Tradition und Glauben

Paolo Pasqualucci, „Bruchstellen“ des II. Vatikanischen Konzils mit der Tradition der Kirche (6 von 6)

Der 25. Punkt der Analyse von Paolo Pasqualucci ist dermaßen gewichtig, dass er eigentlich der erste sein sollte. Das Konzil hat den Wahrheitsbegriff aufgehoben. Als wahr gilt nach dem gesunden Menschenverstand, nachdem dem Verständnis der Naturwissenschaften, nachdem Verständnis der Rechtsprechung und der Steuerbehörden (inklusive der Kirchensteuer) das, was sich außerhalb des erkennenden Intellekts befindet und vom erkennenden Intellekt als übereinstimmend erkannt wird. Sie sehen ein Pferd, Sie sagen: „Es ist ein Pferd“, alle Umstehenden sehen, dass es wirklich ein Pferd und keine Ziege ist, sodass man bestätigt, dass ihre Aussage „Es ist ein Pferd“ wahr ist. Sie sagen der Steuerbehörde gegenüber: „Ich habe keine Auslandskonten“. Die Steuerbehörde erfährt durch die Auskunft bei schweizerischen Steuerbehörden, dass Sie in der Schweiz ein Auslandskonto haben, um an der Kirchensteuer zu sparen, sodass die deutsche Steuerbehörde sagen kann, dass ihre Aussage „Ich habe keine Auslandskonten“ falsch ist, da sie nicht mit der äußeren und bestimmbaren Wirklichkeit übereinstimmt. Weder die Steuerbehörde, noch die Pferdeliebhaber begeben sich auf eine „Suche nach der Wahrheit“, welche nach dem Dialogprinzip stattzufinden hat, sondern sie stellen etwas fest, was den Tatsachen entspricht. Natürlich ist der theologische Wahrheitsbegriff derselbe wie in anderen Wissenschaften auch, sonst wäre er kein Wahrheitsbegriff. Aber nach Vat. II änderte sich das alles, sodass man seit 1962 immer nach der Wahrheit sucht und diese, dank der Kirchensteuer, immer noch nicht findet. Niemand weiß etwas. Weder der jetzige Papst, noch der letzte, noch die Bischöfe, noch die Priester, noch die Theologen. Man redet Unverfängliches, ohne sich zu binden, ohne „dogmatisch“ oder „fundamentalistisch“ sein zu wollen. Man möchte „im Gespräch bleiben“, „den Dialog pflegen“ und da man die Geldmittel dazu hat dauert es immer fort. Darum ist auch das Konzil bei den meisten Theologen und Priestern dermaßen populär. Man kann vor sich hin forschen, ohne zu irgendwelchen Ergebnissen zu kommen. Man kann vor sich hin labern, ohne irgendwelchen Sinn darstellen zu müssen. Und alles unser Geld! Wunderbar. Es stimmt wirklich, dass das Konzil das Ziel der „Vereinigung mit der menschlichen Rasse“ erreichte, da es die Kirche an die pagane Welt anglich und die erstere paganisierte, ohne die letztere zu christianisieren. Daher ist das bergoglianische Verbot des „Proselytismus“ die klare Konsequenz des Konzils. Beten wir für Paolo  Pasqualucci und seien wir dankbar, dass es Menschen gibt, die diese gordischen Konzilsknoten vorerst analysieren können, bevor sie jemand dann irgendwann mal zerschneidet.

  1. Das schwerwiegende Problem ist die Vorstellung einer Wahrheit, welche vom Subjektivismus modernen Denkens beeinflusst wird und damit nicht mit dem Gedanken einer offenbarten Wahrheit vereinbar ist.

a. In  Dei Verbum, in der Zusammenfassung des Diskurses über das „Verständnis“ der Wahrheiten des Glaubens als ein „Verständnis, das wächst,“ stellt es fest: „Denn wie die Jahrhunderte aufeinander folgten, so bewegt sich die Kirche beständig vorwärts auf die Fülle der göttlichen Wahrheit zu, bis das Wort Gottes seine ganze Erfüllung in ihr erreicht.“ (DV 8.2). Hier wird unterstellt, dass die Kirche noch immer nicht – nach zwanzig Jahrhunderten – „die Fülle der göttlichen Wahrheit“ besitzt, denn sie „bewegt sich“ noch immer vorwärts“! Die Vorstellung von Wahrheit als eine „Übereinstimmung des Gegenstands (der von uns untersucht wird) mit dem Intellekt (der es untersucht) [Aristoteles-St. Thomas Aquinas] wird ersetzt durch die typische moderne Idee von Wahrheit als eine subjektive und endlose Suche nach Wahrheit. Aber eine solche Idee, abseits jeder anderen Betrachtung, kann nicht auf die Auffassung einer Wahrheit angewendet werden, die von Gott offenbart wurde, die unser Verstand mit der unverzichtbaren Hilfe der Gnade erkennt, und die genau die unveränderliche Glaubenslehre Überdies stimmt ein solcher Gedanke nicht mit der Glaubenswahrheit überein, nach der die Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist.

b. Dieser Gedanke von „Wahrheit als eine Suche nach Wahrheit“, das in der Tat die Wahrheit ersetzt, nach der man fragt, ist die Grundlage des Prinzips des „Dialogs“. Es behauptet, dass Wahrheit „in religiösen Fragen“ nun das Ergebnis einer Suche sein sollte, die „frei sein muss, weitergeführt mit der Hilfe von Lehre oder Unterweisung, Kommunikation und Dialog, in dessen Verlauf die Menschen einander die Wahrheit erklären, die sie entdeckt haben [alii aliis exponent veritatem quam invenerunt], oder denken, entdeckt zu haben, um auf diese Weise einander bei der Suche nach Wahrheit zu unterstützen“ in Bezug auf „das göttliche Gesetz – ewig, objektiv und allgemein – wobei Gott das gesamte Universum und all die Wege der menschlichen Gemeinschaft durch einen Plan ordnet, leitet und regiert, der in Weisheit und Liebe entworfen wurde.“ (DH 3.1-2).

Die Wahrheit „in religiösen Angelegenheiten“ besteht also in was auch immer „entdeckt“ wird, gefunden vom Gewissen des Individuums in einer Wahrheitssuche „mit anderen“, dank beständigem „Dialogs“. Mit „anderen“ [alii] sind nicht einfach andere Katholiken gemeint, sondern andere im Allgemeinen, alle anderen Menschen, welches Credo sie auch immer glauben. Bezeichnenderweise hat diese Suche als Objekt das göttliche und ewige Gesetz, das von Gott in die Herzen der Menschen gesenkt wurde, dies ist die lex aeterna [das ewige Gesetz] der natürlichen Moral, nach der Art der Deisten (indem man jeden mit einbezieht, kann die Suche tatsächlich nicht die Offenbarte Wahrheit zum Ziel haben, welche von Nichtchristen als Ganze verneint und von Häretikern größtenteils verzerrt wird).

Diese neue Lehre widerspricht offen der beständigen Lehre der Kirche, nach der für den Katholiken Wahrheit „in religiösen Fragen“ und in der Moral eine Wahrheit ist, welche von Gott offenbart und vom kirchlichen Lehramt im  Glaubensdeposit bewahrt wird. Daher fordert diese Wahrheit die Zustimmung unseres Intellekts und unseres Willens, das durch die maßgebliche Hilfe der Gnade ermöglicht wird. Diese Wahrheit muss der Gläubige kennen und sich zu eigen machen, nicht von ihm durch seine eigene Anstrengung „gefunden werden“ oder vielmehr durch eine investigatio in Gemeinschaft mit Häretikern, Schismatikern, Nichtchristen, Häretikern; das bedeutet mit all jenen, die unsere religiösen Wahrheiten und unsere grundlegenden moralischen Prinzipien zurückweisen! Hier befinden wir uns außerhalb der Grenzen, nicht nur des Glaubens, sondern auch der grundlegendsten Logik!

c. Der unkatholische Grundsatz, dass die Wahrheit das Ergebnis einer „Suche“, gemeinsam mit anderen Menschen, sein sollte, der „in Treue zum Gewissen“ jedes Einzelnen Beteiligten nachgegangen wird, auch dann, wenn die Lösung „mehrerer moralischer Grundsätze“ einbezogen ist, wird in GS 16.2 bekräftigt, einem der Schlüsselsätze für das Verständnis der neomodernischtischen Sichtweise des Konzils.

  1. Um diese kurze Zusammenfassung abzuschließen, möchte ich die drei Punkte aus der feierlichen Einführungsansprache von Johannes XXIII. am 11. Oktober 1992 in Erinnerung rufen, welche nicht mit der Tradition der Kirche übereinstimmen und die sicherlich dazu beigetragen haben, das Konzil in die von der Regel abweichende Richtung zu führen, welche es dann nahm. Diese sind:

1) Eine verstümmelte und fehlerhafte Konzeption des kirchlichen Lehramtes: „Nun jedoch bevorzugt es die Braut Christi, die Medizin der Gnade mehr als die der Strenge zu verwenden. Dies erfordert, dass sie den heutigen Erfordernissen entgegenkommt, indem sie die Gültigkeit ihrer Lehre zeigt, statt vielmehr die Verdammungen zu erneuern.“ Verstümmelt, weil es zu dem Glauben führt, dass die Lehre Fehler nicht verdammen oder ihre Autorität nutzen sollte, die ihr von Gott kommt, um eine unzerstörbare Art der Entscheidung zwischen Wahrheit und Irrtum zu verkünden und anzuordnen; fehlerhaft, weil die Verdammung von Irrtümern, wie wir wissen, in sich selbst ein Werk der Barmherzigkeit ist, ob man nun dem Irrenden seinen Irrtum entgegenhält, so dass er selbst Rechenschaft ablegen, seine Wege neu überdenken und seine Seele retten mag, oder indem es [das Lehramt der Kirche] die Gläubigen vor den heimtückischen Spitzfindigkeiten des Irrtums verteidigt, dank der Verdammung aller Irrtümer, durch welche die Autorität, welche die iure divino hat, die Befähigung hat, diese auszusprechen.

2) Eine schwerwiegende Vermischung der katholischen Lehre mit modernem Denken, wie sie (in der muttersprachlichen Ausgabe deutlicher als in der lateinischen, und öffentlich von Johannes XXIII. selbst gebraucht) die wahre Lehre bekräftigt, dass die wahre Lehre „durch die Formen von Forschung und literarische Form studiert und sich zu Eigen gemacht werden soll“, denn „einerseits gibt es den Inhalt der alten Lehre des depositum fidei, andererseits die Fassung der Hülle (rivestimento oder Ummantelung): und es geht um diese Hülle, die man – mit Geduld wenn nötig – sehr beachten muss, alles in Form und Proportion einer Lehre abmessend, von überwiegend pastoralem Charakter“ (ein Konzept, dass in GS 62 und UR 6 erneut vorgeschlagen wird). Dies ist eine Haltung, die von den Päpsten immer zurückgewiesen wurde, wegen des offensichtlichen und unvermeidlichen Widerspruchs, welche zwischen modernem Denken und Taubheit dem Übernatürlichen gegenüber existiert und welche intensiv mit dem Prinzip der Immanenz und der „alten Lehre“ beschäftigt ist, in welcher es nicht möglich ist, die „Substanz“ und die „Hülle“ zu trennen.

3) Die Bekanntgabe der Einheit der menschlichen Rasse als das wahre Ziel der Kirche, die eine solche Einheit sogar als eine „notwendige Grundlage“ betrachtet, damit die „irdische Stadt“ immer mehr zur „himmlischen Stadt“ wird: eine Vorstellung von millenaristischen Tönung, der Lehre der Kirche fremd. Wir können die Zuordnung dieser unpassenden Absicht zur Kirche in LG 1 sehen (s. o., Nr. 5).

Paolo  Pasqualucci,

Katholischer Philosoph

Translated by Giuseppe Pellegrino

Aus dem Englischen übersetzt von Eugenie Roth

Quelle: https://onepeterfive.com/the-points-of-rupture-of-the-second-vatican-council-with-the-tradition-of-the-church-a-synopsis/

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