Tradition und Glauben

Nolite obdurare corda vestra – Verhärtet eure Herzen nicht!

Jeder, der das Brevier, hoffentlich auf Lateinisch, betet, wird täglich mit der Aufforderung des Einführungspsalms 94 konfrontiert, welche: nolite obdurare corda vestra – „verhärtet Eure Herzen nicht“ lautet. Da man diesen Psalm täglich betet, so ist es wahrscheinlich, dass man seine Feinheiten übersieht, da die Macht der Gewohnheit überhandnimmt. Der ganze Vers lautet: Hodie, si vocem ejus audieritis, nolite obdurare corda vestra Heute, wenn ihr seine Stimme hören werden, verhärtet Eure Herzen nicht. Interessanterweise erzieht uns die Tridentinische Liturgie auch durch die Auslassung, denn seit dem Passionssonntag, d.h. seit dem fünften Sonntag der Fastenzeit, wird gerade dieser Vers beim Rezitieren des Psalms ausgelassen, ebenso wie das Gloria Patri am Ende des Psalms. Wahrscheinlich ist auch deswegen dem Schreiber dieser Zeilen dieser Vers aufgefallen, weil er eben fehlt. Worum handelt es sich eigentlich dabei? Um die Aufforderung die geistlichen Eingebungen, die uns an jedem Tag von Gott zukommen, nicht zu missachten. Es geht also nicht, wie man es vielleicht in der nachkonziliaren Kirche in diesem Kontext hört, sein Herz den Bedürfnissen der Nächsten, sprich in der letzten Zeit gegenüber den „Flüchtlingen“, nicht zu verhärten. Manche Menschen haben viele Bedürfnisse, sehr schlechte darunter auch und es ist manchmal unsere Pflicht sie nicht gewähren zu lassen. Aber dies ist ein anderes Thema. Bei der möglichen Verhärtung geht es vielmehr um unsere Einstellung zu Gott. Denn es steht geschrieben und die Liturgie lügt nicht: Heute, wenn ihr seine Stimme hören werden, verhärtet Eure Herzen nicht. Woraus folgt: Heute wird Gott zu Euch sprechen. Ihr werden seine Stimme hören. Ihr habt die Möglichkeit auf diese Stimme nicht zu hören. Indem Ihr Euer Herz verhärtet. Tut dies nicht! „Dies sind ganz schön viele Annahmen und Voraussetzungen“, könnte man sagen. Aber die Kirche sagt es zu denen, die in ihr zum Gebet verpflichtet sind, also zu den geistlichen Ständen. „Hören die wirklich die Stimme Gottes?“ – wird jetzt ein Laie ganz verwundert fragen. Wenn sie im Gnadenstand sind, dann schon, ansonsten nicht.  Was ist aber mit dem „Hören“ gemeint? Ist es: Das Vernehmen der äußeren akustischen Signale mit den Ohren? Das Vernehmen von inneren Eindrücken oder Worte? Es ist tatsächlich der Fall, dass sowohl a. als auch b. tatsächlich von Gott stammen kann. Der Hl. Johannes vom Kreuz, die wirklich höchste Autorität im Mystischen, schreibt im Buch Empor den Karmelberg (Buch II, 17.4), dass Gott diejenigen Sinne der Menschen, welche schon durch Askese gereinigt sind, selbst vervollkommnen kann und zwar durch: Heiligenvisionen, Visionen von erhabenen Dinge, Angenehme Gerüche, Reden Gottes, Sinnliche Wahrnehmung der himmlischen Freuden. Gleichzeitig beeilt sich der Hl. Johannes zu versichern, dass man niemals nach diesen Erlebnissen streben sollten, da sie recht einfach vom Teufel nachgeahmt werden können, wenn sie nicht gar krankhaften Ursprungs sind. Es gibt im geistlichen Leben den folgenden Grundsatz: je sinnlicher, desto verdächtiger. Die bedeutet, dass Eindrücke, die unter unsere Sinne fallen (Gesichtssinn, Gehörsinn, Tastsinn, Geruchssinn, Geschmacksinn) einfacher vom Teufel hervorgerufen werden können, als das, was wir nur rein geistlich im Inneren verspüren. Die Einzelheiten der Unterscheidung liefern Kardinal Bona und Pater Poulain SJ, den wir hier veröffentlichen.  Liest man die Erlebnisse auf dem erstbesten Esoterikforum, so wird man sich schnell davon überzeugen, dass auch dort Menschen Visionen und Auditionen erfahren, welche aber sicherlich nicht von Gott kommen, obwohl sie, falls nicht krankhaft und eingebildet, übernatürlichen Ursprungs sind. Es gibt aber nicht nur äußere Phänomene, sondern auch innere Worte oder Eindrücke, von welchen der Hl. Johannes vom Kreuz ebenfalls berichtet (Empor den Karmelberg, Buch II, 29-31). Diese inneren Locutionen und Visionen sind für den Menschen schon sicherer, aber es besteht immer die Möglichkeit, dass man eigene Worte statt der Worte Gottes vernimmt und dass sich der böse Geist auch dort einmischt. Der hl. Johannes legt all diese Thematik samt Kriterien in mehreren Kapiteln recht differenziert dar, was uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren wird. Es bleibt festzuhalten, dass Gott tatsächlich zu uns redet, wir ihm aber nicht zuhören. Warum? Weil seine Rede im Sinne der inneren geistigen Eindrücke sehr sanft und subtil ist.  Wir erinnern uns, dass der Prophet Elia Gott erst im sanften Windhauch (1 Kön 19,12) vernahm. Deswegen sollte man die äußeren Geräuschquellen abschalten, auch in der Gestalt der anderen Menschen, um Gottes sanftes Säuseln zu vernehmen. Je grober unsere Natur ist, desto weniger werden wir die Stimme Gottes vernehmen können, was an uns und nicht an Gott liegt. Mit dem geistlichen Fortschritt wird unsere Natur weicher und zarter, geistig nicht unbedingt psychisch, gesehen. So schreibt der Hl. Ignatius von Loyola in seiner siebten Regel zur Geistesunterscheidung für die zweite Woche, also für die Zeit nach der Bekehrung und der Loslösung von der schweren Sünde: DIE SIEBTE. Bei denen, die vom Guten zum je Bessern voranschreiten, berührt der gute Engel die Seele sanft, leicht und lind wie ein Tropfen Wassers, der in einen Schwamm eindringt. Der böse dagegen…

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