Correctio Filialis Nachtrag 2 Luther

Der Einfluss Martin Luthers

Zweitens sind wir durch unser Gewissen gezwungen, auf eine beispiellose Sympathie Eurer Heiligkeit für Martin Luther sowie auf eine Ähnlichkeit zwischen den Ideen Luthers über das Gesetz, die Rechtfertigung und die Ehe und jenen, die von Eurer Heiligkeit in Amoris laetitia und anderswo gelehrt und begünstigt werden, hinzuweisen.25 Das ist notwendig, damit unsere Anklage gegen die sieben häretischen Thesen, die in diesem Dokument aufgelistet sind, vollständig ist. Wir wollen zeigen, wenn auch nur auf zusammenfassende Weise, daß es sich dabei nicht um isolierte Irrtümer handelt, sondern daß sie Teil eines häretischen Systems sind. Die Katholiken müssen nicht nur vor den sieben Irrtümern gewarnt werden, sondern auch vor diesem häretischen System als solchem, nicht zuletzt aufgrund des Lobes, das Eure Heiligkeit dem Mann gezollt hat, von dem es herrührt.

Auf einer Pressekonferenz vom 26. Juni 2016 sagte Eure Heiligkeit:

Ich glaube, dass die Absichten Martin Luthers nicht falsch waren: Er war ein Reformer. Vielleicht waren einige Methoden nicht die richtigen, aber in jener Zeit. . . wenn wir zum Beispiel die Geschichte von Pastor lesen [vgl. Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters], sehen wir, dass die Kirche wirklich kein nachahmenswertes Vorbild war: Es gab Korruption in der Kirche, es gab Weltlichkeit, Anhänglichkeit ans Geld und an die Macht. Dagegen hat er protestiert. Außerdem war er intelligent; er hat einen Schritt vorwärts getan und sich für sein Tun gerechtfertigt. Und heute sind wir – Lutheraner und Katholiken, mit allen Protestanten – einig über die Rechtfertigungslehre: In diesem so wichtigen Punkt hatte er sich nicht geirrt.“ 26

In einer Predigt in der lutherischen Kathedrale von Lund in Schweden, am 31. Oktober 2016, erklärte Eure Heiligkeit:

Wir Katholiken und Lutheraner haben begonnen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen. Jetzt haben wir im Rahmen des gemeinsamen Gedenkens der Reformation von 1517 eine neue Chance, einen gemeinsamen Weg aufzunehmen, der sich in den letzten 50 Jahren im ökumenischen Dialog zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Katholischen Kirche gebildet hat. Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden. Wir haben die Gelegenheit, einen entscheidenden Moment unserer Geschichte wiedergutzumachen, indem wir Kontroversen und Missverständnisse überwinden, die oft verhindert haben, dass wir einander verstehen konnten.

Jesus sagt uns, dass der Vater der Winzer ist (vgl. Joh 14,1), der den Weinstock pflegt und beschneidet, damit er mehr Frucht bringt (vgl. V. 2). Der Vater ist ständig um unsere Beziehung zu Jesus besorgt, um zu sehen, ob wir wirklich mit ihm eng verbunden sind (vgl. V. 4). Er schaut auf uns, und sein liebevoller Blick ermutigt uns, unsere Vergangenheit aufzuarbeiten und in der Gegenwart dafür zu arbeiten, dass jene Zukunft der Einheit, die er so ersehnt, Wirklichkeit wird.

Auch wir müssen liebevoll und ehrlich unsere Vergangenheit betrachten, Fehler eingestehen und um Vergebung bitten. Allein Gott ist der Richter. Mit der gleichen Ehrlichkeit und Liebe muss man zugeben, dass unsere Spaltung von dem ursprünglichen Empfinden des Gottesvolkes, das sich von Natur aus nach Einheit sehnt, weggeführt hat und in der Geschichte mehr durch Vertreter weltlicher Macht aufrecht erhalten wurde, als durch den Willen des gläubigen Volkes, das immer und überall der sicheren und liebevoll-sanften Führung durch seinen Guten Hirten bedarf. Allerdings gab es auf beiden Seiten den ehrlichen Willen, den wahren Glauben zu bekennen und zu verteidigen, doch wir sind uns auch bewusst, dass wir uns in uns selbst verschanzt haben aus Furcht oder Vorurteilen gegenüber dem Glauben, den die anderen mit einer anderen Akzentuierung und in einer anderen Sprache bekennen.

Die geistliche Erfahrung Martin Luthers hinterfragt uns und er- innert uns daran, dass wir ohne Gott nichts vollbringen können.

Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – das ist die Frage, die Luther ständig umtrieb. Tatsächlich ist die Frage nach der rechten Gottesbeziehung die entscheidende Frage des Lebens. Bekanntlich begegnete Luther diesem barmherzigen Gott in der Frohen Botschaft vom menschgewordenen, gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus. Mit dem Grundsatz „Allein aus Gnade“ werden wir daran erinnert, dass Gott immer die Initiative ergreift und jeder menschlichen Antwort zuvorkommt, und zugleich, dass er versucht, diese Antwort auszulösen. Daher bringt die Rechtfertigungslehre das Wesen des menschlichen Daseins vor Gott zum Ausdruck.“27

Eure Heiligkeit hat nicht nur behauptet, daß Martin Luther sich in Sachen Rechtfertigung nicht geirrt hat, sondern im engen Gleichklang mit dessen Sichtweise auch mehrfach erklärt, daß unsere Sünden der Ort sind, an dem wir Christus begegnen (in der Homilie vom 4. September 2014 und vom 18. September 2014), indem Sie Ihren Standpunkt mit dem heiligen Paulus rechtfertigten, der in Wirklichkeit sich „höchstens“ seiner „Schwachheit“ rühmen wollte („astheneíais“, vgl. 2 Kor 12,5.9), damit die Kraft Christi auf ihn herabkomme, aber nicht seiner Sünden.28 In einer Rede vor Mitgliedern von Communione e Liberazione am 7. März 2015 sagte Eure Heiligkeit:

 

Der bevorzugte Ort der Begegnung ist die zärtliche Geste der Barmherzigkeit Jesu Christi gegenüber meiner Sünde. Und daher habt ihr mich manchmal sagen gehört, dass der Platz, der bevorzugte Ort der Begegnung mit Jesus Christus meine Sünde ist“.29

Zudem lesen wir in Amoris laetitia, zusätzlich zu anderen Thesen, die in einem Schreiben an alle Kardinäle und Patriarchen der orientalischen Kirchen aufgelistet und als häretisch, falsch oder zweideutig qualifiziert sind, auch folgendes:

Dennoch ist es nicht angebracht, unterschiedliche Ebenen miteinander zu vermischen: Man sollte nicht zwei begrenzten Menschen die gewaltige Last aufladen, in vollkommener Weise die Vereinigung nachzubilden, die zwischen Christus und seiner Kirche besteht, denn die Ehe als Zeichen beinhaltet einen ‚dynamischen Prozess von Stufe zu Stufe entsprechend der fortschreitenden Hereinnahme der Gaben Gottes‘ (AL 122).“

So wie es wahr ist, daß das sakramentale Siegel der Ehe einen dynamischen Prozeß in Richtung Heiligkeit impliziert, so ist auch wahr, daß das sakramentale Zeichen mit Hilfe der Gnade im Brautpaar vollkommen die Verbindung Christi mit der Kirche abbildet. Es geht also nicht darum, zwei begrenzten Menschen eine „gewaltige Last“ aufzuerlegen, sondern vielmehr darum, das Wirken des Sakraments und der Gnade zu erkennen (res et sacramentum).

Auf befremdliche Art und Weise stellen wir in verschiedenen weiteren Teilen dieses Apostolischen Schreibens eine Nähe zur Herabsetzung der Ehe durch Luther fest. Für den deutschen Revolutionär ist das katholische Verständnis des Sakramentes ex opere operato, das er für „mechanisch“ hielt, inakzeptabel. Obwohl er die Unterscheidung zwischen signum et res beibehielt, wandte er diese nach 1520 mit der Veröffentlichung der Schrift Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche nicht mehr auf die Ehe an. Luther leugnet, daß die Ehe sakramental ist, mit der Begründung, daß an keiner Stelle der Bibel zu lesen sei, daß der Mann, der eine Frau heiratet, die Gnade Gottes empfängt und ebensowenig, daß die Institution Ehe von Gott als Zeichen von irgendetwas errichtet wurde. Luther war der Meinung, daß die Ehe nur ein Symbol sei, denn obwohl sie die Verbindung Christi mit der Kirche abbilden könnte, seien solche Figuren und Allegorien keine Sakramente im eigentlichen Sinn des Wortes (vgl. Luther’s Works [LW] 36,92). Aus diesem Grund gehört für Luther die Ehe deren eigentlicher Zweck die Zeugung von Kindern und deren auf Gott ausgerichtete Erziehung ist (vgl. LW 44,11–12)

zur Ordnung der Schöpfung und nicht zu jener des Heils (vgl. LW 45,18); und sie wurde nur zu dem Zweck gegeben, das Feuer der Begierde zu löschen, und als Bastion gegen die Sünde (vgl. LW 3, Gen 16,4).

Darüber hinaus ist sich Luther ausgehend von seiner persönlichen Sicht- weise der durch die Sünde korrumpierten menschlichen Natur bewußt, daß der Mensch nicht immer bereit ist, das Gesetz Gottes zu befolgen. Daher ist er überzeugt, daß Gott auf zweifache Weise das Menschengeschlecht leitet, der eine zweifache moralische Sicht der Ehe und der Scheidung entspricht. Deshalb ist die Scheidung von Luther im Falle des Ehebruches generell zugelassen, aber nur für die nicht-geistlichen Menschen.

Seine Überlegung gründet auf der Annahme, daß es zwei Formen der göttlichen Lenkung in dieser Welt gibt: eine geistliche und eine weltliche. Mit der geistlichen Lenkung leitet der Heilige Geist die Christen und die Gerechten durch das Evangelium Christi. Mit der weltlichen Lenkung hält Gott die Nicht-Christen und Bösen zurück, um den äußeren Frieden zu bewahren (vgl. LW 45,91). Es gibt daher auch zwei Gesetze, die das Moralleben regeln: eines ist geistlich, für jene, die unter dem Einfluss des Heiligen Geistes leben, das andere weltlich, für jene, denen es nicht gelingt, das geistliche Gesetz zu halten (vgl. LW 45,88–93). Diese doppelte Sicht der Moral hat Luther mit Bezug auf Mt 5,32 auf den Ehebruch angewandt. Deshalb dürfen sich Christen wegen Ehebruchs nicht scheiden lassen (geistliches Gesetz); die Scheidung existiert aber und wurde von Moses erlaubt wegen der Sünde (weltliches Gesetz). Die Scheidungserlaubnis wird als eine von Gott den fleischlichen Menschen gesetzte Grenze gesehen, um ihr schlechtes Verhalten einzudämmen, und um sie davor zu bewahren, aufgrund ihrer Bosheit Schlimmeres zu begehen (vgl. LW 45,31).

Wie könnte man darin nicht eine sehr große Ähnlichkeit mit dem erken- nen, was von Eurer Heiligkeit in Amoris laetitia gesagt wird? Einerseits wird die Ehe scheinbar als Sakrament geschützt, während andererseits die Scheidung und die darauf folgende standesamtliche Ehe „barmherzig“ als status quo betrachtet werden, der – wenn auch nur „pastoral“ – in das Leben der Kirche zu integrieren ist, womit offen dem Wort Unseres Herrn widersprochen wird. Luther wurde bei der Anerkennung einer Zweitverbindung davon geleitet, daß er die Begierde mit der Sünde gleichsetzte und die Ehe als Abhilfe für die Begierde betrachtete. In Wahrheit ist die Begierde in sich keine Sünde, wie gleichermaßen eine zweite Verbindung zu Lebzeiten des Partners kein Status, sondern ein Verlust der Wahrheit ist.

Doch wird der Selbstwiderspruch Luthers, der durch seine doppelte Sicht der Ehe entsteht – die in sich als etwas gesehen wird, das im eigentlichen Sinn dem Gesetz und nicht dem Evangelium angehört –, durch den Vorrang des Glaubens scheinbar überwunden: ein „herzliches Vertrauen“, das erlaube, Gott subjektiv anzuhangen. Er ist der Ansicht, daß der Glaube den Menschen in dem Maß rechtfertigt, in dem sich die strafende Gerechtigkeit in Barmherzigkeit zurückzieht und permanent in Liebe verwandelt, die vergibt. Das wird, laut Luther, durch einen „fröhlichen Wechsel“ möglich, durch den der Sünder zu Christus sagen kann: „Du bist meine Gerechtigkeit, so wie ich Deine Sünde bin“ (LW 48,12; vgl. auch 31,351; 25,188). Durch diesen „fröhlichen Wechsel“ wird Christus zum einzigen Sünder und wir sind durch die Annahme des Wortes im Glauben gerechtfertigt.

Auf Ihrer Pilgerreise nach Fatima zum Beginn dieses von der Vorsehung bestimmten Hundertjahrjubiläums hat Eure Heiligkeit klar die lutherische Sicht des Glaubens und der Rechtfertigung angedeutet, indem Sie am 12. Mai 2017 folgendes erklärten:

Man tut Gott und seiner Gnade Unrecht, wenn man an erster Stelle sagt, dass die Sünden durch sein Gericht bestraft werden, ohne voranzustellen – wie es das Evangelium deutlich macht

, dass er sie in seiner Barmherzigkeit vergibt! Wir müssen die Barmherzigkeit dem Gericht überordnen. Jedenfalls geschieht das Gericht Gottes immer im Licht seines Erbarmens. Natürlich leugnet die Barmherzigkeit Gottes die Gerechtigkeit nicht; denn Jesus hat die Folgen unserer Sünde mit der gerechten Strafe auf sich genommen. Er leugnet die Sünde nicht, er hat sie vielmehr am Kreuz für uns bezahlt. Und so sind wir im Glauben, der uns mit dem Kreuz Christi verbindet, von unseren Sünden frei. Legen wir jede Form von Angst und Furcht ab, denn das ziemt sich nicht für jemanden, der geliebt wird (vgl.1 Joh 4,18).“30

Das Evangelium lehrt aber weder, daß alle Sünden de facto vergeben werden, noch, daß Christus allein das „Gericht“ oder die Gerechtigkeit Gottes erfahren hat, während dem Rest der Menschheit allein die Barmherzigkeit zukommt. Während es ein „stellvertretendes Leiden“ Unseres Herren zur Sühne für die Sünden gibt, gibt es aber keine „stellvertretende Strafe“, da Christus „für uns zur Sünde gemacht wurde“ (vgl. 2 Kor 5,21), und nicht zum Sünder. Wegen der göttlichen Liebe und nicht als Gegenstand des Zornes Gottes hat Christus das höchste Opfer des Heils gebracht, um uns mit Gott zu versöhnen, indem er nur die Folgen unserer Sünden auf sich nahm (vgl. Gal 3,13). Deshalb genügt es nicht, daß wir darauf vertrauen, daß unsere Sünden durch eine vermutete stellvertretende Bestrafung getilgt wurden, damit wir gerechtfertigt sind; unsere Rechtfertigung besteht darin, daß wir Unserem Heiland gleich werden, was durch den Glauben geschieht, der in der Liebe wirksam ist (vgl. Gal 5,6).

Heiliger Vater, erlauben Sie uns zum Abschluß, unser Staunen und unseren Schmerz zum Ausdruck zu bringen wegen zweier Ereignisse, die sich im Herzen der Kirche zugetragen haben und ebenfalls die Gunst bezeugen, die der deutsche Häresiarch unter Ihrem Pontifikat genießt. Am 15. Januar 2016 wurde einer Gruppe finnischer Lutheraner im Rahmen der Zelebration einer Heiligen Messe im Petersdom die heilige Kommunion gespendet. Am 13. Oktober 2016 hat Eure Heiligkeit eine Begegnung von Katholiken und Lutheranern in der Sala Nervi im Vatikan angeführt, bei der eine Statue von Martin Luther aufgestellt wurde.

25In diesem Abschnitt wollen die Unterzeichner nicht vornehmlich das Denken Martin Luthers darstellen, wozu nicht alle dieselbe Kompetenz haben, sondern einige falsche Vorstellungen von der Ehe, der Rechtfertigung und dem Gesetz, die Amoris laetitia inspiriert zu haben scheinen.

26https://w2.vatican.va/content/francesco.de/event.dir.html.content/vaticanevents/de/2016/6/26/armeniagiornalisti.html

27http://w2.vatican.va/content/franceso/de/homilies/2016/docoments/papa-francesco_20161031_omelia-svezia-lund.html

28https://w2.vatican.va/content/francesco/de/cotidie/2014/document

s/papa-francesco-cotidie_20140904_meditazioni-75.html; https://w2.vatican.va/content/francesco/de/cotidie/2014/documents/papa-francesco-cotidie_20140918_meditazioni-83.html

29http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/march/documents/papa-francesco_20150307_comunione-liberazione.html

30https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2017/may/documents/papa-francesco_20170512_benedizione-candele-fatima.html

Angaben zum Dokument

Qc Der deutschsprachige Text ist eine autorisierte Fassung von

http://www.correctiofilialis.org

und wurde von katholisch-bleiben.de erstellt.

Unterstützen Sie uns!
Falls Sie diesen Beitag wertvoll fanden und einen Gegenwert Ihrerseits beisteuern möchten, so können Sie uns etwas spenden.

 

Kommentar verfassen