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Carol Byrne, Dialogmesse: Eine widersprüchliche Reform (15.1 von 94)

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Da der nachfolgende Teil der Dialogmesse dermaßen inhaltsreich ist, so wollen wir ihn in zwei Teilen vorstellen, um ihn richtig würdigen zu können. Vorausgesetzt Sie haben Kinder sind aber momentan zu müde, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Was tun sie dann? Richtig, Sie denken sich etwas aus, damit sich die Kinder selbst beschäftigen: ein Spiel oder eine Aufgabe, die Sie möglichst „erwachsen“ verkaufen. Beim Unterrichten oder in irgendeinem Dienstleistungsgewerbe ist es gleich. Sie müssen die Leute dazu bringen, dass sie selbst das machen, wozu eigentlich Sie gedacht sind. Man nennt es „delegieren“ oder „aktivieren“. Hauptsache Sie haben dann Ihre Ruhe und Ihr Geld, aber „keinen Bock“. Natürlich geht das nicht immer, weil die Leute oft nicht die Qualifikationen haben etwas tun zu können: „Operieren Sie bitte sich selbst“ oder „Singen Sie die Arie der Königin der Nacht“ – wird in den meisten Fällen nicht klappen. Wann kommt man denn auf die Idee seine eigene Aufgaben zu delegieren? Wenn man zu müde ist, wenn man keinen Sinn darin sieht, wenn man sich von der Sache selbst – Medizin, Operngesang – dermaßen entfernt hat, dass man froh ist, wenn andere es machen. Wenn alle Priester dermaßen von den liturgischen Reformen schwärmen, so müssen sie es als eine große Erleichterung erfahren haben „nicht alles selbst“ machen zu müssen. Die Scheu vor dem Heiligen ist aber eine einfache Konsequenz der Sünde. Hat man gesündigt, wie Adam im Paradies, so scheut man das Licht. Je weniger Liturgie man aber „veranstaltet“, umso mehr verbleibt man in der Dunkelheit, um seine eigene Sünde nicht zu sehen. Eigentlich ist es sehr einfach und konsequent gedacht. Weniger Licht führt zu weniger Licht, führt zu weniger Licht etc.

Eine widersprüchliche liturgische Reform

Mit Mediator Dei von 1947 hatte Pius XII. die Voraussetzungen für eine „aktive Teilnahme“ der Laien geschaffen. Er ermutigte nicht nur nachdrücklich die „Dialogmesse“ und den Gemeindegesang in dieser Enzyklika, sondern ermahnte auch die Bischöfe Diözesankomitees einzurichten, um sicherzustellen, dass diese revolutionären Maßnahmen, „an denen das Volk an der Liturgie teilnimmt“, überall als „liturgisches Apostolat“ für die Laien gefördert werden.[1] 

Hier sehen wir die erste Andeutung der „Theologie des liturgischen Laiendienstes“, die vom Zweiten Vatikanum angeordnet werden würde, wobei die gesamte [liturgische] Versammlung die Verantwortung für die Feier der Messe teilt. So untergrub Pius XII. seine eigene Lehre über das katholische Priestertum, das an anderer Stelle in demselben Dokument zu finden ist. Ist es angesichts dieser Verwechslung und Verwirrung zwischen Ordinierten und Nicht-Ordinierten ein Wunder, dass sich eine Krise der priesterlichen Identität entwickelt hat?

Die heutigen eucharistischen Laiendiener sind Teilnehmer am Priestertums – Diözese Austin, Texas

Fast unmittelbar nach der Enzyklika setzte Pius XII. Annibale Bugnini als Verantwortlichen in der Kommission für die allgemeine Reform der Liturgie ein, die von einigen handverlesenen „progressiven“ Satrapen besetzt wurde.[2] 

Das erste Ergebnis der Arbeit der Kommission war die Umstrukturierung des Osternachtritus (1951) im Hinblick auf die Förderung der „aktiven Teilnahme“, die 1955 zu einer vollständigen Überarbeitung der Liturgie der Karwoche führte. Dies würde wiederum alle nachfolgenden liturgischen Reformen bis und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit dem gleichen Grundprinzip hervorbringen.

Es gab keinen Zweifel, dass die  [liturgischen] Prinzipien der beiden einflussreichsten Mitglieder der Kommission: Pater Dr. Bugnini und Fr. Ferdinando Antonelli,  welche die Reformen in den 1950er Jahren ausgearbeitet hatten, dieselben waren wie die nachkonziliaren Reformen.

Bugnini gab mehrere Erklärungen ab, wonach die Reformen von 1955 eine Übergangsphase einer allgemeineren liturgischen Reform darstellten, „der erste Schritt zu Maßnahmen mit größerem Umfang“, „ein Pfeil“, der nach vorne zeigt.[3] Fr. Antonelli, zukünftiger Sekretär der Liturgischen Kommission des Zweiten Vatikanischen Konzils und Sekretär der Kongregation der Riten, erklärte, dass seine Überarbeitung des römischen Ritus unter Pius XII. einfach eine Art Noviziat für die offiziellen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils und später sei.[4] 

Als Bugninis üble Taten auf ihn selbst zurückfielen

Ein erster Reformer, P. Antonelli wurde von den Päpsten mit einem Kardinalhut und Prestige ausgezeichnet

Es ist ironisch, dass P. Antonelli (der spätere Kardinal), der in der Kommission von Pius XII. für die Reform der Karwoche die Hauptverantwortung trug, später das Ergebnis dessen, was er in den 1950er Jahren initiiert hatte, bedauerte. In seinen Memoiren bemerkte er:

„Viele von denen, die die Reform beeinflusst haben … und viele andere auch, haben keine Liebe und keine Verehrung für das, was uns überliefert wurde. Sie beginnen damit, alles zu verachten, was tatsächlich vorhanden ist. Diese negative Mentalität ist ungerecht und schädlich… mit dieser Mentalität konnten sie nur abreißen und nicht wiederherstellen.“[5] 

Ganz genau. Doch an diesem kritischen Punkt in der Geschichte, an dem die Unterstützung des Papstes für den Schutz der traditionellen Riten von wesentlicher Bedeutung war, war Pius XII. auf der falschen Seite und schloss sich denen an, die die Tradition zerstören wollten.

Die Hermeneutik des Bruches

Die Kontinuität mit der Tradition war genau das, was die Kommission von Pius XII. nicht wollte, wie im Dekret von 1951[6] zur Einführung einer experimentellen Osternacht und auch im Dekret von 1955[7] deutlich wurde, das die neue Osternacht (wie auch die gesamten Reformen der Karwoche) verpflichtend für den römischen Ritus machte. Beide Dekrete enthalten, wie wir weiter unten sehen werden, eine ungerechtfertigte Kritik an den traditionellen Riten; sie werden auch von Anweisungen für neue Riten begleitet, bei denen der Schwerpunkt auf die „aktive Teilnahme“ der Laien gelegt wurde.

Die „horizontale“ Kirche spiegelt sich in einer egalitären Architektur und Liturgie wider.

Hier sehen wir die ersten Schimmer einer neuen Herangehensweise an die Liturgie – die später als „Horizontalismus“ bekannt wurde. Die Ordnung und Bedeutung des katholischen Gottesdienstes lag nun in den Händen der Reformer, die systematisch begannen, Rituale, die ein Gefühl der Ehrfurcht und Andacht in der Gegenwart Gottes vermittelten, durch „vereinfachte“ menschenzentrierte Konstrukte zu ersetzen, um die „aktive Teilnahme“ zu fördern.

Mit dem Dekret Maxima Redemptionis wurde 1955 die Form dieser ältesten Vigil, der Ostervigil, (die der heilige Augustinus als „Mutter aller Vigilien“ bezeichnete) neu formuliert und einige ihrer Texte massiv beschnitten. Es wurden neue Arrangements für den Priester erfunden, um dem Kirchenvolk gegenüber zu stehen, Arrangements, die einen „Dialog“ mit der Gemeinde in der Landessprache beinhalteten. Man könnte sagen, dass der Niedergang des Gespürs für das Heilige in embryonaler Form mit den Veränderungen von 1951 bis 1955 begann.


[1] „Deshalb ermahnen Wir euch, ehrwürdige Brüder, dass jeder in seiner Diözese oder in seinem kirchlichen Sprengel die Teilnahme des Volkes an der liturgischen Handlung gemäß den Normen, die das „Missale“ aufstellt, und nach den von der Ritenkongregation und dem kirchlichen Gesetzbuch erlassenen Vorschriften leite und ordne. […] Zu diesem Zweck ist es auch Unser Wunsch, dass in den einzelnen Diözesen […] ein Rat zur Förderung des liturgischen Apostolates eingesetzt werde […].“ (Mediator Dei, Nr. 109)

[2] Die Mitglieder der Kommission im Jahr 1948 waren: Card. Clemente Micara, Pro-Präfekt der Heiligen Kongregation der Riten (Präsident); Fr. Annibale Bugnini CM (Sekretär); Msgr. Alfonso Carinci, Sekretär der Kongregation der Riten; Fr. Agostino Bea SJ; Fr. Ferdinando Antonelli OFM; Fr. Joseph Löw CSSR; Dom Anselmo Albareda OSB, Präfekt der Vatikanischen Bibliothek.

[3] A. Bugnini, The Simplification of the Rubrics: Spirit and Practical Consequences of the Decree of the Sacred Congregation of Rites March 23, 1955, with a Preface by Ferdinando Antonelli, Collegeville, MN: Doyle & Finegan, 1955.

[4] Vgl. Nicola Giampietro, The Development of the Liturgical Reform: As Seen by Cardinal Ferdinando Antonelli from 1948-1970, Fort Collins CO: Roman Catholic Books, 2009, p. 69. Giampietro bezog seine Informationen aus Recherchen zu Antonellis persönlichen Schriften sowie aus Archivmaterial aus den Protokollen der Kommissionen, denen der Kardinal gedient hatte.

[5] Ebenda , p. 192. Dies soll nicht bedeuten, dass Kard. Antonelli die liturgische Tradition der Kirche intakt halten wollte. Er war Sekretär der Liturgischen Kommission des Zweiten Vatikanischen Konzils, Mitglied des nachkonziliaren Konziliums und wurde 1965 Sekretär der Heiligen Ritenkongregation.

[6] De solemni vigilia paschali instauranda, Acta Apostolicae Sedis, 1951, pp. 128-37. Es gibt keine englische Übersetzung.

[7] Maxima Redemptionis, Acta Apostolicae Sedis, 1955, 838-847.

Quelle

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