Tradition und Glauben

Carol Byrne, Die ökumenischen Farben der liturgischen Reform (49.1 von 110)

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Carol Byrne spielt auf die protestantischen Cranmer-Reformen an, die so treffend von Michael Davies mit Novus Ordo verglichen worden sind, wodurch die katholische Messe Mitte des 16. Jhdts. dem Anglikanismus angepasst wurde. Die Messe wurde also so gestutzt und beschnitten, dass sie protestantisch wurde, wie 1969 ja auch. Interessanterweise bediente sich Cranmer desselben Arguments wie später Bugnini: „Einzelne Lokalkirchen haben ja auch die Liturgie verändert.“ Kard. Vaughan, den Carol Byrne hier anführt, schreibt, dass dies zwar stimmt. Sie haben aber etwas dazugegeben und die Liturgie verlängert, sie haben niemals etwas gekürzt oder gestrichen, wie Cranmer zwischen (1539-42) und Bugnini und Co. 1955-1969. Kard. Vaughan schreibt außerdem etwas Bemerkenswertes, was wir hier gleich hervorheben wollen. Ja, es stimmt, dass die Liturgie im Laufe der Jahrhunderte ergänzt, verschönert und vielleicht überwuchert wurde. Da wir aber nicht wissen, was wichtig und was unwichtig ist bei dem Ganzen, da wir einen schwächeren sensus liturgicus als unsere Vorfahren haben, so befolgen wir alle Riten in jedem Detail, damit uns nicht das Ganze, wie nach dem Konzil, zusammenbricht. Man könnte demnach die Liturgie mit eine Html-Code vergleichen. Wenn Sie selbst nicht kodieren können, so übernehmen Sie den Code wortwörtlich, jedes Tüpfelchen, jedes Zeichen, jede Leertaste, damit Ihnen die Website nicht zusammenbricht, weil Sie Wichtiges vom Unwichtigen nicht unterscheiden können. Wer könnte sich da Spielereien erlauben? Derjenige, der sich wirklich in HTML auskennt. Und wer hat den richtigen sensus liturgicus? Gott, Engel, Heiligen und Dämonen. Sie wissen wirklich und objektiv, was wichtig und was unwichtig ist.

Bevor wir uns die 1955 Reform der Zeremonien des heiligen Triduums (Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag) anschauen, wäre es sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass die Kirche von den apostolischen Zeiten an bis ins XX Jhd. niemals darin fehlte eine Haltung der Ehrfurcht gegenüber der liturgischen Tradition einzunehmen. Der Grund dafür ist genau derjenige, dass die liturgische Tradition das Mittel war, um den Glaubensschatz zu schützen. Hier gilt das Prinzip lex orandi lex credendi [das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens]: Wenn die Liturgie eine radikale Veränderung erfährt, wird auch der Glaube des Volkes radikal verändert.

Kard. Vaughan: „Wir müssen uns strikt an den Ritus halten, der uns überliefert wurde.“

Der Erzbischof von Westminster, Kardinal Herbert Vaughan aus dem XIX Jhd., der die liturgischen Änderungen durch Cranmer im XVI Jhd. ablehnte, erklärte die Bedeutung  dessen, dass die katholische Kirche die Tradition einhält:

„Sie dürfen nichts davon auslassen oder von jenen Formen etwas reformieren, was die uralte Tradition uns vermacht hat. Für eine solche unvordenkliche Verwendung [der Liturgie], ob sie im Laufe der Jahrhunderte überflüssige Zusätze inkorporiert hat oder auch nicht, sie muss nach Einschätzung derer, die an eine göttlich beschützte, sichtbare Kirche glauben, zumindest das Notwendige [der Heiligung, das durch die Liturgie vermittelt wird] erreicht haben; indem wir uns strikt an den uns überlieferten Ritus halten, können wir uns immer sicher fühlen. Wenn wir dagegen etwas weglassen oder ändern, geben wir möglicherweise auch das Wesentliche auf. Und diese gesunde Methode ist diejenige, der die katholische Kirche immer gefolgt ist. …

„Dass in früheren Zeiten lokale Kirchen neue Gebete und [neue] Zeremonien hinzufügen durften, ist allgemeint bekannt, …  dass es aber ihnen auch gestattet war die früher verwendeten Gebete und Zeremonien wegzulassen und sogar die bestehenden Riten in der drastischsten Weise neu zu gestalten, dies ist eine Behauptung, für die wir keine historische Grundlage kennen und was uns unglaublich erscheint. Daher hat Cranmer, indem er diesen beispiellosen Kurs nahm, unserer Meinung nach mit der unvorstellbarsten Unbesonnenheit gehandelt.“[1] 

Zum Glück wurde Kard. Vaughan von erschütternden Erfahrung verschont der Zeuge eines Cranmers des 20. Jahrhunderts – Erzbischofs Bugninis – zu sein, der mit einer noch nie da gewesenen Zerstörungswut die uralte Tradition des römischen Ritus mit Unterstützung des amtierenden Päpste abriss.

In unserem Vergleich zwischen den heiligen Triduum- Zeremonien vor 1955 und der Reform von Pius XII. können wir gar nicht übersehen, wie viele traditionelle Elemente von Bugnini vom gesamten liturgischen Ensemble subtrahiert worden sind. Diese reichten von kleinen (wenn auch nicht unbedeutenden) Details – wie dem seltsamen Versikel oder Gewand, das wie Blütenblätter von der Rose der Riten gepflückt wurde – bis zu ganzen Schwaden antiker Texte, die wie von einer Sense in den Händen wahnsinnigen Sensenmannes aus dem Römischen Ritus geschnitzt wurden.

Die Reformer waren wie Schnitter, die viele Texte abschneiden.

Wir mögen uns über eine solche Taktik wundern, die auf einen Schlag den tausendjährigen Brauch der Kirche zerstörte, der bis dahin umsichtig zu bewahrt wurde. Aber der Wahnsinn der Reformer hatte eine Methode. Unabhängig davon, ob es sich um größere oder kleinere Kürzungen handelte, sie alle hatten eine Begründung. Sie alle waren Teil eines Abnutzungskrieges gegen die traditionelle Liturgie, beginnend mit dem Ausweiden der Zeremonien der Karwoche, welche die grundlegenden Wahrheiten des katholischen Glaubens so klar wie möglich zum Ausdruck gebracht hatten.

Dazu gehörten: die Heilige Dreifaltigkeit, die Göttlichkeit Christi, der Sündenfall, die Abscheulichkeit der Sünde und ihre Folgen, die Geschichte unserer Erlösung – alles zentrale Geheimnisse des Christentums, die im traditionellen Triduum eine herausragende Rolle gespielt hatten, aber entweder beseitigt oder in der Reform minimiert wurden.

Wenn wir die Einzelheiten der Reform des Triduum von 1955 betrachten, denken wir daran, was die nachfolgende Geschichte der Liturgie deutlich gemacht hat – dass dies der Beginn des Zerfalls und der Verminderung des traditionellen Lex orandi war. Es war die dünne Kante des Keils, der von progressivistischen Reformern in den römischen Ritus getrieben wurde, um die Gläubigen von ihrem geistigen und liturgischen Erbe zu trennen.

Quelle


[1] Kard. Herbert Vaughan, A vindication of the Bull Apostolicae curae, London: Longmans Green, 1898, S. 42-44. Kard. Vaughan, war von 1892 bis 1903 Erzbischof von Westminster, stammte aus einer katholischen Familie, die den protestantischen Glauben nicht annehmen wollte, welche im 17. Jahrhundert wegen ihrer Teilnahme an der Messe verfolgt worden war, aber im Glauben beharrte. Er war sehr beeindruckt von der Frömmigkeit seiner Mutter, die zum Katholizismus konvertiert war und ernsthaft für religiöse Berufungen ihrer 13 Kinder betete. 11 von ihnen wurden Priester oder Nonnen; 3 der Priester wurden Bischöfe und die restlichen 2 Kinder verbrachten einige Zeit in einem Seminar.

Tradition und Glauben – damit die Kirche wieder schön wird

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