Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (5 von 7): Jungfräulichkeit und Zölibat über der Ehe

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Jungfräulichkeit und Zölibat über der Ehe

Besonders Ansichten, welche der Auffassung widersprechen, dass die Jungfräulichkeit über der Ehe steht, sind eindeutig verurteilt worden. So spricht das Konzil von Trient in seinem Dekret Tametsi (11. Nov. 1563) zur Reform der Ehe:

Kan. 10 „Wer sagt, der Ehestand seit dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibat es vorzuziehen, und es sei nicht besser oder seeliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden [vgl. Mt 19, 11 f.; 1 Kor 7, 25 f. 39, 40]: der sei mit dem Anathema belegt.“ (Denz. = DH 1810)

Dieser Kanon sagt natürlich nicht aus, dass jeder im Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibats zu leben habe oder dazu berufen worden sei, denn erstens, wie bereits vorangestellt, ruft Gott nicht jeden zu diesem Stand und zweitens stellt er an diese viel höhere Ansprüche, welche er beruft. Es ist wichtig sich darüber klar zu werden, dass Gott nicht von jedem exakt dieselbe Vollkommenheit verlangt, sondern nur diejenige Vollkommenheit, die jedem Stand, aber auch jedem Menschen, eigen ist. Dies ist kein Relativismus. Um wieder auf ein sportliches Beispiel zurückzugreifen, stellt das maximale Gewicht beim Bankdrücken für den einen 120 Kilo, für den anderen nur 80 kg dar, obwohl alle beide 100 % ihrer Maximalkraft pressen. Nicht jeder sollte mit 120 kg trainieren, nicht jeder sollte es mit 80 kg tun. Es kommt auf den jeweiligen Sportler an. Wenn also Gott jemanden zum kontemplativen Leben oder zum kontemplativen Ordensleben beruft, dann stellt er auch höhere Ansprüche an ihn oder an sie.  Auch die Sünden derjenigen, die dem geistlichen Stand angehören, werde viel schwerer bewertet, was nicht unbedingt überraschend ist, da wir alle bei der Beichte unseren Stand und unser Alter nennen müssen, um dem Beichtvater die Einordnung der Verfehlungen an den Standespflichten gemessen zu ermöglichen. Nach dem Lehrsatz von gratia sufficiens, wonach Gott jedem Menschen ausreichend viel Gnade, darunter auch Standesgnade gibt, um Gottes  Ansprüche an uns erfüllen zu können. Wenn wir es willentlich unterlassen und das Verlangte nicht verwirklichen, so liegt es an uns selbst.

Aber individuelle Führung Gottes ist eines und objektive Rangordnung der Werte etwas anderes. Daher also kann die Ehe weder der Jungfräulichkeit gleichgestellt oder ihr übergeordnet werden, noch darf der eheliche Akt, zu irgendeiner Form der unio mystica erklärt werden. Das Letztere wäre eine gnostische Haltung von der man leicht in das  Kamasutra abgleiten kann. Näheres führt hierzu die Enzyklika des Pius XII. „Sacra virginitas“, vom 25. März 1954 (DH 3911-3912) aus:

„Unlängst aber haben Wir traurigen Herzens die Auffassung derer verworfen, die so weit gehen, zu behaupten, die Ehe sei das einzige, was für das natürliche Wachstum und die gebührende Vervollkommnung der menschlichen Person sorgen können. Manche beteuern nämlich, die vom Sakrament der Ehe aufgrund der vollzogenen Handlung gewährt der göttliche Gnade mache den Gebrauch der Ehe zu heilig, dass sie zu einem wirksameren Instrument werde, die einzelnen Herzen mit Gott zu verbinden, als selbst die Jungfräulichkeit, da ja die christliche Ehe, nicht aber die Jungfräulichkeit, ein Sakrament ist.

Diese Lehre nun erklären wir für falsch und schädlich. Gewiss nämlich gewählt dieses Sakrament den Eheleuten göttliche Gnade, um sich der ehelichen Pflicht heilig zu unterziehen; gewiss stellt es da die Bande gegenseitiger Liebe, durch die sie unter einander zusammengehalten werden; jedoch wurde es nicht dazu eingesetzt, den Gebrauch der Ehe gleichsam zu einem Instrument zu machen, dass durch sich mehr geeignet wäre, die Herzen der Eheleute durch das Band der Liebe mit Gott selbst zu verknüpfen. Erkennt nicht vielmehr der Apostel Paulus den Gatten das Recht zu, sich eine Zeit lang vom Gebrauch der Ehe zu enthalten, um frei zu sein für das Gebet [vgl. 1 Kor 7,5], weil eine derartige Enthaltsamkeit das Herz freier macht, das sich den himmlischen Dingen und den Gebeten zu Gott widmen soll? (DH 3911)

 Sodann kann man nicht behaupten-wie es einige tun-, dass die »gegenseitige Hilfe«, die die Eheleute in christlichen Ehen zu erlangen suchen, eine vollkommenere Hilfe sei, um die eigene Heiligkeit verlangen als die – Einsamkeit des Herzens von Jungfrauen und unverheirateten. Denn obwohl alle jene, die die Lebensform vollkommener Begriffen haben, sich von solch einer solchen menschlichen Liebe losgesagt haben, kann man dennoch nicht aus diesem Grunde behaupten, dass sie wegen eben dieser ihrer Entbehrung die menschliche Person gleichsam vermindert und beraubt hätten. Sie empfanden nämlich vom Geber der himmlischen Geschenke selbst ein geistliches [Geschenk], das freilich jene von den Gatten unter einander gewährte »gegenseitige Hilfe« unermesslich übersteigt. (DH 3912)“

Ohne an dieser Stelle auf die katholische Ehelehre näher eingehen zu wollen, kann man nur kopfschüttelnd und traurig feststellen, wie sehr sich die jetzige Verkündigung (falls sie überhaupt stattfindet) von der eigentlichen katholischen Lehre entfernt hat. Von den neueren Projekten zur Anerkennung der Homosexusalität, der Homo-Ehe oder der Konkubinate ganz zu schweigen. Aber diese schiefe Ebene setzte eigentlich mit der unkatholischen Gleichwertung von Jungfräulichkeit und Ehe ein, was anschließend zur Abwertung der Jungfräulichkeit und des Zölibats führte. Anschließend kam die Abwertung des prokreativen Aspekts des ehelichen Verkehrs. Man sprach von „Verwirklichung der Sexualität“, welche grundsätzlich über die Zeugung von Kindern hinausreichen sollte.  All dies bringt uns in die Lage der Kirche, die wir zurzeit, d.h. eine Woche nach dem geheimen Pfingstreffen an der römischen Gregoriana-Universität, [1] haben: „Liebe ist Liebe“ oder „Sexualität ist Sexualität“. Es bleibt an dieser Stelle zu erwähnen, dass es im katholischen Verständnis keine „Sexualität“ an sich gibt, sondern nur konkrete Taten, konkreter Personen, unter konkreten Umständen, welche als sündig oder nicht sündig zu werten sind. Jetzt leben wir alle in einer neu-gnostischen Zeit, wo sich alles „sexualisiert“ oder „sexuell verwirklicht“, weil alles und überall „gottet“. Pius XII. hat in Bezug zur Ehe diese Schieflage erkannt, ohne dass sie langfristig wirksam bekämpft worden wäre.

Der Ursprung der jetzigen Schieflage liegt aber in der Verneinung einer objektiven Hierarchie der Werte, aber auch der kirchlichen Stände, welche auf der theologischen Ebene lange vor dem Konzil einsetzte, dessen Ideen der „Dialogisierung“ oder Horizontalisierung auch von irgendwoher kommen mussten. Es gibt also eine Rangordnung, in welcher die Jungfräulichkeit und das Zölibat über der Ehe stehen, ebenso wie das kontemplative Leben über dem aktiven Leben steht. Zwar will kein Mensch heutzutage vernehmen, dass es eine objektive Hierarchie gibt, weil er die Möglichkeit dabei besser oder schlechter abzuschneiden ausschließen möchte, es sei denn er steht selbst an der Spitze. Aber Hierarchien gibt nun mal (Körpergröße, IQ, Bildung, Einkommen etc.), ob wir es wollen oder nicht. Welche ist aber die wichtigste Hierarchie? Die Hierarchie der Tugendgrade oder der Heiligkeit, d.h. inwieweit wir uns in diesem Leben dem kontemplativen Endzustand annähern. Hinsichtlich dieser Hierarchie haben alle anderen Hierarchien und Lebensumstände nur eine Hilfsfunktion. „Was nützt es mir für die Ewigkeit? (Quid hoc ad aeternitatem?)“, fragte sich der hl. Aloysius Gonzaga in einem erstaunlich jungen Alter. Deswegen nützt uns alles nur insofern, inwiefern es unserem Endzustand der Heiligkeit nützt. Betrachtet man alles unter diesem Aspekt, so relativiert sich vieles, anderes hingegen wird wichtig.

  [1] http://www.katholisches.info/2015/05/29/die-kirchlichen-illuminaten-liste-der-katholischen-geheimbuendler/

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