Ps. 1 Beatus vir oder der Anti-Dialogpsalm als die Grundlage des geistlichen Lebens (7) Exegese Vers 6

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1,6 Ideo non resúrgent ímpii in judício: * neque peccatóres in concílio justórum.

1,6 Daher werden die Unfrommen beim Gericht nicht auferstehen, noch die Sünder beim Rat der Gerechten.

Welches Gericht (judicium) ist wohl hier gemeint? Sicherlich auch das Jüngste. Denn es gibt eine Auferstehung zum Leben und eine Auferstehung zum Tode. Der Text sagt ja: resurgent, also „auferstehen“. Wie wir wissen, stehen beim Jüngsten Gericht zwar alle Toten auf, aber bei den Verdammten folgt ein „zweiter Tod“. Somit haben die Unfrommen buchstäblich nichts vom Leben und zwar auch nichts vom ewigen Leben, denn es erwartet sie die ewige Pein für das bisschen sündiges, irdisches Leben, welches ja, im Gegensatz zur Ewigkeit, zeitlich begrenzt ist.

Die Kirche lehrt in ihrer Dogmatik, dass die Leiber der Gottlosen zwar in Unsterblichkeit auferstehen werden, dies ist eine Sententia de fide, jedoch diese Leiber an den Vorzügen der Leiber der Seligen keinen Anteil haben werden. Das Letztere ist eine sententia certa, also eine Wahrheit, die im inneren Zusammenhang mit einer Offenbarungswahrheit steht, aber nicht als aufgrund göttlicher Autorität selbst anzunehmen ist.[1] Kurz und gut: es ist eine wahrscheinliche, theologische Schlussfolgerung. Nach Diekamp-Jüssen

„lehrt die Kirche die leibliche Unsterblichkeit der auferstandenen Gottlosen, da sie in Verbindung mit der Lehre von ihrer leiblichen Auferstehung auch die Ewigkeit ihrer Strafe ausspricht (Denz. 40/76. 429/801). Dasselbe bezeugen […] die Schrifttexte: Dan 12,12; Mit 5,29 f. 10,18; 18,8), welche als Beweisstellen für die Ewigkeit der Hölle angegeben werden.

Aber weil die Beschaffenheit der Leiber den Zustand der Seelen entsprechen muss, fehlt den Leibern der Gottlosen die Vergeistigung, das heißt das gänzliche Unterworfensein unter den Geist; denn ihre Seelen, in alle Ewigkeit von Gott abgewandt, sind dem Affekt nach eher fleischlich, als dass sie die Leiber vollständig beherrschten. Statt behend zu sein, sind die Leiber schwerfällig und verweigern den Seelen gewissermaßen den Dienst, wie diese Gott den Gehorsam aufgekündigt haben. Die Leiber sind leidensfähig und empfinden furchtbare Schmerzen, ohne von den Qualen aufgezehrt zu werden, wie ihre Seelen das natürlich, aber in ihnen stets vergebliche Verlangen nach der Seligkeit zu ihrer höchsten Qual für immer bewahren. Sie sind dunkel und finster, wie ihre Seelen von Licht der Anschauung Gottes ausgeschlossen sind (C. gent. IV, 89; vlg. Supp. Q. 86 a. 2 et 3)“.[2]

Einfacher ausgedrückt kann man sagen, dass genauso wie die Leiber der Seligen auf die ewige Seligkeit hin gearbeitet haben, denn man lebt ja im irdischen Leben im Leibe, so haben die Leiber der Verdammten auf ihre ewige Verdammnis hingearbeitet, weil sie ja im Leib und im Fleisch gesündigt haben. Vor der Auferstehung der Toten wird zuerst die Seele selbst belohnt oder bestraft, nach der Auferstehung auch der Leib. Somit werden die Unfrommen im eigentlichen Sinne „nicht im Gericht auferstehen“ (non resurgent in judicio), denn die eigentliche Auferstehung ist zur Glückseligkeit und nicht zur Pein. Wie sehr sollten wird auf unsere Handlungen achten. Man lebt zwar nur einmal, trägt aber die Konsequenzen ewig: entweder in der Glückseligkeit oder in der Verdammnis. Memento mori – „gedenke des Todes“ – lautet ein Grundsatz des geistlichen Lebens. Man soll den Augenblick des Todes sich immer vor Augen halten, um richtig zu vollständig zu beurteilen, ob das worum wir hier und jetzt so viel Geschrei machen, es wirklich wert ist. Meistens ist es dies nicht. Ein anderer Grundsatz lautet: respice finem – „achte auf das Ende/den Ausgang“. Bringt mich diese Entscheidung näher an die Glückseligkeit oder die Verdammnis?

Wie zerstörerisch und verfänglich ist der nachkonziliare Horizontalismus, welcher nur auf das Hier und Jetzt konzentriert und später wird es durch die Allerlösung schon werden. Natürlich gibt es keine Allerlösung und schon platt materialistisch durch die Energieerhaltungssatz ausgedrückt, der ja immer gilt, kann man sehen, dass alles seine Konsequenzen haben muss. Wenn nicht im beobachtbaren Rahmen, dann im nicht beobachtbaren. Wenn alles Böse nicht in diesem Leben geahndet wird, dann wohl später, was vor von hier auf nicht sehen. Die meisten Menschen denken aber:

„Man lebt nur einmal, ich will nichts verpassen und dann kommt das Nichts – also der Tod.“

Der Tod kommt zwar todsicher, aber dann die Bestrafung. Denn gäbe es keine, dann gäbe es auch keine Angst vor dem Tod, von welcher wirklich die Wenigsten frei sind.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Gewissheitsgrade_der_Dogmatik

[2] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Wil 2012, 1171.

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