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Carol Byrne, Dialogmesse: Eine widersprüchliche Reform (15.2 von 94)

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Die Texte von Carol Byrne lesen sich wie Unfallberichte einer Flugzeugkatastrophe und zwar gelesen nachdem das Flugzeug auf dem Boden aufschlug und z.B. 320 Menschen ihr Leben verloren. Sie lesen, wie es dazu kommen konnte und wie es dazu kommen musste. Hier wurde die Wartung nur zu 90% gründlich durchgeführt, hier wurden die falschen Schrauben verwendet, hier mit falschem Schraubenzieher angezogen, der Pilot hatte keine Lust, der Co-Pilot keine Ahnung, dies führte zu dem und am Ende schlug das Flugzeug am Boden auf. Man spricht dann von „Verkettung unglücklicher Umstände“ manchmal aber von Sabotage. Aber bei der Liturgiereform sieht man eine geplante und generalstabsmäßig durchgeführte mutwillige Böswilligkeit, die vielleicht erst jetzt aus unserer Perspektive ersichtlich ist. Vielleicht war es auch früher ersichtlich. Denn untersucht man die Dokumente, dann sieht man, dass diese von Widersprüchen strotzen und jeder Logik trotzen.

Aber kommen wir zur Logik: einerseits verurteilte Pius XII. die Einstellung „älter ist besser“ und schreibt „auch die neueren liturgischen Riten sind ehrfürchtiger Beobachtung würdig“, dann aber ordnet er genau das an, was er selbst verurteilt hat:

  • die ältere, urchristliche, nächtliche Vigil wird als die „bessere“ anerkannt,
  • die neuere, vom VII. Jhd bis 1955, als die „schlechtere“ verurteilt,
  • so ist der liturgische Fortschritt eigentlich ein Rückschritt,
  • aber das Neue-Alte von 1955 ist besser als das „Alte-Neue“, von VII Jhd. bis 1955, obwohl es neuer ist.

Wie wir also sehen, spielt es keine Rolle, ob etwas alt oder neu ist, Hauptsache es passt den Reformern in den Kram und wirkt zerstörerisch. Unter dem Strich bedeutet es, dass die Kirche seit dem Verlassen der Katakomben bis 1955 in ihren wichtigsten und ureigensten Festen irrte.

Warum hat es niemand gesehen?

Natürlich stellt man sich die Frage, warum niemand diese Widersprüche gesehen und angeprangert hat. Weil es nicht so offensichtlich war. Wenn uns Carol Byrne ihre Forschungsergebnisse auf dem silbernen Tablett sozusagen präsentiert, mit dem erklärenden Kommentar von DSDZ versehen, dann kommt man nicht umhin es zu sehen, aber um solche Gedankengänge überhaupt entwickeln zu können, muss man gleichzeitig mehrere Voraussetzungen erfüllen:

  1. Sie müssen sich in der Liturgie auskennen und diese für (a) „wichtig“ oder gar (b) „wirkmächtig“ halten.
  2. Sie müssen ausreichend gebildet sein, um ihre Meinung theologisch zu untermauern und logisch darstellen zu können.
  3. Sie müssen den Mut haben es tun zu können.

Kaum ein Laie verfügt über 1. und 2., kein Geistlicher, siehe die Bergoglio-Krise, über 3. Denn sollte jemand nach 1955 die Richtigkeit der päpstlichen Reformen in Frage gestellt haben, dann ließ wohl die Suspendierung nicht lange auf sich warten. Aber wir hören von keinen Dubia oder von offenen Briefen, die nach 1955 Pius XII. unterbreitet wurden. Entweder waren alle zufrieden oder sie schwiegen feige. Man dachte wohl, dass der Papst „den besseren Draht zum Himmel“ habe und man selbst falsch liegen könnte. Man hatte wohl kein realistisches Verständnis der Liturgie mehr, dass sie 1.b. also „wirkmächtig“ ist, welche das wirkungsvollste Ergebnis nur dann „produziert“, wenn man sie ganz nach Vorschrift zelebriert. Ein polnischer Exorzist, Jahrgang 1937, sagte, dass er über 70 Jahre alt und 40 Jahre Priester gewesen ist als er erst im Kontext der Exorzismen erlebte, dass Gebete wirklich wirken. Er dachte vorher, dass man beten müsste, weil es so ist, aber niemals, dass Gebete wirklich eine Wirkung entfalten. Wenn er Anfang der 1960-ger geweiht wurde, so kann er kaum die Alte Liturgie richtig gekannt haben, weil sie nach 1955 schon „abgespeckt“ wurde. Aber die Geistlichen Anfang 1950 hatten es noch mit der ganzen Fülle und Pracht zu tun. Warum haben sie nicht protestiert?

Falscher Beginn der Osternachtreform

Unter dem Druck der französischen und deutschen Bischöfe stellte Pius XII. eine neue Regel auf, dass die Kirche die Osternacht nicht mehr bei Tageslicht abhalten sollte, wie dies seit dem 7. oder 8. Jahrhundert der Fall war, sondern sie sollte zur Praxis der ersten Christen zurückkehren, die sich nach Einbruch der Dunkelheit versammelten.

Die Kongregation der Riten gab keinen überzeugenden Grund an, warum die Nachtzeit als „richtige Stunde“ für die Vigil angesehen werden sollte. Tatsächlich gibt es keine „richtige“ Stunde für eine Vigil. Das Geheimnis der Liturgie der Kirche ist im Wesentlichen nicht an die Uhr gebunden. In liturgischen Begriffen bezieht sich eine Vigil auf den Vorabend eines Festtages und kann zu jeder Tageszeit angemessen gefeiert werden.

Allerdings bestand Maxima Redemptionis willkürlich darauf, dass die Zeremonien „nicht vor der Dämmerung oder schon gar nicht vor Sonnenuntergang beginnen dürfen“. Der Zeitpunkt der Osternacht war jedoch nie durch astronomische Berechnungen festgelegt worden, als ob alles davon abhängen würde, wie viel Grad die Sonne über oder unter dem Horizont steht.

Der widersprüchliche Charakter der Osternachtreform


Die Kirche wurde angewiesen, in die Katakomben zurückzukehren. Es ist verwirrend, dass derselbe Papst, der erst vier Jahre zuvor einen so rückläufigen Schritt aufs Schärfste als „Antiquarismus“ verurteilt hatte, diese Umkehrung seiner eigenen Lehre hätte befürworten können:

„Gleich zu beurteilen sind die Versuche und Bestrebungen, alle möglichen alten Riten und Zeremonien wieder in Gebrauch zu bringen. Ganz gewiß, die Liturgie der alten Zeit ist zweifelsohne verehrungswürdig. Aber ein alter Brauch ist nicht allein schon deshalb, weil er Altertum ausstrahlt, in sich oder für spätere Zeiten und neue Verhältnisse als geeigneter und besser zu betrachten. Auch die neueren liturgischen Riten sind ehrfürchtiger Beobachtung würdig, weil sie unter Eingebung des Heiligen Geistes entstanden sind, der immerdar der Kirche beisteht bis zur Vollendung der Zeiten; und auch sie sind gleichberechtigte Werte, mit deren Hilfe die ruhmreiche Braut Christi die Menschen zur Heiligkeit anspornt und zur Vollkommenheit führt.“[1] 

Eine Osternacht nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der Kathedrale von Los Angeles.

Aber die Aussage, die in seinem Dekret von 1955 Maxima Redemptionis getroffen wurde war,  dass die urchristlichen Osternacht „besser geeignet und angebracht“ war als das, was über die dazwischenliegenden Jahrhunderte entwickelt wurde. Damit wurde das Prinzip abgelehnt, dass „die neueren liturgischen Riten ebenfalls Ehrfurcht verdienen und respektieren.“ Die im Dekret verwendete Sprache, mit der die liturgische Tradition, wie sie sich bis in die 1950er Jahre entwickelt hatte, verunglimpft wurde, ist unverkennbar. Maxima Redemptionis trug den Ton der Ablehnung dessen, was seit Jahrhunderten als katholische Praxis anerkannt und aufrechterhalten wurde, mit der kaum verschleierten Folgerung, dass die Kirche im größten Teil ihrer Geschichte ihre Anbetung falsch durchgeführt hatte.

Darin wurde der Vorwurf gemacht, dass die Ostervigil ihre ursprüngliche Klarheit und die Bedeutung seiner Worte und Symbole verloren  hatte, als sie ihrer „richtigen“ nächtlichen Zeit „entrissen“ wurde und [somit] nicht mehr im Einklang mit dem Darstellung des Evangeliums war. Den Reformern zufolge war dies sogar „schädlich“ für die symbolische Bedeutung der Vigil geworden.[2]  Jeder könnte denken, dass [sich dieser Text] auf eine monströse Missetat bezieht, die aus der Kirche entfernt werden müsste.

Mit anderen Worten, der Heilige Stuhl (in Anlehnung an die Reformer) behauptete, dass die öffentlichen Gebete der Kirche, die seit vielen Jahrhunderten ununterbrochen gefeiert, durch lange Verwendung geheiligt und vom Konzil von Trient kodifiziert wurden, theologisch mangelhaft und liturgisch „unangemessen“ seien.

Ist es denkbar, dass die traditionelle Art, die Osternacht tagsüber zu feiern, ein katastrophaler Fehler war und dass die Kirche 14 Jahrhunderte warten musste bis Bugnini und seine Handlanger die Angelegenheit in Ordnung gebracht hatten?

Natürlich nicht, und in der nächsten Folge werden wir die falschen Gründe für die Änderungen der Osternacht untersuchen, die in den Dekreten von 1951 und 1955 veröffentlicht wurden.


[1] Mediator Dei, 1947 n. 61.

[2] Maxima Redemptionis: “profecto non sine detrimento liturgici sensus, nec sine confusione inter evangélicas narrationes et ad eas pertinentes liturgicas repraesentationes. Solemnis praesertim paschalis vigiliae liturgia, a propria nocturna sede avulsa, nativam perspicuitatem ac verborum et symbolorum sensum amisit.” (sicherlich nicht ohne Beeinträchtigung der liturgischen Bedeutung, was zu Verwirrung zwischen den Evangeliumsberichten und den damit verbundenen liturgischen Zeremonien führte. Hauptsächlich verlor die feierliche Liturgie der Osternacht, die aus ihrer eigentlichen nächtlichen Zeit gerissen wurde, ihre angeborene Klarheit sowie die Bedeutung von Wörtern und Symbole) Der Ausdruck von zerrissen („weggerissen“) ist beleidigend und ungerechtfertigt, da er in Standard eine besonders gewalttätige Konnotation hat, die Raub, Entführung usw. beschreibt.

Quelle

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