Warum Bergoglio ein Gegenpapst ist? (7 von 20). Vorgehen beim häretischen Papst. Si Papa.

Der Kanon – Si Papa

Obwohl die Frage nach der Möglichkeit der Absetzung eines häretischen Papstes schon im Decretum Gratiani (um 1140) im Kanon Si Papa positiv geklärt wurde, so begann man ernsthaft erst in der Nachreformationszeit die Frage zu stellen, wie denn zu verfahren sei, wenn ein Papst in Häresie fallen sollte. Wir verweisen an dieser Stelle auf den ausgezeichneten Aufsatz von Robert. J. Siscoe „Kann die Kirche einen häretischen Papst verurteilen“, wo er alle wichtigen Quellen und Argumente zusammenträgt. Da wir auch für theologisch und juristisch nicht vorgebildete Leser schreiben, so wollen wir einige hier verwendete Begriffe entschlüsseln.

Was ist das Decretum Gratiani?

Es ist eine Quellensammlung des römischen Rechts, der Papstbriefe (Dekretalen), der Konzils-und Synodalakten und älterer Rechtssammlungen, welche ein Mönch Namens Gratian um das Jahr 1140 zusammengetragen hatte. Decretum Gratiani ist die Hauptquelle des römischen Rechts, mit welchem jeder Jurastudent im ersten Semester in Berührung kommt. Wenn man berücksichtigt, dass das römische Recht, hauptsächlich durch das Decretum Gratiani uns überliefert, mit dem Zwölftafelgesetz (ca. 450 v. Chr.) anfängt, so umfasst die Quellensammlung des Gratians, welche Gesetzestexte von 450 v. Chr. bis 1140 n. Chr. enthält, 1590 Jahre Rechtsgeschichte.

Und was bedeutet das?

Dass das Decretum Gratiani viel ältere Rechtsquellen anführt als die, deren Gratian ein Zeitgenosse war. Dieser Grundsatz ist auch auf Si Papa (Decretum Gratiani, distinctio 40, cap. 6) anzuwenden. Si Papa war spätestens bei der Niederschrift um das Jahr 1140 bekannt, aber wir wissen nicht, aus welcher Zeit dieser Kanon stammt. DSDZ weiß in diesem Moment nicht, ob die einzelnen Teile des Decretum Gratiani zeitlich einzuordnen sind, was man wohl anhand von Parallelquellen machen müsste. Vielleicht lesen uns irgendwelche Kanonisten, Mediävisten oder Rechtshistoriker, die diese Frage kompetent beantworten können. Es ist also durchaus möglich, dass der Kerntext von Si Papa bspw. aus dem VI. Jhdt. stammt, aber erst im XII. Jhdt. verschriftlicht wurde. Aber zitieren wir endlich den besagten Kanon Si Papa, den wir in eigener Übersetzung wiedergeben:

Si papa suae et fraternae salutis negligens reprehenditur inutilis et remissus in operibus suis, et insupera bono taciturnus, quod magis officit sibi et omnibus, nichilominus innumerabiles populos catervatim secum ducit, primo mancipio gehennae cum ipso plagis multis in eternum vapulaturus. Huius culpas istic redarguere presumit mortalium nullus, quia cunctos ipse iudicaturus a nemine est iudicandus, nisi deprehendatur a fide devius; pro cuius perpetuo statu universitas fidelium tanto instantius orat, quanto suam salutem post Deum ex illius incolumitate animadvertunt propensius pendere.

Wenn der Papst getadelt wird, dass er sein eigenes Heil und das seiner Brüder vernachlässigend nutzlos und nachlässig in seinen Werken ist und darüber hinaus schweigt, was das Gute anbelangt, was ihm selbst sehr und den anderen schadet, da nichts [anderes] unzählige Menschenscharen [in die Hölle] mit sich führt, wo er als erster im Rechtsbereich der Gehenna mit unzähligen Plagen in alle Ewigkeit gemartert wird. Kein Sterblicher maßt sich an, ihn seiner Verfehlungen zu überführen, da er, der selbst alle richten wird, von niemanden gerichtet wird, wenn er nicht dabei ertappt wird, dass er vom Glauben abweicht. Für seinen beständigen Stand betet die Allgemeinheit der Gläubigen umso dringlicher, als ihr Heil gleich nach Gott von seiner [des Papstes] Unbescholtenheit abhängt, sodass sie [die Gläubigen] sich deren Erhaltung intensiv widmen [sollten]. (Decretum Gratiani, distinctio 40, cap. 6)

Der lateinische Text ist sehr dicht und inhaltsreich, sodass manches auf Deutsch mehrfach wiedergegeben werden muss. Obwohl bislang bei Si Papa das Augenmerk hauptsächlich auf die Formulierung nisi deprehendatur a fide devius – „wenn er nicht dabei ertappt wird, dass er vom Glauben abweicht“ gerichtet wurde, so ist dieser Kanon theologisch viel tiefgründiger. Es geht in ihm zuerst um das Heil des Papstes und danach um das Heil all derer, die er eventuell in die Irre leitet. Worin bestehen die Verfehlungen des Papstes, wenn er vom Glauben abweicht? Darin, dass er:

  • sein eigenes Heil vernachlässigt,
  • das Heil seiner Brüder, scil. der Gläubigen, vernachlässigt,
  • nutzlos und nachlässig in seinen Werken ist,
  • nichts Gutes sagt oder „zum Guten schweigt“.

Damit schadet er sich selbst und anderen. Er führt ganze Menschenscharen in die Hölle, auf Lateinisch lässt sich mancipium gehennae mit „Rechtsbereich der Gehenna“ übersetzen, da mancipium das „förmliche Eigentumsrecht an dem ergriffenen Gegenstand“[1] bedeutet. Wo er jedoch als erster ewig bestraft wird. Einen Papst zu ermahnen, ist also ein Werk der Nächstenliebe, damit er nicht in die Hölle kommt und andere dorthin führt. Für den Papst zu beten ist aber auch eine Form des Selbstschutzes des Gläubigen, da unser aller Heil, gleich nach Gott, von der incolumitas – „Erhaltung, Unverletztheit“ des Papstes abhängt, da er aufgrund seiner hierarchischen Spitzenstellung die ganze Kirche verderben kann (siehe Paul VI. und Novus Ordo). Der Ausdruck perpetuus status – „ständige, beständige Stand“ bezieht sich wohl auf den ständigen Gnadenstand des Papstes. Auf seine Standesgnade hier auf Erden, aber auch auf seinen ewigen Stand nach dem Tod, der nicht mit der Hölle identisch sein sollte. In Si Papa finden wir nichts von der nachkonziliaren Lehre, welche leider auch traditionelle Priester verbreiten, dass der Papst deswegen sündigt und in Häresien fällt, weil die Gläubigen zu wenig für ihn beten oder zu sehr gesündigt haben, was aus den Opfern die Täter macht. Dem gegenüber zeigt Si Papa den gesunden Selbsterhaltungstrieb: wenn wir nicht um den Erhalt der päpstlichen Standesgnade beten, so zieht er uns alle in den Abgrund. DSDZ muss zugeben, dass er für die „Päpste seines Lebens“ (Wie sich das anhört!), d.h. Paul VI. bis Franziskus, kaum gebetet hat (Ja, jetzt wissen wer, wer an der Apostasie schuld ist!), weil er wirklich kaum eine Verbindung zwischen seinem eigenen Leben und dem Leben des Papstes sah. Ihm wurde zwar gesagt, dass man für die Hierarchen beten sollte, was er auch tat, aber die Durchschlagskraft dieses Argumentes erinnerte an die Mahnung der Eltern an Kinder Spinat zu essen, weil er gesund sei.  Die Logik von Si Papa ist  zwingender:

Bete für den Papst, sonst verschafft er Dir einen Bischof, der Dir Deinen Glauben verdirbt und Dich in den Abgrund zieht!

Wir alle, die wir im Bereich der DBK leben, haben solche Bischöfe, weil der Fisch vom Kopf stinkt. Kurz und gut lässt sich zusammenfassend sagen, dass ein Kanon, der ein Richten des Papstes erlaubt, welcher vom Glauben abweicht, schon im Decretum Gratiani zu finden ist, das um das Jahr 1140 erscheint und frühere Gesetztestexte enthält.  Dies bedeutet, dass man schon sehr früh der Meinung war, dass ein Papst, der über allen steht, wegen Häresie gerichtet werden kann.

[1] [Lateinisch-deutsches Handwörterbuch: mancipium. Georges: Lateinisch-Deutsch / Deutsch-Lateinisch, S. 34095 (vgl. Georges-LDHW Bd. 2, S. 790) http://www.digitale-bibliothek.de/band69.htm ]

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