Don Pietro Leone, Die Kirche und Asmodeus. (2 von 7) Ehelehre der modernen Kirche.

asmodeus

II. Die Ehelehre der Modernen Kirche bis zu Papst Franziskus

 

Seit Anbeginn Ihrer Geschichte lehrte und praktizierte die Kirche das asketische Leben. Tatsächlich ist dies eines der Merkmale, das sie von der Welt unterscheidet und das die wirkliche Authentizität Ihres Glaubens[1] bestätigt. Denn wie konnte sie das Leben so vieler in Demut und Keuschheit verwandeln, was im Widerspruch zur gefallenen Natur steht, wenn der Glaube, den Sie predigte, unwahr gewesen wäre?

Bis zum XX. Jahrhundert hatte der Geist der Askese in der Kirche die Oberhand, bis diese Herrschaft von einem gegnerischen Geist aufgezehrt wurde, dem der Welt, namentlich dem der  gefallenen Natur. Dieser letztgenannte Geist war in den letzten Jahrhunderten in seinem Ausmaß und seiner Macht gewachsen und hatte nun im Verlauf die Köpfe und Seelen der Kirchenmänner selbst durchdrungen. Der schwankende Glaube, eine Verarmung der Ausbildung in der Lehre, moralische Schwäche, der fehlende Mut, die Oberflächlichkeit und die Sentimentalität[2] eines Teiles der Hirten spielten sicher in ihrer Gesamtheit bei der sich anschließenden Einschleusung dieses Geistes in den katholischen Glauben eine Rolle. Der Augenblick seines offiziellen Eintritts in die Kirche wurde durch das 2. Vatikanische Konzil bezeichnet.

Was nun die Sexualität betrifft, so offenbart sich dieser Geist in der neuen Betonung einer unbestimmten „Liebe“ im Herzen der ehelichen Ethik.

Erstmalig im modernen Lehramt manifestiert sich dieser Schwerpunkt im Konzilsdokument Gaudium et Spes  (§ 48), und wurde später durch das kanonische Recht (CIC 1983) im Hinblick auf eine Umkehrung der Ordnung der Ehezwecke  kodifiziert. Die Lehre des Magisteriums über die Sexualität wurde später vor allem durch die offiziellen Bestimmungen des Empfangs der Heiligen Kommunion und die „Theologie des Leibes“ angegriffen und entwickelt.

Folglich werden wir nun untersuchen:

1) Die neue Vorstellung von Liebe in Gaudium et Spes und dann im kanonischen Recht;
2) Das Verhältnis zwischen der Todsünde und dem Empfang der heiligen Kommunion;
3) Relevante Elemente der „Theologie des Leibes“.

 

1.Liebe

a) Gaudium et Spes

Im 2. Vatikanischen Konzil erfolgte ein Schachzug, um die beiden Ehezwecke (Fortpflanzung und eheliche Liebe, siehe unten) auf die gleiche Ebene zu stellen, im Gegensatz zur konstanten Lehre der Tradition, welche in der Erklärung einer vom Pastor angelicus eingesetzten Kardinalskommission und in seiner eigenen Deklaration nur ein Jahrzehnt vor dem Konzil[3] gipfelte. Der Dominikanische Ordens-General, Kardinal Browne, stand mit den Worten: Caveatis! Caveatis ! (Aufpassen! Aufpassen! Anm,. d. Übers.) auf und warnte die gesamte Versammlung davor, dass diese Definition zu akzeptieren bedeute, sich gegen die gesamte Tradition der Kirche zu stellen und die umfassende Bedeutung der Ehe[4] zu pervertieren, aber seine Worte wurden mit Amüsiertheit durch die Konzilsväter[5] aufgenommen.

Nach einer erhitzten Debatte wurde eine vernebelnde Kompromisserklärung vereinbart, nämlich dass:

…“durch ihre natürliche Eigenart die Institutionen der Ehe und die eheliche Liebe auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet“…sind (GS § 48).

Im Licht der traditionellen Eheethik ist diese Aussage orthodox, wenn sie bedeutet, dass sowohl der Ehebund als auch die eheliche Liebe auf die Fortpflanzung und Erziehung der Kinder hin geordnet sind, im Gegensatz dazu ist sie offen für die Heterodoxie, wenn sie eine enge Verbindung zwischen Ehe und Liebe herstellt, eine Verbindung, die tatsächlich dazu fähig ist die Lehre[6] zu unterstützen, dass die Ehe Liebe ist (wie in der Beschreibung der Ehe als einer „innigen Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe“ am Beginn desselben Kapitels von Gaudium et Spes) oder dass die Liebe in der Ehe der primäre Zweck sei (wie er sich bereits in Humanae vitae[7] manifestierte und wie es in dem neuen Kanon, wie wir jetzt sehen werden, angedeutet ist)

 

b) Kanonisches Recht

Im Kodex des kanonischen Gesetzes von 1917 (can. 1013) lesen wir: „Der primäre Zweck der Ehe ist die Fortpflanzung und Erziehung der Nachkommenschaft; der sekundäre Zweck ist die gegenseitige Unterstützung und die Abhilfe der Konkupiszenz[8] „. Im Kodex von 1983 (vgl. 1055) lesen wir dagegen:

“ Der Ehebund… ist… auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft[9] hingeordnet ….“

Der spätere Kanon unterscheidet sich von dem früheren:

i) Der Zweck, der früher als der primäre (Fortpflanzung und die Erziehung der Kinder) gelehrt wurde, wird nach dem, der zuvor als sekundärer (Ehe)zweck (das Gut der Ehegatten) gelehrt wurde, platziert

ii) Das Wohl der Ehegatten ist überhaupt nicht mehr definiert: entweder wird es als „Liebe“ oder als irgendetwas anderes bezeichnet;

iii) Weder wird das Wohl der Ehegatten als „primär“, noch das Wohl der Kinder als „sekundär“ bezeichnet, obwohl die Umkehrung ihrer Reihenfolge dies nahelegt;

iv) Das Heilmittel der Begierde wird nicht mehr erwähnt;

v) Der Begriff „Zweck“ wird auch nicht mehr erwähnt.

In ihrer Beziehung zum neuen Kanon werden wir nun kurz betrachten:
A) „Das Wohl der Ehegatten“;
B) „Abhilfe der Begierlichkeit“;
C) Der Begriff der Finalität.

a) Das Wohl der Ehegatten

Wir merken an, daß der Begriff „das Wohl der Ehegatten“, welcher Liebe bedeutet, in der Abwesenheit einer Definition als emotional und besonders als sexuelle Liebe verstanden wird. Der Grund dafür ist, dass die emotionale Liebe der offensichtlich meist gebrauchte Sinn von „Liebe“ und im ehelichen Kontext der offensichtlichste Typ der emotionalen Liebe sexueller Natur[10] ist.

Dass der Verfasser des Kanons das Wohl der Ehegatten in einem sexuellen Sinn intendiert, wird durch die Platzierung des „Wohles der Ehegatten“ vor der „Fortpflanzung und Erziehung der Kinder“ bestätigt, was darauf hindeutet, dass die Liebe, auf die er sich bezieht, tatsächlich die sexuelle Liebe ist: als Mittel zum Zweck der Fortpflanzung.

Kurzum, der in Gaudium et Spes schon angedeutete Kanon hat die erotisierende Tendenz, dass das „Sexualleben“ im Geist und Gewissen des durchschnittlichen Lesers die Idee und den Wert eines Zieles in sich[11] erlangt.  Diese Tendenz wurde im folgenden Lehramt intensiviert.

Im Gegensatz dazu wird nach traditioneller Lehre das Wohl der Ehegatten (die eheliche Liebe) in erster Linie als “gegenseitige Hilfe” und nur in zweiter Linie als “Heilmittel der Begierde” verstanden. Da die gegenseitige Hilfe als sekundär zur Fortpflanzung und Erziehung der Kinder ausgewiesen wird, muss sie vor allem in ihrem Zusammenwirken darin bestehen, dem primären Zweck der Ehe zu dienen, der Fortpflanzung und insbesondere der Erziehung ihrer Nachkommen. Die Tatsache, dass das “Heilmittel der Begierde” nach der “gegenseitigen Hilfe” erwähnt wird, bedeutet, dass die Rolle, welche die Sexualität in der Ehe spielt, eine untergeordnete ist.

 

b) Das Heilmittel der Begierlichkeit

Die Kirche lehrt, dass die Sexualität als Folge der Erbsünde ungeordnet ist. Diese Sünde war die Ursache, neben vielen anderen Dingen, für die Begierde des Fleisches, welche eine Unordnung, ein Mangel an Beherrschung und ein Streben der Sinne und der Gefühle auf ihre ureigene Befriedigung in Unabhängigkeit von der Vernunft ist. Die Ehe bietet das „Heilmittel der Begierde“ im Angebot eines geeigneten und ehrlichen Zusammenhanges für die Ausübung dieser Fähigkeit. In der traditionellen Kirchenlehre wird dieser Aspekt der Ehe entweder als der dritte Zweck der Ehe oder hier als Teil des zweiten Zweckes bezeichnet.

Bei der Unterdrückung dieses Aspekts der Ehe scheinen die Neuerer die Sexualität als ein rein natürliches Phänomen und als etwas in sich selbst Gutes zu behandeln, herausgenommen aus der Lehre der Erbsünde und aus dem negativen Licht, das sie (die Erbsünde, Anm. d. Übers.) auf diese Fähigkeit ausgießt.

 

c) Die Finalität

Wir haben festgestellt, dass das Wort finis (Zielsetzung oder Zweck) in der neuen Definition fehlt (wie es bereits in Gaudium et Spes der Fall war). Das stimmt überein mit einer Abneigung des scholastischen Denkens und seiner Terminologie, welche das Zweite Vatikanische Konzil und das folgende (moderne) Lehramt als Ganzes[12] charakterisiert. Das Ergebnis ist ein Mangel an Präzision und Klarheit im Allgemeinen, und in diesem Kanon im Besonderen. Der Zweck oder die Finalität eines Dinges bestimmt seine Natur. Die Kirche hatte immer gelehrt, dass der (primäre) Zweck der Ehe die Fortpflanzung ist. Es ist das, was ihre Natur definiert: Gott hat die Ehe für die Nachkommenschaft eingeführt.

Was bedeutet es zu sagen, dass die Ehe auf „das Wohl der Ehegatten und die Fortpflanzung der Kinder“ hin geordnet ist? Sind die beiden Elemente gleichrangig, wie die Neuerer auf dem Konzil erklären wollten? Aber wenn ja, wie kann die Natur eines einzigen Dinges von zwei verschiedenen Zielen bestimmt werden? Oder ist das erste Element das Hauptsächliche, weil es zuerst erwähnt wird? Aber wenn ja, was würde es bedeuten, dass der Hauptzweck der Ehe „das Wohl der Ehegatten“ oder die sexuelle Liebe ist, wie der Kanon anspricht (siehe oben)? Ist die Sexualität nicht selbst auf die Fortpflanzung ausgerichtet wie der Magen für die Verdauung und das Auge, um zu sehen? Und bedeutet das nicht, dass das Ziel der Ehe doch Fortpflanzung ist? Und in diesem Fall: warum wird die Fortpflanzung nicht an erster Stelle platziert?

*

In diesem Nebenkapitel sahen wir, wie die traditionelle Ehelehre verschleiert worden ist;  und wie „Liebe“ und speziell die sexuelle Liebe in der Begierde anstelle ihrer Zielsetzung, der Fortpflanzung hervorgehoben wurde. Kurz gesagt, wir haben gesehen, wie der Subjektivismus das Übergewicht über die objektive Realität gewonnen hat, und „positive“ über „negative“ Elemente.

*

Bevor wir zum nächsten Unterabschnitt gehen, wollen wir kurz zeigen, wie die Bedeutung, die der sexuellen Liebe beigemessen wurde, durch das nachfolgende Lehramt untermauert wurde. Die im kanonischen Recht kodifizierte neue Konzeption der Ehe (CIC 1983) wurde in verschiedenen päpstlichen Enzykliken wie Familiaris Consortio und im Katechismus der katholischen Kirche (§ 1601) zitiert[13].

In diesem Katechismus finden wir auch die Lehre, dass die Sexualität auf die eheliche Liebe des Mannes und der Frau hin geordnet ist (§ 2360). Hier wird die eheliche Liebe als sexuelle Liebe verstanden, und die Fortpflanzung wird noch nicht einmal mehr erwähnt.

Eine weitere neuartige Lehre über die Sexualität findet sich im Katechismus nach § 2332:

» Die Geschlechtlichkeit berührt alle Aspekte des Menschen in der Einheit seines Leibes und seiner Seele. Sie betrifft ganz besonders das Gefühlsleben, die Fähigkeit, zu lieben und Kinder zu zeugen und, allgemeiner, die Befähigung, Bande der Gemeinschaft mit anderen zu knüpfen.

Aber was bedeutet es, zu sagen, dass „Sexualität alle Aspekte der menschlichen Person berührt“? Wie kann sie den rein geistigen Aspekt der Person beeinflussen, der zum Beispiel in ihrem Verhältnis zu Gott einbezogen ist? Und wie betrifft das die Befähigung, Bande der Gemeinschaft mit anderen zu knüpfen? Bande der Gemeinschaft können entweder geschmiedet oder auch vernünftig verstärkt werden, wenn man jemandem Almosen gibt oder emotional, wenn man seine Zuneigung für jemanden ausdrückt. Aber die Sexualität bezieht sich sicher nicht auf den erstgenannten Fall, und auch nicht unbedingt auf den letzteren. Der letztgenannte schließt sinnliche Liebe ein, aber sexuelle Liebe ist nicht die einzige Form der sinnlichen Liebe, die es gibt; z.B. bei der familiären Liebe, bei der eine Mutter ihr Kind umarmt.

Hier wird der Sexualität wieder eine Wichtigkeit zugemessen, diesmal durch Verallgemeinerung, mehr in Übereinstimmung mit der Freudschen Psychologie als mit irgendeiner gesunden, geschweige denn katholischen Anthropologie.

Vom (Zeitpunkt) der Promulgation von Gaudium et Spes an sehen wir dann einen immer intensiveren Geist der Erotik in der ehelichen Ethik.

[1] Vgl. die Praeambula fidei in der Apologetik

[2] – alles Eigenschaften der der gefallenen Natur. Ihre philosophische Ausgestaltung wurde insbesondere von der modernen Philosophie gefärbt, die man als die „Philosophie der gefallen Natur“ beschreiben kann. Nur der limitierte Platz hindert den Autor an der Ausführung dieses Punktes an dieser Stelle

[3] AAS XXVI, 1944; Schreiben an die italienischen Hebammen, 1951.

[4] Wie von Mgr. Lefèbvre berichtet, siehe Das Konzil von Papst Johannes S.67, Michael Davies, Augustine Publishing co. 1977

[5] Wie von Erzbischof Dwyer berichtet, ebd.

AAS XXVI, 1944; Schreiben an die italienischen Hebammen, 1951.

[6] eine erotisierende Doktrin, wie wir in Kürze sehen werden

[7]    Vgl. „Angriff auf dieEhe“.

[8] Matrimonii finis primarius est procreatio atque educatio prolis; secundarius mutuum adjutorium et remedium concupiscentiae.

[9] Matrimoniale foedus… ad bonum conjugum atque ad prolis generationem et educationem ordinatum

[10]  Dasselbe kann von der Beschreibung der Ehe als einer ‘intime Partnerschaft des ehelichen Lebens und der Liebe gesagt werden’, siehe oben.

[11]    Papst Pius XII. warnt in seiner Ansprache an die Familienväter 1951 vor Propaganda, die  im Gegensatz zur kirchlichen Lehre steht

[12] Andere Beispiele sind die Lehre von der Ehe als einer „intimen Partnerschaft des ehelichen Lebens und der Liebe“ (vgl. GS 48), die eher eine psychologische Beschreibung als eine theologische Definition in Bezug auf das vinculum oder geistliche Band ist (vgl. Trienter Katechismus) und die Doktrin, dass die Sexualität mehr auf die „eheliche Liebe“ als auf die Fortpflanzung hin geordnet ist (siehe unten)

[13] Papst Johannes Paul II. wird die Theologie des Leibes als einen Kommentar zu dieser Enzyklika verstehen, die zu Recht für ihre Verurteilung der Empfängnisverhütung berühmt ist, aber auch, wie Papst Paul VI. zugab und in Konformität mit den Kommentaren Johannes Pauls personalistisch in ihrem Geist ist

Kommentar verfassen