Augustin Poulain SJ, Die Fülle der Gnaden (40) Quellenbelege zum Gebet der Ruhe (iii)

Fühlt es sich richtig an?

Der Glaube ist eine intellektuell-voluntaristische Angelegenheit. Dies bedeutet, dass der Glaube eine Zustimmung des Verstandes (assensio mentis) zu den Glaubenswahrheiten ist, die von Gott geoffenbart wurden. Um diese mentale Zustimmung überhaupt geben, muss man dazu gewillt sein. Dies bedeutet den Willen (voluntas) zu aktivieren und einzusetzen, da das, was Gott offenbart die menschlichen intellektuellen Fähigkeiten übersteigt. Daher heißt es ab und zu für jeden von uns:

Ich will es glauben. Ich kann es aber noch nicht!

Wo der Wille zu glauben vorhanden ist, da füllt Gott irgendwann einmal den Willen und der Glaube wird zur Gewissheit.

Das innere Leben jedoch ist eine Angelegenheit der Erfahrung (experientia). Man spricht ja von der Gotteserfahrung, von der Gebetserfahrung oder von der mystischen Erfahrung. Es stimmt wirklich, dass man durch den Glauben einen zusätzlichen Sinn, den Glaubenssinn (sensus fidei) empfängt, der sich nach und nach, wenn man daran arbeitet und Gott es will, von der kindlichen Stufe zu der Erwachsenenstufe entfaltet.

Die hier von Pater Poulain SJ beschriebenen mystischen Zustände, d.h. das Gebet der Ruhe und das Gebet der Vereinigung, stellen den Übergang von der Jugend- in die Erwachsenenstufe dar. Man hat durch einfache Gebetsübungen dermaßen seinen Glaubenssinn (sensus fidei) entwickelt und erzogen, dass man in der Lage ist bestimmte Dinge überhaupt zu spüren oder zu unterscheiden. Die sind aber keine emotionalen Zustände, sondern geistliche Zustände.

Neuer Sinn oder Gesang und Sport

Sicherlich haben die wenigsten Menschen die Erfahrung einen neuen Sinn zu entdecken, ein Organ oder einen Muskel einzusetzen, das man vorher noch niemals benutzte. Dies kommt jedoch bei verschiedenen Sportarten vor, so beansprucht bspw. Der Hürdenlauf dermaßen die Adduktoren und Abduktoren wie keine andere Sportart, da man kaum woanders diese Bewegung dermaßen häufig ausführt. Es sei denn man hat Kampfsport mit sehr vielen Kick- und Drehbewegungen praktiziert, wo die Adduktoren und Abduktoren ebenfalls zum Einsatz kommen.  Eine ähnliche Erfahrung diesbezüglich stellt der Gesangsunterricht dar. Man lernt dabei dermaßen seinen Gaumen zu spüren und anzuspannen, wie es in anderen Lebensumständen überhaupt nicht vorkommt. Man lernt dabei:

(a) ich habe einen Gaumen

(b) ich muss ihn zu bedienen wissen

(c) ich weiß ihn endlich zu bedienen

Und genauso ist es mit der Erfahrung der Gegenwart Gottes, wie es die von Pater Poulain SJ angegebenen Quellen beschreiben. So spricht der unten zitierte Alfons Rodriguez SJ von einer „experimentellen Gewissheit“. Man hat dermaßen lange diese Erfahrung, gleichsam durch Gebets-Experimente, herbeigeführt, dass man zu einer Gewissheit der Gegenwart Gottes gelangt ist. Und so kann auch ein erfahrener Sänger genau fühlen, ob das hohe G an seinen Gaumen sich richtig „anfühlt“ und ob er auch die restliche Muskulatur richtig anspannt, damit er den Ton richtig singt. Während aber der Sänger alles selbst bewirkt, bewirkt auf dem mystischen Weg das meiste Gott und es ist Gott, der das Gespür für seine Gegenwart herbeiführt. Dennoch sollte der Mensch in der Lage sein zu erkennen, ob seine Erlebnisse tatsächlich von Gott stammen, indem er seine Erlebnisse mit den Erlebnissen der heiligen und frommen Seelen vergleicht, die uns unten Pater Poulain SJ vorstellt. Denn der Teufel kann ebenfalls mystische Gefühle und Erlebnisse herbeiführen, die nur schwer von den echten göttlichen Erlebnissen zu unterscheiden sind. Deswegen muss man im inneren Leben sehr belesen sein, um das Erlebte auch wirklich richtig einordnen zu können.

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