übeln der Zeit erschüttert. Die Treue gegenüber Taufe, Firmung, auch gegenüber dem kirchlichen Begräbnis und der kirchlichen Trauung bleibt aufrecht, obwohl gerade die letztere in den vergangenen Jahren ebenso wie die Ziviltrauung abnahm. Gewisse Riten wie die Aschenauflegung am Aschermittwoch, Besuch der Gräber, Primizsegen werden praktiziert, aber nicht selten handelt es sich um Bräuche, gesellschaftliche Formalitäten, die man nicht gerne unterläßt. Es gibt freilich auch das äußerst traurige Phänomen des Kirchenaustrittes, das sich auf eine Erklärung vor der weltlichen Behörde beschränkt, von der dann die Pfarrer als einem vollzogenen Akt erfahren. Das unmittelbare Motiv dieses überaus zahlreichen Abfalles ist die verhaßte Kirchensteuer, die in Wirklichkeit nicht besonders schwer ist, die aber für Menschen mit einem schwankenden Glauben unerträglich ist. Auch die Begleitumstände wirken in diese Richtung: direkte Zahlung an diözesane Finanzstellen, zivilgerichtliche Verfahren gegen Säumige etc. Der Glaube dieses traditionell katholischen Volkes ist in weiten Gebieten mit den oben genannten Mängeln und Lücken aufrecht, aber er hat in den letzten Jahrzehnten besonders unter der Jugend wegen der ungenügenden religiösen Unterweisung abgenommen. Der moralische Verfall freilich entfremdet ihm in Wirklichkeit sehr viele (Verlust des Sündenbewußtseins im allgemeinen, Krise der Familie, Hedonismus, sexuelle Freizügigkeit, Korruption etc.) Man muß unterstreichen, daß dort, wo die Priester eifrig und entschlossen sind, ein deutliches Aufblühen zu sehen ist. Wenn es auch wahr ist, daß jedes Volk die Priester hat, die es verdient, so ist es ebenso wahr, daß ein Wiederaufstieg des christlichen Lebens nur von einer tiefgreifenden Erneuerung des priesterlichen Amtes zu erwarten ist.

Der österreichische Episkopat ist gut. Von allen Bischöfen kann man ohne Ausnahme sagen, daß sie persönlich fromm, ehrlich, fleißig, rechtgläubig, ihren Aufgaben hingegeben, nicht politisierend und fern von Extremismen aller Art sind. Aber von allen muß man sagen, daß sie zu vorsichtig sind, ängstlich gegenüber den Theologen, den pastoralen Gremien, den Journalisten, der öffentlichen Meinung, weswegen sie selten Festigkeit in ihren Stellungnahmen zeigen und in die Permissivität fallen. Sie flüchten sich in gemeinsame Erklärungen der Bischofskonferenz, die eher undeutlich ausfallen oder sogar an den drängenden religiösen Problemen des Augenblicks vorbeigehen. Die päpstlichen Dokumente werden an das Volk nicht mit der geschuldeten Kraft, Geschwindigkeit und Verbreitung weitergeleitet; manchmal werden sie faktisch ignoriert und sogar abgeschwächt (insbesondere jene, die sich auf die Katechese, auf den Ökumenismus, die Ehemoral, die Befolgung liturgischer Regeln etc. beziehen). Es erscheint geradezu unglaublich, daß sich Hirten, die unbezweifelbar gut und fromm sind, von irregeleiteten und widersetzlichen Professoren, Priestern und Laien nicht nur übertölpeln lassen, sondern sie an verantwortungsvollen Stellen dulden, sie dorthin nominieren und sie unterstützen, während jene, die treu zum Papst und zur Hierarchie stehen, geächtet werden.

[1] Wir zitieren nach: http://www.diewahrheit.com/Rundbrief_nr_70.htm Die Originalschreibweise wird beibehalten.

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