Augustin Poulain SJ, Die Fülle der Gnaden. (29) 3. Kapitel: Kurzer Überblick über die Geschichte des inneren Gebets (2)

Pater Poulain SJ hat fleißig historische Quellen gesammelt, um auch wirklich allen zu zeigen, wann man mit dem inneren Gebet anfing. Man fing damit gerade dann an als man das Brevierpensum dermaßen reduzierte, dass auch die vielbeschäftigten Bettelorden es verrichten konnten, was wohl in der Mitte des XIII Jhdts. stattfand. Die Mönchsorden beteten hingegen so viel, dass eigentlich das Gebet nur von anderen Tätigkeiten wie Handarbeit, Essen, Schlafen unterbrochen wurde und nicht umgekehrt wie heute, wo der weltliche Tagesablauf vom wenigen Gebet unterbrochen wird. Fragen Sie die erstbeste tätige Ordensschwester und die wird Ihnen sagen:

Man kann doch nicht immer beten!

-Natürlich kann man es.

Durch die Reduzierung des Gebets kam es zu geistlichen Mangelerscheinungen, wie bei Mangelernährung, welchen abgeholfen werden musste. Seit dem Vat. II betet man kaum noch und wir sehen alle die Resultate. Seit DSDZ seine Breviere mündlich betet, betrachtet er auch viel weniger als davor, weil er während des Gebets betrachtet. Wie?

  • Man liest den lateinischen Text – erste Ebene
  • Man denkt darüber, was er sagt – zweite Ebene
  • Man hegt fromme Gedanken über das Heiligenfest, das Tagesevangelium oder anderes – dritte Ebene
  • Man erhält geistliche Impulse, die in Gedanken resultieren, die man auch betrachtet – vierte Ebene

Wohlgemerkt, alles findet gleichzeitig statt, wozu jeder mit ein wenig Übung und Lateinkenntnissen kommen kann. Das gute am Tridentinischen Brevier ist das, dass es genau so viel Wiederholung und Neuheit bietet. Denn Sie beten die gleichen Psalmen, aber die Lesungen der ersten und zweiten Nokturn sind immer anders und kommen nur einmal im Jahr vor. Wenn Sie also die Psalmen der zweiten Nokturn beten, können Sie darüber nachdenken, was Sie gerade gelesen haben oder wie sich dieser Psalm im Leben des Heiligen widergespiegelt hat. Langweilig wird es wirklich nicht, aber es ist körperlich anstrengend, denn Sie rezitieren ununterbrochen zwischen einer Stunde und 1,5 Stunden am frühen Morgen, wenn Sie recht schnell sprechen. Man hat da schon ein Erfolgserlebnis und weiß, dass man etwas geschafft hat, was man bei der Betrachtung nicht immer sagen kann, weil sie kaum messbar ist. Das Kreisen um sich selbst ist da immer eine Gefahr, das Abgleiten in Gedanken ebenso. Das Brevier hingegen weist Ihnen den Weg. In der Fastenzeit ist es wirklich lang, weil man in der Matutin 12 ganze Psalmen betet, die manchmal wirklich sehr lang sind, am Samstag beten Sie zum Beispiel die ganzen Psalmen 101 bis 108 hintereinander. Nach der Matutin kommen noch die 8 Psalmen der Laudes und danach – aha- am Montag das Totenoffizium, am Mittwoch die Gradualpsalmen und am Freitag die Bußpsalmen. Es sei denn an diesem Tag fällt ein Fest Duplex mit neun Lesungen, dann gibt es diese zusätzlichen Offizien nicht. Man braucht sich also im Tridentinischen Brevier nicht vorzunehmen, dass man mehr betet, weil es automatisch passiert.

Ist es lang? – Ja, es ist lang.

Wie haben es die Mönche früher geschafft? – Durch den Schlafentzug.

Denn anders kann es kaum möglich gewesen sein.

Und woher wissen wir das? – Aus einem Hymnusvers

Utámur ergo párcius
Verbis, cibis et pótibus,
Somno, jocis, et árctius
Perstémus in custódia.

Verwenden wir also weniger
an Worten, Speisen, Trank,
Schlaf, Scherz und verbleiben
Mehr in der Wachsamkeit.

Schlafentzug ist also eine Bußübung, was er auch ist. Und als die betenden Stände der Kirche “die volle Leistung”, wie man wohl in Fußballdeutsch sagen würde, ablieferten, floß die Gnade für die Kirche und die Welt. Denn das Offizium ist eine Pflichtübung, welche natürlich auch den Beter beschenkt, aber es geht nicht vordergründig um ihn. Es waren leider die Jesuiten, welche diese subjektive Wende durch ihre Spiritualität einführten, an der wir jetzt alle zugrunde gehen. Was man aber aus den Augen verliert ist dies, dass der Jesuitenorden sehr elitär angelegt war. Und das betrachtende Gebet ist ebenfalls etwas Elitäres. Nicht alle Menschen sind dafür begabt und kommen dahin. Als sie in der guten alten Zeit, so bis zum XIII. Jhd. fleißig ihr Brevier diese 6 bis 8 Stunden am Tag beteten, fielen sie nicht vom Fleisch, als dieses wegfiel, ging es mit der Kirche nach unten: Nominalismus, das Abendländische Schisma, Reformation, Jansenismus, Französische Revolution, Säkularismus, Modernismus, Vatikanum II, Bergoglio. Es ist wirklich wie beim Sport, wenn Sie sechs Stunden am Tag trainieren, ist es unmöglich, dass Sie in der übrigen Zeit völlig unsportlich werden, denn die trainierten Muskeln und Gelenke halten Sie bei der Stange und morgen gibt es wieder Training. Ein Papst, der es mit der Kirche gut meinen sollte, sollte das alte Gebetspensum vor dem XIII. Jhdt. einführen. Leute dafür werden sich schon finden, denn die laufen die Wüstenmarathons, ernähren sich vegan und retten die Wale mangels anderer spiritueller Herausforderung. Dann würde die Welt nach und nach wieder von der Gnade erleuchtet werden. Bis dann muss jeder selbst ran, was DSDZ auch tut. Er steht seit ca. 3 Monaten um 4.30 h auf, ja, fast täglich, spürt den Schlafentzug und betet fleißig die Offizien und erlebt auch, dass während der Laudes die Sonne aufgeht, wie es der Hymnus vorschreibt. Für diese Erlebnisse brauchen Sie nicht nach Le Barroux oder Fontgombault zu fahren, sondern nur früh aufzustehen. Ja, die Faulheit und Bequemlichkeit sind der Feind des geistlichen Lebens, welches immer ein Kampf ist. Also versuchen Sie es, es wird Ihnen und der Welt nützen.

 

 

 

 

 

 

 

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