Augustin Poulain SJ, Die Fülle der Gnaden. (36) 6. Hauptkennzeichen der mystischen Vereinigung (ii)

Der Schreiber dieser Zeilen (DSDZ) kommt nicht umhin festzustellen, dass seine besten Beiträge, zu denen er diese Poulain-Reihe zählt, kaum gelesen werden. Dies ist der Anzahl der Klicks und der Seitenaufrufe zu entnehmen und die Zahlen lügen nicht.

Warum werden sie denn nicht gelesen?

Weil die Menschen kein fortgeschrittenes Gebetsleben führen, sodass sie die hier beschriebenen Zustände gar nicht erfahren. Es ist in etwa damit zu vergleichen, wenn ein Sportmagazin Tipps geben würde, wie man den Joggers High erleben sollte und wie man die Marathonkrise ab dem 20. km zu überwinden habe. Dabei wären die Leser dieses Magazins so stark übergewichtig, dass sie gerade noch den Weg vom Kühlschrank zum Fernsehen schaffen würden. Die Jogging-Schuhe würden sie vorwurfsvoll aus der Ecke anschauen bevor sie in den tieferen Keller entsorgt werden würden. DSDZ hat jahrelang ein Fitnessmagazin gelesen und sich bemüht möglichst viel von all diesen Tipps in seinem Leben umzusetzen. Die Auswirkungen bleiben bis heute bestehen. Es stellte sich aber heraus, dass er zu der Minderheit der Leser gehörte, welche nicht nur über das Training lasen, sondern auch noch trainierten. Diese Sportvergleiche sind durchaus angebracht, da das Gebiet ein Tun ist, eine aktive Tätigkeit nicht nur der Seele, sondern des Geistes, des Verstandes, der Gefühle und des Körpers. Um sich dem Gebet widmen zu können, müssen Sie Ihren Tagesablauf so organisieren, dass sich Zeit dafür einfindet. Wir haben alle genau gleich viel Zeit, 24 Stunden pro Tag, und es liegt an uns, wie wir diese verwenden. Die meisten Katholiken, insbesondere diejenigen, die irgendwie aktiv sind, indem sie beispielsweise auf Gloria TV oder auf Facebook fremde Aufsätze Posten, samt Marienbildern natürlich, sehen im Katholizismus nur irgendeine Art Rechtfertigung und Überhöhung ihrer selbst. Weil sie gut und katholisch sind, muss Katholizismus gut sein. Nicht umgekehrt. Der Katholizismus dient ihnen dazu als ein guter Mensch dazustehen und anderen mit der Moralkeule einen überzubraten. Daher wehren sie sich so vehement die Bergoglio- Katastrophe zu sehen, blenden die Missetaten des jetzigen Antipontifikats aus, verleugnen die Apostasie der Geistlichen und bekämpfen bis aufs Blut alle, welche die Wahrheit über die Kirche unter Bergoglio beschreiben. Viel zu negativ, kein Friede-Freude-Eierkuchen-Katholizismus, wie würden sie denn aussehen? Dies gilt mutatis mutandis für die Piusbruderschaft-Anhänger. Weil die Anhänger selbst sich für gut halten, deswegen muss die Piusbruderschaft gut sein, tadellos, kanonisch regulär und heilig, da sie das gute Gefühl ihrer Anhänger rechtfertigt. Alles andere wird ausgeblendet und unter den Teppich gekehrt. Man will es gar nicht wissen. Das erklärt auch die Tatsache, warum so viele so lange über den sexuellen Missbrauch geschwiegen haben. Das Muster lautet:

Weil ich gut bin, muss der Laden dem ich angehöre auch gut sein. Alles andere gilt nicht.

Das ist natürlich keine Religion, sondern ein religiös verkleideter Narzissmus. Aus dieser Perspektive heraus ist man gar nicht daran interessiert sich fortzubilden, die Wahrheit zu erfahren, wirklich die letzten Zusammenhänge zu begreifen oder das Gebet zu erlernen. Man bestätigt sich selbst, indem man fremde Artikel postet, welche einen in der eigenen Meinung bestärken. Man ist selbst das Maß aller Dinge. Man betet zwar ab und zu einen Rosenkranz oder ein Ave Maria, aber nur als Mittel der Selbstbestätigung und nicht der Herausforderung. Da Gott aber der völlig Andere ist – totum aliud – so führt das Gebet, welches wirklich zu Gott zieht, zu keiner Selbstzufriedenheit. Außerdem ist Gebet anstrengend.

Warum also diese Reihe fortführen?

Wegen des Pareto-Prinzips, wonach die absolute Minderheit die Mehrheit bewältigt. Es kommen irgendwann mal Leser, die wirklich beten, nach Anregung und Hinführung suchen und für die werden diese Poulain-Zeilen Gold wert sein.  

Heute behandelt der französische Jesuit wieder einmal die Frage, wie man die mystische Vereinigung vom Gebet der Ruhe oder von den ersten Erlebnissen mystischer Art unterscheiden kann. Er beschreibt etwas, was sehr vielen Menschen nach ihrer Erweckung oder Bekehrung im Gebetsleben zuteil wird. Sie spüren zum ersten Mal die Gegenwart Gottes und halten es manchmal für eine mystische Vereinigung. Diese Erlebnisse finden wirklich sehr früh nach der Bekehrung statt, innerhalb der ersten Monate. Sie sind auch extrem stark, weil die Natur das Göttliche noch nicht kennt und daher das völlig Andere dermaßen stark erlebt. Man könnte es in etwa damit vergleichen, wenn jemand dermaßen lange ohne Licht in einem dunklen Verlies gewesen wäre, dass der geringste Lichteinfluss seine Sehnerven dermaßen reizt, dass er das, was andere Normalsehende als recht dunkel erleben, für die hellste Helligkeit hält. So ist es auch mit der Seele, die sich aus der Dunkelheit der Sünde und der von der Sünde lädierten Natur zu Gott zu erheben beginnt. Das kleine bisschen der Anwesenheit Gottes, welche dieser Seele am Anfang zuteil wird, um sie zu ermuntern und zu Gott zu ziehen, wird als extrem stark erlebt. Dies ist natürlich keine mystische Vereinigung, sondern es sind die ersten Vorboten des Gebets der Ruhe, bei dem sich sehr vieles durchmischen kann: die Gnade, die Natur, die Gefühle und der böse Geist. Da diese Zustände recht schnell vorüber gehen und eine Trockenheit hinterlassen, sieht sich die Seele verlassen und getäuscht und fragt sich:

War es denn wirklich?

Ja, es war wirklich, es war aber noch nicht die Vereinigung. Denn findet diese statt, dann weiß man es sicher, man braucht es nicht zu denken oder es sich vorzustellen. Es ist eine gewisse Tatsache. Die Anfänge des mystischen Weges sind sehr mühevoll. Man weiß selbst nichts, alles ist neu und man hat niemanden, der einen anleiten könnte. Daher führen wir diese Reihe weiter fort.

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