Tradition und Glauben

Allerheiligen und Allerseelen als Lebensstil

purgatorio7

Der Schreiber dieser Zeilen ist ein „Allerheiligen- und Allerseelen-Typ“. Ja, er liebt diese beiden Feste innig und freut sich immer darauf, wie sich andere auf Weihnachten und Ostern freuen. Meistens herrscht ein gutes Hochwetter, es ist frostig und klar und die Natur macht es uns einfach. In seiner Heimat ist Allerheiligen und Allerseelen ein überaus wichtiges Fest, welches im allgemeinen Empfinden gleich nach Weihnachten und Ostern kommt und das wirklich von allen, auch von Atheisten, begannen wird. Man putzt vor dem 1 November die Gräber der verstorbenen Familienangehörigen und „geht“ abends am 1 November, wie man sagt, „auf die Gräber“. Als ihn eine belgische und atheistische Bekannte, Ende 20, besuchte, verbrachten sie zusammen einen „typisch polnischen Tag“, wie er ihr unterjubelte, mit Kirchenbesuch, einer deftig-polnischen Mahlzeit und den Gräberbesuch am Abend. Sie sollten irgendwann einmal, wenn Sie in Polen sind, am 1 November abends einen Friedhof besuchen. Sie werden fröhliche Menschenmengen finden, Familien, einzelne Menschen, hellerleuchtete Gräber. Die Stadt entleert sich, in der Friedhofsgegend gibt es Staus, es werden zusätzliche städtische Kommunikationsmittel eingesetzt, um den Ansturm zu bewältigen, die meisten Restaurants und Gaststätten schließen, denn alle, ja wirklich alle, „sind auf den Gräbern“. Die Atmosphäre ist sehr fröhlich, lichtvoll und irgendwie silvesterartig, wenn man nach einem passenden, weltlichen Vergleich sucht. Die berühmten Schauspieler und Promis sammeln in Warschau beim Eingang eines Warschauer Hauptfriedhofs für die Gräber verstorbener Kollegen, ja, das hat Tradition. Es ist eine große Ehre dafür ausgewählt zu werden. Gläubig oder ungläubig: Gräber sind Gräber. Je größer die Stadt, je größer der Friedhof, desto mehr „Stimmung“ und zwar ganz buchstäblich. Wir brauchen keine Weltjugendtage, wir haben unsere katholischen Feste. Die belgische Bekannte war von dem Allem dermaßen hin und weg, dass sie sich gleich zwei Grablaternen kaufte, welche sie bei der Urne ihres Vaters, welche leider zuhause auf dem Kaminsimms stand, anzünden wollte. Ja, immerhin ein Anfang.

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