Tradition und Glauben

Kard. Bona, Die Unterscheidung der Geister. (8) Geistesunterscheidung als gratia gratis data (1)

  Einleitung – Geistesunterscheidung im Lichte der Gnadenlehre Der Schreiber dieser Zeilen hat in seinem Theologiestudium den Traktat über die Gnade nicht durchgenommen. Während seines Studiums ist nämlich ein Dogmatiker plötzlich verstorben, ein anderer wurde in eine psychiatrische Anstalt mit Verdacht auf Schizophrenie eingeliefert, ein dritter kehrte als ein frischgebackener Doktor vom Auslandstudium zurück und wusste selbst nicht viel. Der vierte Dogmatiker schließlich war hauptsächlich damit beschäftigt die Grenze zur Graphomanie sichtlich überschreitende Gedichte zu verfassen und während seiner Vorlesungen die Studentinnen zu charmieren. Da also viel Unterricht notbedingt ausfiel und die Mehrheit der Professoren sich nicht gerade sich durch das preußische Pflichtbewußtsein auszeichnete, so war man dazu gezwungen sich im Selbststudium all das anzueignen, was entweder gar nicht oder nur sehr begrenzt durchgenommen wurde. Traurig aber wahr. Daher dachte der Schreiber dieser Zeilen lange Zeit, dass die Mängel der nicht unterrichteten Dogmatik den äußeren Umständen seines Studiums und nicht der nachkonziliaren Entwicklung der Theologie geschuldet seien. Mit der Zeit erfuhr er aber, dass diejenigen Traktate, welche ihm im Studium nicht vermittelt wurden, auch an anderen in Universitäten, in anderen Ländern und von anderen Lehrenden kaum vermittelt werden, weil sie wohl nicht mehr „zeitgemäß“, wie man so schön sagt erscheinen. Für die Nicht-Theologen unter den Lesern sei an dieser Stelle gesagt, dass die klassische Dogmatik, wie sie bis zum Konzil gelehrt wurde und hier und da auch noch heute gelehrt wird bzw. gelehrt werden sollte, aus den folgenden Traktaten besteht: I. Einführung in die dogmatische Theologie – Introductio in theologiam dogmaticam Der Gegenstand der Dogmatik Die Quellen der Dogmatik II. Von Gott dem Einen – De Deo Uno Die Lehre von der Gotteserkenntnis Die Wesenheit Gottes und ihr Verhältnis zu seinen Eigenschaften Die Eigenschaften Gottes im Einzelnen III. Vom Gott dem Dreieinigen – De Deo Trino Die Erkennbarkeit der göttlichen…

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