Peter Kwasniewski, Aus der Kirchengeschichte lernen: Ein kurzer Rückblick auf päpstliche Verfehlungen (1 von 5)

Anbei der angekündigte Aufsatz von Peter Kwasniewski, der historische Fakten aufzählt, welche beweisen, dass die Standesgnade Päpste weder vor Sünde, noch vor Dummheit oder vor Häresien schützt.

Wovor schützt sie denn überhaupt?

Davor, dass man irrt, wenn man ex cathedra spricht. Der Fehler des Sedisvakantismus, wie sehr prägnant Robert J. Siscoe darlegt, besteht darin, dass die guten, lieben Sedis die Unfehlbarkeit des ordentlichen und außerordentlichen Lehramtes viel zu weit ausdehnen. Dazu werden wir auch etwas publizieren, vorerst aber die historische Darlegung, welche darlegt:

  1. gültig gewählte, echte Päpste, keine Antipäpste
  2. können schwer irren,
  3. was noch keine Sedisvakanz auf den Plan ruft.

Sedisvakantismus kommt von einer spiritualistischen Frömmigkeit, nach welcher nach bestimmten, natürlich vorkonziliaren „richtigen“ Weihen und Sakramentalien man gleichsam Superkräfte erhält, sodass man niemals fallen kann und das Leben nur heller Sonnenschein ist. Dies stimmt aber nicht, weil der freie Wille erhalten bleibt, wie Fleisch, Welt und Teufel auch. Mehr Gnade bedeutet immer mehr Aufgaben und mehr Versuchungen, damit alles schön proportional bleibt, denn Gott ist die Gerechtigkeit selbst.  Also lernen wir aus der Geschichte.

 Peter Kwasniewski 6. August 2018

Anmerkung des Herausgebers: Eine frühere Version dieses Artikels wurde zunächst im Oktober 2015 bei OnePeterFive unter dem Pseudonym „Benedict Constable‟ veröffentlicht. Wegen einiger Kontroversen (deren Natur hier nicht von Belang ist), wurde der Artikel wieder vom Netz genommen, jedoch erst, als er eine große Anzahl von Lesern erreicht hatte; der Artikel erfuhr Lob als einer der hilfreichsten Antworten, die bis dahin bezüglich der gegenwärtigen Krise in der Amtskirche geschrieben wurden. Der Autor hat den Artikel zwecks erneuter Veröffentlichung umfassend überarbeitet und dabei vom Feedback einer Anzahl von Lesern profitiert, einschließlich Kirchenhistorikern und Dogmatikern. Der Artikel wird nun auch unter dem Eigennamen des Autors veröffentlicht.

Es gibt Leute in der Kirche, die es nicht ertragen können, dass ein Papst aus irgendeinem Grund kritisiert wird – als ob der gesamte katholische Glaube einstürzte, sollten wir zeigen, dass ein bestimmter Nachfolger des Heiligen Petrus ein Schuft, Mörder, Hurenbock, Feigling, Kompromissler, Zweideutiger, Unterstützer von Häresien oder Förderer falschen Kirchendisziplin war. Aber es ist völlig falsch, dass der Glaube zum Einsturz käme; er ist weitaus stärker, stabiler und fester als zuvor, weil es nicht von einem bestimmten Amtsinhaber des Papstamtes abhängt. Vielmehr geht er diesen Amtsinhabern voraus; überdauert sie; und, tatsächlich, richtet sie, ob sie gute oder schlechte Vikare Christi waren. Der Glaube ist den Päpsten anvertraut, ebenso wie den Bischöfen, aber er ist nicht abhängig von ihrer Kontrolle.

Der katholische Glaube kommt von Gott zu uns, von Unserem Herrn Jesus Christus, der das Haupt der Kirche ist, sein unverrückbarer Grundstein, seine beständige Garantie der Wahrheit und Heiligkeit[1]. Der Inhalt dieses Glaubens wird nicht vom Papst bestimmt. Er wird von Christus bestimmt und in der Heiligen Schrift, der Heiligen Tradition und durch das Lehramt weitergegeben – wenn man das Lehramt NICHT versteht als alles und jedes, das von Bischöfen oder Päpsten ausgeht, sondern als die gesamte, öffentliche, offiziele, definitive und universelle Lehre der Kirche, die in lehramtlichen Kanons und Erlassen, Anathemas, Bullen, Enzykliken und anderen Instrumenten der Lehre in Übereinstimmung mit den vorangehenden [Dokumenten] verankert und bewahrt wird.

Ein ernsthaftes Problem, mit dem wir uns konfrontiert sehen, ist ein „Papalismus‟, der Katholiken blind macht für die Wahrheit, dass Päpste sündige und fehlbare Menschen sind wie wir alle, und dass ihre Äußerungen nur unter streng abgegrenzten Bedingungen garantiert frei von Irrtum sind.[2] Abgesehen davon ist der Bereich päpstlicher Ignoranz, Irrtum, Sünde und katastrophaler aufsichtsrechtlicher Führung breit und tief – obwohl die Weltgeschichte keinen Katalog großer Leistungen bietet im Vergleich zu den beinahe 100 heiligen Päpsten, und viele noch schlechtere Beispiele als die schlechtesten Päpste, was viel über den Zustand der gefallenen Menschheit aussagt.

In einer Zeit, in der Katholiken verwirrt die Frage stellen, ob und wie ein Papst auf Abwege geraten kann scheint es sinnvoll, Beispiele in drei Kategorien zu sammeln:

(1) Zeiten, in denen Päpste schwerer persönlicher Unmoral schuldig waren;

(2) Zeiten, in denen Päpste über Häresien hinwegsahen oder [mit den Häretikern] gemeinsame Sache machten, des schädlichen Stillschweigens oder Mehrdeutigkeit in Bezug auf Häresie schuldig waren;

(3) Zeiten, in denen Päpste (wenn auch nicht ex cathedra) etwas Häretisches lehrten, was Häresie begünstigte [Red. Es geht um die Bezeichnung haeresim favens.], oder für die Gläubigen schädlich war.

Nicht jeder mag zustimmen, dass jeder der unten aufgelistete Punkt ein perfektes Beispiel der infrage kommenden Kategorie ist, aber das ist nebensächlich; die Tatsache, dass es eine Menge problematischer Beispiele gibt, genügt um zu zeigen, dass Päpste nicht automatisch Sprachrohre Gottes sind, die nur weitergeben, was gut, recht, heilig und lobenswert ist. Wenn diese letzte Aussage wie eine Karikatur erscheint, braucht man sich nur anzusehen, wie konservative Katholiken heutzutage sich verbiegen, um Limonade aus jeder Zitrone zu gewinnen [Red. Es ist die Anspielung auf das Sprichwort „When life gives you lemons, make lemonade“, was man auf Deutsch mit „Das Beste daraus machen“ übersetzen könnte.], die Papst Franziskus anbietet, und mit Vehemenz verneinen, dass römische Zitronen jemals verfault oder giftig sein können.

[1] [Anm. d. Übs.: die hier verlinkten Schriftstücke sind in englischer Sprache, daher wurden nicht alle Titel übersetzt]

Über die Unwandelbarkeit des Glaubens, der aus der Natur und dem Auftrag Christi kommt, siehe mein Winnipeg address und meinen Artikel bei OnePeterFive, “The Cult of Change and Christian Changelessness.”

[2] Um diesen Punkt besser zu verstehen, empfehle ich, die Worte von Fr. Adrian Fortescue und die exzellenten Posts von Fr. Hunwicke zu lesen, wie z. B. diesdies, und diesDiese Erklärung der Unfehlbarkeit ist auch der Betrachtung wert. Ich definiere „Papalismus‟ oder seine extremere Version, „Papolatrie‟, wie folgt: Wenn der Glaube mehr als das gesehen wird, „was der amtierende Papst sagt‟ (einfach ausgedrückt), als „was die Kirche immer gelehrt hat‟ (allgemein gesprochen), dann erheben wir die Person und das Amt des Papstes auf falsche Art und Weise. Wie Ratzinger viele Male gesagt hat, ist der Papst der Diener der Tradition, nicht ihr Meister; er ist durch sie gebunden und hat keine Macht über sie. Natürlich kann und wird der Papst lehramtliche und disziplinarische Beschlüsse fassen, aber relativ wenige Dinge, die er sagt, werden für die formale Unfehlbarkeit geeignet sein. Alles was er qua Papst lehrt (wenn er zu beabsichtigen scheint, auf diese Weise zu lehren), sollte mit Respekt und Unterwerfung empfangen werden, außer es gibt etwas darin, was einfach dem entgegensteht, was zuvor überliefert wurde. Die in meinem Artikel gegebenen Beispiele zeigen bestimmte Fälle (- die zugegebenermaßen selten sind -) in denen gute Katholiken widerstehen mussten. Dies – davon gehe ich aus – ist es, was Kardinal Burke und Bischof Schneider auch sagten: wenn z. B. die Synode über Ehe und Familie oder ihre päpstlichen Nebenprodukte versuchen, der Kirche eine Lehre oder eine Ordnung aufzuzwingen, die gegen den Glauben ist, können wir diese nicht annehmen und müssen widerstehen.

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