Schlußbericht des Nuntius von Österreich aus dem Jahre 1985 und seine Aktualität (4 von 5)

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6. Die Bildungswerke und Medien

Die mehr oder weniger von der Kirche abhängigen Medien sind zahlreich und vielfältig: Radio, Fernsehen, diözesane Zeitungen, „Bildungswerft“, „Familienverband“, „Familienwerft“, Katholische Hochschuljugend, Katholischer Akademikerverband, Pädagogische Akademien, Sozialakademien, „Bibelwerft“, Verlagshäuser, Buchhandlungen etc. Alle erfreuen sich großer Freiheit in Organisation und Meinungsäußerung, die die kirchlichen Autoritäten auch respektieren… bis hin zum Unglaublichen, daß nämlich diese Medien oft das ungestörte Vehikel der Kirchenkritik sind und Meinungen verbreiten, die nicht jene der Kirche sind. Alle diese Bildungseinrichtungen zeigen, da sie deutlich „progressiv“ ausgerichtet sind, ein Gemisch von Meinungen, Thesen, Vorschlägen, Stellungnahmen, so unterschiedliche und voneinander abweichende, ja einander widersprechende Aussagen, daß im Gesamten die erzieherische und pastorale Funktion dieser wertvollen pastoralen Werkzeuge darunter schwer leidet.

Man muß auch sagen, daß die staatlichen Autoritäten der Kirche viele Möglichkeiten der Kommunikation im staatlichen Rundfunk/Fernsehen einräumen, aber diese Sendungen werden meist liberalen Priestern oder Laien, wenn nicht überhaupt radikalen oder ablehnenden Elementen, anvertraut. Die heiligen Messen und Betrachtungen, die das Radio sendet, sind im allgemeinen in Ordnung, obwohl die Betrachtungen von so unterschiedlichen Personen gehalten werden, daß daraus eine große Verwirrung im Glaubensgut entsteht. Obwohl unterschiedlich im Ton und mit einem großen Mischmasch an Mitarbeitern, sind die Kirchenzeitungen von Wien und St. Pölten ganz vernünftig (obwohl das Wiener Blatt von einem Ex-Priester geführt wird), während jene von Linz und Salzburg die ablehnendsten und provozierendsten sind. Deshalb wenden sich brave Gläubige oft an die Bischöfe mit der Bitte um geeignete Maßnahmen, um keine Abweichungen vom Lehramt, um ein gutes gesichertes Glaubensgut. Aber ihrer Stimme wird wenig Gehör geschenkt. Die oben genannten Einrichtungen religiöser Bildung (Bildungswerk, Familienwerk etc.) sind in ähnlichen Händen wie bei den Zeitungen und dem Rundfunk/Fernsehen und haben daher vielleicht noch in schlimmerer Weise eine ziemlich zersetzende Wirkung. Sie säen ein übles Gemisch an Ideen und Verhaltensweisen, sie laden zu ihren Tagungen, Vorträgen, Seminaren und öffentlichen Debatten zweifelhafte Persönlichkeiten ein, die bis hin zur offenen Opposition zur Kirche stehen, und auch Nicht-Katholiken. Unter den Eingeladenen befinden sich: Küng, Metz, Moltmann, Pinchas Lapide, Ernesto Cardenal, Böckle, der oben genannte Rotter, Zulehner und auch Wissenschaftler, die für ihre antikatholischen Aggressionen bekannt sind, wie der Psychiater Erwin Ringel (gegen die „repressive“ Sexualmoral), Rupert Riedl (ein Evolutionist durch und durch), um hier nur zwei Namen zu nennen, die zu den aufreizendsten und skandalösesten zählen. Es ist eine Art Masochismus, den, wie es scheint, niemand einzudämmen wagt, und der Tag für Tag den Glauben und die Moral des Volkes Gottes von allen Seiten bedrängt. Und so gibt es in allen diesen Informationsmedien keine garantierte Glaubenslehre; in den Buchhandlungen wird alles verkauft, von häretischen Büchern bis hin zu weltlichen und frivolen, von Werken der Liturgie und der Frömmigkeit bis hin zu allen Arten der Philosophie, der Soziologie und der Psychologie in einem Mischmasch, welches faktisch nur die solideren Arbeiten zur Spiritualität, zur Theologie und zur religiösen Bildung im allgemeinen diskriminiert. Dies gilt auch für die Texte des Lehramtes, die häufig nicht zu finden sind. Um noch ein aktuelles Beispiel zu liefern: Kaum hatten die Zeitungen über die Entscheidung des Lehramtes zu den Werken der Befreiungstheologie berichtet, tauchten in den Buchhandlungen die Werke von Boff, Gutierrez etc. auf, während man den Text der Lehrentscheidung nicht kaufen konnte. Glücklicherweise gibt es die Veröffentlichungen des Sekretariates der deutschen Bischofskonferenz (in Österreich freilich nur wenig verbreitet), die ein Vertiefen in die päpstlichen Dokumente rasch und genau erlaubt.

 7. Die Familienpastoral

Man muß feststellen, daß die Bischöfe, freilich spät und und wenig fest, die Moraltheologen, die diözesanen und interdiözesanen Gremien und die Familienverbände einhellig das Gesetz über die Abtreibung (Fristenlösung: Legalisierung der Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten) bekämpft haben. Hingegen gab es keine vorbehaltlose Zustimmung zum Heiligen Stuhl in Fragen der Empfängnisverhütung, ja sogar wiederholte Erklärungen der Bischofskonfernz, einzelner Bischöfe und der katholischen Familienverbände, von den Professoren aus Moraltheologie ganz zu schweigen, die mündlich und schriftlich die Gewissensfreiheit in Fragen der Geburtenkontrolle verfochten und verfechten. Typisch sind die Ausdrücke, die in den Instruktionen für die Mitarbeiter des Institutes für Ehe und Familie der Erzdiözese Salzburg im Bezug auf die Enzyklika Humanae Vitae enthalten sind: „Eine Enzyklika ist eine qualifizierte Stimme, denn sie ist die Stimme dessen, der mehr Verantwortung für die Kirche trägt als der Christ ohne Amt. Daher schuldet der Christ einen Vertrauensvorschuß, eine begründete Vermutung (praesumptio) für die Wahrheit der Urteile des authentischen Lehramtes. Die schuldige Loyalität bezeugen wir einer Enzyklika durch Auseinandersetzung. Die Meinung des Theologen XY kann ich übergehen. Eine Enzyklika übergehen hieße, das qualifizierte Mitspracherecht des von Christus gestifteten Amtes bei der Bewußtseinsbildung der Gläubigen in der Kirche bestreiten. Abermehr als die loyale Auseinandersetzung fordern, hieße, eine Enzyklika faktisch doch als unfehlbar auslegen.

Einen erheblichen Einfluß in dieser Richtung hat der Linzer Diözesanpriester Bernhard Liss, der mehr oder weniger offen diese Gedanken durch verschiedene Veröffentlichungen der diözesanen Familienwerke und durch zahlreiche Eheberatungsstellen verbreitet. Dies geschieht auch bei den Eheseminaren (drei Abende), die für alle verpflichtend sind, die kirchlich heiraten wollen. Und seit wenigen Wochen erscheinen zehn „Ehebriefe“, die von der „Arbeitsgemeinschaft der katholischen Familienwerke Österreichs“ herausgegeben werden. Sie stehen unter der Verantwortung des Direktors des Pastoralinstituts der Wiener Erzdiözese, Mons. Rudolf Schwarzenberger, und enthalten den Text des vorhinzitierten Bernhard Liss(!), in welchem eine Lehre von der Ehe vertreten wird, die kaum Sakramentstheologie enthält, dafür aber vorwiegend psychologisch orientiert ist, ohne jeglichen Hinweis auf die Problematik der Geburtenregelung auskommt („zu sehr kontrovers“), aber mit einem ausgeprägt liberalen Akzent im Hinblick auf Sexualität und Eros versehen ist. Jedes Paar soll diesem in Freiheit jene Form geben und so weiterentwickeln, wie ihnen am besten scheint.

Um das Bild des religiösen Lebens im Land abzurunden, ist es notwendig hier anzufügen, daß die Beziehungen zwischen der Kirche und dem Staat gut sind. Obwohl die Gesetzgebung einer überdimensionalen Staatlichkeit und einer wachsenden Unmoral (im Namen der sogenannten „Wertfreiheit“) Vorschub leistet, erfreut sich die Kirche einer großen Handlungsfreiheit, wirtschaftlicher Unterstützung und großen Ansehens. Wie eine Gnade Gottes kommt einem der jetzige Bundespräsident, Rudolf Kirchschläger, vor, der von der sozialistischen Partei aufgestellt wurde, der aber ein vorzüglicher Katholik ist und der gesamten Nation in Wort und Tat ein Beispiel gibt.

Die Regierungen mehrerer Bundesländer sind in der Hand von Katholiken, weswegen viele Interessen der Kirche in jenen Gebieten im allgemeinen berücksichtigt werden. Im Land gibt es keine politische Partei, die die christlichen Werte voll und ganz verteidigt, obwohl die Österreichische Volkspartei diese christlich soziale Tadition hatte und sich zum Teil (im lokalen Bereich und in Bezug auf manche Themen) als solche deklariert; aber sie verfügt über keine herausragende Persönlichkeit, weder im allgemeinen noch in dieser Hinsicht. Die Katholische Aktion und die katholischen Studentenverbindungen („Cartellverband“) stellen dem öffentlichen Leben nicht mehr das Personal, das es eigentlich bräuchte.

Ein eifriges und zemlich ausgedehntes Apostolat betreiben die Movimenti „Focolare“, „Legio Mariae“, „Cursillos“, das Säkularinstitut von Schönstatt und die Charismatiker, die im Ganzen von einer gepflegten Spiritualität im Sinne des kirchlichen Geistes und der kirchlichen Voschriften sind. Die Personalprälatur Opus Dei wirkt in Österreich seit 1957 und hat in Wien (acht), in Graz, Salzburg und Linz seine Zentren, zusätzlich noch ein Einkehrhaus in Niederösterreich und eine Kirche in der Hauptstadt, und vollbringt ein weit gespanntes Apostolat in allen Gesellschaftsschichten, in den letzten Jahren auch unter den Weltpriestern mit Hilfe von Einkehrtagen, Exerzitien, Ausbildungslehrgängen etc. Dieser Eifer zieht immer mehr Berufungen an. Das Opus Dei hat auch Kritik über sich ergehen lassen müssen, die freilich viel weniger scharf und lautstark als in Deutschland ausfiel, vielleicht auch deshalb, weil Kardinal König ein guter Kenner und Freund des Opus Dei ist. Dies hängt wohl auch damit zusammen, daß die Bischöfe über die apostolische Basisarbeit dankbar sind, die die Personalprälatur ausführt, und daß die österreichische Gesellschaft sich nicht durch Fanatismen aufwiegeln läßt.

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