Markus Günther, Kirche in der Krise Diaspora Deutschland (2 von 2)

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Religionen müssen absolute Wahrheiten formulieren

Für die große Mehrzahl der Menschen in- und außerhalb der Kirche bleibt die Frage nach Gott ein Leben lang ein Thema, mit dem sie nie ganz fertig werden. Die Wechselfälle des Lebens spiegeln sich auch in der Biographie des Glaubens. Entschlossener Atheismus ist die Ausnahme; ein vager, oft diffuser Glaube ist heute der Normalfall. Man könnte auch sagen: Es gibt sie noch in großer Zahl, die Suchenden und Zweifelnden, die, die nach Gott fragen und neugierig sind auf Antworten – aber die Kirchen erreichen diese Menschen immer seltener.

Aber warum finden die Suchenden die Wegweiser nicht mehr? Warum passen Angebot und Nachfrage nicht zusammen? Die populärste Antwort auf diese Frage lautet: weil die Kirche nicht mehr zeitgemäß ist. Sie müsste sich stärker der Lebenswirklichkeit der heutigen Menschen anpassen. Das klingt vorderhand plausibel, ist aber bei genauerem Hinsehen Unsinn. Denn die Evangelische Kirche in Deutschland hat so ziemlich alles getan, was von der katholischen Kirche immer noch verlangt wird, um endlich zeitgemäß zu sein: Frauenpriestertum, Abschaffung des Zölibats, Liberalität bei Moralfragen, volle Akzeptanz von Homosexuellen und Geschiedenen. Wären das tatsächlich die Gründe für die Malaise des Christentums, müsste es den Protestanten viel besser gehen als den Katholiken. Doch das ist nicht so. Ein zweiter Denkfehler kommt beim populären Zauberwort zeitgemäß“ hinzu: Wo sich die Kirche nicht auf zeitlose, unverfügbare Wahrheiten beruft, entlarvt sie sich selbst als reines Menschenwerk. Politische Programme müssen zeitgemäß sein, Unterhaltungsangebote auch; eine Religion muss absolute Wahrheiten für sich in Anspruch nehmen können – oder es ist keine Religion.

Außer Tamtam und Brimborium nix gewesen

Stattdessen haben beide Kirchen in Deutschland – nicht immer offiziell, aber de facto, im praktischen Leben halt – zentrale Glaubensinhalte längst aufgegeben. Im Versuch, niemanden zu verprellen und den Zugang zum Glauben möglichst leicht zu machen, wurde vieles ein bisschen weichgespült: Aus Jesus als „Sohn Gottes“ wurde Jesus, ein vorbildlicher Mensch wie Buddha und Gandhi auch. Aus der Auferstehung Christi wurde eine Legende, die man nicht wörtlich nehmen soll, sondern mehr so im Sinne von „Wer im Herzen seiner Lieben lebt, ist nicht tot“. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Verkündigung besteht oft nur noch aus einer Wohlfühlprosa, die ein möglichst breites Publikum ansprechen soll und gerade dadurch beliebig wirkt. Frieden in der Welt, mehr Gerechtigkeit für alle, auch selbst nicht immer so egoistisch sein – darauf kann sich jede Versammlung halbwegs anständiger Menschen einigen. Ein Appell der Unesco oder von Greenpeace klingt auch nicht viel anders. Gott braucht’s dafür nicht.

Wenn alle Jahre wieder, zu Weihnachten nämlich, die Kirchen doch noch einmal voll sind, geht es festlich zu, doch der Funke des Glaubens springt nur selten über. Viele Gottesdienstbesucher wundern sich – über die Kirche und über sich selbst. Was genau haben sie hier gesucht? Und warum haben sie nichts gefunden? Von sakralen Handlungen ist meist nur wenig zu spüren. Landet der spirituelle Nomade in einer traditionell geprägten Liturgie, ist das Ergebnis auch nicht besser. Denn der Fremde bleibt hier erst recht fremd und wendet sich ratlos wieder ab. Liturgie setzt viel Wissen voraus, sonst sieht man nichts als Tamtam und Brimborium.

Glauben ohne Bilder ist Ideologie

Vielleicht steht sich der Mensch von heute mit seiner aufgeklärten Schlauheit auch manchmal selbst im Weg. Glaube braucht einen Schuss Naivität, die Bereitschaft, die Kontrolle aus der Hand zu geben und sich auf Unbegreifliches einzulassen. Tastend und hoffend. Kein Wunder, dass das den meisten immer schwerer fällt in einer Welt, die gerade dabei ist, die letzten unberührten Domänen des Daseins – Sexualität, Liebe, Geburt, Sterben – industriell durchzuorganisieren. Die totale Kontrolle, die volle Alleinherrschaft über das eigene Leben ist angesagt; ein ungünstigerer Nährboden für den Glauben ist kaum denkbar.

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Doch die Kirchen haben auch selbst viel dazu beigetragen, Frömmigkeit und Glaubensnaivität, oder besser: die Unmittelbarkeit religiöser Bilder zu zerstören. In den Köpfen wurde der Sturm auf die traditionellen Vorstellungen angezettelt. Vielleicht ist das die verhängnisvollste Entwicklung der modernen Theologie gewesen: die Inhalte von ihren Bildern lösen zu wollen, den Glauben zu abstrahieren und darauf zu vertrauen, dass der Mensch von heute mehr mit einem Begriff als mit einem Bild anfangen kann. Ein Irrtum. Ein Glaube ohne Bilder ist eine Ideologie, und über eine Ideologie entscheiden der individuelle Verstand und die Mode der Zeit. Ein Bild bleibt ein Bild, fordert heraus, fasziniert, irritiert, wird angenommen oder abgelehnt, aber es behauptet sich selbst. Wer die Bilder zerstört, lässt auch von den Begriffen nichts mehr übrig. Wer sich Gott nicht mehr als Person vorstellen will, sondern lieber als abstraktes Wesen, als Energie oder Kraft, der wird darüber auch den Glauben verlieren. Jede menschliche Beziehung – und der Glaube ist nichts anderes als das – braucht als Gegenüber eine lebendige Person.

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