Gebetserfahrung und Meditatio

angelico-dominican-blessed-NG663.4-fmSicherlich würde es sich lohnen bei dem heutigen, inflationären Gebrauch der Begriffe „Meditation“ und „meditieren“ die katholisch-aufgefasste Meditation, sprich Betrachtung, von allen Fällen der östlichen und esoterischen Meditationsarten abzugrenzen. Wahrscheinlich hatte dies schon jemand getan und wir wollen uns auch diesem Thema irgendwann in der Zukunft gründlich widmen. An dieser Stelle soll aber eine wirklich nur grundlegende und verkürzte Sicht der katholischen Auffassung von Meditation erfolgen. Um ganz kurz auf den eventuelle Frage zu antworten, ob Christen nichts von den fernöstlichen Meditation lernen können, antworten wir kurz: „Nein, sie können es nicht.“ Denn diesen, d.h. den östlichen Meditationen, liegt ein ganz anderes Gottesbild und Menschenbild zu Grunde. Ich wähle ja auch andere Reisemittel und Reisekleidung, wenn ich nach Alaska oder nach Tunesien fahre. Da das Ziel eines jeglichen Gebetes der Kontakt mit Gott, der Gottheit, dem Übernatürlichen ist, so hängt die Gebetsweise selbstredend von der Sicht der Gottheit ab. Hätten aber alle Religionen dieselbe Sicht Gottes/Gottheit/des Übernatürlichen so gäbe es nur die eine Religion. Daher ist es nur selbstverständlich, dass verschiedene Gebetspraktiken zu einer verschiedener Sicht Gottes führen oder führen können. Die lange Geschichte der christlichen Spiritualität, Mystik oder Aszetik erzählt diese Geschichte. So wirkt sich sowohl eine häretische Sicht Gottes auf das Gebetsleben aus (Gnostiker, Protestanten, Charismatiker), wie auch eine verkehrte Gebetspraxis (siehe Quietismus) langfristig ein falsches Gottesbild entwickelt.

Es stimmt tatsächlich, dass alle Christen, Katholiken oder Ordensleute, die sich längere Zeit mit der fernöstlichen Meditationen befassten und sie einübten, nach und nach ihre christliche, katholische Identität und Ordensidentität sowie ihren Glauben verloren und manche zu Zen-Buddisten, Atheisten, Okkultisten oder Esoteriker wurden. Man könnte in diesem Kontext einige Namen von Ex-oder Noch-Jesuiten oder Dominikanern anführen. Daher ist festzuhalten, dass weder die Definition der Meditation, noch die Meditationspraxis selbst für unser geistliches Leben gleichgültig ist.

2. Meditatio – die Betrachtung

Unter der Meditation versteht man grundsätzlich das erwägende Lesen eines Textes, also das Lesen mit Verständnis. Es ist für uns alle, die wir Deutsch können, klar, dass wir auf Deutsch geschriebene Texte, die wir lesen auch verstehen. Wenn man aber eine Sprache nur soweit kann, dass man sie einigermaßen korrekt vorlesen kann, wie die meisten von uns zum Beispiel Finnisch, so wird die Sache schon komplizierter. Wie wir uns erinnern können, konnten auch vor dem Konzil nicht alle so gut Latein, dass sie alle gelesenen Texte tatsächlich verstanden haben. Manchmal waren es einzelne Worte, manchmal mehrere Passagen, manchmal ganze Gebete und Psalmen. Es ist tatsächlich so, dass die sprachlichen Begabungen verschieden ausfallen. Manche sind für Latein mehr als für die gängigen Fremdsprachen begabt, bei manchen ist es umgekehrt. Versetzen wir uns also in die Lage von jemanden, der im Moment ausschließlich den Satz: Deus in adiutorium meum intende – „Herr, komm zu meiner Hilfe“ versteht.

Diese Meditation könnte mit der Überlegung über die Person, die Eigenschaften und den Rang Gottes (Deus) beginnen oder mit der Frage: „Wer ist Gott und wer bin ich?“ Man könnte dabei alle 33 Attribute Gottes durchgehen, sie erwägen, in sich die Affekte des Lobes, des Dankes, der Ehrfurcht und der Anbetung erwecken und Gott für seine Anwesenheit im eigenen Leben danken. Danach könnte man sich am Tage bestimmte Zeiten festsetzen, an denen man sich in die Gegenwart Gottes versetzt und sich an ein bestimmtes göttliches Attribut (z.B. der Allgegenwart) erinnert. Wie man sich vorstellen kann, kann man allein mit dieser Betrachtung und geistlicher Übung mehrere Wochen, Monate oder gar Jahre verbringen.

Danach könnte man sich dem zweiten Substantiv adiutorium – „Hilfe“ zuwenden, welches auch die theologische Bezeichnung für Gnade ist. Man kann dabei erwägen, welche Hilfe habe ich schon von Gott erfahren und dafür danken, welche erhoffe ich mir und dafür beten. Natürlich kann man auch sich überlegen, was die Gnade an sich ist und wie ich die Gnade Gottes in meinem Leben erfahre. Es gibt dermaßen viele Bücher und Traktate über die Einübung in das betrachtende Gebet, welche wir hier vielleicht auch vorstellen werden, dass wir uns jetzt darüber nicht weiter verbreiten wollen.

Es ist aber wichtig dabei zu bedenken, dass die Betrachtung tatsächlich eine recht intensive intellektuelle aber auch affektive Anstrengung des menschlichen Geistes darstellt. Daher wird sie meistens nur auf 30 min täglich, in manchen Ordensregeln auf gar zweimal 30 min täglich begrenzt. Sollte jemand jetzt damit anfangen wollen, so wird er schnell merken, dass 30 min wirklich sehr lange dauern können und dass es wirklich schwierig ist die ganze Zeit nur auf einem Aspekt konzentriert zu bleiben. Wie bereits gesagt, erinnert die Meditation anfangs an ein schnelles Umkippen beim Surfen nach einem mühevollen Anpaddeln.

Während aber Menschen, die kaum Latein können sich notgedrungen sehr schnell auf einzelne Begriffe konzentrieren können, scheinen die Lateiner ein größeres Problem zu haben. Es besteht darin einerseits die Texte, die man versteht andächtig zu rezitieren, andererseits in ihrer Tiefe erwägend hinab zu tauchen. Denn, so denkt man, entweder passt man nicht auf oder man meditiert nicht. Wie richtig Pater Poulain SJ feststellt, kann in der spirituellen Literatur erst der Begriff der Meditation recht spät auf, denn im XV/XVI. Jahrhundert. Hat man den vorher nicht meditiert? Doch, aber man hat es nicht so ausdrücklich genannt, denn durch das viele Psalmenbeten, welches durch das Tridentinisch Brevier von 1570 erheblich verkürzt wurde, man sowieso viel meditierte und sehr leicht in das Gebiet der Ruhe kam. Denn betete man, wie es an einem gewöhnlichen Sonntag im Tridentinischen Brevier vorgeschrieben ist und eher die Ausnahme darstellt, 50 Psalmen an einem Tag, meistens sind es 40 Psalmen, Abschnitte des 119 Psalms als ein Psalm gezählt, so ist es tatsächlich unmöglich sich auf einen Satz stark zu konzentrieren, da der nächste sogleich folgt. Dennoch gelangt man, ähnlich wie beim Beten des Rosenkranzes, in einen meditativen Zustand des Gebetes der Ruhe, in welchem bestimmte Sätze oder Ausdrücke mal schwächer und mal stärker zu uns sprechen.

waterskiDies könnte man in etwa mit dem Wasserskifahren vergleichen, bei welchem man so stark vom Motorboot gezogen wird, dass man im Wasser nicht versinkt, sondern über es gleitet, eventuelle Elevationen nicht ausgeschlossen. Natürlich gelingt das nur bei einer bestimmten Geschwindigkeit des Motorbootes, da man sonst tatsächlich sinkt und selbst zum Strand schwimmen muss. So wie es beim Wasserski- oder Wakeboardfahren notwendig ist die Körperspannung und die Balance zu halten und natürlich die Verbindung zum Motorboot nicht fallen zu lassen, so ist es beim meditierenden Rezitieren der Psalmen wichtig, tatsächlich eine gewisse Anzahl laut zu rezitieren, um sozusagen eine bestimmte Geschwindigkeit des Gebets aufzunehmen. wakeboard-bodensee

Die beste Anzahl der Psalmen hat, unserer Meinung nach, das Tridentinische Brevier (1570-1910), danach das Brevier des Pius X. (1911-1955), alle weiteren Breviere haben einfach zu wenig „Gebetsstoff“, um die notwendige „Meditationsgeschwindigkeit“ zu erreichen. Dies ist auch der Grund, warum auch heute betende Menschen nach anderem Gebetserfahrungen suchen. Sie tun es deswegen, weil das heutige Brevier, im Gegensatz zu den früheren Brevieren, die Meditationserfahrung nicht mehr sichert.

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Gebetserfahrung und Lectio

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Wie treffend Augustin Poulain SJ bemerkt, besteht die eigentliche Schwierigkeit bei spirituellen Texten in der Abgrenzung und Feststellung, welchen Zustand und welche Gebetsart der Schreiber eigentlich meint, da viele Autoren für denselben Zustand verschiedene Ausdrücke verwenden. Diese Problematik wird besonders, wie es der französische Jesuit vorbildlich herausarbeitet, bei den fortgeschrittenen Gebetsstufen prekär. Wir wollen aber an dieser Stelle nicht seinen Ausführungen vorgreifen, die wir auf unserem Blog noch zu genüge vorstellen und kommentieren werden. Wir wollen vielmehr einen Grundriss der ersten beiden Gebetsstufen vorlegen, der an diejenigen gerichtet ist, die sich mit dieser Thematik vielleicht zum ersten Mal befassen.

1546Der Schreiber dieser Zeilen hatte das Glück schon im Alter von 16 Jahren das Buch „Saal der 1000 Türen: Briefe über das Gebet“ von Pater Henri Caffarel gelesen zu haben, einem französischen Priester, welcher die, der Erneuerung der christlichen Ehe gewidmete Bewegung, Équipes Notre-Dame ins Leben gerufen hat. Sowohl der Autor als auch die Bewegung durften in Deutschland völlig unbekannt sein und es ist nicht das erste Mal, dass die französische Kultur oder Spiritualität über Deutschland hinüber setzend gleich nach Polen kommt, ohne Deutschland in irgendeiner Weise berührt zu haben. Ohne an dieser Stelle auf die Gestalt des Henri Caffarels oder auf seine Bewegung näher eingehen zu wollen, können wir dieses Buch, das auch auf Deutsch erhältlich ist,[1] allen interessierten Anfängern empfehlen. Es ist schön und eingängig geschrieben, arbeitet mit vielen Bildern und ist tatsächlich von jemandem verfasst, der sich im Gebet übte und dessen Seligsprechungsprozess 2006 eröffnet wurde. Durch die Lektüre dieses Buches wird dem Leser sehr schnell klar, dass es zwischen der Stufe (2) – der Betrachtung – und der Stufe (4) – der Beschauung – eine Zwischenstufe (3) geben muss, auf welche Pater Poulain SJ näher eingehen wird. Es stellt sich aber heraus, dass nicht alle geistlichen Schriftsteller diese dritte Stufe (3) des Gebetes der Einfachheit oder des Gebetes der Ruhe annahmen.

Fangen wir aber von vorne an.

1. Lectio – die Lesung

Die allererste Stufe des christlichen Gebets ist die Lesung (Lectio), bei welcher man einen heiligen, liturgischen Text (a) laut und (b) auf Lateinisch in den früheren Zeiten auch auf Altgriechisch vorliest, natürlich mit der Absicht dadurch zu beten. Wenn man früher im kirchlich-theologischen Rahmen sagte, dass jemand nicht lesen und schreiben kann, so meinte man damit, dass er keine heiligen Sprachen kann, d.h. kein Hebräisch, kein Griechisch und kein Latein. Denn nur diese Sprachen, welche zu unveränderlichen und unveränderbaren sakralen Kunstsprachen mutierten, sie waren die niemals, so wie sie in der Liturgie verwendet wurden die Alltagssprache oder die Sprache der Gosse, nur diese drei wurden zuerst von den Juden, dann vom Christentum der Koiné und schließlich von der lateinischen Kirche des Petrusamtes für würdig erachtet in ihnen Gott anzubeten und zu verehren. Wir sparen uns an dieser Stelle die Polemik oder das Lamento wegen der Einführung der Volkssprachen in der Liturgie. Wir wollen nur feststellen, dass man nicht unbedingt alles Gesagte oder Gehörte verstehen muss, um zu beten oder die heiligenden Früchte des Gebetes zu erfahren.

Der Schreiber dieser Zeilen war dieses Jahr wieder einmal auf Kreta und er besuchte die heilige Liturgie, welche auf Altgriechisch mit kretenischer Aussprache zelebriert wurde und deren Zelebration 3 h lang dauerte. Obwohl er das Altgriechische beherrscht, hat er außer dem Kyrie eleison und ein paar anderen Ausdrücken fast nichts verstanden. Er blieb also ohne die griechische Entsprechung des Schotts drei wunderbare Stunden lang völlig passiv und ohne die berühmte „tätige Anteilnahme“, die in diesem Falle rein innerlich und nicht äußerlich war. Aber schon nach den ersten gesprochenen und später gesungenen Sätzen wusste er: das ist ein zu Gott erhebendes und von Gott her heiligendes Gebet, von welchem er sich wie von einer Woge getragen fühlte. Er wusste, dass vielleicht außer dem Priester keiner der Sänger, welche die verschiedenen Parts dieser Liturgie wirkten, so in etwa wie bei einer stillen Messe der Ministrant der Mitwirkende ist, das Altgriechische kannte oder es ganz verstanden hatte. Das hat aber niemanden gestört. So in etwa müssen sich vor dem Konzil diejenigen Menschen, die kein Latein kannten und wenig von der Liturgie verstanden bei einer Missa cantata oder einer Missa solemnis gefühlt haben. Was übrig blieb und bleibt ist die Erfahrung einer gedrängt-dichten Heiligkeit, eines erhabenen Mysteriums.

Die Lectio soll allen Mönchs- und Ordensregeln gemäß dadurch erfolgen, dass man laut die Psalmen und andere Gebete liest oder singt. Sie ist also nicht, wie die neueren, die nachkonziliaren Autoren angeben, eine intellektuelle Beschäftigung. Denn rezitierte man die 150 Psalmen täglich, so war man intellektuell wirklich ausgelastet und brauchte wohl keine zusätzliche Lektüre. Wenn man sagt, dass man früher wegen der Liturgie in den Klöstern lesen und schreiben lernte, was jedoch nicht alle Mönche oder Nonnen betraf, sondern nur diejenigen, die den Chordienst verrichteten, so meint man damit das Lesen, das Lesen mit Verständnis und das Schreiben auf Lateinisch. Diesem Kriterium zufolge sind wir fast alle Analphabeten. Es hat immer die Zwischenstufe der Mönche, der Ordensbrüder oder der Ordensschwestern gegeben, die zwar auf Lateinisch lesen konnten, aber den gesprochenen Text nicht verstanden. Dies änderte aber nichts daran, dass dies ein Gebet war und, wie es treffend Pater Poulain SJ herausstellt, das Erreichen der Stufe (3) des Gebetes der Einfachheit (Oratio) auch ohne (2) die Stufe der Betrachtung (Meditatio) vielen ermöglichte. Die Lektüre von „Die Fülle der Gnade“ macht uns nochmal deutlich, wie verheerend die letzte Brevierreform und die Ordensreform für die betenden Stände der Kirche gewesen ist, da man durch all diese Veränderungen bestimmte Stufen des Gebetes so gut wie gar nicht erreichen kann. Am Anfang der Kirchengeschichte las man alle 150 Psalmen an einem Tag, später 150 Psalmen in der Woche, seit der letzten Brevierreform braucht man dafür den Vierwochenzyklus, wenn man tatsächlich alle Horen betet, wobei manche Psalmen gar nicht gebetet werden, andere stark zensiert wurden, von der neuen „theologisch-korrekten“ Textfassung der Neo-Vulgata, welche allen volkssprachlichen Übersetzungen zu Grunde liegt und die erheblich von der eigentlichen Vulgata abweicht ganz zu schweigen.

Kurz und gut: die Lectio bedeutet das aufmerksame, andächtige laute Lesen der Psalmen und anderer Texte des Breviers auf Lateinisch (oder wer es kann auf Altgriechisch).

[1] Z. B. hier http://www.amazon.de/Saal-tausend-T%C3%BCren-Briefe-Gebet/dp/3894111038/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1437046330&sr=1-3

Vier Stufen des Gebetes als Ppt-Präsentation

DB-f91v-d1lWie man aus der unten angeführten Ppt-Präsentation ersehen kann, werden die zwei ersten Gebetsstufen, d.h. der (1) Lectio und der (2) Meditatio durch die menschliche Anstrengung, natürlich unter dem Beistand der göttlichen Gnade, erreicht, während die letzten zwei, d.h. die (3) Oratio und (4) Contemplatio von Gott kommen. Nicht nur Pater Poulain SJ ist der Meinung, dass fast alle mit Übung und unter Anleitung die Stufe der (3) Oratio erreichen können. Dies war auch die Erfahrung der Heiligen Margarethe Maria Alacoque mit ihrem Orden der Heimsuchung. Die letzte Stufe, der Contemplatio, ist nur wenigen vorbehalten und die heilige Theresia von Avila meint, dass dies an Menschen und nicht an Gott liegt. Da der Autor von „Die Fülle der Gnade“ gleich bei der Stufe (Oratio) ansetzt, so wollen wir ganz kurz die zwei vorhergehenden Stufen besprechen.

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 Stufen des Gebetes

Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (5)

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Pater Poulain SJ – ein unauffälliges Leben (2)

Die weitere Laufbahn innerhalb des Jesuitenordens verlief für Pater Poulain SJ recht ruhig und ohne nennenswerte Karrieresprünge. Er war der stellvertretende Leiter eines Jesuiteninternats, Professor der Mathematik, Bibliothekar, Seelsorger der Pariser Artisten und vieles mehr. Liest man in seinem Werk ein wenig zwischen den Zeilen, so wird ein gewisser Überdruss wegen der fehlenden äußeren Karriere durchaus sichtbar, ebenso wie manch eine depressive Stimmung, Vereinsamung und fehlende Möglichkeit sich mit jemanden über geistliche Themen auszutauschen. Und dies schreibt ein Jesuit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der goldenen Vergangenheit manch eines Traditionalisten. Es war also auch vor dem Konzil nicht alles so golden. Da Pater Poulain SJ durch nichts äußerlich auffiel, so nahm man seine Publikationen zum Thema Mystik mit Erstaunen zur Kenntnis, da man bei ihm diese Kenntnisse und Erlebnisse niemals vermutet hätte. Pater Poulain veröffentlichte anfangs zwar hauptsächlich geometrische Traktate: Traité de géométrie élémentaire. 1re partie, Cours du baccalauréat-ès-lettres (1885), Lunification des heures et les fuseaux horaires (1890), Principes de la nouvelle géométrie du triangle (1892), Recherches sur la nouvelle géométrie du triangle (1895), aber erst seine Mystik des Johannes vom Kreuz (1893) und sein Hauptwerk Des Grâces d’oraisonDie Fülle der Gnaden (1901) brachten ihm aufgrund der hohen Kompetenzen in diesem Bereich viel Lob und Anerkennung.

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Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (4)

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Pater Poulain SJ – ein unauffälliges Leben (1)

Augustin Poulain wurde im Jahre 1863 in Cherbourg geboren. Er begann seine Schulbildung im Jesuitenkolleg in Brugellete, wo er mit einem schwachen Ergebnis Latein lernte, mit einem besseren Philosophie, was ihm erlaubte ein mittleres baccalauréat en lettres zu erhalten, was in etwa mit Abitur mit Leistungsfächern Philosophie und Latein vergleichbar ist.[10] Die Wiedergabe der französischen akademischen Grade des 19. Jahrhunderts in den Begriffen der gegenwärtigen, deutschen Bildung ist recht schwierig. Denn das französische Baccalauréat ist bis heute etwas mehr als das deutsche Abitur, da es zugleich der erste akademische Grad ist, was in Deutschland zur Zeit dem Bachelor entspricht. Das Baccalauréat ermöglicht in Frankreich wird das Abitur in Deutschland, einerseits ein Hochschulstudium, andererseits steht in Frankreich den zentralgesteuerten und gefürchteten Prüfungen des Baccalauréats ein Universitätsprofessor vor, was in Deutschland beim Abitur nicht der Fall ist. Wie in Deutschland die Abiturnote, so bestimmt auch die Note des Baccalauréats die Möglichkeit an bestimmten Hochschulen zu studieren. Sehr begehrt und angesehen ist bei dieser Wahl immer eine École centrale. In der Zeit von Pater Poulain, welche in die Zeit nach der napoleonischen Schulreform fiel, trat das Baccalauréat als

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Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (3)

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Gnostizismus als Traditionsstrang der falschen Mystik in Frankreich (2)

Zwar erlebte Frankreich im 16. Jahrhundert die Wirren des Protestantismus, nicht der Gnosis, welcher durch die kalvinistischen Hugenotten verbreitet und von den französischen Königen durch die Brachialgewalt mehr oder weniger bekämpft wurde. Aber die gnostische Tiefenströmung, welche die Notwendigkeit einer speziellen Initiation, einen Sonderweg, die Ablehnung des Sinnfälligen und Körperlichen verkündete, wirkte weiter und lebte im 17. Jahrhundert in Jansenismus zur Zeit des Ludwigs des XIV., der wohlgemerkt die Hugenotten aus Frankreich vertrieb, wieder auf. Der protestantische Einfluss auf den Jansenismus wurde sicherlich mehr als einmal gründlich untersucht, der gnostische wohl weniger. Jansenismus, obwohl mehrmals vom Lehramt verurteilt und von Teilen der Hierarchie vor allem aber von den Jesuiten heftig bekämpft wurde, stellte für die nachfolgenden Jahrhunderte, eigentlich bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, als andere Probleme aufkamen, das Gift jeglicher Spiritualität dar. Die giftige Wurzel des Jansenismus brachte weitere Häresien des inneren Lebens, solche wie Quietismus und Semi-Quietismus, hervor, welche die katholische Spiritualität nachhaltig prägten. Es ist schwierig Gebetbücher oder fromme, an Laien gerichtete Traktate vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu finden, welche von diesem Einfluss frei sind, was nicht nur für Frankreich, sondern auch für das recht frankophone und frankophile Polen gilt.

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Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (2)

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Gnostizismus als Traditionsstrang der falschen Mystik in Frankreich (1)

 Wo aber viel Licht ist, da ist auch viel Schatten, wie zu Recht Goethe sagte. Zu Recht gibt es auch den Begriff des genius locii also des „Lokaldämons“, falls diese Übersetzung zulässig ist, denn jeder Mentalität entspringt auch eine bestimmte Spiritualität, die auch ihre Schattenseiten hat. Obwohl die kommende Behauptung sicherlich durch viele Forschungsprojekte quellenmäßig untermauert werden müsste, so ist die Schattenseite der deutschen Spiritualität sicherlich der Subjektivismus und Rationalismus, der slawischen der die chiliastische Apokalyptik, der französischen aber der Gnostizismus. Sicherlich stellt der Gnostizismus die Abwege jeglicher christlichen Spiritualität dar, was wir zurzeit am Beispiel der Esoterik und des New Age erleben.

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Augustin Poulain SJ- Ein Leben mit Mystik im Hintergrund. (1) Deutsche und französische Mystik

Philippe_de_Champaigne_SS_Gervase_and_ProtaseObwohl im Falle eines mystischen Werkes die Persönlichkeit und die Biografie des Verfassers immer wieder durch die Seiten und durch die Ratschläge durchscheinen, die bei einem anderen Autor gar nicht gegeben worden wären, so wollen wir an dieser Stelle kurz den äußeren Rahmen des Lebens von Pater Augustin Poulain SJ (1836-1919) angeben. Die genaueren Angaben zu seiner Person können hier nachgelesen werden.[1] Pater Poulain SJ war in seinem langen Leben ein Zeitgenosse von Dom Guéranger, Adolphe Tanqueray sowie von vielen französischen Heiligen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Zwar fällt es uns bei dem fast völlig atheistischen Frankreich von heute schwer zu glauben, dass dieses Land im Jahre 1910 eine katholische Großmacht war. Und dies nicht nur an der Anzahl der Katholiken gemessen, 1910 tatsächlich die größte der Welt war,[2] sondern auch gemessen an dem Einfluss der französischen Spiritualität, insbesondere der systematisch dargelegten Aszetik. Es ist bekannt, dass Französisch die Sprache der Spiritualität ist. Das berühmte Dictionnaire de spiritualité. Ascétique et mystique. Doctrine et histoire, welches mehr 60.000 Seiten, in 17 Bänden (45 Teilbänden) mit mehr als 100 Millionen Zeichen umfasst und das von 1932-1995 von den Jesuiten herausgegeben wurde,[3] ist für jeden, der sich mit diesem Fachgebiet befasst, eine Pflichtlektüre. Sicherlich gibt es auch dort einen Paradigmenwechsel zwischen den vorkonziliaren und den nachkonziliaren Beiträgen, welcher wohl vom objektiven Gottbezug in Richtung subjektives Wohlbefinden geht. Zwar müsste diese These durch Zitate belegt werden, da aber ein Paradigmenwechsel in allen katholischen Lexika nach dem Konzil stattgefunden hat, so kann es bei einem Werk, welche von der progressiven Gesellschaft Jesu herausgegeben wurde, auch nicht anders sein. Nichtsdestotrotz sind die vorkonziliaren Beiträge im Dictionnaire de spiritualité sehr empfehlenswert und beweisen den hohen Grad der französischen spirituellen Theologie.

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Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (7 von 7): Die Fülle der Gnaden von Augustin Poulain SJ – eine Empfehlung

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Die Fülle der Gnaden von Augustin Poulain SJ – eine Empfehlung

Der Hunger nach Gott und Gebet, was man auch unter dem Letzteren verstehen mag, ist im Westen groß, was die esoterisch-gnostische Entwicklung der letzten 30-40 Jahre überaus deutlich macht. Der Leiter einer evangelischen Akademie erzählte einmal in trauter Runde, dass er zu einem Meditations-Retreat bei einem Yogi gewesen ist, bei dem er 10 h am Tag meditiert habe. Dies schien für diesen Mann ein einschneidendes Erlebnis gewesen zu sein. Er sagte dann beinah mit Tränen in den Augen: „Und ich dachte: Vielleicht ist er anders? Vielleicht ist es echt? Vielleicht steckt etwas dahinter? Vielleicht geht es ihm nicht darum möglichst viele Bücher zu verkaufen?“ Dieser Akademieleiter hätte auch ein katholischer sein können, denn die Wahrscheinlichkeit im deutschsprachigen Raum einen Geistlichen zu treffen, der auch tatsächlich ein geistliches Leben führt, ist wie bereits erwähnt, sehr gering. Aber es ist gerade dieses eine, was Not tut und nicht all das andere. Ohne ein Gebetsleben kommt es, wie man seit Langem weiß, zuerst zum Aktivismus und danach zur geistigen Verödung, welche den Namen der Acedia trägt. Wie sieht aber dieser Gebetsweg aus? Was ist zu tun und was ist zu lassen? Welche Gefahren drohen dort? Worauf hat man gefasst zu sein? All das legt Pater Poulain SJ auf 602 Seiten der englischen Ausgabe Titel The Graces of Interior Prayer. A Treatise on Mystical Theology bzw. auf 878 Seiten in zwei Bänden der deutschen Ausgabe Die Fülle der Gnaden. Ein Handbuch der Mystik klar, systematisch, katholisch, theologisch fundierten und auf Kirchenlehrer und Heiligen Lebensläufe gestützt. In einem Buch, welches Sie sich hier systematisch ins Scans präsentieren werden.

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Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (6 von 7): Das geistliche Leben tut Not, besonders bei fehlender Anleitung

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Das geistliche Leben tut Not, besonders bei fehlender Anleitung

Wie sagt doch ein Choral von Johann H. Schröder aus dem Jahre 1697 (so viel Ökumenismus darf auf dieser Seite sein), Eins ist not, ach Herr, dies eine

Eins ist not, ach Herr, dies eine
Lehre mich erkennen doch!
Alles andre, wie’s auch scheine,
Ist ja nur ein schweres Joch,
Darunter das Herze sich naget und plaget
Und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget.
Erlang‘ ich dies eine, das alles ersetzt,
So werd‘ ich mit einem in allem ergötzt.[1]

Tatsächlich weiß jeder, dass „das Herze sich naget und plaget“, wenn man das tägliche Gebetspensum nicht einhält. Der Schreiber dieser Zeilen hat vor über 20 Jahren aufgehört mit Geistlichen geistliche Gespräche führen zu wollen, denn, um es mit A. A. Milne’s Winnie Puh der Bär zu formulieren: „je mehr man nachschaut, desto weniger ist drin.“ Die panisch- ängstlich-aggressiven Reaktionen der Befragten machten einem immer klar, dass man nach etwas Unangenehmen, denn Nicht-Vorhandenen fragt. So ungefähr als würde man ein Kind fragen: „Hast du schon die Hausaufgaben gemacht? Vokabeln gelernt? Dich auf die Matheklausur vorbereitet?“ Die Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens eine Antwort darauf „Nein“ lautet, ist groß. Es stellt sich wirklich die Frage, wie jemand ohne ein regelmäßiges Gebetsleben auskommen kann. Man kann es nicht. Denn die Theologie, die er betreibt oder der Priesterdienst, den er leistet, sieht dann auch entsprechend nach gar nichts aus. Man hofft dann, dass es keiner merkt. Man merkt es aber doch. Die Frage bleibt dennoch bestehen, wie man über Gott lehren, schreiben, unterrichten und predigen kann, ohne mit der Person Gottes in irgendeiner, wenn dieser Ausdruck gestattet sein möge, „Liebesbeziehung“ zu stehen. Denn das ist eigentlich das Gebetsleben. Die Antwort ist recht einfach: man steht in keiner Beziehung und man redet auch nicht über Gott, sondern über irgendwelche politisch- korrekten Konstrukte oder über rein gar nichts.

[1] Die restlichen Strophen finden sich hier http://www.lutheran-hymnal.com/german/tlh366g.htm