Priestertum und Zölibat (11 von 12): Zölibatsgesetzgebung der Ostkirche

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Die Ostkirche fiel durch ihre verweltlichte Verkettung schon früh von der apostolischen Tradition des Zölibats ab, fiel bald in Häresie (Filioque) und Schisma. Was haben also diese häretischen Schismatiker uns Katholiken zu sagen? Gar nichts! Denn:

a. Sie dulden Wiederverheiratung.

b. Sie dulden Priesterehe des niederen Klerus.

c. Erkennen den Papst nicht an.

Alles ist miteinander verwoben, leider. Also das Argument der Pastoralassistentin und des Pfarrers: „Aber die Ostkirche …“ gilt nicht. Es gibt nur eine einzige Kirche: die römisch-katholische Kirche mit dem Priesterzölibat. Verstanden?

Zölibatsgesetzgebung der Ostkirche

  1. Der Fakt, dass die Zölibatsgesetzgebung der Ostkirche schon im sechsten Jahrhundert von der der Westkirche abzuweichen begann, ist der Tatsache geschuldet, dass die an den kaiserlichen Hof und die kaiserliche Administration gebundenen Patriarchate (Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem und Alexandrien) mit der Zeit leider die ursprüngliche Zölibatsdisziplin nicht durchsetzen konnten, da erfahrungsgemäß staatlich dotierte Posten meistens Menschen mit geringen asketischen Ambitionen anziehen.[1]
  1. In den nachfolgenden Jahrhunderten ist das Auseinanderdriften der kirchlichen Disziplin zwischen Ost und West hauptsächlich dem fehlenden Zentralismus innerhalb der Ostkirche geschuldet. Da diese aus vier relativ autonomen Patriarchaten bestand, in denen verschiedene Traditionen und disziplinäre Normen, innerhalb der jeweiligen Partikulardisziplin, gepflegt wurden, so gab es im Osten keine ausreichend starke kirchliche Autorität, welche eine einheitliche, kirchliche Disziplin innerhalb aller Patriarchate hätte durchsetzen können. Aufgrund der Tatsache, dass innerhalb der nachfolgenden Jahrhunderte das byzantinische Kaiserreich immer mehr an Territorium einbüßte, konnte der byzantinische Kaiser, dem faktisch die Beobachtung der kirchlichen Disziplin oblag, diese an den bereits verloren gegangenen Gebieten nicht mehr ausüben.

3. Bei der Betrachtung der ostkirchlichen Zölibatsgesetzgebung wird deutlich,[2] dass diese von der Westkirche von diesem Moment an abzuweichen begann, als die kirchlichen Gesetze im Osten in die staatlich-kaiserliche Gesetzgebung eingebunden wurden. Diese Gesetzgebung wurde in den sogenannten „Nomocanones“, d.h. Sammlungen zusammengefasst, in denen kirchliche und weltliche Gesetze, insofern sie die kirchlichen Angelegenheiten betrafen, zusammengefasst wurden und für deren Beobachtung der Kaiser selbst sorgte, soweit ihm die Territorien der Ostkirche noch unterstanden.[3]

  1. Während Epiphanius von Salamis (315-403)[4] und der heilige Hieronymus (347-420)[5] die kirchliche Praxis bestätigen, dass auch im Osten verheiratete Männer nach der Weihe zu Keuschheit verpflichtet oder Unverheiratete geweiht wurden, sieht der kaiserliche „Codex Theodosianus“ (438) kein Problem mehr darin die bisherige Ehefrau auch nach der Weihe des Mannes in demselben Haus wohnen zu lassen.[6]
  1. Die Liberalisierung der bisherigen Vorschriften führt hundert Jahre später zu einer neuen Gesetzgebung, welche im „Codex“ (534) – der Kirchengesetzgebung des Kaisers Justinian – und seinen späteren Novellen (535-565) ihren Ausdruck findet. Zwar wird nach wie vor denjenigen die Weihe verwehrt, welche mehr als einmal verheiratet waren, auch wird das Verbot bestätigt für alle Weihegrade vom Subdiakon aufwärts sich wieder zu verheiraten, dennoch ist es von nun an Priestern, Diakonen und Subdiakonen erlaubt auch nach der Weihe die Ehe weiterzuführen, wenn sie nur einmal und mit einer Jungfrau geschlossen worden war.[7]
  1. Die Disziplinargesetzgebung der Ostkirche wurde während des zweiten Trullanums (691) zusammengefasst und ergänzt.[8] Es wurden 102 Canones erlassen und als „Syntagma adauctum“ den alten „Syntagma“, d.h. Sammlungen der Kirchengesetzgebung, hinzugefügt.[9] Die gesamte Zölibatsdisziplin wurde in den folgenden sieben Canones[10] festgelegt:

Can. 3 verfügt, dass alle, die nach der Taufe ein zweites Mal verheiratet waren oder im Konkubinat lebten ebenso wie diejenigen, die eine Witwe, eine Geschiedene, eine Prostituierte, einer Sklavin oder eine Schauspielerin geheiratet hatten, weder Bischof, Priester oder Diakon sein könnten.

Can. 6 besagt, dass es den Priestern und Diakonen nicht erlaubt ist, nach der Weihe eine Ehe einzugehen.

Can. 12 bestimmt, dass Bischöfe nach ihrer Weihe nicht mehr mit ihren Ehefrauen zusammenwohnen, also die Ehe nicht mehr gebrauchen können.

Can. 13 ordnet an, dass Priester, Diakone und Subdiakone  – im Gegensatz zur römischen Praxis, die den Ehegebrauch der Ehe verbietet – in der Ostkirche […] mit ihren Ehefrauen Zusammenleben und die Ehe gebrauchen können mit Ausnahme der Zeit in der sie den Altardienst versehen und die heiligen Geheimnisse feiern und deswegen enthalten sein müssen. Das sei auch von den Vätern, die in Karthago zusammengekommen waren, gesagt worden: „Priester, Diakone und Subdiakone müssen zur Zeit des Altardienstes enthaltsam sein, damit das, was durch die Apostel überliefert und von alters her eingehalten wurde, auch wir selbst bewahren, in dem wir die rechte Zeit für alles bestimmen, besonders im Gebet und Fasten. Die also am göttlichen Altar Dienst tun, müssen in der Zeit der heiligen Dienste in allem enthaltsam sein, damit sie das empfangen können, was sie in aller Einfalt von Gott erbitten.“ […]

Can. 26  verfügt, dass ein Priester, der aus Unwissenheit eine nicht erlaubte Ehe geschlossen hat, mit seiner ersten Stellung sich bescheiden, aber aller Amtshandlungen als Priester sich enthalten muss. Diese unerlaubte Ehe müsse aufgelöst werden und jede Gemeinschaft mit dieser Frau sei verboten.

Can. 30 gestattet, dass die, welche in gegenseitiger Übereinstimmung enthaltsam leben wollen, was auch für die Priester in den Ländern der Barbaren gilt [d.h. in der Westkirche], nicht zusammenzuwohnen bräuchten. Diese übernommene Verpflichtung sei aber eine Dispens, die den genannten Priestern wegen ihres Kleinmuts und der sie umgebenden Sitten gewährt werde.

Can. 48  bestimmt, dass die mit gegenseitigem Einverständnis getrennte Ehefrau eines Bischofs nach dessen Weihe in ein Kloster eintreten und vom Bischof erhalten werden muss sie könne aber auch zur Diakonin befördert werden.[11]

  1. Das Trullanum II, welches ein Konzil der byzantinischen Kirche war, ist trotz entsprechender wiederholter Bemühungen nie von der katholischen Westkirche als ein ökumenisches Konzil anerkannt worden. Papst Sergius I (687-701) verweigerte seine Anerkennung, erst Johannes VIII (872-882) erkannte seine Beschlüsse an insoweit sie nicht der bisherigen römischen Praxis widersprachen.
  1. Wie man aus den Bestimmungen des Trullanums II erkennen kann, hat der Osten die Zölibatspraxis des Westens gekannt. Während der Westen aber die Enthaltsamkeit für alle Weihegrade ab dem Subdiakonat aufwärts forderte, wurde diese im Osten nur auf den Bischofsgrad beschränkt. Von den unteren Weihegraden wird die Enthaltsamkeit seit dem Trullanum II nur für die Zeit des ausgeübten Altardienstes verlangt, welcher damals in der Ostkirche für den einzelnen Priester nicht täglich war, sondern gewöhnlich nur am Sonntag stattfand. Die Verbindung zwischen dem Altardienst und der sexuellen Enthaltsamkeit aber stellt eine Rückkehr zur alttestamentlichen Praxis dar, welche in dieser Form von der bisherigen kirchlichen Gesetzgebung abgelehnt wurde.[12]
  1. Den Konzilsvätern des Trullanum II, welche die bisherige Zölibatsgesetzgebung, besonders der afrikanischen Konzilien, kannten, war der Traditionsbruch wohl bewusst. Daher haben sie sich bei der Verfassung der trullanischen Zölibatsvorschriften weder auf die Normen der bisherigen Konzilien, welche anderes besagten, noch auf das Alte Testament, welches für das neutestamentliche Priestertum irrelevant war, noch auf die kaiserlichen Verordnungen, welche keine Quelle der kirchlichen Gesetzgebung darstellten, berufen. „Eine Begründung des Unterschieds zur Westkirche“, so Kardinal Stickler, „konnten die Väter des Trullanums II in den eigenen Dokumenten nicht finden“.[13] Im Canon 13 des Trullanums zwar wird die Notwendigkeit der Enthaltsamkeit zur Zeit des Altardienstes mit den Vorschriften des Konzils von Karthago begründet. Unerwähnt bleibt jedoch dass diese alle vier Weihestufen, d.h. des Subdiakons, Diakons, Priesters und Bischofs, betrifft, so wie der Umstand, dass der Altardienst täglich stattfinden kann.
  1. Man muss in der trullanischen Gesetzgebung eine Nachsanktionierung einer eingerissenen Zölibatspraxis im Osten sehen, eine post factum Legitimierung also, gegen welche die Westkirche sich bisher immer erfolgreich wehrte. Die Beibehaltung der Enthaltsamkeitsdisziplin für die Bischöfe, wie sie auch heute in der Ostkirche gilt, weist aber auf einen Überrest einer alten Zölibatspraxis hin, da ansonsten die Herkunft und der Sinn des Bischofszölibats unerklärbar bliebe. Würde die Klerikerehe für alle anderen Weihegrade theologisch und asketisch kein Problem darstellen, so müsste sie auch für die höchste Weihestufe unproblematisch sein. Die Ehelosigkeit des Mönchstandes, aus welchem meistens sich die Bischöfe der Ostkirche rekrutieren, darf im Kontext des Klerikerzölibats kein Argument darstellen, da die Mönche Laien und keine Kleriker sind. Auch das Verbot einer weiteren Heirat nach der Weihe, welches nach wie vor in der Ostkirche gilt, ist aus der Perspektive der allgemeinen Erlaubtheit des Ehegebrauchs durch Kleriker schwer erklärbar.
  1. Die wechselvolle und oft leidvolle Geschichte der Ostkirche hat gezeigt, dass besonders in den Verfolgungszeiten verheiratete Priester das Wohl ihrer Familien oft über das Wohl ihrer Gemeinden stellten, was sicherlich zum Nachteil der Kirche und ihrer Gläubigen gereichte.

[1] Darstellung der zölibatären Praxis der Ostkirche nach Stickler, Klerikerzölibat, 42-58.

[2] Diese ist nachzulesen bei Cholij, Clerical Celebacy, 69-105.

[3] Stickler, Klerikerzölibat, 49.

[4] Epiphanius von Salamis, Panarion, in: PG 41, 868.1024;  PG 42, 823-825.

[5] Hieronymus, Adversus Vigilantium, in: PL 23, 340-341.

[6] Codex Theodosianus 16,2,44.

[7] Stickler, „Tratti salienti nella storia del celibato“, Sacra Doctrina 60 (1970) 585-620, hier n. 50.

[8] Nach Stickler, Klerikerzölibat, 50-51.

[9] Stickler, Historia Fontium Iuris Canonici, 69-70.

[10] Zitat nach Stickler, Klerikerzölibat, 51-53.

[11] Mit dem Amt der Diakonin ist kein Weihegrad, wovon das Verb „befördert“, statt „geweiht“ zeugt, sondern die Assistenz bei der Taufe gemeint, welche im Altertum an nackten Erwachsenen geführt wurde und mit mehreren Salbungen verbunden war. Aufgrund der Schicklichkeit wurde die Taufe von Frauen von Frauen assistiert.

[12] Siehe Directa, in: PL 13, 1138 A-1147A; Bruns, Canones Apostolorum, Bd. II, 274: can. 276-277. Besonders deutlich ist diese Ablehnung hier zu lesen: „Veteris Testamenti auctoritas frustra praetenditur. Dicat mihi nunc, quisquis ille est sectator libidinum, praeceptorque vitiorum: Si aestimat, quia in lege Moysi passim sacris ordinibus a Domino laxata sunt frena luxuriae, cur eos, quibus committebantur sancta sanctorum praemonet dicens: Sancti estote, quia et ego sanctus sum Dominus Deus vester (Levit. XX, 7)? Cur etiam procul a suis domibus, anno vicis suae, in templo habitare jussi sunt sacerdotes? Hac videlicet ratione, ne vel cum uxoribus possent carnale exercere commercium, ut conscientiae integritate fulgentes, acceptabile Deo munus offerrent. Quibus expleto deservitionis suae tempore, uxorius usus solius successionis causa fuerat relaxatus; quia non ex alia, nisi ex tribu Levi, quisquam ad Dei ministerium fuerat praeceptus admitti.“ (Directa PL 13, 1138 B-C)

[13] Stickler, Klerikerzölibat, 54.

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