Die Banalität des Bösen. 1: Hannah Arendt und Martin Heidegger

Versuchung-Christi

Was bedeutet „banal“?

Viele unserer Leser werden wissen, dass der Titel „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt stammt und als Untertitel ihrem Buch über den Eichmann-Prozess in Jerusalem beigefügt wurde.[1] arendtHannah Arendt schreibt darin, dass man verwundert ist, wie banal doch das Böse sei, da man dieses nichtsagende Gesicht, i.e. das Gesicht Eichmanns, niemals für das Gesicht eines Massenmörders halten würde. Mitunter mit dieser Aussage machte das Wort „Schreibtischtäter“ die Runde, da Eichmann die Morde vom Schreibtisch aus erledigte. Das Böse ist also, nach Hannah Arendt, banal. Vielleicht wissen nicht alle Leser, dass Hannah Arendt als 18-jährige Studentin eine außereheliche Affäre mit dem 35-jährigen Familienvater Martin Heidegger,[2] der wiederoum wohl auch aus Banalitätsgründen in die NSDAP eingetreten ist,[3] um vielleicht deswegen zum Rektor der Universität von Freiburg ernannt zu werden. Die Banalität des Bösen macht also vor niemanden halt, denn was ist banaler als eine Affäre mit seiner Studentin anzufangen, da sie den Lehrenden ex definitione anhimmeln? Young-Heidegger-211x300Oder was ist schon banaler als eine Affäre mit seinem Vorgesetzten und Mann mittleren Alters seitens einer jungen und wohl intelligenten Frau anzufangen? Nichts! Also nicht nur Eichmann war böse-banal, Frau Arendt und Herr Heidegger waren es auch! Die polnische Dichterin und Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska hatte viele Jahre hindurch in der Redaktion einer Literaturzeitschrift gearbeitet, wo ihr die wirklich mühevolle Aufgabe zufiel die eingehende Lyrik- und Prosa-Proben der Leser und vielleicht künftiger Autoren zu rezensieren und kurz die meistens abschlägige Antwort zu begründen. Sie machte es kurz, witzig und gekonnt, wodurch diese Antworten zu Perlen des süffisanten Humors wurden. Sie schrieb einmal:

„Warum müssen diese Büroaffären so langweilig sein? Wenn auf Seite eins ein Direktor vorgestellt wird, dann folgt auf Seite zwei die Sekretärin und auf Seite drei ein Firmenwagen, der von A nach B fährt.“

Auf den Einwand des von Szymborska abgewiesenen Autors, dass genauso das Leben aussieht, antwortete sie:

„Ja, aber Literatur ist nicht das Leben. Literatur muss interessant sein und sogar banale, langweilige Geschichten interessant machen.“

Richtig erkannt, aber gerade darin besteht das Gift der Literatur das Sündig-Langweilig-Banale ins Schöne zu verklären, siehe „Anna Karenina“, „Effi Briest“ oder „Madame Bovary“.  Und das schon die sehr frühe jüdische Apokalyptik die These vertrat, dass die Kunst den Menschen von den gefallenen Engeln eingeflüstert wird, welche die Künstler inspirieren, so ist die ursprüngliche Quelle der Banalität und ihrer Verklärung recht klar: der Dämon, wieder einmal er.

Bevor wir uns von der theologischen Seite der Banalität des Bösen nähern, wollen wir die Banalität philologisch bestimmen. „Banal“ bedeutet, wie wir in der Wikipedia nachlesen können, „keine Besonderheit, nichts Auffälliges aufweisend; alltäglich, gewöhnlich“[4]. Wir erfahren auch, dass es ein Lehnwort aus dem Französischen ist, welches (franz.: banal, altfrz. ban = Bann; ursprüngl. gemeinnützig) im Lehnrecht eine Sache bezeichnete, die der Lehnsherr seinen Vasallen überlässt.  Banal ist also ein demokratisches Allgemeingut sozusagen. Da das Adjektiv „banal“ erst im XVIII.  Jhd. ins Deutsche kam, so stellt sich natürlich die Frage, ob es vorher keine Banalitäten gab und falls ja, wie sie wohl auf Deutsch wiedergegeben wurden. Wir wissen es einfach nicht und vielleicht kann einer unserer Leser darauf antworten. Banalität ist also etwas Geist- und Einfallsloses und ein Adjektiv, mit welchem man am besten die kreativen Menschen beleidigt. Es ist das Gegenstück zur Originalität und wohl zur Kreativität. Es ist ein Wort, das aus der ästhetischen Region entlehnt und in die moralische und metaphysische übertragen wurde. Ob die Dinge auch vor der berühmten Überschrift von Hannah Arendt auch so gesehen wurden, entzieht sich unserer Kenntnis ist aber auch für unsere weiteren Ausführungen irrelevant.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Eichmann_in_Jerusalem https://de.wikipedia.org/wiki/Eichmann_in_Jerusalem http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20017823.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Hannah_Arendt#Studienzeit http://www.zeit.de/1995/34/Eine_unmoegliche_Liebe

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger_und_der_Nationalsozialismus http://www.zeit.de/2015/52/martin-heidegger-nsdap-vergangenheit

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Banal

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