Tradition und Glauben

Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (4). Acedia als Laster. Was ist ein Laster?

Man kann sich die Frage, welche Rolle es spielt, ob die Acedia ein eigenes Laster (vitium) bildet oder von einem anderen Laster herrührt oder in ihm aufgeht. Es spielt schon eine Rolle, um eine treffende Diagnose und ein Heilverfahren zu ermöglichen. Wie in der Medizin man feststellen muss, von welchem Organ die Symptome resultieren und ob es sich um ein eigenes Krankheitsbild oder um die Nebenwirkungen eines anderen handelt. Ebenso in der Moraltheologie: bene docet, qui bene distinquit – „derjenige lehrt gut, der gut unterscheidet“, im Sinne von „gut diagnostiziert“. Wir haben bereits die Definition eines Lasters (vitium) angegeben.[1] Sie lautet: „Das Laster eine jeden Dinges scheint dies zu sein, wodurch es nicht dazu disponiert wird, was seiner Natur entspricht (Vitium uniuscujusque rei videtur esse, quod non sit disposita secundum quod convenit suae naturae)“ (Ia IIae q. 71 a. 1 2 c.) Grundzüge der thomistischen Ethik Man muss aber ein wenig der thomasianischen Lasterlehre tiefer schürfen, um sie auf die Lehre von der Acedia richtig anwenden zu können. Das Ziel der menschlichen Handlung ist ein Gut (bonum), denn man strebt nach dem Guten und flieht das Schlechte (malum). Auch die Natur als solche und die menschliche Natur streben nach etwas Gutem, wie Ernährung, Fortpflanzung, Nachkommenschaft etc. Jegliches naturgemäße Streben nach etwas Gutem (appetitus boni) nennt der hl. Thomas, hier Aristoteles folgende, Liebe (amor). Diese Art der Liebe wird „die natürliche Liebe“ (amor naturalis) genannt und sie wird sehr rudimentär, gar physikalisch aufgefasst. Der Stein fällt zum Boden seiner natürlichen Inklination folgend, weil er die Erde „liebt“. Die Bewegung der Gestirne wird durch die Liebe (amor) verursacht, da die Bewegung der Gestirne ihre Natur ausmacht, sodass man sagen kann, dass „die Liebe die Himmelssphären bewegt“ (amor movet spheras). In der Philosophie der Antike und des Mittelalters gab es einen graduellen Aufstieg und keinen Bruch zwischen Natur und Mensch, welchen erst die Neuzeit mit Descartes einführte. Dieser graduelle Aufstieg ist aber nicht mit Pantheismus zu verwechseln, denn die Welt bleibt ein Geschöpf eines transzendenten Gottes und der Mensch unterscheidet sich von den Tieren durch seine unsterbliche Seele und durch seine Gottesebenbildlichkeit. Es bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass die von Gott eingepflanzte menschliche Natur im Biologischen nach einem Gut (bonum) strebt, im Moralischen und Geistlichen natürlich auch. Wie die Nahrung und Fortpflanzung etwas an sich Gutes ist, weil es der biologischen Natur entspricht, so ist das tugendhafte Leben oder die Tugend das Naturgemäße des Menschen. Die Tugend qua das Streben nach Gut (bonum) ist etwas für den Menschen Natürliches, obwohl uns die Erbsünde und die daraus resultierende Konkupiszenz hindert. Die Tugend ist also natürlich, obwohl mit Mühe verbunden. Sie ist nichts künstlich Aufgepfropftes, wie uns die Neuzeit und die Moderne, vom Teufel inspiriert, klarmachen möchten. Wie der Stein naturgemäß zum Boden fällt, so strebt der Mensch naturgemäß nach Tugend, obwohl durch Verfehlung oder Unwissen er diese verschieden definieren kann, oft zu seinem Leidwesen. Laster steht der Tugend entgegen Die naturgemäße Veranlagung entwickelt sich nach hl. Thomas auf einem quasi Kontinuum. Sie geht also in die positive, natürliche oder in die negative, widernatürliche Richtung. Deswegen stellt er in seiner Moraltheologie den Tugenden (virtutes) die Laster (vitia) entgegen, welche einen Mangel darstellen. Der Aquinate sagt es selbst, indem er darlegt, dass das Laster (vitium) der Tugend entgegensteht (Summ. Theol. Ia IIae Q. 71, a.1).[2] Wir wollen an dieser Stelle nur das Corpus, also seine eigentliche Antwort zitieren: Iª-IIae q. 71 a. 1 co. b) Ich antworte, rücksichtlich der Tugend können wir zweierlei betrachten; nämlich das Wesen selbst der Tugend und das, worauf die Tugend sich bezieht. In dem Wesen der Tugend kann etwas beobachtet werden, was mit zu diesem Wesen gehört; und etwas, was daraus folgt. Ihrem Wesen nach nun schließt die Tugend ein in sich eine gewisse Verfassung dessen, dem die Tugend zukommt, wonach dieser sich gemäß seiner Natur in zukömmlicher Weise verhält. Dies sagt Aristoteles (7 Physic.): „Die Tugend ist eine Verfassung in dem, was bereits vollständig Sein hat zum Besten hin (virtus est dispositio perfecti ad optimum); ich sage nun vollständig, nämlich soweit es gemäß seiner Natur diese Verfassung hat (quod est dispositum secundum naturam).“ Daraus aber folgt, daß die Natur ein gewisses Gutsein, eine Güte ist. Denn darin besteht das Gutsein eines jeden Dinges, daß es sich verhält gemäß seiner Natur (convenienter se habeat secundum modum suae naturae). Das nun, worauf jegliche Tugend sich bezieht, ist die gute Thätigkeit (actus bonus), wie aus Kap. 55, Art. 3. u. Kap. 56, Art. 3. hervorgeht. Wie bereits gesagt, ist die Tugend die Realisierung der natürlichen Veranlagung (quod est dispositum secundum naturam) nach etwas Gutem hin. Denn „darin besteht das Gutsein eines jeden Dinges, daß es sich verhält gemäß seiner Natur (convenienter se habeat secundum modum suae naturae)“. Die Tugend, so kann man sagen, ist der natürliche Zustand der Seele und zwar von…

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