Der Reisealtar (1 von 4): Das Reisen an sich

gregormesse

Das Reisen an sich

Der Schreiber dieser Zeilen verreist ungern. Er tut es deswegen ungern, da, wie er erfahren hatte, dass die benediktinische stabilitas – die Stabilität oder Beständigkeit – die Grundlage des geistlichen Lebens bildet. Es ist nicht nur die stabilitas loci, die Stabilität des Ortes, was man wirklich sehr frei als einen festen Wohnsitz übersetzen könnte, es ist auch die stabilitas vitae, die Stabilität des Lebens, womit die Beständigkeit der Abläufe des Alltags gemeint ist. Es ist die Routine, es ist der Rhythmus, es sind diejenigen Gewohnheiten, welche automatisiert uns überhaupt ein intellektuelles oder geistliches Leben ermöglichen, weil durch den Automatismus das Nachdenken über diese Tätigkeiten und der damit verbundene Stress wegfällt, der immer dann auftritt, wenn man es mit etwas Manuell-Neuem zu tun hat. Wenn Sie zum ersten Male operieren, sticken, kitesurfen, klettern, tanzen oder irgendetwas Manuelles tun, dann sind Sie zumindest nervös und außerordentlich damit beschäftigt diesen Bewegungsablauf zu koordinieren. Daher die Notwendigkeit der Wiederholung, Wiederholung und Wiederholung, damit dieser Bewegungsablauf sitzt und Sie ihn automatisch ausführen können. Deswegen legten die frühesten Apothtegmata, die Sprüche der Wüstenväter, eine manuelle Handarbeit nahe, wie das Flechten von Körben, bei welcher man automatisch handwerklich arbeitet und dabei beten und meditieren kann. Deswegen schreiben auch die Mönchsregeln, besonders die benediktinische Regel, die Handarbeit vor, was wirklich wörtlich gemeint ist. Sie sollen mit ihren Händen etwas hervorbringen. Deswegen ist das Abschreiben von Büchern Handarbeit, aber das Schreiben von Büchern nicht. Warum? Weil, während Sie schreiben, Sie an nichts Anderes, als das, was Sie gerade schreiben, denken können. Das Tippen verläuft schon automatisch, das Nachdenken darüber, was man gleich oder gleichzeitig eintippen wird, nicht. Das Schreiben ist immer eingleisig, das Abschreiben nicht, Sie können einen beliebigen Text abtippen und an etwas Anderes denken, wenn Sie beim Eintippen geschickt genug sind. Gute Sekretärinnen von damals, in der Zeit als noch nicht jeder das Eintippen beherrschte, konnten gleichzeitig eintippen, Musik hören und sich mit einer andern Sekretärin über den Büroalltag unterhalten. Und was hat das mit dem Beten zu tun? Dass Sie bei automatisierten Vorgängen gleichzeitig beten können, weil Sie das Manuelle intellektuell nicht in Anspruch nimmt. Daher die Empfehlung der Handarbeit.

Aber die Routine und der allgemeine Automatismus an sich gibt Ihrem Leben eine feste Struktur und macht die Beständigkeit (stabilitas) aus. Sind Sie bei sich zuhause, so fragen Sie sich beim Aufwachen nicht, wo der Schalter ist, Sie stoßen nicht an unbekannte Möbel an, finden sogleich den Weg ins Badezimmer, finden sich in dem Haus, das ja das Ihre ist, sofort zurecht etc. All das fällt beim Reisen weg, denn Sie werden vielen neuen Reizen ausgesetzt, die erst mal verarbeitet werden müssen. Das Reisen bringt also immer Unordnung mit sich bevor die Ordnung wieder einziehen kann, denn von A nach B müssen Sie erst kommen und je nach dem gewählten Kommunikationsmittel ist es mehr oder weniger mühselig. Die Reiselust ist entweder jungen Menschen eigen, welche durch das Zuführen von äußeren Reizen auch die inneren Bestände des inneren Lebens entwickeln können oder sie ist denjenigen Menschen eigen, die auf das Äußere verlegt sind und kein inneres Leben führen. Ob das Reisen an sich wirklich Erholung ist, lassen wir offen, denn es gibt keinen kostspieligeren Zeitvertreib als das Reisen. Sie müssen ja für alles, was Sie zuhause viel günstiger oder gar umsonst haben, zahlen. Wer viel in Hotels wohnt, weiß es zu berichten. Es gibt Berufsgruppen, die sehr viel reisen, es mehr oder weniger gut oder schlecht ertragen, aber immer bestimmte feste Punkte oder weltliche Rituale in ihren Alltag einbauen, um sich überhaupt in der permanenten Fremde zurechtzufinden. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Musiker und sind ein Jahr auf Tournee. Üben, Probe, Konzert, Üben, Probe, Konzert. Hotel, Hotel, Hotel, Flugzeug, Flugzeug, Flugzeug. Immer Hotelessen, immer fremde Betten und fremde Zimmer. Immer fremde Menschen und notgedrungen Einsamkeit. Wenn wir uns fragen, warum diese Menschen so schnell degenerieren, dann ist dies mitunter die Antwort darauf. Versuchen Sie so zu leben. Sind Sie Solist, dann sind Sie einsam, musizieren Sie in einer Gruppe, dann haben Sie dauernd diese Gruppe um sich und die verschiedene Gruppendynamik, die auf und ab geht. Reisen ist wirklich Gift für das geistige, aber auch für das intellektuelle Leben. Denn welcher Gelehrte hat schon sein Hauptwerk auf Reisen geschrieben? Man kann sich etwas notieren, braucht aber die Ruhe, die stabilitas loci und die routinierte Beständigkeit, um es richtig auszuarbeiten.

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