Priestertum und Zölibat (7 von 12): Religionsgeschichtliche Argumente für das Zölibat

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Auch Heiden haben wenigstens zeitweise sexuelle Enthaltsamkeit praktiziert. Meisten Philosophen lebenslang. Es ist also möglich und intellektuell zuträglich. Weil die meisten Nach-Vat. II-Theologen sexuell nicht enthaltsam sind, so sieht unsere Theologie so aus, wie sie aussieht: schludrig, schwülstig (ja, mit ü), ungeordnet, inkonsistent und nicht stringent. Wie will man denn etwas ausarbeiten, wenn der „Freund“ oder die Konkubine warten? 

Heiden konnten es auch

  1. Es steht außer Frage, dass die sexuelle Enthaltsamkeit in den meisten Religionen von den Gläubigen, wenigstens zeitweise, von den Priestern, Priesterinnen oder anderen geistlichen Führern manchmal lebenslang praktiziert wurde. Diese Praktiken zeigen, dass in den ältesten Religionen der Unterschied zwischen Sacrum und Profanum stark wahrgenommen wurde, da man davon ausging, dass eine teilweise oder gänzliche Vereinigung mit der Gottheit die sexuelle Vereinigung mit Menschen ausschloss.
  1. Diese Denkweise ist weiterhin im Schamanismus präsent, welcher die älteste Entwicklungsstufe der Naturreligionen darstellt. So wird bei kultischen Initiationen vom Initianten eine zeitweilige, sexuelle Enthaltsamkeit verlangt, da erst sie, so glaubt man, den Zugang zum Reich der Geister oder die Erfüllung bestimmter Initiationsriten ermöglicht.[1]

a. Während die sexuelle Enthaltsamkeit für die gewöhnlichen Kultteilnehmer, scil. die Laien, zeitlich auf die Zeit vor den großen Initiation oder Festen begrenzt wird, wird eine dauernde zölibatäre Lebensweise von den Schamanen verlangt, da sie, aufgrund ihrer ständigen Beziehung zu der Gottheit, in ständiger kultischen Reinheit leben müssen.

b. So wird das Zölibat des Schamanen in denjenigen Kulten verlangt, welche die Institution einer „Ehe“ zwischen dem Geist bzw. den Geistern und dem Schamanen kennen.[2] So muss der Schamanen, um von dem Geist bzw. den Geistern völlig vereinnahmt zu werden, unter anderem auf sexuelle Beziehungen mit anderen Menschen verzichten.

  1. Die Grundidee einer völligen Zugehörigkeit zur Gottheit stellt auch den Hintergrund des Zölibats der heidnischen Priesterinnen und Priester in der Antike dar. Da die jeweiligen Priesterinnen oder Priester gleichsam als das Sprachrohr der jeweiligen Gottheit fungierten, durfte ihre „mystische Ehe“ oder „Heilige Hochzeit“ (õero¡w gímow) mit der Gottheit durch keine menschlichen Einflüsse getrübt werden.[3] So war die Pythia von Delphi, als Priesterin und Sprachrohr Apollos, jungfräulich und zur sexuellen Enthaltsamkeit verpflichtet.[4] Ebenfalls jungfräulich und zölibatär hatten die Vestalinnen, als Priesterinnen der Vesta in Rom, zu leben.[5] Die strenge Enthaltsamkeit der Priesterinnen des Isis-Kultes, welcher im ersten Jahrhundert n. Chr. unter Caligula (12-41) auch in Rom Fuß fasste,[6] scheint geradezu vorbildlich gewesen zu sein.[7] Eine Sonderform des Zölibats wurde von den phrygischen Priestern der Göttin Kybele praktiziert, welche sich zur Ehre der Göttin entmannten, um auf diese Weise die völlige Zugehörigkeit und Vereinnahmung durch die Göttin darzustellen.[8]

4. Auch in den griechischen Mysterienreligionen  (Mysterien von Eleusis, Mysterien von Samotrake, Orphismus) wurde von den Mysten eine zeitweilige sexuelle Enthaltsamkeit vor der Initiation verlangt,[1] was auf einem höheren kulturellen Niveau an die Praktiken des Schamanismus erinnert.

5. In vielen Strömungen der griechischen Philosophie (Pythagorismus, Platonismus, Kynismus, Stoizismus, Neuplatonismus) wurde der sexuelle Verzicht als ein Weg zur geistigen Entwicklung angesehen,[2] welcher denjenigen nahe gelegt wurde, die nach einer höheren Erkenntnis des Geistigen strebten.

6. All diese religionsgeschichtlichen Gründe, die noch beliebig weiter fortgeführt werden könnten, zeugen davon, dass schon sehr früh erkannt wurde, dass die menschliche Natur nach dem Entweder-Oder-Prinzip arbeitet, so dass Spitzenleistungen in einem Bereich nur auf Kosten der Unterentwicklung oder Aufgabe eines anderen Bereiches gehen können.

7. Die Tatsache, dass im vorchristlichen Heidentum zölibatäre Lebensweise gelebt wurde, wie sie auch heute in manchen außerchristlichen Religion gelebt wird, zeugt nicht von einer unreflektierten Übernahme der heidnischen Sitten durch das frühe Christentum, sondern davon, dass die Menschheit in ihrer langen vorchristlichen Erfahrung nur das feststellen konnte, was der menschlichen Natur entspricht und zwar die Diskrepanz zwischen dem Geistlichen und dem Sinnlichen.

8. Die Hauptströmung der frühchristlichen Theologie sah das vorchristliche Heidentum als eine Praeparatio evangelica (Vorbereitung des Evangeliums) an. So nahm man an, dass das Heidentum, neben seine vielen Irrtümern, auch „die Samenkörner der Wahrheit“[3] enthielt, welche durch den göttlichen Logos dorthin verstreut worden sind. Daher stand dem frühen Christentum, welches eine Synkretismus-freie Inkulturation übte, nichts im Wege „alles zu prüfen und das Gute zu behalten“ (1 Tes 5,21) und somit die zölibatäre Praxis der heidnischen Priester gutzuheißen.

[1] Abbott Elisabeth, History of celibacy, Cambridge Mass: Da Capo Press 2001, 183-186; Walter Mariko Namba, Shamanism: An encyclopedia of world beliefs, practices, and culture, Santa Barbara, Calif.: ABC-Clio 2004, 757, 912.

[2] Walter Shamanism, 260.

[3] Abbott, History of celibacy, 37.

[4] Ebd., 37-38.

[5] Ebd., 39-43.

[6] Giebel Marion, Das Geheimnis der Mysterien. Antiken Kulte in Griechenland, Rom und Ägypten, Zürich und München: Artemis 1990, 192.

[7] Ebd., S. 36-37.

[8] Giebel, Das Geheimnis der Mysterien, S. 126-128, vgl. Catullus, Carmen 63.

[1] Abbott Elisabeth, History of celibacy, Cambridge Mass: Da Capo Press 2001, 183-186; Walter Mariko Namba, Shamanism: An encyclopedia of world beliefs, practices, and culture, Santa Barbara, Calif.: ABC-Clio 2004, 757, 912.

[2] Walter Shamanism, 260.

[3] Abbott, History of celibacy, 37.

[4] Ebd., 37-38.

[5] Ebd., 39-43.

[6] Giebel Marion, Das Geheimnis der Mysterien. Antiken Kulte in Griechenland, Rom und Ägypten, Zürich und München: Artemis 1990, 192.

[7] Ebd., S. 36-37.

[8] Giebel, Das Geheimnis der Mysterien, S. 126-128, vgl. Catullus, Carmen 63.

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