Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (2) Die Wahl der richtigen Philosophie.

adam und eva

Die wahre und richtige Philosophie als das theologische Gefährt

Warum ist aber die Theologie des Leibes so schlecht? Erstens darum, weil sie ihr philosophisches Fundament Personalismus und Phänomenologie bilden. Die richtige oder falsche Philosophie macht eben was aus. Obwohl die von Gott geoffenbarten Inhalte des Glaubens übernatürlich sind und daher geoffenbart werden, d.h. sie befinden sich in der Heiligen Schrift, so bedient sich der Mensch, um die Glaubenswahrheiten darzulegen einer menschlichen Sprache, welche als Sprache der Philosophie die letzten Gründe der Welt und seiner Existenz im Lichte des Verstandes darlegt. Diejenigen von uns, die keine Philosophie studiert haben oder Fachphilosophen sind (denn es gibt auch diese) sind sich wahrscheinlich nicht darüber im Klaren, wie sehr Philosophie unser Lebensbild prägt, denn solche Begriffe wie Materie, Ursprung, Natur, Seele, Zweck etc. sind philosophische Begriffe, welche verschieden in verschiedenen philosophischen Systemen definiert werden. So bedeutet „Materie“ im Neuplatonismus ein beinahe Nichts, beim Aristoteles den ungeordneten Stoff (hyle), der auf die ihn prägende Form wartet, im Positivismus oder Materialismus bedeutet sie ein dreidimensionales, messbares Etwas.  So wie man nach der Uhrzeit gefragt: „Wie viel Uhr ist es?“  mit der Frage: „Wo denn?“ antworten sollte, so kann man ebenso die Sinnfrage mit dem Gegenfrage nach dem jeweiligen philosophischen System beantworten. Welche Philosophie ist denn die beste? Diejenige, die am besten und mit den wenigsten Widersprüchen die Wirklichkeit abbildet. Was ist die Wirklichkeit? Das, was die jeweilige Philosophie dafür hält. Ist das nicht ein Teufelskreis? Ja und daher braucht man die Offenbarung und nicht jede Philosophie ist mit der göttlichen Offenbarung und dem katholischen Glauben kompatibel, was schon der erste christliche Philosoph, Justin der Märtyrer herausstellte.[1] Philosophie war schon immer pluralistisch, ist es immer noch und wird es immer sein. Dies war schon Platon klar, welcher sich in der Zeit der widersprüchlichen, philosophischen Meinungen nach einem sichereren Gefährt sehnte. Und so lesen wir im Platons Dialog Phaidon, wo es um die grundsätzlichen und letzten Dinge geht die folgende Aussage:

„Denn Eines muss man doch in diesen Dingen [des philosophischen Konsens Red.] erreichen, entweder wie es damit steht lernen oder erfinden, oder wenn dies unmöglich ist, die beste und unwiederleglichste der menschlichen Meinungen darüber nehmen, und daraus wie auf einem Brette versuchen durch das Leben zu schwimmen, wenn einer nicht sicherer und gefahrloser kann auf einem festeren Fahrzeuge oder einer göttlichen Rede reisen.“ (Phaidon 85 C-D).[2]

Was bleibt uns also übrig?

  1. Etwas selbst zu erfinden,
  2. Die besten, denn die unwidersprüchlichste der bisherigen Meinungen annehmen oder
  3. Auf die göttliche Rede, sprich auf die Offenbarung warten.

Sehr richtig vergleicht Plato den nur-philosophischen Weg mit einem Brett, an welches sich der Schiffsbrüchige klammert und auf diese Weise hofft durch das Meer zu schwimmen und ans Land gespült zu werden. Es ist sehr unbequem und gefährlich, was der Schreiber dieser Zeilen bezeugen kann, da er mehr als einmal an ein Surfbrett oder Windsurfing-Brett geklammert an den Strand angespült wurde. Was ist also die göttliche Offenbarung? Ein Motorboot oder ein Schiff, welches uns bequem an das andere Ufer der Ewigkeit bringt. Deswegen hat sich die ganze Philosophie des Altertums  nach der göttlichen Offenbarung gesehnt, was sehr schön Philo von Alexandrien darlegt und begründet. Was vielleicht nicht allen bekannt ist, so bestand der philosophische Kampf der ersten nachchristlichen Jahrhunderte nicht, wie die nachaufklärerische Philosophiegeschichte uns klarzumachen versucht, im Kampf des Rationalismus mit dem ominös Religiösen, sondern im Kampf der einen wahren, denn christlichen Offenbarung mit der anderen, dämonisch-gnostisch, theurgisch, paganen Offenbarung. Denn sowohl Christen als auch die Heiden beriefen sich auf ihre Offenbarung, die Heiden auf den Glauben der Väter, auf die Mysterien, auf die Weissagungen und andere okkulte Erlebnisse. Das Übernatürliche wucherte in den ersten fünf Jahrhunderten stark und niemals davor hatte es einen solchen Aufschwung der Magie gegeben (die nächste „Spitze“ fiel auf die Renaissance und jetzt erleben wir eine dritte des New Age). Und daher fragte sich ein Heide im dritten Jahrhundert nicht: Welche Religion ist die besten, weil die vernünftigste für mich?, sondern er fragte: Welche Religion hat die beste, weil sie durch die meisten übernatürlichen Phänomene bestätigte Offenbarung enthält?

Das Verhältnis: Offenbarung – Vernunft

Die Offenbarung (revelatio) steht also höher als jegliche Philosophie, weil die erstere göttlichen Ursprungs ist und übernatürliche Inhalte darstellt und behandelt. Und so heißt es in der dogmatischen Konstitution Dei Filius über die Offenbarung des Ersten Vatikanischen Konzils (1870):

„Denn die göttlichen Geheimnisse ragen ihrer Natur nach dermaßen über die geschaffene Erkenntnis hinaus, dass sie selbst nach ihrer Mitteilung durch die Offenbarung und ihrer Annahme im Glauben noch mit dem Schleier des Glaubens bedeckt in ein gewisses Dunkel gehüllt bleiben, solange wir als Pilger in diesem sterblichen Leben fern vom Herrn weilen; denn noch wandeln wir im Glauben, nicht im Schauen (vgl. 2 Kor 5,6f) .“ (DH 3016)[3]

Dennoch aber sagt die Lehre der Kirche:

„Gott, unser Schöpfer und Herr, kann aus den geschaffenen Dingen durch das natürliche Licht der Vernunft mit Sicherheit erkannt werden.“  (De fide) (DH 3026, vg. 2441, 3004, 3875 ff.) [4]

Ferner sagt eine sententia fidei proxima[5], also eine Aussage von der man allgemein annimmt, dass sie geoffenbart wurde und welche auch zum Glaubensgehorsam verpflichtet:

„Das Dasein Gottes kann mittels des Kausalschlusses bewiesen werden.“[6] (DH 2751, 2812, 3537, 3890, 3892)

Und wie kann man das Dasein Gottes mit dem natürlichen Licht der Vernunft erkennen? Unter Zuhilfenahme der richtigen Philosophie. Und welcher konkret? Der ewigen Philosophie, der philosophia perennis, d.h. Platonismus, Aristotelismus und Thomismus. Denn leider haben sich fast alle andere Philosophien als nicht kompatibel mit dem Christentum erwiesen, Platonismus und Aristotelismus mussten erst durch viele Jahrhunderte hindurch entsprechend umgeformt werden. Katholizismus ist wirklich diejenige Religion, welche sich am meisten der Philosophie als ihres Werkzeugs der Argumentation und der Sprache bedient. Aber nicht jede Philosophie ist erlaubt, weil sich nicht jede bewährt hat. Und so schreibt Leo XIII in seiner Enzyklika Aeterni Patris vom 4. August 1879:

„Schließlich ist es auch Aufgabe der philosophischen Wissenschaften, die von Gott überlieferte Wahrheiten gewissenhaft zu schützen und denen, die sie zu bekämpfen wagen, entgegenzutreten. In dieser Hinsicht ist es ein großes Lob der Philosophie, dass sie als eine Schutzwehr des Glaubens und als ein starkes Bollwerk der Religion gilt.“ (DH 3138)

In dieser Enzyklika wird auch der Gebrauch der „goldenen Weisheit des heiligen Thomas“ (DH 3140) eindringlich empfohlen. In seiner Enzyklika Pascendi dominici gregis (1907) verurteilt Pius X. sehr genau die falschen philosophischen Prinzipien des Modernismus (DH 3475-3483), da er weiß, wie die vorangegangenen Verurteilungen:

  • Antons Günthers vom 1857 (DH 2828-2831)
  • Der Ontologisten vom 1861 (DH 2841-2847)
  • Jakobs Frohschammers vom 1862 (DH 2850-2861)
  • Des Pantheismus, Naturalismus, Rationalismus durch den Syllabus des Pius IX. vom 1864 (2901-2980)

dass doch nicht gleich ist, welche Philosophie man verwendet.  Pius XII. stellt in Humani generis fest:

„In der Theologie aber gehen einige darauf aus, den Begriff der Dogmen möglichst abzuschwächen; das Dogma selbst möchten sie von der in der Kirche seit langem üblichen Ausdrucksweise und den Begriffen der katholischen Philosophie freimachen, um bei der Erklärung der katholischen Lehre zu den Formulierungen der Heiligen Schrift und der heiligen Väter zurückzukehren. […] (DH 3881)

Haben sie dann die katholische Lehre zu diesem Stand gebracht, so glauben sie, werde der Weg bereitet, auf dem den modernen Bedürfnissen entsprechend das Dogma auch in den Begriffen der heutigen Philosophie ausgedrückt werden könne, ganz gleich, ob es der ”Immanentismus”, ”Idealismus”, ”Existenzialismus“ oder irgendein anderes System ist. Es könne und müsse das deshalb auch geschehen, behaupten einige mit einiger Kühnheit, weil die Geheimnisse des Glaubens sich niemals in Begriffe fassen lassen, die vollständig der Wahrheit entsprechen, sondern nur in Ausdrücken, die ”annäherungsweise” wahr, und ständig Veränderungen unterworfen sind; diese deuten die Wahrheiten zwar einigermaßen, gestalten sie aber auch notwendigerweise um. Darum halten sie es nicht für abwegig, sondern für durchaus notwendig, dass die Theologie entsprechend den verschiedenen Philosophien, deren sie sich im Laufe der Zeit als Instrument bedient, neue Begriffe an die Stelle der alten setze, so dass sie auf verschiedene Weise, die unter sich sogar in gewissem Sinn im Widerspruch stehen, aber, wie sie sagen, das gleiche bedeuten, die gleichen göttlichen Wahrheiten in menschlicher Art ausdrücken. Sie fügen noch hinzu, die Geschichte der Dogmen bestehe in der Wiedergabe der verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen, in die die Wahrheit sich gekleidet habe, entsprechend den verschiedenen Lehren und Ansichten, die im Laufe der Zeiten entstanden. (DH 3882) [7]

Es ist auch klar, dass sich die Kirche nicht an jedes beliebige philosophische System binden kann, das nur eine kurze Zeitspanne Bedeutung hat: das aber, was in gemeinsamer Übereinstimmung von den katholischen Lehrern durch mehrere Jahrhunderte hindurch verfaßt worden ist, um zu einem Verständnis des Dogmas zu gelangen, stützt sich zweifellos nicht auf eine so hinfällige Grundlage.  […] Die Verachtung der Ausdrücke und Begriffe aber, deren sich die scholastische Theologen zu bedienen pflegen, führt von selbst zur Schwächung der sogenannten spekulativen Theologie, die ihrer Auffassung nach, da sie sich auf eine theologische Argumentation stütze, der echten Sicherheit entbehre“ (DH 3883)

Wie man es also dreht und wendet: nicht jede Philosophie ist erlaubt, nicht jede hat sich bewährt. Die Dogmen der Kirche sind in der Sprache des Thomismus gemeißelt. Amen! Und daher ist es recht und billig von allen Philosophie- und Theologiestudenten den Aufsatz zum Thema:

  „Wer ist Dein Lieblingsphilosoph? Und warum der hl. Thomas von Aquin?“

zu verlangen, um an dieser Stelle den berühmten Witz über Held und Lenin zu paraphrasieren. Aber den hl. Thomas lernt man erst dann schätzen, wenn man sich ausgiebig an anderen Philosophen und Systemen abgekämpft hatte und nach all dem Gift und Plörre zum reinen, kühlen Wasser zurückgefunden hat.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/04/15/stabunt-iusti-oder-nach-dem-supergau-von-amoris-laetitia/

[2] Deutsche Übersetzung nach Platon, Symposion. Phaidon, in: Platon, Sämtliche Werke, Bd. IV, nach der Übersetzung Friedrich Schleiermachers, ergänzt durch Übersetzungen von Franz  Susemihl und anderen hrgs. Von Karlheinz Hülser, Leipzig: Insel Verlag 1991, 263.

[3] Deutsche Fassung nach: http://www.kathpedia.com/index.php/Dei_filius_(Wortlaut)

[4] Ott, L., Grundriss der Dogmatik, Bonn: Nova et Vetera 201011, 40.

[5] Zur Terminologie und Bedeutung der notae theologicae siehe: http://www.the-pope.com/theolnotes.html http://iteadthomam.blogspot.de/2006/05/notae-theologicae.html http://iteadthomam.blogspot.de/2007/04/fundamental-theology-2-notae-theologic.html http://www.lulu.com/shop/sixtus-cartechini-sj/de-valore-notarum-theologicarum/paperback/product-6525626.html

[6] Ebd. 42.

[7] Deutsche Fassung nach: http://www.stjosef.at/dokumente/humani_generis.htm Die Fassung in Denzinger-Hünnermann unterscheidet sich geringfügig.

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