Markus Günther, Kirche in der Krise Diaspora Deutschland (1 von 2)

1343748577570

Wir geben hier einen Artikel von Markus Günther wieder, welcher Ende 2014 in der FAZ erschienen ist. Jawohl, in der FAZ, die Super-Dupper-Antikatholiken-Zeitung, welche sich in der Kirchenbekämpfung mit der Süddeutschen, dem Spiegel und der Zeit einen erbitterten Kampf liefert. Wer stärker drauf schlägt, hat gewonnen.  Ein ehemaliger Französisch-Lehrer von DSDZ (dem Schreiber dieser Zeilen) meinte einmal, dass in Frankreich keine Kritik der katholischen Kirche stattfindet, weil die Kirche dermaßen am Boden ist, dass ein einigermaßen fairer und redlicher Mensch nicht mehr drauf tritt. Wozu denn? Es ist doch tot. In Deutschland ist die Kirche noch mehr am Boden als in Frankreich, aber dank der Kirchensteuer steht die hohle Institution noch, wie ein Potemkinsches Dorf. Nur Fassade, kein Inhalt, keine Gläubigen, kein Nachwuchs. Durch die letzte Entscheidung der DBK Kommunion an Protestanten, also schwere Sünder, und an Ehebrecher, also schwere Sünder auszuteilen, wurde wieder einmal klar, dass es wirklich die Bischöfe sind, welche die Kirchenzerstörung betreiben. Sie können es tun, denn sie haben die Macht. Dürfen sie es denn? Natürlich nicht, denn die Kirche ist das Eigentum Gottes, welcher sie schon abstrafen wird. Diese Bischöfe sind also die Wächter des Glaubens und diese Bischöfe stellen einem Theologen, wie DSDZ, die Bescheinigung aus, dass er mit dem katholischen Glauben übereinstimmend lehrt, was man die venia legendi nennt. Ja, ja, nachdem wir jetzt alle gelacht haben, kommen wir zum Eigentlichen zurück. Welche katholischen Glauben bekennen die deutschen Bischöfe? Keinen. Ihren Eigenen, den deutsch-katholischen Staatskirchentum-Glauben, wo man aufgrund ein wenig Blah-blah-blah ein Staatsbeamter ist, 12.000 € im Monat verdient und einen Dienstwagen mit Chauffeur hat. Dabei würde der Staat es durchaus zu schätzen wissen, wenn der eine oder andere Bischof etwas zu sagen hätte und die Aufhängung der Kreuze in Bayern, angesichts der Islamisierung Deutschlands, nicht bekämpfen würde. Das gibt es aber nicht. Fehlanzeige. Die Bischöfe haben nichts zu sagen und betreiben die Dekonstruktion ihrer eigenen Kirche fleißig weiter. 

Warum tun sie das?

Weil sie Gott hassen und die Agenda derer betreiben, welche sie an diese Positionen gehievt haben. Eine andere Antwort gibt es nicht. Ann Barnhardt schreibt, dass die altliberalen Ordensleute absolut frohlocken, dass sie keinen Nachwuchs haben und ihre Gemeinschaften zugrunde gehen.

Warum?

Weil sie es auf diesem Wegen „dem System“ heimzahlen können, welches sie „dermaßen ungerecht“ behandelt hat.

Worin besteht diese Ungerechtigkeit?

Dass sie zölibatär leben mussten und offiziell keinen Sex haben durften. Sie hatten doch welchen, meistens miteinander, wovon sich das große deutsche „Miteinander“ wohl ableitet.  In anderen Ländern ist es nicht besser. Die Geistlichen hassen die Kirche, weil sie „an ihr leiden“, durch die angebliche Sexlosigkeit und „diesen ungeheuren Druck“, welchen manch eine Pastoralassistentin bestätigen wird. Wenn man sich selbst hasst, dann hasst man jeden und alles, was mit einem selbst zu tun hat. Man hasst seine Familie, seine Freunde, seinen Beruf, seine Firma. Wenn man aber ständig in der Sünde, im Widerspruch und der Lüge lebt, dann hasst man sich selbst ständig. Das ist der ewige Zustand der Dämonen, welche nicht wollen, dass es den Menschen besser geht als ihnen. Sie hassen sich und sind zugleich unsäglich stolz auf sich. Ja, daher kommt die hegelianische Dialektik der DBK und des letzten Konzils. Es ist doch nicht möglich, dass ein Bischof, der ein Quäntchen Glauben an die Wesensverwandlung hat, die Kommunion an die Ehebrecher und Protestanten beschlossen hätte. Wenn er also annehmen würde,  dass die hl. Kommunion tatsächlich der Leib Christi ist und demjenigen, der sie unwürdig empfängt, die ewige Verdammnis und ewige Höllenqualen bringt, den Bischöfen, die es beschlossen haben, natürlich auch. Und sie haben es beschlossen! Alle! Alle werden sich daran halten! Die „pastoralen Richtlinien“ dazu werden jetzt herausgegeben. Aber diese Entwicklung, welche in den letzten Entscheidungen der DBK zugespitzt offenbar wird, läuft ja seit längerer Zeit. Mindestens seit dem Konzil, eigentlich wohl aber seit der liturgischen Bewegung in den 1920ern, denn irgendwoher mussten ja Rahner und Ratzinger ihre Ideen herhaben. Markus Günther stellt die Tatsachen des Niedergangs der Kirche richtig dar und vielleicht freut er sich darüber. Wir beweinen die Zerstörung der Kirche, weil die Gnadenquellen versiegen, Christus geschändet wird und so viele Seelen auf die Hölle zurasen. Auf Wunsch und Bestimmung der „katholischen“ Bischöfe Deutschlands.

Ist Deutschland ein christliches Land? Wie man’s nimmt. Auf dem Papier binden die Kirchen noch Millionen Menschen. Doch im Leben des Einzelnen ist ihre Macht gering. Aus der Spätzeit des Christentums.

29.12.2014, von Markus Günther

In der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember, fast auf den Tag genau vor 50 Jahren, irrte ein Student namens Franz durch die Straßen Münsters. Er konnte nicht schlafen. Zu aufgewühlt war er von der Predigt, die er am frühen Abend im Dom gehört hatte von einem jungen Priester und Professor, nur ein paar Jahre älter als er selbst, der Advent und Weihnachten auf ganz neue, ja revolutionäre Art deutete: Die alte Lehre, nach der die menschliche Geschichte sich in die Zeit des Dunkels und die des Heils teilt, die Zeit vor und nach Christi Geburt nämlich, könne doch heute niemand mehr ernst nehmen, sagte der junge Theologe. Wer wolle nach den Weltkriegen, nach Auschwitz und nach Hiroshima noch von der Zeit des Heils sprechen, die vor 2000 Jahren in Bethlehem begonnen habe? Nein, die Grenze zwischen dem Dunkel und dem Licht, zwischen Gefangenschaft und Erlösung, gehe nicht mitten durch die Geschichte, sondern mitten durch unsere Seele. Der Advent finde nicht im Kalender statt, sondern in unseren Herzen – oder er breche genau dort ergebnislos ab. Das ist starker Tobak, und man kann sich gut vorstellen, dass der Student nach dieser Predigt keinen Schlaf fand, sondern allein sein wollte, um das alles für sich zu durchdenken.

Heute sind die beiden alte Männer, der Student und der Prediger dieses denkwürdigen Abends in Münster, Franz Kamphaus, der damals eine schlaflose Nacht erlebte, und Joseph Ratzinger, der als 37-jähriger akademischer Jungstar die Theologiestudenten aufrüttelte. Erstaunlich, wie sich da die Lebenswege der beiden zum ersten Mal kreuzten. Im Rückblick stehen gerade diese beiden Namen, Ratzinger und Kamphaus, für zwei Wege der Kirche in Deutschland, die man nicht mit rechts und links beschreiben muss, die aber doch sehr gegensätzlich waren. Beide versuchten, das Christentum unter veränderten Bedingungen neu zu verkünden und irgendwie in die moderne Welt hinüberzuretten – und sie stritten erbittert um die richtigen und falschen Kompromisse im Verhältnis zwischen Christ und Welt. Aber jetzt, am Lebensende, verbindet die beiden über alle Distanzen hinweg eine gemeinsame Bilanz des Scheiterns: Das Christentum in Deutschland ist ideell bankrott.

Kirche in Deutschland gleicht der späten DDR

Daran hat die bescheidene, gewinnende Art von Kamphaus nichts geändert und auch nicht die kluge Theologie Ratzingers, der von Rom aus Deutschland mitregierte. Nicht einmal ein deutscher Papst – wer hätte das übrigens 1964, keine 20 Jahre nach Kriegsende, überhaupt für denkbar gehalten? – konnte das Christentum in Deutschland reanimieren. Vom deutschen Pontifikat ist außer ein bisschen Nationalstolz und schönen Fotos nichts geblieben. Kamphaus und Ratzinger, Modernisten und Traditionalisten, eifrige Reformer und eiserne Konservative, sie alle stehen in Deutschland vor einem gemeinsamen Scherbenhaufen.

Natürlich kann man all das bestreiten. Man kann etwa sagen, dass Deutschland doch immer noch ein christliches Land sei, weil fast zwei Drittel aller Deutschen einer der beiden großen Kirchen angehören, weil die Kinder auch in staatlichen Schulen Religionsunterricht bekommen, weil in unseren Gerichten und Schulen die Kreuze hängen und weil die Kirchen wertvolle Arbeit leisten in Kindergärten und Krankenhäusern. Sogar in der Präambel des Grundgesetzes steht noch der Gottesbezug, und die Kanzlerin hat beim Amtseid Gottes Hilfe beschworen. Ist Deutschland etwa kein christliches Land?

Ja, die historische Kulisse steht noch, das ist wahr, und sie ist verblüffend gut erhalten. Doch in vielem gleicht die Kirche in Deutschland heute der späten DDR: sieht stabil aus, steht aber kurz vor dem Kollaps. Und wie in der späten DDR machen sich viele Funktionäre etwas vor. Pfarrer und Bischöfe, auch viele Aktive in den Pfarrgemeinden sehen blühende Landschaften, wo längst Wüste ist. Liebe macht eben blind. Und dort, wo es um die eigene Existenz geht, vernebelt oft Zweckoptimismus den nüchternen Blick auf die Realität.

Als Glaubensgemeinschaft versagt

Bei der Selbsttäuschung helfen die glänzenden Fassaden und robusten Strukturen: Es gibt hierzulande 45.000 Kirchen, und die meisten sind – rein baulich – gut in Schuss. In diesem Jahr nehmen die katholische Kirche und die evangelische Kirche in Deutschland so viel Geld ein wie nie zuvor. Die deutsche Kirchenmusik ist die beste der Welt. Es gibt noch 44000 katholische Trauungen pro Jahr und 225.000 evangelische Konfirmationen. Ist das nichts? Fehlt nur noch das Argument, dass die Kirchen der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland sind und mehr als einer Million Menschen einen sicheren Arbeitsplatz bieten. – Dann ist die Kirche endgültig auf dem Legitimationsniveau der örtlichen Müllverbrennungsanlage angekommen.

Nein, eine Kirche kann weder allein als Arbeitgeber noch als Stütze des Sozialsystems ernst genommen werden, sondern nur als Glaubensgemeinschaft. Und genau das, die gemeinsamen Glaubensinhalte, hat sich weitgehend in Luft aufgelöst. Dass nur ein Drittel der Deutschen an die Auferstehung Christi glaubt, müsste die Kirchen schon einigermaßen beunruhigen, wenn doch nach Aktenlage zwei Drittel Christen sind. Doch es ist noch viel schlimmer: Selbst unter den Gläubigen werden zentrale Inhalte der christlichen Botschaft massenhaft abgelehnt. 60 Prozent glauben nicht an ein ewiges Leben. Dagegen glaubt jeder vierte Deutsche, dass die Begegnung mit einer schwarzen Katze Unglück bringt. An Ufos glauben zwischen Flensburg und Oberammergau mehr Menschen als ans Jüngste Gericht. Willkommen in der deutschen Diaspora.

Gottesdienste werden einfach ohne Gott weitergefeiert

Wie wenig die Kirchenmitgliedschaft heute noch mit dem Glauben zu tun hat, offenbarte eine Meinungsumfrage des Instituts Allensbach im Auftrag der katholischen Kirche. Sie fiel allerdings so verheerend aus, dass die Ergebnisse nie veröffentlicht wurden. Auf die Frage, warum sie katholisch seien, antworteten 68 Prozent: „Weil man dann wichtige Ereignisse im Leben kirchlich feiern kann, zum Beispiel Hochzeit, Taufe.“ Auch beim zweithäufigsten Grund kann man die herzerfrischende Ehrlichkeit nur bewundern: „Es gehört für mich einfach dazu, das hat in unserer Familie Tradition.“ Es versteht sich von selbst, dass diese Gründe nicht als religiös gelten können, sondern einfach kulturelle, soziale Gründe sind. Die meisten Geistlichen vor Ort können den Befund bestätigen: Kirche funktioniert heute dort am besten, wo sie eine glänzende Feier verspricht. Eine Trauung in Weiß, oft in einer fremden, aber imposanten Kirche, ist immer noch sehr gefragt, ebenso die Bilder vom Kommunionkind im weißen Kleid oder vom Konfirmanden im dunklen Anzug. Doch fast jeder dritte Konfirmand glaubt gar nicht an Gott. Da drängt sich noch mal der Vergleich zur DDR auf: Als der Sozialismus längst bankrott war, stand die Jugendweihe immer noch hoch im Kurs. Sie hat sogar den Untergang der DDR überlebt und wird inzwischen, von sozialistischen Inhalten befreit, einfach sinnentleert weitergefeiert. Auch viele Gottesdienste sind heute so ausschließlich kulturelle Ereignisse (also: wöchentlicher Treffpunkt, jährliche Folklore, Familienfest), dass sie auch nach dem endgültigen Beweis von Gottes Nichtexistenz genauso gut weitergefeiert werden könnten.

Die Spätzeit des Christentums in Deutschland hat begonnen. Die Kirchensteuer wird entweder unter politischem Druck abgeschafft oder versiegt spätestens ab 2030 sowieso; die letzte christlich sozialisierte und kirchlich aktive Generation scheidet bald aus dem Arbeitsleben aus und stirbt in den nächsten drei Jahrzehnten. Dann bricht auch die Fassade der Kirche zusammen. Dahinter wird eine Minderheit zum Vorschein kommen, die nicht viel größer sein wird als die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas.

Es geht konstant bergab

Dagegen wird alle paar Jahre in den Medien die Renaissance des Religiösen ausgerufen, vorzugsweise zur Weihnachtszeit. Journalisten und Soziologen wollen dann wieder einmal einen Trend ausgemacht haben: die Rückbesinnung auf die christlichen Wurzeln, die Sinnsuche einer neuen Generation, erst einen Benedikt- und neuerdings einen Franziskus-Effekt. Tatsächlich gibt es keinerlei Anhaltspunkte für eine solche Wendung. Die Zahlen bewegen sich konstant in eine Richtung: bergab. Allein im Jahr 2013 verlor die katholische Kirche schon wieder zehn Prozent ihrer Gottesdienstbesucher.

Die Rückbesinnung aufs Religiöse gibt es nicht. Aber interessanterweise steigt auch die Zahl der Atheisten kaum. Man könnte ja meinen, dass die Abwendung von den Kirchen mit einem kräftigen Aufschwung des Atheismus einhergehe. Doch davon kann keine Rede sein. Selbst denen, die mit traditionellen Religionen wenig anfangen können, reicht die Erklärung offenbar nicht, dass es irgendwann einmal nichts gab und dann durch einen Urknall das Weltall entstand; dass die Menschheit durch evolutionäre Zufälle entstanden ist und jeder einzelne Mensch auch; dass die Welt nur aus dem besteht, was man sehen, messen und begreifen kann; dass mit dem Tod einfach alles aus ist. Die Frage nach dem Woher und Wohin, die Frage nach Gott ist im Menschen angelegt. In den entscheidenden Momenten – also etwa wenn es um Krankheit und Tod geht, um die Abgründe des eigenen Lebens, um Schuld und Scheitern, Hoffnung und Trauer und nicht zuletzt: um die Erfahrung der Liebe – dort dringt die Frage nach Gott auch immer wieder ins Bewusstsein vor. „Wäre eines Tages jede Religion verschwunden und sogar das Wort „Gott“ vollständig ausgetilgt“, sagte einmal Karl Rahner, „dann würde man doch dieses Wort neu erfinden für das namenlose Geheimnis unserer Existenz.“

Kommentar verfassen