Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (5)

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Pater Poulain SJ – ein unauffälliges Leben (2)

Die weitere Laufbahn innerhalb des Jesuitenordens verlief für Pater Poulain SJ recht ruhig und ohne nennenswerte Karrieresprünge. Er war der stellvertretende Leiter eines Jesuiteninternats, Professor der Mathematik, Bibliothekar, Seelsorger der Pariser Artisten und vieles mehr. Liest man in seinem Werk ein wenig zwischen den Zeilen, so wird ein gewisser Überdruss wegen der fehlenden äußeren Karriere durchaus sichtbar, ebenso wie manch eine depressive Stimmung, Vereinsamung und fehlende Möglichkeit sich mit jemanden über geistliche Themen auszutauschen. Und dies schreibt ein Jesuit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der goldenen Vergangenheit manch eines Traditionalisten. Es war also auch vor dem Konzil nicht alles so golden. Da Pater Poulain SJ durch nichts äußerlich auffiel, so nahm man seine Publikationen zum Thema Mystik mit Erstaunen zur Kenntnis, da man bei ihm diese Kenntnisse und Erlebnisse niemals vermutet hätte. Pater Poulain veröffentlichte anfangs zwar hauptsächlich geometrische Traktate: Traité de géométrie élémentaire. 1re partie, Cours du baccalauréat-ès-lettres (1885), Lunification des heures et les fuseaux horaires (1890), Principes de la nouvelle géométrie du triangle (1892), Recherches sur la nouvelle géométrie du triangle (1895), aber erst seine Mystik des Johannes vom Kreuz (1893) und sein Hauptwerk Des Grâces d’oraisonDie Fülle der Gnaden (1901) brachten ihm aufgrund der hohen Kompetenzen in diesem Bereich viel Lob und Anerkennung.

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Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (4)

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Pater Poulain SJ – ein unauffälliges Leben (1)

Augustin Poulain wurde im Jahre 1863 in Cherbourg geboren. Er begann seine Schulbildung im Jesuitenkolleg in Brugellete, wo er mit einem schwachen Ergebnis Latein lernte, mit einem besseren Philosophie, was ihm erlaubte ein mittleres baccalauréat en lettres zu erhalten, was in etwa mit Abitur mit Leistungsfächern Philosophie und Latein vergleichbar ist.[10] Die Wiedergabe der französischen akademischen Grade des 19. Jahrhunderts in den Begriffen der gegenwärtigen, deutschen Bildung ist recht schwierig. Denn das französische Baccalauréat ist bis heute etwas mehr als das deutsche Abitur, da es zugleich der erste akademische Grad ist, was in Deutschland zur Zeit dem Bachelor entspricht. Das Baccalauréat ermöglicht in Frankreich wird das Abitur in Deutschland, einerseits ein Hochschulstudium, andererseits steht in Frankreich den zentralgesteuerten und gefürchteten Prüfungen des Baccalauréats ein Universitätsprofessor vor, was in Deutschland beim Abitur nicht der Fall ist. Wie in Deutschland die Abiturnote, so bestimmt auch die Note des Baccalauréats die Möglichkeit an bestimmten Hochschulen zu studieren. Sehr begehrt und angesehen ist bei dieser Wahl immer eine École centrale. In der Zeit von Pater Poulain, welche in die Zeit nach der napoleonischen Schulreform fiel, trat das Baccalauréat als

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Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (3)

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Gnostizismus als Traditionsstrang der falschen Mystik in Frankreich (2)

Zwar erlebte Frankreich im 16. Jahrhundert die Wirren des Protestantismus, nicht der Gnosis, welcher durch die kalvinistischen Hugenotten verbreitet und von den französischen Königen durch die Brachialgewalt mehr oder weniger bekämpft wurde. Aber die gnostische Tiefenströmung, welche die Notwendigkeit einer speziellen Initiation, einen Sonderweg, die Ablehnung des Sinnfälligen und Körperlichen verkündete, wirkte weiter und lebte im 17. Jahrhundert in Jansenismus zur Zeit des Ludwigs des XIV., der wohlgemerkt die Hugenotten aus Frankreich vertrieb, wieder auf. Der protestantische Einfluss auf den Jansenismus wurde sicherlich mehr als einmal gründlich untersucht, der gnostische wohl weniger. Jansenismus, obwohl mehrmals vom Lehramt verurteilt und von Teilen der Hierarchie vor allem aber von den Jesuiten heftig bekämpft wurde, stellte für die nachfolgenden Jahrhunderte, eigentlich bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, als andere Probleme aufkamen, das Gift jeglicher Spiritualität dar. Die giftige Wurzel des Jansenismus brachte weitere Häresien des inneren Lebens, solche wie Quietismus und Semi-Quietismus, hervor, welche die katholische Spiritualität nachhaltig prägten. Es ist schwierig Gebetbücher oder fromme, an Laien gerichtete Traktate vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu finden, welche von diesem Einfluss frei sind, was nicht nur für Frankreich, sondern auch für das recht frankophone und frankophile Polen gilt.

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Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (2)

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Gnostizismus als Traditionsstrang der falschen Mystik in Frankreich (1)

 Wo aber viel Licht ist, da ist auch viel Schatten, wie zu Recht Goethe sagte. Zu Recht gibt es auch den Begriff des genius locii also des „Lokaldämons“, falls diese Übersetzung zulässig ist, denn jeder Mentalität entspringt auch eine bestimmte Spiritualität, die auch ihre Schattenseiten hat. Obwohl die kommende Behauptung sicherlich durch viele Forschungsprojekte quellenmäßig untermauert werden müsste, so ist die Schattenseite der deutschen Spiritualität sicherlich der Subjektivismus und Rationalismus, der slawischen der die chiliastische Apokalyptik, der französischen aber der Gnostizismus. Sicherlich stellt der Gnostizismus die Abwege jeglicher christlichen Spiritualität dar, was wir zurzeit am Beispiel der Esoterik und des New Age erleben.

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Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (1) Deutsche und französische Mystik

Philippe_de_Champaigne_SS_Gervase_and_ProtaseObwohl im Falle eines mystischen Werkes die Persönlichkeit und die Biografie des Verfassers immer wieder durch die Seiten und durch die Ratschläge durchscheinen, die bei einem anderen Autor gar nicht gegeben worden wären, so wollen wir an dieser Stelle kurz den äußeren Rahmen des Lebens von Pater Augustin Poulain SJ (1836-1919) angeben. Die genaueren Angaben zu seiner Person können hier nachgelesen werden.[1] Pater Poulain SJ war in seinem langen Leben ein Zeitgenosse von Dom Guéranger, Adolphe Tanqueray sowie von vielen französischen Heiligen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Zwar fällt es uns bei dem fast völlig atheistischen Frankreich von heute schwer zu glauben, dass dieses Land im Jahre 1910 eine katholische Großmacht war. Und dies nicht nur an der Anzahl der Katholiken gemessen, 1910 tatsächlich die größte der Welt war,[2] sondern auch gemessen an dem Einfluss der französischen Spiritualität, insbesondere der systematisch dargelegten Aszetik. Es ist bekannt, dass Französisch die Sprache der Spiritualität ist. Das berühmte Dictionnaire de spiritualité. Ascétique et mystique. Doctrine et histoire, welches mehr 60.000 Seiten, in 17 Bänden (45 Teilbänden) mit mehr als 100 Millionen Zeichen umfasst und das von 1932-1995 von den Jesuiten herausgegeben wurde,[3] ist für jeden, der sich mit diesem Fachgebiet befasst, eine Pflichtlektüre. Sicherlich gibt es auch dort einen Paradigmenwechsel zwischen den vorkonziliaren und den nachkonziliaren Beiträgen, welcher wohl vom objektiven Gottbezug in Richtung subjektives Wohlbefinden geht. Zwar müsste diese These durch Zitate belegt werden, da aber ein Paradigmenwechsel in allen katholischen Lexika nach dem Konzil stattgefunden hat, so kann es bei einem Werk, welche von der progressiven Gesellschaft Jesu herausgegeben wurde, auch nicht anders sein. Nichtsdestotrotz sind die vorkonziliaren Beiträge im Dictionnaire de spiritualité sehr empfehlenswert und beweisen den hohen Grad der französischen spirituellen Theologie.

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