„Schade, dass Sie es selbst nicht sehen können“ oder die Matutin des Tridentinischen Breviers

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Im Heimatland des Schreibers dieser Zeilen gab es einen berühmten Radiokommentator, welcher, in Zeiten als noch nicht alles im Fernsehen gesendet wurde, bei seinen Kommentaren zu Übertragungen von Sportereignissen manchmal vom Gefühl überwältigt ausrief:

„Ja, schade, dass Sie es selbst nicht sehen können“.

Denn er war Vorort, im Stadion oder anderswo und er selbst, im Gegensatz zu seinen Zuhörern, konnte es sehen. Es stimmt wirklich, dass die Stadionatmosphäre ein Ereignis für sich ist und dass manche Menschen z.B. zu Fußballspielen wegen der Atmosphäre und nicht wegen des Spiels selbst gehen, welches manchmal sehr langweilig ist. Aber die Rufe des erwähnten Radiokommentators konnten bei den Hörern folgende Reaktionen auslösen:

  • „Er macht uns auf etwas aufmerksam, worauf wir keinen Einfluss haben, denn wir sind nicht da.“
  • „Er gibt an.“
  • „Er demütigt uns.“

Ähnliche Erlebnisse wie dieser Radiokommentator hat der Schreiber dieser Zeilen nach dem Beten der heutigen Matutin des tridentinischen Breviers, welche den Sonntag der Quinquagesima, also den 50. Tag im vorkonziliaren Kirchenjahr oder den 7. Sonntag vor Ostern betreffen.[1] Das Wehklagen über die Brevierreformen stellt einen festen Punkt unserer Beiträge dar, doch wir wollen mit dieser Wiederholung die Leser nicht überstrapazieren. Was hat denn dieses Brevier, was die anderen nicht haben? Man kann es selbst hier vergleichen,[2] wir sagen es aber selbst. Es ist das längste und daher das gnadenreichste Brevier. Am Sonntag der Quinquagesima haben wir außer den üblichen 18 Sonntagspsalmen sehr gute und inspirierende Kommentare der Kirchenväter und ein sehr in die Tiefe gehendes Evangelium.

Nokturn I.

In der ersten Nokturn werden die folgenden Psalmen ganz gebetet:

  1. Psalm 1
  2. Psalm 2
  3. Psalm 3
  4. Psalm 6
  5. Psalm 7
  6. Psalm 8
  7. Psalm 9
  8. Psalm 10
  9. Psalm 11
  10. Psalm 12
  11. Psalm 13
  12. Psalm 14

Sie sind teilweise auch auf Deutsch übersetzt und können unter divinum officium eingesehen werden.[3] Und warum nicht die Psalmen 4 und 5? Weil der Psalm 4 täglich in der Komplet gebetet wird und man ihn vielleicht nicht wiederholen wollte, der Psalm 5 wird hingegen bei der Laudes am Montag gebetet. Vielleicht hielt man diese beiden Psalmen für nicht festlich genug für die Sonntagsmatutin.

Die Lesungen der ersten Nokturn, welche den zwölf ganzen Psalmen folgen, erzählen die Geschichte Abrahams Gen 12:1-6 Gen 12:7-13 Gen 12:14-19. Man muss hier erwähnen, dass erst ab dem Brevier des Pius X. Divino afflatu aus dem Jahre 1911 die Psalmen in Abschnitte geteilt wurden, was eine völlig andere Psalmenanordnung des Breviers nach sich zog,[4] Vorher, also ungefähr 1800 Jahre lang betet man die Psalmen immer ganz, wobei nur der 118 Psalm, nach der Vulgata-Nummerierung, geteilt wurde.

Nokturn II.

Die zweite Nokturn besteht diesmal nur aus drei ganzen Psalmen uns zwar aus:

  1. Psalm 15
  2. Psalm 16
  3. Psalm 17

Nach welchen in drei Lesungen die Geschichte Abrahams aus der ersten Nokturn mit dem Text eines Kirchenvaters kommentiert wird. Diesmal ist es der Kommentar des hl. Ambrosius von Mailand. Der deutsche Text wird irgendwann einmal auf divinum officium erscheinen und wir können wirklich nicht alles selbst übersetzen. Ja, „Schade, dass Sie es selbst nicht sehen können!“

Nokturn III.

Die dritte und letzte Nokturn besteht ebenfalls aus nur drei ganzen Psalmen:

  1. Psalm 18
  2. Psalm 19
  3. Psalm 20

Nach welchen das Sonntagsevangelium Lk 18:31-43 gelesen wird, dem wieder einmal der Kommentar eines Kirchenvaters folgt, diesmal vom Gregor dem Großen. Das Evangelium der Quinquagesima verbindet die Ankündigung des Leidens Christi, welches er selbst allen vorhersagt mit dem Wunder der Blindenheilung. Das Evangelium lautet in der Fassung der Einheitsübersetzung wie folgt:

31 Jesus versammelte die Zwölf um sich und sagte zu ihnen: Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort wird sich alles erfüllen, was bei den Propheten über den Menschensohn steht:

32 Er wird den Heiden ausgeliefert, wird verspottet, mißhandelt und angespuckt werden,

33 und man wird ihn geißeln und töten. Aber am dritten Tag wird er auferstehen.

34 Doch die Zwölf verstanden das alles nicht; der Sinn der Worte war ihnen verschlossen, und sie begriffen nicht, was er sagte.

35 Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß ein Blinder an der Straße und bettelte.

36 Er hörte, daß viele Menschen vorbeigingen, und fragte: Was hat das zu bedeuten?

37 Man sagte ihm: Jesus von Nazaret geht vorüber.

38 Da rief er: Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!

39 Die Leute, die vorausgingen, wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!

40 Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich herführen. Als der Mann vor ihm stand, fragte ihn Jesus:

41 Was soll ich dir tun? Er antwortete: Herr, ich möchte wieder sehen können.

42 Da sagte Jesus zu ihm: Du sollst wieder sehen. Dein Glaube hat dir geholfen.

43 Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. Da pries er Gott und folgte Jesus. Und alle Leute, die das gesehen hatten, lobten Gott.

Warum ausgerechnet diese Verbindung? Weil, so der hl. Gregor der Große, die Jünger nichts von dieser Vorhersage des Heilands verstanden haben und ebenfalls blind waren. Durch dieses Wunder wollte Christus zeigen, dass irgendwann auch sie sehend werden in diesem Sinne, dass sie das Vorhergesagte über die Passion verstehen. Denn die Wunder Christi dienen der Bekräftigung seiner Lehre. Und so wie Christus den Blinden zur Erleuchtung bringt, so heilt Christus auch das blinde Menschengeschlecht. Ist es nicht schön? Ein bisschen können Sie also jetzt auch sehen, beziehungsweise sich die englische oder italienische Übersetzung dieser Predigt auf divinum officium durchlesen, da der Schreiber dieser Zeilen wirklich zu müde ist, um diese hier noch selbst zu übersetzen. In einem Jahr wird es wohl auf Deutsch anzutreffen sein, dann können wir es alle lesen.

Ja, das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit und die Matutin das wichtigste und längste Gebet. Das mündliche Beten dieser Sonntagsmatutin beträgt 1 Stunde 40 Minuten. Man kann aber wirklich den ganzen Tag von dieser Fülle zehren und deswegen haben die „Reformer“ nach und nach die Matutin verkürzt und sie schließlich ganz abgeschafft, damit die Geistlichen immer mehr mit Blindheit geschlagen werden und nichts mehr den Gläubigen übertragen können. Siehe unsere Perlenbischöfe oder höre die heutigen Predigten in unseren Kirchen. Sie kommen doch nicht im Mindesten an die Predigten der Kirchenväter heran, weil sie von diesen auch nicht inspiriert werden können. Nun ja, ein wenig Abhilfe haben wir geschaffen, aber wirklich „Schade, dass Sie es nicht selbst sehen können“.

[1] https://de.wiktionary.org/wiki/Quinquagesima

[2] http://divinumofficium.com/cgi-bin/horas/officium.pl

[3] http://divinumofficium.com/cgi-bin/horas/officium.pl

[4] Vgl. hier: http://divinumofficium.com/cgi-bin/horas/officium.pl

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