Katharina von Genua: Traktat über das Fegefeuer (8 von 21)

Was ist die wahre Barmherzigkeit? Die Qual des Fegefeuers. Stellen Sie sich vor: Es gäbe nur den Himmel mit seinen objektiven Anforderungen und darunter die Hölle. Die meisten von uns würden wohl in der Hölle landen. Wo erlebt man die reine Objektivität? Ebenfalls im Fegefeuer, denn die Seele sieht selbst:

„Ich bin noch nicht rein, ich bin noch nicht würdig, ich gehe nicht rein“.

Ist das nicht schön? Weil wir die objektive Wahrheit spätestens in unserer Todesstunde erleben werden, daher sollen wir uns darauf vorbereiten und das hilft kein Franziskus und keine Amoris Laetitia. Objektiv ist objektiv, Sünde ist Sünde und die Hölle ist sehr heiß.

VIII. Kapitel

Ich behaupte auch noch dies: Ich sehe, wie vonseiten Gottes das Paradies kein verschlossenes Tor mehr hat, denn wer eintreten will, der tritt auch wirklich ein, Gott ist ja lauter Barmherzigkeit und steht mit seinen uns entgegengestreckten Armen da, um uns in seine Herrlichkeit aufzunehmen.

Aber ich sehe auch, daß die göttliche Wesenheit von solcher Reinheit und Lauterkeit ist, und zwar weit mehr, als sich der Mensch überhaupt vorstellen kann, so daß die Seele, die eine so minimale Unvollkommenheit an sich hätte, als der kleinwinzigste Splitter groß ist, sich so schnell als möglich in tausend Höllen stürzen würde, um ja nicht mit diesem ganz minimalen Makel in seiner Gegenwart zu erscheinen.

Da sie aber sieht, daß das Fegfeuer dazu bestimmt ist, diese Makel zu beheben, so stürzt sie sich da hinein und es scheint ihr, große Barmherzigkeit darin anzutreffen, sich von dem in ihr vorhandenen Hindernis auf diese Weise befreien zu können. Von welcher Bedeutung die Läuterung im Fegfeuer ist, kann eigentlich keine Zunge schildern und kein Herz erfassen außer der Tatsache, daß das Fegfeuer eine ähnlich schmerzliche Strafe ist wie die Hölle; und doch sehe ich zugleich, das die Seele, die in sich eine solche Makel verspürt, die Qual des Fegfeuers als Barmherzigkeit Gottes entgegennehmen würde im Vergleich zu jener Makel, die sie in ihrer Liebe behindert.

Es scheint mir auch, daß die schmerzliche Strafe jener die im Fegfeuer sind, eigentlich mehr darin besteht, zu sehen, daß die Seele noch etwas an sich hat, das Gott mißfällt und das sie freiwillig gegen eine so große Güte Gottes begangen hat, als in irgendeinem anderen Schmerz, den sie im Fegfeuer zu erleiden hat. Und das kommt, wie ich sage, daher, daß die Seele im Gnadenstand ist und die wahre Bedeutung erkennt, die dem Hindernis zukommt, das sie noch nicht Gott nahekommen läßt.

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