Tradition und Glauben

Augustin Poulain SJ, Die Fülle der Gnaden. (28) 3. Kapitel: Kurzer Überblick über die Geschichte des inneren Gebets (1)

In diesem Teil seiner Abhandlung stellt Pater Poulain SJ etwas dermaßen Grundsätzliches fest, dass es einem wirklich den Atem verschlägt. Vor dem XVI Jahrhundert gab es keine Traktate über das innere Gebet, weil man so viel betete, dass man automatisch zum Betrachten kam. Erst durch das vereinfachte und verkürzte nachtridentinische Brevier, was wir schon woanders bemerkten, natürlich am Gebetspensum der Mönchsorden gemessen, kam man erst dazu zu fragen, was eigentlich das Betrachten sei und somit begann man nach einer Methode zu suchen dieses ominöse Etwas (das Betrachten) möglichst schnell zu erreichen. Leider ist es hauptsächlich durch die Jesuiten, aber auch durch den hl. Franz von Sales und die Sulpizianer dazu gekommen, dass man nach Methoden suchte, wie man bei einer geringeren Gebetszeit dieselben Effekte oder sagen wir gleich dieselbe „Leistung“ erreicht. Dies erinnert an die verschiedenen mehr oder weniger futuristisch angehauchten Geräte eines jeden ambitionierten Fitnessstudios, welche dem Kunden, der „wenig Zeit für Sport“ hat, denselben Muskelzuwachs versprechen, den er mit einfacheren Geräten oder ohne Geräte in einer längeren Zeit erreichen würde. Denn wohnen Sie im 10 Stock ohne Fahrstuhl und müssen mehrmals am Tag hoch und runter gehen, dann kräftigt sich Ihre Beinmuskulatur auch so.  Klappt es denn mit den neuen Geräten? Interessanterweise schon, denn das eine wird geblockt, das andere dagegen gehalten, hier wird gezirpt,  da gezurrt,  sodass tatsächlich bestimmte Muskelgruppen isoliert und zur Anstrengung gezwungen werden können. Wenn Sie aber kein teures und futuristisches Gerät haben, dass zu Ihnen spricht und Sie anweist, dann brauchen Sie einen Trainer, der Ihnen diese Bewegungsabläufe zeigt, denn von selbst kommen Sie wirklich nicht darauf und können sich verletzen. Und genauso ist es mit der Methode des inneren Gebets. Wenn Sie 6 bis 8 Stunden am Tag laut das Brevier beten, dann kommen Sie wirklich automatisch dahin in den restlichen Stunden das zu betrachten, was Sie gebetet haben. DSDZ (der Schreiber dieser Zeilen) hat diese Wirkung an sich selbst erfahren als er 3 Stunden am Tag das Brevier betete, in Fontgombault waren es tatsächlich auch 6 Stunden. Wenn auch jetzt am Anfang seiner Selbstständigkeit, wo vieles gemacht werden muss, seine Gebetszeit in der Woche nur 1 Stunde 15 Minuten beträgt, so hat er keine Probleme etwas zu Betrachten, weil er sich ständig im Gebet oder beim Schreiben mit irgendwelchen geistlichen Inhalten konfrontiert sieht. Es ist zwar nicht alles Gebet, aber alles zehrt vom Gebet. Wollte man aber innerhalb von 15 Minuten dasselbe erreichen, was in dieser 1 Stunde und 15 Minuten erreicht wird, so bräuchte man sicherlich eine ausgeklügelte Methode. DSDZ kennt sie nicht, denn er möchte eher mehr als weniger beten und andere Menschen dazu anleiten. Außerdem erinnert ihn dieses Nur-15-Minuten-Programm an eine Fitness-Mogelpackung. Allerdings gibt es tatsächlich Menschen, die vorher dermaßen gut trainiert waren, dass ihnen diese 15-Minuten nach spezieller Methode als Mindestmaß genügen würden. Aber das Gebet ist keine technische Sportart, die Sie erlernen müssen, sondern ein Gespräch mit dem personenhaften Gott. Gott hört zu und hilft. Er gibt die Inspirationen und die Gnade. Er hilft uns auf die nächste Gebetsstufe auf. Die heiligen Einsiedler Paulus und Antonius kannten keine Methoden. Sie haben 80 bis 90 Jahre in der Wüste verbracht und so haben sie es gelernt. Sicherlich wäre es auch schneller gegangen, aber irgendjemand musste mit irgendetwas anfangen. Es ist wirklich unmöglich, dass man bei irgendetwas ganz schlecht ist, wenn man es oft tut. Das Instrument, das Sie spielen zeigt Ihnen den Weg und Sie finden intuitiv die beste und effizienteste Methode es zu beherrschen. Sicherlich ist ein Lehrer hilfreich, aber kein „Muss“. Es gibt sehr musikalische Menschen, die sich manche Instrumente selbst beigebracht haben. Sie spielen sie nicht technisch vollkommen, aber musikalisch. So zeigt uns Gott selbst den Weg, wenn wir ihn wirklich im Gebet suchen und zwar regelmäßig und nicht nur in Not. Im Gegensatz zu den fernöstlichen Meditationen, wo man spezielle Techniken lernt sich zu Depersonalisieren und auf die Dämonen zu öffnen, denn dazu dient ja das Ganze, braucht man als Christ sich auf keine Gebetstechnik zu fixieren, um es effizienter zu machen. Beim Gebet geht es nicht um Effizienz, sondern um eine Begegnung, von der Sie zehren, denn Gott ist vollkommen und braucht Sie nicht. Und dies sollte man sich bei allen methodischen und methodologischen Überlegungen stets vor Augen halten.     …

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