Katharina von Genua: Traktat über das Fegefeuer (17 von 21)

Das, was hl. Katharina von Genua hier beschreibt, ist die passive Reinigung der Seele durch Gott auch „Nacht des Geistes“ genannt. Um das Fegefeuer zu sehen, muss man es erlebt haben. Um zu Gott zu kommen, muss man alles Irdische hinter sich lassen, wie Gewichte beim Auftauchen. Hl. Katharina beschreibt einen Zustand, wo man am Irdischen schon längst keine Freude hat, des Göttliche immer noch fern ist, weil es unserer Natur fremd ist. Man muss nicht nur das Äußere lassen, auch das Innere „die guten Gefühle“, die Zufriedenheit, die Freude an Gott. Nein, Heiligen ging es nicht immer psychisch gut. Manchmal zusehends schlecht. Es ist gut Gott um diejenige Reinigung zu beten, die Er möchte:

Herr, lass mich meine Fehler erkennen, reinige mich und mach, dass ich Dir noch besser dienen kann!

Manchmal sehen wir unsere Fehler nicht dort, wo sie tatsächlich aus der Sicht Gottes sind. Die Welt, das Fleisch und der Teufel verformen uns.  So sagen sich jetzt viele Geistlichen:

Ich lasse mich von Klugheit leiten, bin gehorsam und demütig.

Dabei sind sie nur feige und kleinmütig. Aber äußerlich sieht es ähnlich aus. Deswegen legt Gott die Hand selbst an uns an und reinigt uns selbst, um diejenigen Eigenschaften an uns herauszuarbeiten, die uns tatsächlich fehlen.

XVII. Kapitel
Die Art der Läuterung, die ich bei den Seelen im Fegfeuer sehe, fühle ich auch in meiner Seele, ganz besonders in den letzten zwei Jahren. Jeden Tag sehe und fühle ich das noch klarer; denn ich sehe meine Seele in diesem Leib wie in einem Fegfeuer wohnen, das jenem Fegfeuer gleichförmig ist. Es geschieht das zwar nur in dem Ausmaß, wie es der Leib ertragen kann, ohne zu sterben, doch ständig wachsend und wachsend, bis es so weit ist, daß er dennoch stirbt.

Ich sehe meinen Geist all jenen geistigen Dingen entfremdet, die ihm noch Erquickung verschaffen könnten, nämlich Fröhlichkeit, Freude und Trost. Mein Geist kann kein geistiges Ding mehr verkosten, weder im Willen, noch im Verstand, noch im Gedächtnis, worauf er sagen könnte: Ich ergötze mich mehr an diesem als an jenem Ding. Mein Innerstes ist so unbeweglich geworden und so belagert, daß ihm all jene Dinge, die das geistliche und leibliche Leben erquicken, nach und nach allesamt genommen werden… Der Geist hat in sich den Trieb, sich von allem zu befreien, was seiner Vervollkommnung hinderlich sein könnte, und zwar mit solcher Grausamkeit, daß er es ertragen würde, in die Hölle versetzt zu werden, um zu seinem Ziel zu gelangen.
Darum räumt er alles weg, was den inneren Menschen erquicken könnte, und er belagert ihn so sorgfältig, daß auch nicht das minimalste Splitterchen durchkommen könnte, ohne von ihm bemerkt und verabscheut zu werden…

Was nun den äußeren Menschen betrifft, so bleibt auch er, da der Geist ihm nicht zustimmt, so belagert, das er nichts mehr auf dieser Erde findet, wodurch er noch ergötzt werden könnte gemäß dem menschlichen Trieb. Es bleibt ihm kein anderer Trost als nur Gott, der all das aus Liebe und großer Barmherzigkeit tut, um seiner Gerechtigkeit Genugtuung zu verschaffen. Diese Einsicht gibt der Seele große Zufriedenheit und großen Frieden. Aber diese Zufriedenheit vermindert jedoch nicht die schmerzliche Pein und auch nicht die Belagerung. Es könnte ihm jedoch so große Qual angetan werden, daß er von dieser göttlichen Anordnung wegkommen möchte; er trennt sich nicht vom Gefängnis und versucht nicht einmal, hinauszukommen, bis Gott alles getan hat, was notwendig ist. Meine Zufriedenheit finde ich darin, daß Gott Genugtuung geleistet wird; ich könnte keine schmerzlichere Pein finden als diese, aus Gottes Anordnung herauszutreten, so sehr erkenne ich sie als gerecht und voll Barmherzigkeit an.

Und sie sagt: Alle diese Dinge sehe und berühre ich, aber ich weiß keine Worte zu finden, die geeignet wären, das auszudrücken, was ich sagen möchte. Das, was ich gesagt habe, fühle ich innerlich, geistiger weise in mir wirken.

Das Gefängnis, in welchem mir zu sein vorkommt, ist die Welt; die Fesseln sind der Leib. Die im Gnadenstand befindliche Seele aber erkennt, was es bedeutet, davon beraubt zu sein oder durch irgendein Hindernis zurückgehalten zu werden, so daß sie noch nicht zu ihrem Ziel gelangen kann. Das verursacht der Seele große schmerzliche Pein, zumal sie von zartem Wesen ist und von Gott gnadenhaft eine solche Würde empfing, so daß sie ihm durch Teilhabe (an seiner göttlichen Natur) ähnlich geworden ist, das heißt, er möchte sie eins mit sich durch Teilhabe an seiner Güte. Und wie es für Gott unmöglich ist, von irgendeiner schmerzlichen Pein getroffen zu werden, so geschieht es auch den Seelen, die sich ihm nähern: je mehr sie ihm nahekommen, desto mehr empfangen sie von seiner Eigenheit.

Darum ist die Verzögerung, die die Seele erfährt, die Ursache ihrer schmerzlichen Pein; diese Verzögerung und diese schmerzliche Pein entstellen die Seele in jener Eigenheit, die ihr von Natur aus eigen ist. Gnadenhaft sind sie ihr gezeigt worden; und da sie sie nicht haben kann, aber ihrer fähig ist, bleibt sie in der schmerzlichen Pein, die so groß ist wie ihre Ehrfurcht vor Gott. Diese Ehrfurcht ist aber um so größer, je mehr sie ihn erkennt und schätzt. Je mehr sie ohne Sünde ist, desto mehr erkennt und schätzt sie ihn, am meisten, wenn die Seele ganz in Gott gesammelt ist; sie hat dann keine Behinderung mehr und erkennt ihn ohne Irrtum.

Und wie der Mensch, der sich lieber töten läßt, als daß er Gott beleidigen würde, zwar das Sterben, das ihm eine schmerzliche Pein bereitet, die Erleuchtung durch Gott ihm aber einen Eifer eingibt, der ihn die Ehre Gottes höher schätzen läßt als den leiblichen Tod, so schätzt die Seele, die die Anordnung Gottes erkennt, diese göttliche Anordnung mehr als alle inneren und äußeren Qualen, so schrecklich sie auch sein können. Denn Gott, für den sie dies alles tut, übersteigt alles, was sich ausdenken und fühlen läßt.
Da die Beschäftigung mit Gott, die er der Seele verleiht — und wäre sie auch noch so gering —, sie ganz in Beschlag nimmt, so daß sie nichts anderes mehr achten kann, so verliert sie jedes Eigensein und sie sieht und spricht und kennt weder Unheil noch Schmerz mehr in sich selbst; doch erkennt sie dies alles, wie schon gesagt, in einem Augenblick, nämlich beim Scheiden aus dieser Welt. Schließlich begreifen wir am Ende, daß Gott alles, was des Menschen ist, vernichtet und das Fegfeuer die Seele reinigt und läutert.

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