Augustin Poulain SJ, Die Fülle der Gnaden. (22) Kapitel: Vorstufen der Mystik? (12) Gebet der Einfachheit und Beschauung (viii). Tipps für das Gebet der Einfachheit.

Pater Poulain schreibt zu recht:

„Manchmal weiß der Pönitent nicht zu erklären, worin eigentlich sein inneres Gebet besteht“.

Wir haben es also mit einer recht exotischen Situation zu tun, in welcher folgende Elemente vorkommen:

a. ein Pönitent erzählt über sein inneres Gebet und nicht über seine Sünden,

b. ein Priester hört zu, da er

c. aufgrund seines eigenen Gebetslebens

d. die Gebetsentwicklung des Pönitenten einstufen und leiten kann.

Ja, ja, ja, nachdem wir jetzt alle herzlich gelacht haben, insbesondere die Ordensschwestern, die uns auch lesen, wenden wir uns der traurigen nachkonziliaren Wirklichkeit zu. Wie in jeder Kommunikation gibt es innerhalb der geistlichen Leitung, die auch im Beichtstuhl stattfinden kann, den (i) Sender und den (ii) Empfänger. Zwischen dem (i) Sender und dem (ii) Empfänger gibt es noch die (α) Inhaltsebene und die (β) Beziehungsebene. Kommen wir jetzt zur (α) Inhaltsebene. Sie können als (i) Sender so viel senden wie Sie wollen, wenn der (ii) Empfänger nicht empfangen kann, weil er:

a) die Sprache, in der Sie sprechen nicht versteht,

b) die Inhalte, die Sie weitergeben nicht kennt,

c) nichts hört, weil er taub ist,

so findet objektiv keine Kommunikation statt.

Wenn aber ihm die (α) Inhaltsebene zugänglich ist, aber die (β) Beziehungsebene nicht stimmt, weil er Sie nicht mag und ablehnt, dann findet ebenfalls keine Kommunikation statt.  Nehmen wir ein Beispiel aus unserer Beichtpraxis. Ein Beichtkind sagt:

„Ich finde den ersten Punkt nach (1) Pater Poulain SJ, wonach man sich beim (2) Gebet der Einfachheit keinen Zwang antun sollte, sehr bedenklich. Ist es nicht (3) laissez-faire, (4) Quietismus oder (5) Esoterik? Wie sehen es (6) andere geistliche Autoren?“

Wir haben es also mit einer Aussage mit 6 inhaltlichen Elementen zu tun. Der durchschnittliche oder auch überdurchschnittliche Geistliche wird auf der (α) Inhaltsebene Folgendes hören:

„Ich finde den ersten Punkt nach (1) X [keine Ahnung], wonach man sich beim (2) Gebet der Y [keine Ahnung] keinen Zwang antun sollte, sehr bedenklich. Ist es nicht (3) Z [Fremdwort], (4) Z1 [Fremdwort] oder (5) Esoterik? Wie sehen es andere (6) geistliche Autoren [keine Ahnung]?“

Dies bedeutet er wird von 6 Elementen nur eins (5) Esoterik verstehen können, welches er nicht richtig einordnen wird, weil ihm die übrigen 5 Elemente fehlen. Eine Kommunikation wird also nicht stattfinden, weil der Empfänger die Inhaltsebene nicht versteht.  Ein Priester, der sich keine Blöße geben wird, wird in etwa so antworten:

A. „Es ist wichtig die bewährten Gebetsformen zu praktizieren, wie den Rosenkranz und die bewährten geistlichen Autoren zu lesen, wie hl. Johannes Paul II und hl. Faustina Kowalska [Ironie aus].“

Natürlich müsste die richtige Antwort wie folgt lauten:

B. „Ich bin zu unbelesen in dieser Thematik, um zu antworten zu können. Ich kann diese Fragen nicht beantworten.“

Es könnten noch folgen:

C. „Geben Sie mir Zeit, so werde ich mich kundig machen“

bestenfalls noch

D. „Gehen Sie bitte zum Hochwürden XYZ, der kennt sich aus“.

Nach der Erfahrung von DSDZ folgt A in 90%, B in 7%, C in 2% und D in 1%, wobei Hochwürden XYZ auch keine Ahnung hat.

Auf der (β) Beziehungsebene hört der Empfänger, falls er den Sender nicht kennt oder nicht mag, jedoch folgendes:

„Ich werde Dir gleich zeigen, Du Pfaffe, wie gebildet und geistlich fortgeschritten ich bin und stelle Dir jetzt ein 100.000 EUR frage, die Du sicherlich nicht beantworten kannst. Und zwar … Na siehst Du, wie dumm und inkompetent Du bist?“

Dann folgt Angriff und Aggression und eine Standpauke über das Pharisäertum und die Notwendigkeit der Demut. Mag der Priester den Pönitenten aber und weiß auf der Inhaltsebene mit dem Inhalt nichts anzufangen, dann hört er folgendes:

„Ich will Gott nachfolgen, weiß aber nicht wie und komme zu Dir als einer Autorität, der ich vertraue und habe die folgende Frage ….Ich bin hilflos und Du hilfst mir nicht.“

Dann wird sich der Priester hilflos und unnütz fühlen, den Pönitenten nach Möglichkeit meiden oder weiter verweisen, damit seine eigene Blöße nicht offenbar wird. Eine Kommunikation findet also auch dort nicht statt.

Was aber Pater Poulain SJ meint, auf den wir endlich zurückkommen, ist, dass der Pönitent (1) die Inhalte, die dem (2) Sender bekannt sind, nicht richtig in Worte fassen kann, weil sie dermaßen unweltlich sind. Deswegen, so Pater Poulain, darf der Seelenführer nicht „eine unmögliche Klarheit fordern“. Wenn also Pater Poulain SJ, der sein Buch 40 Jahre lang geschrieben hat dies schreibt und Kardinal Bona Ähnliches behauptet, so liegt es nicht am Subjektivismus, sondern daran, dass diese Inhalte tranzendent sind, da sie vom transzendenten, also übernatürlichen, immateriellen und unweltlichen Gott, der überaus heilig ist, handeln. Über die Unzulänglichkeit der Sprache, Göttliches wiederzugeben, schrieben schon Plato, Aristoteles, Neuplatoniker und natürlich alle Mystiker. DSDZ bekam heute, am 31.07.2018 am Fest des hl. Ignatius von Loyola, einen geharnischten Brief, von jemanden, der ihn unter anderem anklagt, „sich auf der Gefühlsebene in Widersprüche zu verwickeln“. Was meint dieser Leser damit? Er meint, dass all das, was DSDZ als „sensus fidei“, „geistliche/spirituelle Wahrnehmung“, „Geistesunterscheidung“, „geistliche Wirkung“ bezeichnet, nur Gefühle seien, im Sinne der emotionalen Affekte wie Freude, Schmerz, Hoffnung, Angst (passiones principales) und diejenigen Gefühle, die von ihnen anhängen. Dies ist aber nicht der Fall und der Leser ist sich nicht im Klaren darüber, dass er mit seinen Argumenten:

  1. den Glaubenssinn (sensus fidei), die übernatürliche Ebene im Menschen, welche den übernatürlichen Gott wahrnimmt, leugnet  und ferner
  2. einen modernistischen Glaubensbegriff des „Gefühl“ oder der „Innerlichkeit“ (nach Schleiermacher) verwendet.

ad 1.

Wenn Gott real ist und uns eine Teilnahme an seinem innergöttlichen Leben verleiht, so müssen wir doch ein Vermögen in unserer Seele haben, wodurch diese Teilnahme möglich ist. Wenn Gott übernatürlich ist, dann müssen wir ein Vermögen der übernatürlichen Erkenntnis besitzen, Stichwort: Gottesschau und Seelenschau.

 

ad. 2

Ein Akt der spirituellen Wahrnehmung (z. B. „Dieser Priester ist nicht im Gnadenstand“) ist weder mit dem Glaubensakt noch mit einem Gefühlsakt gleichzusetzen. Die Religion ist auch nicht, nach Pascendi, mit dem Gefühl gleichzusetzen. So lesen wir dazu im Denzinger-Hünermann (DH 3477) Folgendes:

Dabei schreiten sie [die Modernisten] nämlich folgendermaßen vom einen zum anderen fort. Die Religion – […]  ist also im Menschen selbst zu suchen: und weil die Religion eine bestimmte Form des Lebens ist, ist sie ganz im Leben des Menschen zu finden. Aufgrund dessen wird das Prinzip der religiösen Immanenz behauptet. Bei einem jeden vitalen Phänomen – ein solches ist, wie schon gesagt wurde, die Religion – ist nun gleichsam die erste Regung aus einem Bedürfnis bzw. einem Drang herzuleiten: die Anfänge aber, wenn wir über das Leben genauer reden wollen, sind in einer Regung des Herzens zu sehen, die Gefühl genannt wird. Deshalb ist, da Gott der Gegenstand der Religion ist, zwangsläufig zu schließen, daß der Glaube, der der Anfang und die Grundlage jedweder Religion ist, in einem innersten Gefühl liegen muß, das aus einem Bedürfnis nach Göttlichem erwächst. [DH ]

Was bedeutet das? Kurze Zusammenfassung für eine Leserin, die es nicht versteht,  weil sie gleich die Wäsche einholen und den Hasen spicken muss. Nach der Irrlehre der Modernisten entwächst die Religion dem menschlichen Gefühl einer Sehnsucht nach etwas Höherem. Den äußeren, transzendenten Gott an sich gibt es nicht, aber alle haben dasselbe religöse Gefühl, sodass ähnliche religiöse Inhalte entstehen.  Ferner verurteilt Pascendi:

In diesem Gefühl finden die Modernisten nämlich nicht nur den Glauben; sondern sie behaupten, daß mit dem Glauben und im Glauben selbst, wie sie ihn verstehen, der Ort für die Offenbarung sei. …(DH 3478)

Wie bereits geschrieben. Es gibt keine äußere Offenbarung Gottes.

Das religiöse Gefühl, das durch vitale Immanenz aus den Schlupfwinkeln des Unterbewußtseins hervorbricht, ist also der Keim der ganzen Religion und zugleich der Grund von allem, was in jedweder Religion war oder sein wird. …

In jenem Gefühl, das wir öfter erwähnten, stellt sich, wie sie sagen, weil es Gefühl ist, nicht Erkenntnis, Gott dem Menschen zwar dar, aber so verworren und vermischt, daß er vom glaubenden Subjekt nur mit Mühe oder gar nicht unterschieden wird. Es ist also nötig, daß ebendieses Gefühl durch ein Licht erleuchtet werde, damit Gott daraus ganz hervortritt und getrennt gesehen wird. (DH 3481 )

 

Der Gegenstand des religiösen Gefühls aber hat, da er ja im Absoluten besteht, unbegrenzt viele Aspekte, von denen bald dieser, bald ein anderer erscheinen kann. Ebenso kann sich der Mensch, der glaubt, in je anderen Verhältnissen befinden. Folglich müssen auch die Formeln, die wir Dogma nennen, demselben Wechsel unterliegen und deswegen der Veränderung unterworfen sein. So aber ist der Weg zur innersten Entwicklung des Dogmas geebnet. (DH 3483)

Weil also alle Menschen dieses „religiöse Gefühl“ haben, so „gottet“ es überall, in allen Religionen, die somit gleich sind, weil die menschliche Natur, die dieses Gefühl hervorbringt, dieselbe ist.

Man muss fairerweise angeben, dass der kritische Leser dies nicht behauptet, aber diese Gedankenkonstrukte stehen Pate für das Argument der Gefühlsebene. Er meint, dass das, was wir als geistliche Wahrnehmung ansprechen die „Gefühlsebene“ sei. Dies stimmt aber nicht, weil es sich um eine spirituelle Erkenntnis der spirituellen Inhalte handelt. Geht man davon aus, dass es den „äußeren Gott an sich“ nicht gibt, so bleibt bloß die:

a. Verstandesebene

b. Willensebene

c. Gefühlsebene

und da man diese geistlichen Wahrnehmungen weder a. noch b. zuordnen kann, so bleibt nur die Ebene c. übrig.

Was hat das aber mit den heutigen Auszügen aus Pater Poulain SJ zu tun?

Dass ein Priester, der ein geistliches Leben führt, Sie auch ohne eine „unmögliche Klarheit“ verstehen wird, wenn Sie über Ihr Gebetsleben sprechen, weil er dasselbe erfährt oder erfahren hat. Dabei wird ihm der sensus fidei zu Hilfe kommen, sowie eine Herzensschau, die sich mit den Jahren dazu gesellen wird.

Kurz und gut. Das Gebet der Einfachheit ist ein Zusatz. Es sollte zusätzlich zu den vorgeschriebenen mündlichen Gebeten verrichtet werden, auch bei Laien. Und so können Sie bei der Betrachtung Ihren Neigungen nachgehen und sich zu nichts zwingen, weil sie in dieser kurzen Zeit davon ausgehen können, dass wirklich der Geist Gottes Sie leitet. Vorrausetzungen:

a. Gnadenstand

b. Tägliches mündliches Gebet

c. Tägliche Tugendakte

Den Rest der Anleitungen lesen Sie sich selbstständig durch, denn DSDZ muss jetzt seine Wäsche einholen und seinen Hasen spicken, d.h. in 15 Minuten zur Arbeit fahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

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