Byrne, Dialogmesse Unser Archiv:

Carol Byrne, Wie sich das Ziel des Eucharistischen Kongresses änderte (41.1 von 94)

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Wann gab es die erste Massenmesse mit Kommunionausteilung? Beim Eucharistischen Kongress in München 1960. Ja, es waren wieder einmal die Deutschen. Interessanterweise wurde bei den früheren Eucharistischen Kongressen überhaupt keine Kommunion verteilt, weil man richtigerweise befürchtete, dass die Heiligen Gestalten entweiht werden könnten. Aber genau das wird durch diese Massenmessen bezweckt. Es ist doch genauso unmöglich bei solch einer Massenveranstaltung die Kommunion würdig auszuteilen, wie sie auch würdig einzunehmen. Wenn aber das Volk und nicht der Herr im Mittelpunkt ist, dann es es eh gleich.

In seiner Rede auf dem Kongress von Assisi 1956 präsentierte P. Josef Jungmann die Messe unter zwei Hauptgesichtspunkten. Er schilderte die Messe sowohl als Versammlung des Volkes mit dem Priester als ihrem Führer als auch als Feier des letzten Abendmahls, wobei der Schwerpunkt auf dem „Gemeinschaftsmahlaspekt“ (la forme d‘un repas en commun) lag.[1]

Diese beiden Punkte, so betonte er, seien der Schlüssel zum Verständnis der Messe. Angesichts des Einflusses, den er auf die Schaffung des Novus Ordo ausübte, war die Definition der Messe in Artikel 7 der Allgemeinen Instruktion von 1969 eine ausgemachte Sache.

Der bahnbrechende Eucharistische Kongress 1960 in München

1960, als die Vorbereitungen für das Zweite Vatikanische Konzil bereits im Gange waren, erhielt Jungmann durch die Vermittlung von Card. Joseph Wendel aus München die Möglichkeit, seine „Schlüssel“-Ideen in die Tat umzusetzen und auf der Weltbühne zu präsentieren. Der päpstliche Legat, Kardinal Gustavo Testa, 27 Kardinäle, 430 Bischöfe aus der ganzen Welt, etwa 8.000 Priester und über eine Million Gläubige nahmen an der Veranstaltung teil. Auch Vertreter anderer Religionen waren, wie wir später sehen werden, zu „ökumenischen“ Zwecken anwesend.

Millionen Menschen wurden den Neuheiten des Münchner Kongresses 1960 ausgesetzt; 
unten steigen Priester die ‚Altarinsel‘ hinab, um die Kommunion unter den Menschen zu verteilen

Erfreulicherweise wurden die Hintergründe des Kongresses umfassend dokumentiert, und es gibt Aufzeichnungen in den Beständen des Erzbistums München, in zeitgenössischen Zeitungsberichten (in deutscher und englischer Sprache) und in den veröffentlichten Geschichten über dieses Ereignis. Daraus können wir einen Einblick in die Denkweise gewinnen, die hinter der Organisation des Kongresses stand, und in die Rolle, die Jungmann dabei spielte, ihn zu dem revolutionären Ereignis zu machen, welches das Gesicht der Eucharistischen Kongresse bis heute verändert.

Ein gekaperter Kongress

Bevor wir uns näher mit der Natur dieser Veränderungen befassen, wird es nützlich sein, die Archivquellen zu studieren, die detaillierte Berichte über die Aktivitäten der Organisatoren der Veranstaltung, ihre Sitzungen, Ausschussmitglieder, Briefe und Notizen, ihre Hoffnungen und Erinnerungen geben. Aus dieser Dokumentation werden wir unter anderem eine begeisterte Zustimmung des jungen Fr. Joseph Ratzinger – damals war er etwa 33 Jahre alt. Zunächst stellen wir fest, dass der Münchner Kongress bereits mehr als fünf Jahre im Voraus von Kardinal Wendel geplant wurde, während einer Privataudienz, die ihm Papst Pius XII. Gewährt hatte. Aufzeichnungen belegen, dass der Kardinal 1955 auf dem Rückweg vom Internationalen Eucharistischen Kongress in Rio de Janeiro in Rom einen Zwischenstopp einlegte, um den Papst zu fragen, ob er München als Ort des nächsten Weltkongresses wählen würde. Diese Ehre war jedoch bereits der portugiesischen Kolonie Mosambik zuerkannt worden,[2] aber Pius XII. gewährte auf Druck der deutschen Hierarchie stattdessen München die Möglichkeit.[3]

1959 wurden verschiedene Komitees zur Organisation des Kongresses eingesetzt, aber wie sich herausstellte, wurden alle wichtigen Entscheidungen von Kardinal Wendel in Absprache mit einigen wichtigen Mitarbeitern getroffen; dazu gehörten sowohl Jungmann als auch Guardini[4], die maßgeblich an der Planung des liturgischen Teils der Veranstaltung beteiligt waren.

Jungmann erfand die „Mega-Messe”

Der Hauptzweck der Internationalen Eucharistischen Kongresse war seit ihrer Gründung im Jahr 1881[5] immer die Verherrlichung der Heiligen Eucharistie und das öffentliche Zeugnis von der Realpräsenz Christi im Allerheiligsten Sakrament gewesen. Aus diesem Grund zeichneten sie sich durch Prunk und Würde aus, wobei die Prozession des Allerheiligsten Sakraments, die Hunderttausende umfasste, das auffälligste Merkmal war.

Und obwohl es sich um Open-Air-Veranstaltungen mit großer Menschenmenge handelte, wurden Messe und Segen mit großer Ehrfurcht durchgeführt, während die Menschen auf dem Boden knieten. Um die Ehrfurcht vor der Eucharistie zu wahren, wurde die Heilige Kommunion nicht unter den Menschenmassen verteilt.[6]

Doch all das sollte sich 1960 radikal verändern, als Jungmann und seine Kollegen aus Kardinal Wendels Komitee den Münchner Kongress so planten, dass der ganze Schwerpunkt nicht in der Eucharistiefeier, sondern in der Feier der Gemeinschaft lag.

Später erklärte er:

„Nicht die Eucharistie selbst ist der Mittelpunkt dieses heiligen Ereignisses, sondern das Volk Gottes.“[7]

Um dieser Neuorientierung Rechnung zu tragen, wurde auf der Theresienwiese[8] eine riesige „Altarinsel“ errichtet, um die sich die Menschen versammelten. Der Brief und das Evangelium wurden nur auf Deutsch gelesen. Der Empfang der Kommunion war der offensichtliche

Höhepunkt der Veranstaltung, während weder Ehrfurcht noch Sorge um die Rubriken beobachtet wurde. Verschiedene Augenzeugenberichte stimmen überein, dass „ein hoher Anteil“ der Millionen Besucher „von Hunderten von Priestern die heilige Kommunion empfingen, die sich zwischen den Holzbänken durch die Menschenmenge schlängelte.[9]

(Lese darüber auf Englisch hier und hier)


[1] J. A. Jungmann, ‘La Pastorale, Clef de L’Histoire Liturgique’ (The Pastoral Approach, Key to the History of the Liturgy) La Maison-Dieu, nn. 47-48, 1956, p. 50.

[2] Nachdem Mosambik vom Heiligen Stuhl als Austragungsort des nächsten Weltkongresses abgelehnt worden war, hielt es 1956 seinen eigenen Nationalen Eucharistischen Kongress ab.

[3] Joseph Wendel, Der Wahrheit und der Liebe (Truth and Love), Würzburg: Arena-Verlag, 1961, p. 63; Peter Pfister, ‘Zwei Hauptfiguren des Eucharistischen Weltkongresses: Erzbischof Joseph Kardinal Wendel und Weihbischof Johannes Neuhäusler’ (The Two Principal Characters in the Eucharistic Congress: Archbishop Joseph Cardinal Wendel and Auxiliary Bishop John Neuhäusler), in Für das Leben der Welt. Der Eucharistische Weltkongress 1960 in München (For the Life of the World. The 1960 International Eucharistic Congress in Munich), Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising 14 (Documents of the Archives of the Archdiocese of Munich and Freising), Regensburg, 2010, p. 47.

[4] Andere waren der Hilfsbischof von München Johannes Neuhäusler, Franz von Tattenbach, S.J., und der deutsche, Pater Richard Egenter. See Peter Pfister, Gemeinschaft erleben – Eucharistie feiern Der Eucharistische Weltkongress 1960 in München, (Experience Community. Celebrate the Eucharist. The International Eucharistic Congress in Munich 1960), Archives of the Archdiocese of Munich and Freising, p. 15.

[5] Der Erste Eucharistische Kongress wurde 1881 in Lille, Frankreich, von einer Laienfrau, Emilie Tamisier (1834-1910), ins Leben gerufen. Seit ihrer Kindheit hatte sie eine lebenslange Verehrung der Heiligen Eucharistie und organisierte Pilgerfahrten zu den Orten, an denen eucharistische Wunder geschehen waren. Ihre Arbeit wurde von St. Pierre Julian Eymard, dem Gründer der Patres und Brüder des Allerheiligsten Sakraments, unterstützt und von Papst Leo XIII.

[6] Beim Internationalen Eucharistischen Kongress 1932 in Dublin zum Beispiel, bei dem etwa eine Million Menschen die Abschlussmesse besuchten, nahm nur eine Person vom Sakrament, nämlich der Zelebrant, der päpstliche Legat Card Lorenzo Lauri.

[7] “Nicht die Eucharistie selbst ist das Ziel der göttlichen Heilsveranstaltungen, sondern das Gottes Volk.” Kongressdokumentation Statio Orbis, 1961, (Congress Records) J. A. Jungmann, Statio Orbis Catholici – Heute und Morgen (The Gathering-place for the World’s Catholics – Today and Tomorrow), in R. Egenter, O. Pimer, H. Hofbauer (Eds.), Statio Orbis. Eucharistischer Weltkongreß 1960 in München, 2 vols., Munich, 1962, vol. 1, p. 81.

[8] Ein großer Rummelplatz, der historisch mit der Hochzeit von Prinz Ludwig I. von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen im Jahr 1810 verbunden ist. Hier findet jährlich das Oktoberfest, das größte Bierfest der Welt, statt.

[9] Michael Derrick, „Der Eucharistische Kongress in München“, The Tablet , 20. August 1960.

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