Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (4 von 7): Ordensleben über dem Laienstand

75-7522-55AB300ZOrdensleben über dem Laienstand

Zur Verwirklichung der Punkte (7) bis (9) sind nur manche von Gott berufen, denn das geistliche Leben, was nicht genug betont werden kann, stellt aus der katholischen Sicht keine Selbstverwirklichung dar, sondern ist eine Berufung Gottes, von welchem die Initiative ausgeht. Manche Menschen ruft Gott zu diesem Weg, manche nicht. Der Weg der evangelischen Räte ist ein Weg, wie wir noch zeigen werden, der höheren Vollkommenheit, da er eine größere Ähnlichkeit mit dem Endzustand hat als das weltliche Leben. Auch das neuere Kirchenrecht (1983) bringt diesen Gedanken zum Ausdruck:

Can. 573 § 1. „Das durch die Profeß der evangelischen Räte geweihte Leben besteht in einer auf Dauer angelegten Lebensweise, in der Gläubige unter Leitung des Heiligen Geistes in besonders enger Nachfolge Christi sich Gott, dem höchstgeliebten, gänzlich hingeben und zu seiner Verherrlichung wie auch zur Auferbauung der Kirche und zum Heil der Welt eine neue und besondere Bindung eingehen, um im Dienste am Reich Gottes zur vollkommenen Liebe zu gelangen und, ein strahlendes Zeichen in der Kirche geworden, die himmlische Herrlichkeit anzukündigen.“

Can. 574 § 2. „Zu diesem Stand werden bestimmte Gläubige in besonderer Weise von Gott berufen, um im Leben der Kirche an der besonderen Gabe Anteil zu haben und zu deren Heilssendung gemäß Zielsetzung und Geist des Instituts beizutragen.“

Das alte Kirchenrecht (CIC 1917) tut es dennoch viel klarer, indem es bestimmt:

            Can. 491 § 1. (CIC 1917):

           „Religiosi praecedunt laicis […].“

Also „die Ordensleute gehen den Laien vor“, wobei, nach can. 490 (CIC 1917) natürlich Ordensleute beiderlei Geschlechts gemeint sind und das Verb praecedere – „vorangehen“ wahrscheinlich auch einen kirchenrechtlichen terminus technicus darstellt, welcher sich unserer Kenntnis in diesem Moment entzieht.

Auch der neue Katechismus (1992) liegt dieses Hierarchiedenken einigermaßen, wenn auch weniger betont, dar:

KKK 916 „Der Ordensstand stellt also eine Art „tieferer Weihe“ dar, die in der Taufe wurzelt und eine Ganzhingabe an Gott ist [Vgl. PC 5]. Im geweihten Leben fassen die Christgläubigen, vom Heiligen Geist dazu bewogen, den Vorsatz, Christus enger zu folgen, sich dem über alles geliebten Gott hinzugeben und im Streben nach vollkommener Liebe im Dienst des Gottesreiches die Herrlichkeit der künftigen Welt in der Kirche zu bezeichnen und zu verkünden [Vgl. CIC, can. 573].“

Theologie kennt kein demokratisches, sondern ein hierarchisches Denken. Deswegen ist auch die Struktur der Kirche nicht demokratisch, sondern hierarchisch. Je strenger die hierarchische Ordnung und Denkweise ist, desto mehr Mitbestimmung ist auch möglich, was eigentlich in der gesamten Kirchengeschichte auch vor Vatikanum II der Fall war. Aber nicht alles ist gleichwertig, gleichbedeutend und letztendlich gleichgültig. Denn diese Lehre und Denkweise der Horizontalisierung, wie Romano Amerio sie nennt, die wir innerhalb der letzten 50 Jahre beobachten konnten, die so genannte „Demokratisierung“ und „Mitbestimmung“ der sog. „Räterepublik“, hat die Kirche, besonders im Westen, in diese Lage gebracht, in welcher sie sich jetzt befindet. Was aber auch interessant ist, findet eine eigentliche Mitbestimmung von Glauben her gar nicht statt, da in all diesen Gremien wie ZdK in Deutschland „Berufskatholiken“ verweilen, die genau das vorbringen, was ihnen auf irgendwelchen Wegen zugetragen wird. Konservative Katholiken werden dort entweder nicht aufgenommen oder finden keine Mehrheit. Man hat dieses Vorgehen sehr deutlich bei den Fragebögen der DBK zur Abstimmung über die Wünsche an die kommende Bischofsynode gesehen. Obwohl kaum jemand von den gefragten Gläubigen in den Diözesen geantwortet hat, sodass die Argumentation vox populi vox Dei verfehlt wäre, wird die bisherige Agenda (Kommunionzulassung für wiederverheiratete Geschiedene, Anerkennung von Konkubinaten und Homosexualität) weiterverfolgt und unter dem Titel „Reformdruck auf Bischöfe wächst“ präsentiert. Statistisch, „demokratisch“ und vor allem theologisch und katholisch ist das absolut nicht haltbar. Der Apell an den Papst die überkommene Lehre zur Familie und Lehre zu bestätigen, welchen weltweit 259.175 Katholiken unterschrieben haben,[1] wird in den deutschsprachigen katholischen Medien von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht gerade popularisiert. So sehen wir, dass die „Mitbestimmungskeule“ nur dort eingesetzt wird, wo sie genehm ist. Zur Zersetzung des Glaubens – ja, zur Verteidigung des Glaubens – nein.

Da aber in der klassischen Theologie alles hierarchisch von der größeren Vollkommenheit her bis zur kleineren Vollkommenheit hin angeordnet ist, deswegen steht der Ordensstand höher als der Laienstand, das kontemplative Leben höher als das aktive Leben und die Jungfräulichkeit höher als die Ehe. Natürlich kann eine Hierarchie nur von einem festen Bezugssystem der unveränderlichen Werte gedacht werden. Denn ist ein System wandelbar, weil es sich beispielsweise permanent dem Zeitgeist anpasst, denn nichts ist kurzweiliger als die Mode, so hat keine Hierarchie einen Bestand oder Sinn, denn das, was gestern Top war, wird morgen Flopp sein.

[1] http://www.ergebenebitte.org/

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