Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (3)

Philippe de Champaigne-749657

Gnostizismus als Traditionsstrang der falschen Mystik in Frankreich (2)

Zwar erlebte Frankreich im 16. Jahrhundert die Wirren des Protestantismus, nicht der Gnosis, welcher durch die kalvinistischen Hugenotten verbreitet und von den französischen Königen durch die Brachialgewalt mehr oder weniger bekämpft wurde. Aber die gnostische Tiefenströmung, welche die Notwendigkeit einer speziellen Initiation, einen Sonderweg, die Ablehnung des Sinnfälligen und Körperlichen verkündete, wirkte weiter und lebte im 17. Jahrhundert in Jansenismus zur Zeit des Ludwigs des XIV., der wohlgemerkt die Hugenotten aus Frankreich vertrieb, wieder auf. Der protestantische Einfluss auf den Jansenismus wurde sicherlich mehr als einmal gründlich untersucht, der gnostische wohl weniger. Jansenismus, obwohl mehrmals vom Lehramt verurteilt und von Teilen der Hierarchie vor allem aber von den Jesuiten heftig bekämpft wurde, stellte für die nachfolgenden Jahrhunderte, eigentlich bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, als andere Probleme aufkamen, das Gift jeglicher Spiritualität dar. Die giftige Wurzel des Jansenismus brachte weitere Häresien des inneren Lebens, solche wie Quietismus und Semi-Quietismus, hervor, welche die katholische Spiritualität nachhaltig prägten. Es ist schwierig Gebetbücher oder fromme, an Laien gerichtete Traktate vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu finden, welche von diesem Einfluss frei sind, was nicht nur für Frankreich, sondern auch für das recht frankophone und frankophile Polen gilt.

Das gefährliche an diesen Schriften war, dass sie über ein Imprimatur verfügten und von Geistlichen verfasst wurden, die sich darüber nicht bewusst waren, dass sie, wenn auch nur spurweise, jansenistische und quietistische Ideen verbreiten. Denn die geistlichen Schriftsteller sind selten gute Systematiker und Ideenhistoriker. Wie dem auch sei, da die französische Sprache und die französische Kultur bis zum Zweiten Weltkrieg im katholischen Rahmen sehr dominant waren, so war es die französische Spiritualität auch. So kann eigentlich alles, was Frankreich spirituell hervorbrachte früher und später, hauptsächlich über die französisch sprechende Oberschicht, in andere Länder. Daher konnte sich ein systematisches und normatives Werk, wie das von Pater Poulain SJ, dermaßen populär auch in anderen Ländern erweisen. Nicht nur deswegen, weil es so gut und so gelehrt geschrieben wurde, sondern weil es Fehlentwicklungen im Bereich der Spiritualität bekämpfte, welche aus Frankreich hervorgingen, da sie ursprünglich französisch waren. Wenn mit Nachwirkungen von Jansenismus, Quietismus und Semi-Quietismus hatte es Pater Poulain SJ zu tun als er Ende des 19. Jahrhunderts sein Buch verfasste. Die Fehlentwicklungen der Spiritualität dürfen aber nicht nur als historisch und deswegen abgehandelt betrachtet werden, sie müssen als Krankheiten betrachtet werden, welche von jemanden in einer bestimmten Zeit diagnostiziert wurden und welche auch weiter mehr oder weniger zerstörerisch fortwirken. So ist beispielsweise Quietismus und Semi-Quietismus in der charismatischen Erneuerung oder in anderen nachkonziliaren Bewegungen gang und gäbe. Ebenso wurde vielen Forderungen des Jansenismus durch das Konzil und nach dem Konzil stattgegeben, was sicherlich zur jetzigen Lage der Kirche negativ beigetragen hatte

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