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Christoph A. Ferrara, Die Heiligsprechungskrise (4 von 8).

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Gibt es Platz für Zweifel?

Dennoch wurde die Unfehlbarkeit der päpstlichen Heiligsprechungen nie als Dogma definiert, noch kann man sie klar als explizite Doktrin des universellen gewöhnlichen Lehramtes bezeichnen. Wie Prof. de Mattei in dem oben zitierten Artikel feststellt, wird beispielsweise die Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen nicht erwähnt, ebenso wenig wie eine Diskussion der vorherrschenden theologischen Sichtweise im Codex des kanonischen Rechts von 1917, im Codex des kanonischen Rechts von 1983 oder im Katechismus von Johannes Paul II.

In einem 1848 veröffentlichten Aufsatz zu diesem Thema verteidigte Pater Fredrick William Faber, der berühmte anglikanische Konvertit, der für seine Gelehrsamkeit, seine „unerschütterliche Loyalität zum Heiligen Stuhl“ und Marienverehrung bekannt ist, der letztlich das  „Leben der modernen Heiligen“ verfasste, die wahrscheinliche theologische Meinung zugunsten der Unfehlbarkeit und diskutiert die Voreiligkeit und Pietätlosigkeit, den päpstlichen Heiligsprechungen Fehler zuzuschreiben. Aber er war auch bemüht, seine Diskussion mit Vorbehalten abzusichern, da die Ansichten der Minderheiten gegen die wahrscheinliche Meinung schwerwiegend waren:

„Ist es de fide, dass die Kirche in dem Dekret der Heiligsprechung unfehlbar ist? Das ist eine offene Frage in den katholischen Schulen. …

Thomas stellt das Urteil der Kirche in der Heiligsprechung als etwas zwischen einem Urteil in Glaubensfragen und einem Urteil über bestimmte Tatsachen dar, und deshalb würde folgen, dass die Unfehlbarkeit des Dekrets ein frommer Glaube ist, aber nicht mehr, da es sich nur auf das Glaubenbekenntnis bezieht. …

Es ist de fide, dass die Kirche in der allgemeinen Lehre der Moral unfehlbar ist; aber es ist nicht so sicher, dass die Heiligsprechung der Heiligen sich auf die allgemeine Lehre der Moral bezieht. … Die Kirche hat ihre Unfehlbarkeit in dieser Angelegenheit nie als de fide definiert, noch können wir sie ihrer Praxis entnehmen. …

Es scheint sodann wahrscheinlich, dass es de fide ist, dass das Urteil der Kirche in der Heiligsprechung unfehlbar ist; aber diese Behauptung einer starken Wahrscheinlichkeit dürfen wir nicht ausweiten, besonders wenn wir so große Namen für die gegenteilige Meinung sehen.

Es ist sicherer, mit dem weisen und gelehrten Lambertini zu schließen, dass jeder Meinung ihre eigene Wahrscheinlichkeit zugewiesen werden sollte, bis ein Urteil vom Heiligen Stuhl ergeht; Denn wenn wir die Aufstellung eines Glaubensdogmas behandeln, sagt derselbe aufmerksame Theologe an anderer Stelle, müssen wir auf das Urteil des Apostolischen Stuhls, der Mutter und Gebieterin der anderen Kirchen und [das Urteil (Anm. d. Übers)] des regierenden Papstes warten, , dem es exklusiv gebührt, Definitionen des Glaubens festzulegen, bevor wir es wagen, diejenigen mit der berüchtigten Note der Ketzerei zu brandmarken, die einer entgegengesetzten Meinung folgen.[1]

Ebenso schließt Prudlo in seiner eigenen Studie über die Entwicklung des päpstlichen Kanonisierungsprozesses und die damit verbundene Sicht auf die Unfehlbarkeit der päpstlichen Heiligsprechung: „Behauptungen über die Unfehlbarkeit tauchen erst relativ spät im Mittelalter auf, in der Regel nach dem … Zeitpunkt  der Übernahme der päpstlichen Hegemonie über solche Fälle“[2] Aber er stellt fest, dass „das scheinbar unerschöpfliche Angebot an Kandidaten, die von Johannes Paul II. so geehrt wurden, und die Übereile des Fortschritts [des Prozesses (Anm. d. Übers.)], die Papst Franziskus einigen jüngeren Persönlichkeiten zusprach, aktuelle Argumente angeregt hat“. Um es vorsichtig auszudrücken! Und genau das ist der Punkt: Aktuelle Argumente sind im Sinne der „Ursprünge der theologischen und historischen Debatte“, die Prudlo bis ins Mittelalter zurückverfolgt, zulässig. Diese Argumente werden sich zweifellos auf  irgendeiner Ebene fortsetzen, es sei denn, die Frage der Unfehlbarkeit der päpstlichen Heiligsprechungen wird aus dem Bereich der wahrscheinlichen theologischen Meinung eliminiert und durch eine Ex-Kathedra-Definition oder eine entschieden formulierte Enzyklika, die dieser Frage gewidmet ist, festgelegt.

Zum Thema aktuelle Argumente – und ganz bezeichnend angesichts des Bestrebens von Papst Bergoglio, jeden mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verbundenen Papst, einschließlich sogar Papst Johannes Paul I. (den er bereits für ehrwürdig erklärt hat), mit äußerster Eile zu Ehren der Altäre zu erheben – haben wir ein Interview von 2014, das von Inside the Vatican mit Bischof Giuseppe Sciacca veröffentlicht wurde. Sciacca ist ein renommierter Kanonist, der 2016 von Bergoglio selbst in das Amt des Sekretärs der Apostolischen Signatur befördert wurde. Auf die Frage des Interviewers: „Ist der Papst unfehlbar, wenn er einen neuen Heiligen proklamiert“, hat Bischof Sciacca, sich bei seiner Antwort windend, entgegnet:

„Nach der herrschenden Lehre der Kirche ist das Urteil des Papstes, wenn der Papst einen Heiligen kanonisiert, unfehlbar. Bekanntlich ist die Heiligsprechung das Dekret, mit dem der Papst feierlich verkündet, dass die himmlische Herrlichkeit die Seligen erfüllt und den Kult des neuen Heiligen verbindlich und endgültig auf die Weltkirche überträgt. Es steht also außer Frage, dass die Heiligsprechung ein Akt des petrinischen Primates ist. Gleichzeitig sollte sie jedoch nicht als unfehlbar nach den in der dogmatischen Konstitution „Pastor aeternus“ des Ersten Vatikanischen Konzils festgelegten Kriterien der Unfehlbarkeit angesehen werden.“

Auf die nächste Frage, ob „der Papst einen Fehler machen kann, wenn er jemanden zum Heiligen erklärt“, gab Bischof Sciacca diese nuancierte Erklärung ab:

„Das ist nicht das, was ich gesagt habe. Ich leugne nicht, dass das Dekret für einen Heiligsprechungsfall endgültig ist, so dass es unbedacht und sogar gottlos wäre zu behaupten, dass der Papst einen Fehler machen kann. Was ich sage, ist, dass die Verkündigung der Heiligkeit eines Menschen keine Glaubenswahrheit ist, weil sie keine dogmatische Definition ist und nicht direkt oder explizit mit einer Glaubenswahrheit oder einer in der Offenbarung enthaltenen moralischen Wahrheit verbunden ist, sondern nur indirekt mit dieser verbunden ist. Es ist kein Zufall, dass weder der Kodex des Kanonischen Rechts  von 1917 noch der derzeit geltende Kodex, noch der Katechismus der Katholischen Kirche die Lehre der Kirche über die Heiligsprechung darstellen.“

Auf die Frage nach der Meinung des heiligen Thomas zu diesem Thema wies Bischof Sciacca darauf hin, dass sie im Zusammenhang mit der viel späteren unfehlbaren Definition der strengen Grenzen der päpstlichen Unfehlbarkeit durch die Kirche zu sehen sei:

„Natürlich bin ich mir dessen bewusst. Thomas Aquinas ist der renommierteste Autor, der diese Theorie unterstützt. Aber man muss sagen, dass die Verwendung des Begriffs der Unfehlbarkeit und der damit verbundenen Sprache in einem Kontext, der so weit von dem des 19. Jahrhunderts entfernt ist, als das Erste Vatikanische Konzil stattfand, Gefahr läuft, anachronistisch zu sein.“

Der Heilige Thomas stellte die Heiligsprechung auf halbem Weg zwischen die Dinge, die den Glauben betreffen, und den Urteilen über bestimmte Faktoren, die durch falsche Zeugnisse belastet werden können, und kam zu dem Schluss, dass die Kirche keine Fehler machen könnte: Tatsächlich behauptete er dass: „zu denken, dass das Urteil unfehlbar ist, heilig sei.“

Wie ich bereits sagte und ich wiederhole es noch einmal, definiert und beschränkt der „Pastor aeternus“ rigoros den Begriff der päpstlichen Unfehlbarkeit, der zuvor auch die Begriffe „Irrtumslosigkeit“ und „Unverletzlichkeit“ in Bezug auf die Kirche umfasste und enthielt oder mit ihnen verglichen werden konnte. Die Heiligsprechung ist wie eine Lehre, die nicht umstritten ist, aber nicht als Glaubenslehre definiert werden kann, da alle Gläubigen notwendig daran glauben müssen. [Absatzbrüche hinzugefügt]“

Mit anderen Worten, während eine päpstliche Heiligsprechung nicht ohne weiteres als Irrtum angefochten werden kann, stellt das Infragestellen der Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen oder gar das Argumentieren dagegen nach der Minderheitenansicht niemanden aufgrund der Ketzerei außerhalb der Gemeinschaft der Kirche. Tatsächlich weist Bischof Sciacca, Sekretär des höchsten kanonischen Tribunals der Kirche, die Behauptung zurück, dass die Kirche lehrt, dass es häretisch sei, die Unfehlbarkeit der Kanonisierung in Frage zu stellen:

„Und was ist mit den Worten, die Papst Benedikt XIV., als Prospero Lambertini geboren, in „De servorum Dei beatificatione et beatorum canonizazione“ verwendet hat, über die Theorie der fehlenden Unfehlbarkeit sie „rieche nach Ketzerei“?

Seine Theorie ist nicht verbindlich, da sie nicht Teil seiner Arbeit als großer Kanonist ist, sondern Teil seines Privatstudiums. Es hat nichts mit seinem Lehramt als Papst zu tun.

Aber es gab einen Lehrtext, der von der Kongregation für die Glaubenslehre im Mai 1998 herausgegeben wurde und der auch die Unfehlbarkeit bei Heiligsprechungen erwähnt.

Es ist offensichtlich, dass der Zweck der fraglichen Passage rein illustrativ und nicht als Definition gedacht ist. Das immer wiederkehrende Argument, wonach die Kirche Fehler nicht lehren oder akzeptieren kann, ist in diesem Fall von Natur aus schwach. Aber zu sagen, dass eine Handlung nicht unfehlbar ist, bedeutet nicht, dass die Handlung falsch oder irreführend ist. Tatsächlich kann der Fehler entweder selten oder nie gemacht worden sein. Die Heiligsprechung, die, wie jeder zugibt, nicht direkt aus dem Glauben stammt, ist nie eine tatsächliche Definition in Bezug auf  Glaube oder Tradition …“

Entschuldigung, was genau ist dann Heiligsprechung?

Es ist der endgültige und unveränderliche Abschluss eines Prozesses; es ist das endgültige Dekret, das am Ende eines historischen und kanonischen Prozesses erlassen wird und sich auf eine reale historische Frage bezieht. Sie in die Unfehlbarkeit zu integrieren bedeutet, das Konzept der Unfehlbarkeit selbst weit über die vom Ersten Vatikanischen Konzil definierten Grenzen hinaus auszudehnen.

Der Leser wird feststellen, dass sowohl Pater Faber als auch Bischof Sciacca angesichts des noch nicht festgelegten lehramtlichen Status Raum für ein gewisses Maß an Zweifeln an der Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen als Minderheitenansicht lassen – eine Ansicht, die schlimmstenfalls einen theologischen Fehler darstellen würde, aber keine Ketzerei, sollte die Kirche sie jemals formell durch eine dogmatische Definition verwerfen (nach dem sie dann Ketzerei darstellen würde). Aber sie halten es auch für „unbedacht und gottlos“, zu erklären, dass eine Heiligsprechung einfach falsch ist.

 

 

[1]       F.W. Faber, Essay über Seligsprechung und Heiligsprechung (London: Richardson & Son, 1848) 127, 128 (Absatzbrüche hinzugefügt.

[2]      Prudlo, op. cit., 16.

Ursprünglich erschienen in The Remnant.

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