Kanonisation Lehre Unser Archiv:

Christoph A. Ferrara, Die Heiligsprechungskrise (6 von 8)

Werbung

Kann eine Heiligsprechung auf zweifelhaft-wunderbaren „Wundern“ basieren?

Morgen, am 14. Oktober, wird Papst Bergoglio, der bereits die Heilige Kommunion für öffentliche Ehebrecher genehmigt und die Todesstrafe als  unmoralisch definiert hat – in beiden Fällen steht das im Widerspruch zu der zweitausendjährigen Lehre und Praxis der Kirche – erklären, dass sowohl Paul VI. als auch Oscar Romero Heilige sind, die die Universalkirche als solche verehren muss. Doch Paul VI. löste ein beispielloses liturgisches Debakel und die postkonziliare Revolution als solche aus, worüber  er den Rest seines Lebens weinte und die Hände rang, während Glaube und Disziplin um ihn herum schnell zusammenbrachen. Während Romero, eine komplexe Figur, die man ehrlicherweise nicht als Marxist bezeichnen kann, nicht wegen des Hasses auf den Glauben als solchen damals mitten in einem Bürgerkrieg mit marxistischen Revolutionären ermordet wurde, sondern wegen seiner öffentlichen Agitation gegen die Regierung von El Salvador. Auch wurde nie mit Sicherheit festgestellt, welche Seite des Konflikts für seine Ermordung verantwortlich war, für den bisher noch  keiner verfolgt oder gar endgültig als Verdächtiger identifiziert wurde.

Was sollen wir nun von diesen bevorstehenden Heiligsprechungen halten – dem jüngsten Ergebnis dessen, was von der Presse als „Heilige Fabrik“ verspottet, von Johannes Paul II. in Betrieb genommen wurde?  Unter Berücksichtigung dieser Frage wäre es angebracht, die zweiteilige Serie, die ich hier begonnen habe, abzuschließen und die Meinung eines Laien zu wagen, der nicht einsehen kann, dass die Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen von allem möglichen anderen als von der Integrität des Ermittlungsprozesses abhängig sein soll, der dem päpstlichen Heiligsprechungsdekret vorausgeht.

Im ersten Teil betrachtete ich die entscheidende Rolle, die das göttliche Zeugnis der Wunder bei der Heiligsprechung spielt. Ich zitierte den katholischen Gelehrten Donald S. Prudlo, einen Experten für die Geschichte der Heiligsprechungen, der bemerkte, dass, weil „das Problem der Heiligsprechung unwürdiger Gestalten durch lokale Heiligsprechungen durch Bischöfe immer wieder auftauchte“, Rom am Ende des 12. Jahrhunderts die Kontrolle über die Heiligsprechungen übernommen hatte, „das Papsttum, alle möglichen Garantien zur Gewährleistung von Wahrhaftigkeit und Heiligkeit einführte, wie lange Untersuchungen des Lebens und der Wunder“.  In diesem Zusammenhang zitiert Prudlo Papst Innozenz III. (regierte 1198-1216), der in seiner historischen Bulle, die Homobonus von Cremona heilig spricht, erklärte: „Zwei Dinge sind notwendig für jemanden, der in der Kirche als Heiliger öffentlich verehrt wird: die Macht der Zeichen, nämlich Werke der Frömmigkeit im Leben und das Zeichen der Wunder nach dem Tod“. Prudlo bemühte sich, darauf hinzuweisen: „Während Innozenz betont, dass lediglich nur die Beharrlichkeit bis ans Ende [im Glauben (Anm.d. Übers.)] für die Heiligkeit absolut notwendig ist,  behauptet er, dass die öffentliche Verehrung eines solchen Menschen göttliche Zeugnisse erfordert. Beides ist für die Heiligkeit erforderlich, denn weder sind Werke allein ausreichend, noch Zeichen allein.“

Betrachtet man die Heiligsprechungen von Paul VI. und Romero unter dem Aspekt der angeblichen medizinischen Wunder, die auf ihre Fürbitte zurückgeführt werden – ein unverzichtbares Element des Prozesses, wie er sich unter päpstlicher Autorität entwickelt hat -, so kann man nicht übersehen, dass keines von ihnen aufgrund der öffentlich zugänglichen Informationen alle traditionellen Kriterien für die Überprüfung eines Wunders als göttliches Zeugnis der Heiligkeit erfüllt. Diese Kriterien sind (1) eine Heilung, die (2) sofort, (3) vollständig, (4) dauerhaft und (5) wissenschaftlich unerklärlich ist, d.h. nicht das Ergebnis einer Behandlung oder natürlicher Heilungsprozesse, sondern ein Ereignis, das außerhalb der natürlichen Ordnung entsteht. (Sobald ein solches medizinisches Wunder nach diesen Kriterien verifiziert ist, muss ferner festgestellt werden, dass es „allein auf die Fürbitte des jeweiligen Kandidaten für die Heiligkeit“ statt auf Gebete im Allgemeinen oder Bitten an andere Fürsprecher erfolgte.)

Es sollte offensichtlich sein, dass kein angebliches Wunder, das auch nur eines dieser Kriterien nicht erfüllt, rational als göttliches Zeugnis der Heiligkeit des Kandidaten angesehen werden könnte. Wenn es keine Heilung als solche gibt, dann gibt es überhaupt kein Wunder. Wenn die Heilung nur unvollständig ist, ist es kein Wunder.  Wenn die Heilung nicht unmittelbar, sondern nur schrittweise erfolgt, dann könnten nicht-wundersame natürliche Heilungsprozesse oder medizinische Behandlungen dafür verantwortlich sein. Wenn die Heilung nur vorübergehend ist und der Zustand zurückkehrt, ist nichts Wunderbares geschehen.

Betrachten wir also die „Wunder“, die der Fürsprache von Paul VI. und Oscar Romero zugeschrieben werden.  Was Paul angeht, so betraf das erste angebliche Wunder, das seine Seligsprechung unterstützte, „ein Ungeborenes, bei dem festgestellt wurde,  dass es ein ernsthaftes Gesundheitsproblem habe, das zu Hirnschäden führen könnte. Ärzte rieten, die Schwangerschaft abzubrechen, aber die Mutter vertraute ihre Schwangerschaft Paul VI. an. Das Kind wurde gesund geboren.“  Das angebliche Wunder sollte vollständiger so beschrieben werden:

Das angebliche Wunder betrifft ein ungeborenes Kind, das in den 90er Jahren in Kalifornien ein ernsthaftes Gesundheitsproblem mit einem hohen Risiko für Hirnschäden aufwies. Die Harnblase des Kindes war defekt, und die Ärzte berichteten von Aszites (das Vorhandensein von Flüssigkeit im Bauchraum) und Anhydramniose (das Fehlen von Flüssigkeit in der Fruchtblase). Ärzte rieten, das Kind abzutreiben, aber die Mutter vertraute ihre Schwangerschaft der Fürbitte von Papst Paul VI. an, der am 21. Juni 1963 Nachfolger von Johannes XXIII. wurde und bis zu seinem Tod am 6. August 1978 diente.

Die Mutter nahm den Rat einer Nonne an, welche  eine Freundin der Familie war und Paul VI. getroffen hatte. Die Mutter betete dann um die Fürsprache Paul VI. ein Fragment der Gewänder des Papstes benutzend, das die Nonne ihr gegeben hatte.

Zehn Wochen später zeigten die Ergebnisse der medizinischen Tests eine deutliche Verbesserung der Gesundheit des Kindes, und es wurde in der 39. Schwangerschaftswoche durch Kaiserschnitt entbunden. Er ist jetzt ein gesunder Jugendlicher und gilt als vollständig geheilt.

Der italienische Postulator sagte, es sei nicht möglich, mehr Details über den Fall zu berichten, um die Privatsphäre der Familie und des betroffenen Jungen zu „respektieren“.

Wo genau ist die wunderbare Heilung?  Beschrieben wird ein gutes Ergebnis der für solche Fälle typischen aggressiven intrauterinen Behandlung, einschließlich derjenigen, bei der das Neugeborene durch diese im Mutterleib vorgenommene Behandlung einer noch größeren Gefahr ausgesetzt wurde, lebend geboren zu werden. Später wurde über ihn als „ein 5-jähriger[der] sich normal entwickelt, aber immer noch unter regelmäßiger neurologischer, kardiologischer und ophthalmologischer Kontrolle steht“, berichtet. Tatsächlich wurde auch der angeblich Begünstigte der wundersamen Fürbitte von Paul VI. beobachtet, bis er „ein gesunder Jugendlicher war und als vollständig geheilt galt“. Es gibt nicht einmal den Anspruch auf eine unmittelbare medizinische Heilung in der zweideutigen Erklärung des Vatikan über die „wesentliche Verbesserung“ des Zustands des Kindes in der Gebärmutter und die Vermeidung eines Risikos der Entstehung von Hirnschäden, noch eine Heilung desselben.

Das zweite angebliche Wunder, das der Fürbitte Papst Pauls  zugeschrieben wird, beinhaltet eine weitere, verschwommen beschriebene fetale Krise: „die Heilung eines ungeborenen Kindes, das an einer möglicherweise tödlichen Krankheit litt. Kurz nach der Seligsprechung von Papst Paul VI. reiste die Mutter des Kindes nach Brescia, der Heimatstadt des ehemaligen Papstes, um für die Heilung zu beten. Das Kind wurde schließlich bei guter Gesundheit geboren.“  Inwiefern unterscheidet sich dieses Ergebnis von den unzähligen anderen Fällen, in denen ein gefährdetes Kind im Mutterleib trotz einer schweren Prognose entgegen aller Erwartungen gesund geboren wird?  Die medizinische Literatur und unsere gemeinsame Erfahrung sind mit solchen Fällen übersättigt. Nochmals, wo genau ist die wundersame Heilung eines scheinbar unheilbaren Zustands?  Auch hier gibt es nur eine potenziell tödliche Krankheit, ein weiteres Risiko wird vermieden, nicht die unmittelbare Heilung eines ansonsten tödlichen Zustands.

In beiden Fällen hat man das unverwechselbare Gefühl, die medizinischen Fakten werden dahingehend überdehnt, das gewünschte Ergebnis zu erzielen: Es ist ein Wunder!  Geht sofort zur Heiligsprechung über!  (Wir betrachten hier nicht einmal die andere unverzichtbare Anforderung, die des heroischen Tugendgrades.  Es genügt zu beachten, dass „heldenhaft“ nicht auf einen weinenden Papst anwendbar zu sein scheint, der die Ergebnisse seiner eigenen leichtsinnigen Genehmigungen unerhörter Innovationen der Kirche bereut hat, obwohl er es dennoch hartnäckig ablehnte, einzugestehen, dass es seine eigenen katastrophalen schweren Fehler waren.)

 

Ursprünglich erschienen in The Remnant.

 

Zum Download für Abonnenten geht es hier:

Das kann Ihnen auch gefallen

Schreibe einen Kommentar