Augustin Poulain SJ, Die Fülle der Gnaden. (34) 5. Kapitel: Was ist “Beschauung”?

 

In diesem Kapitel bespricht Pater Poulain SJ die Bedeutung des Wortes “Beschauung”, Fremdwort „Kontemplation“ bei verschiedenen Autoren. Weil spirituelle Autoren in ihren Texten über sehr diffizile und selten vorkommende geistliche Zustände schreiben, so ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie ihren Ausführungen keine Definitionen voranstellen, da sie, anders als Pater Poulain SJ, keine gelernten Mathematiker sind. Liest man bloß einen mystischen Autor, wie zum Beispiel Johannes vom Kreuz, so ist es nicht weiter problematisch, denn man wird in seine mystische Terminologie eingeführt. Liest man aber mehrere Autoren nebeneinander, welche sogar aus demselben Orden kommen, die heilige Therese und den heiligen Johannes, so kommt es vor, dass sie für denselben Zustand andere Begriffe verwenden oder aber, dass sie mit demselben Begriff verschiedene Seelenzustände beschreiben. Man sehnt sich in der Bestimmung und Beschreibung mystischer Zustände nach der Präzision der Scholastik, doch man sehnt sich umsonst. Daher sind die unten angeführten, zugegeben, recht technischen Unterscheidungen von Pater Poulain umso wichtiger, insbesondere für diejenigen Leser, die viel mystische Literatur kreuz und quer lesen.

Kommen wir zu etwas Praktischem, und zwar zum Missbrauch des Wortes „Beschauung“ durch den häretischen Quietismus. Von Quietismus aus der dogmatischen Sicht war schon hier die Rede, wir wollen uns aber jetzt mit der psychologischen Ebene befassen. Die Quietisten meinten, so Pater Poulain, dass

„jedes Handeln fehlerhaft sein und daher die Untätigkeit unserer Kräfte das Ideal ist, nachdem wir streben müssen.“

Schon neulich bei gloria.tv gewesen? Dort finden Sie fast ausschließlich diese quietistische Grundhaltung, welche sich aktuell wie folgt liest:

Eugenia-Sarto am 3.09.2019 um 17:14

Der heilige Papst Pius X., dessen Gedächtnis heute die Kirche feiert, kämpfte gegen den Modernismus

Ist zu lesen als:

Er kämpfte dafür damals. Ich brauche es jetzt nicht zu tun.

Boettro am 3.09.2019 um 17:16

Heiliger Papst Pius XII, bitte für uns und die Kirche!

Ist zu lesen als:

Er soll was tun. Er ist ja tot. Ich brauche nichts zu tun

Sieglinde als Kommentar am 3.09. 2019 17:20 (Originalschreibweise):

Es ist kein Wunder, wenn viele Menschen das Handeln GOTTES nicht verstehen (kann man ja auch gar nicht voll ) wenn ihnen diejenigen welche es wissen (sollten) es nicht sagen. Die Verantwortlichen sollten sich im klaren sein, dass sie einmal Rechenschaft ablegen müssen, für alles was sie nicht, falsch oder nach eigenen Gutdünken ausgelegt haben.

Ist zu lesen als:

Die Verantwortlichen müssen Rechenschaft ablegen, ich nicht.

Ist hier der vergangene oder spiritualistisch aufgefasste Katholizismus die Rechtfertigung der eigenen Faulheit? Natürlich ist er das. Man könnte solche Kommentare ins Unendliche häufen, welche gerne im Kontext der Privatoffenbarungen verwendet werden. Natürlich kann man sich jetzt fragen, ob man sich über die Behinderung anderer lustig machen sollte. Aber die meisten gloria.tv Leser sind nicht behindert, sind nur unendlich stolz und sehr bequem, da diese quietistische Grundhaltung oder sagen wir es offen – Faulheit – sie in allen Lebensbereichen auszeichnet. Das Posten auf gloria.tv ist eine Verlegenheitslösung und eine Vermeidungsstrategie, weil es anonym nichts kostet und keine Anstrengung erfordert. Das Handeln wird Anderen aufgetragen. Man selbst bleibt müßig und irgendwie fromm.

Der Teufel hat eine doppelte Strategie. Einerseits will er die meisten vom geistlichen Leben und Gebet gänzlich fernhalten, sodass sehr viele Katholiken überhaupt kein geistliches Leben pflegen, was man auch an der geringen Resonanz unseres spirituellen Mittwochs ablesen kann. Andererseits leitet er Andere in eine quietistische Faulheit, welche das Nichtstun mit höherer Erleuchtung gleichsetzt. Wahrscheinlich sind für das Erstere – kein Gebetsleben – eher Männer, für das Letztere – Quietismus – eher Frauen anfällig. Gebet ist aber kein Nichtstun, es ist zuerst mit einer sehr großen eigenen Aktivität verbunden, bevor man selbst passiv wird und Gott die Aktivität überlässt. Dies ist in etwa mit Drachenfliegen vergleichbar. Sie müssen auf einen hohen Berg steigen und von dort sich auf einen Drachen fallen zu lassen. Der Berg kommt nicht zu Ihnen, der Drachen auch nicht.

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