Hilary White, Papst Franziskus versus kontemplative Orden (2 von 4)

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Autonomie versus Unabhängigkeit

Eines der Themen, dem sich die Medien verschrieben haben, ist die ganze Geschichte der „Autonomie“ von Klöstern. Viele der Schlagzeilen schrien: „Der Vatikan bestätigt die Autonomie der Nonnen“ oder ähnlich. Aber dieses Wort bedeutet nicht das, was sie meinen. Tatsächlich ist das Wort „Autonomie“ der Schlüssel zum Verständnis dieser ganzen Sache. Es erscheint in dem Dokument 16mal, und „autonom“ 30mal.

Tatsächlich wird „Autonomie“ als das einzige wichtigste Kriterium der Lebensfähigkeit eines Klosters dargestellt. Dies wird so oft wiederholt, dass man beinahe meinen könnte es gebe in Rom Bedenken, dass das „fruchtbare“ nachkonziliare monastische Leben in Gefahr sei, zu verpuffen … mit … Grund …

6. Monasterium sui juris bezieht sich auf das Ordenshaus einer weiblichen monastischen Gemeinschaft, die, im Besitz der notwendigen Mittel für ein Leben in echter Autonomie, legitim vom Heiligen Stuhl errichtet wurde und sich juristischer Autonomie unter dem Gesetz erfreut.

18. Um für ein Frauenkloster juristische Autonomie zu erhalten, wird echte autonome Lebensfähigkeit vorausgesetzt, d. h. die Fähigkeit, das Leben im Kloster in all seinen Dimensionen (Berufungen, Ausbildung, Leitung, Beziehungen, Liturgie, Wirtschaft …) zu leiten. In diesem Fall ist ein autonomes Kloster am Leben und lebensfähig.

43. Die Autonomie des Lebens, eine ständige Voraussetzung, die juristische Lebensfähigkeit zu erhalten, muss ständig von der Föderationspräsidentin verifiziert werdendie, wenn einem Kloster nach ihrem Urteil die Lebensautonomie fehlt, den Heiligen Stuhl im Hinblick auf die Bestellung einer ad-hoc-Kommission informieren muss.

67. Der Zusammenschluss (mit einem anderen Kloster, das vom Vatikan ernannt wird), kann eine Möglichkeit zur Erholung und Wiederbelebung sein, wenn die Autonomie teilweise gefährdet ist. Wenn die Situation der Unfähigkeit irreversibel ist, bleibt als ebenso schmerzvolle wie notwendige Lösung die Auflösung des Klosters.

121. Wenn ein autonomes Kloster keine echte Lebensautonomie besitzt, liegt es in der Verantwortung der Föderationspräsidentin, die Angelegenheit dem Heiligen Stuhl anzuzeigen.

Gleichzeitig definiert dieses Dokument den Begriff „autonom“ um, um Unabhängigkeit auszuschließen. Was in der kurzen Pressemeldung keine Erwähnung fand, war das Bestehen des Dokuments darauf, dass alle Nonnenklöster einer Föderation angehören müssen, und obwohl die Klöster „Autonomie“ demonstrieren müssen, wird ihnen wenig davon in Form von Selbstverwaltung zugestanden.

Wie wir sehen werden, sind die Föderationen nun ein vielschichtiges System interner Überwachung und zentralisierter Kontrolle, das Orwell in den Schatten stellt:

7. Föderation von Klöstern bedeutet eine Struktur der Gemeinschaft zwischen einigen autonomen Klöstern des selben Instituts[4], sie wird vom Heiligen Stuhl errichtet, der die Statuten genehmigt, so dass die zusammengeschlossenen Klöster dasselbe Charisma teilen und so die Isolation überwinden und regelmäßige Überwachung und ein kontemplatives Leben fördern.

Beachten Sie die Veränderung: „unabhängig“ wird durch „isoliert“ ersetzt[5].” Das erinnert mich an eine Unterredung, die ich mit der Oberin eines Benediktinerinnenklosters im Königreich England hatte. Sie sagte, sie hatte gedacht, dass der psychiatrische Test, der 2008 noch immer die große Mode in den Häusern ihrer Föderation war, übertrieben und nicht hilfreich war. Sie traute dem übermäßig säkularisierten Feld der Psychologie nicht zu bestimmen zu helfen, ob eine Kandidatin für das Ordensleben geeignet war; daher verlangte sie diesen Test nicht von den Postulantinnen ihres Klosters. Sie sagte auch, dass sie unter ständigem Druck stand, sowohl dem unterschwelligen Druck der allgemeinen Missbilligung der Mitschwestern als auch der offenen Bitte der Föderationsleitung, sich anzupassen. War dieses Kloster „isoliert“? Oder führte es gesetzeskonforme Selbstverwaltung durch?

Und gesetzt den Fall, Autonomie ist das einzige Kriterium für die Lebensfähigkeit eines Klosters so scheint es, dass der Heilige Stuhl nicht daran interessiert ist zu fragen, ob das Kloster tatsächlich dem Charisma treu ist, oder gar dem katholischen Glauben – eine Frage, die ernsthaften Katholiken eine zeitlang auf den Nägeln brannte. Das Wort „Treue“ erscheint in dem Dokument viermal, was uns eine Idee davon vermitteln mag, wie groß das Interesse des Vatikans an dieser Fragestellung ist.

[4] „Dasselbe Institut“ bedeutet den fraglichen Orden, ob Benediktinerinnen, Dominikanerinnen, Karmelitinnen etc.

[5] Ich würde so gerne von einem Oberen eines monastischen Klosters hören, der den Mut hatte, Rom zu sagen: „Tatsächlich, gesetzt den Fall, all unsere Ordensnächsten sind wütende neomodernistische Häretiker, wenn nicht Schismatiker, so denken wir, dass „Isolation“ etwas erstrebenswertes ist – wie eine Quarantäne während dem Ausbruch der Beulenpest – und wären daher gerne befreit von den Anforderungen der Föderation.“ Ich würde gutes Geld dafür bezahlen um den Purpurton zu sehen, der das Gesicht des wohlgenährten Braz de’Aviz überzieht.

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4 Einträge zu „Hilary White, Papst Franziskus versus kontemplative Orden (2 von 4)

  • Sobald in einem Text ein Begriff über Gebühr verwendet wird – wie im zitierten „Autonomie“ – ist sowieso Skepsis geboten. In der Regel soll dann gleichsam „proaktiv“ nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ ein Mangel verschleiert werden. Ob weltlich, ob kirchlich, das Schmierentheater wird immer nach den gleichen Regeln aufgeführt: Wert wird auf schöne, der Öffentlichkeit vorzeigbare Kulissen („Autonomie“) gelegt, man entwirft schicke „Selbstbilder“, ansprechende „Ethik-Codes“ und wer weiß was alles – im weltlichen Leben kleiden Schöngeister in Leitungspositionen ihre Anordnungen übrigens gerne vornehm als „Empfehlungen“. Quasi „hinter den Kulissen“ sorgt dann u.a. knallharter Konformitätsdruck in Sitzungen dafür, das sich jeder brav an das „Drehbuch“ hält – positives Feedback nur bei Anpassung, negatives Feedback bei selbstständigem Verhalten (klappt dem Vernehmen nach bei „Bischofskonferenzen“ famos…).

    Mit „lustigen Späßchen“ aus dem passiv-aggressiven Repertoire auf seine Kosten (süffisante Anmerkungen, spitze Bemerkungen, abfälliges Lächeln etc.) wird versucht, jeden „Abweichler“ weich zu kochen. Wobei oft einer oder zwei hier zurückhaltend sind („Good Cop, bad Cop“) und ihm Verständnis vorheucheln, für ihren Beistand dann aber auch etwas „Entgegenkommen“ erwarten. Da braucht es starkes Selbstbewusstsein, dies immer wieder auszuhalten (vielleicht ein Grund dafür, dass so viele Waschlappen in Führungspositionen kommen…? 😉 ), denn wenn jemand allzu hartnäckig auf seine verbrieften Rechte pocht, wird er „von allen anderen“ als seltsam, gar verschroben angesehen, „geistig nicht flexibel genug“, um sich auf neue Gegebenheiten einzustellen.
    Kurz gesagt: Die Diagnose psychischer Probleme bei diesem „Sonderling“ läßt in der Regel dann nicht lange auf sich warten…

    Interessant am Rande die Verwendung pseudojuristischer Definitionen, die vorgeblich einen konkreten Sachverhalt durch Tatbestände erfassen und eine genaue Rechtsfolge suggerieren. Schaut man genauer hin, wird lediglich eine Leerformel durch eine andere ersetzt („echte autonome Lebensfähigkeit“ = „das Leben im Kloster in all seinen Dimensionen“, u.a. „Leitung“[?], „Beziehungen“[?], „Liturgie“[?]). Abseits dieser gekünstelten und aufgeblähten Rechtsmechanik genügt de facto bereits der deutliche Hinweis Roms „unter der Hand“ an die betreffende „Föderationspräsidentin“, man rechne demnächst mit ihrer Anzeige betreffend Kloster XY…

    Mundus vult decipi, ergo decipiatur.

    • Ja, richtig erkannt, aber durch die ständige Notwendigkeit Druck und Angriffe auszuhalten wird man härter, da sich Hornhaut bildet.

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