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Christoph A. Ferrara, Die Heiligsprechungskrise (7 von 8)

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Paul VI. and Mons. Oscar Romero

Was das eine Wunder betrifft, das der Fürbitte Oscar Romeros zugeschrieben wird – nur eines genügt angesichts seiner vorrangigen Bezeichnung als „Märtyrer“ -, so stoßen wir auch hier merkwürdigerweise auf einen weiteren unklaren schwangerschaftsbedingten medizinischen Notfall.  In diesem Fall werden wir darüber informiert, dass das angebliche Wunder darin besteht, dass eine Frau namens Cecilia nach der Geburt das HELLP-Syndrom entwickelt hat, eine Erkrankung die im Zusammenhang mit der (sogenannten) Präeklampsie steht, welche eine Hämolyse [im Blutgefäßsystem ablaufende Gerinnunsauflösung  Anm. d. Übers.], erhöhte Leberenzyme und eine Verringerung der Blutplättchen beinhaltet [, was zu einem drohenden ggf. tödlichen Multiorganversagen führen kann und intensivemdizinisch behandelt werden muss, (Amn. d. (ärztlichen) Übersetzers].  Um drohendes Organversagen und andere Probleme, die in den schlimmsten Fällen dieser Erkrankung auftraten, zu bekämpfen, wurde sie in ein künstliches Koma versetzt – fälschlicherweise in einigen Berichten als „Abrutschen“ in ein Koma beschrieben, als ob das Drama verstärkt werden sollte. Es wird nun behauptet, dass die Frau nach Bitten an Romero in den nächsten 72 Stunden eine „dramatische Genesung“ erlebte und einige Tage später vollständig erholt von den Auswirkungen des HELLP-Syndroms aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Aber die Genesung vom HELLP-Syndrom nach einem künstlichen Koma, welches eine intensiv-medizinische Standardbehandlung darstellt, ist genau das, was auch in anderen solchen Fällen passiert ist, wie wir hier und hier sehen. Es gibt nichts Wunderbares an einem sehr guten medizinischen Ergebnis durch eine sehr gute medizinische Behandlung. Als der Ehemann über das Ergebnis im zweiten verlinkten Fall sagte: „Es ist ein Wunder. Ich dachte, ich würde sie beide verlieren.“ gab es keine Anzeichen dafür, dass Oscar Romero oder ein anderer angeblicher katholischer Heiliger an diesem glücklichen Ergebnis beteiligt war. Tatsächlich wird berichtet, dass die Sterblichkeitsrate für das HELLP-Syndrom bei guter Behandlung insgesamt nur 1,1-3,4 %,  und nur 25 % weltweit, einschließlich vieler Fälle ohne jegliche Behandlung, beträgt. Darüber hinaus ist die kindliche Sterblichkeitsrate beim HELLP-Syndrom viel höher als die mütterliche Sterblichkeitsrate, aber das Kind im Fall Romero war bereits ohne seine angebliche Fürsprache normal geboren worden. War diese normale Geburt, mit viel größeren Überlebenschancen, ein „Wunder“?

Die Kriterien für ein authentisches medizinisches Wunder zur Untermauerung der Selig- oder Heiligsprechung wurden an anderer Stelle folgendermaßen beschrieben:

 

„1. Schwerwiegend verschlechterter Allgemeinzustand;

2. bei dem keine spontane Besserungsmöglichkeit besteht;

3. unmittelbar;

4. dauerhaft;

5. vollständig;

6. keine andere Krankheit oder Vorkommnis ist aufgetreten, die dazu geführt haben könnten, dass der Zustand verschwindet;

7. keine [adäquate (Anm. d. Übers)] medizinische Behandlung im Zusammenhang mit der Heilung.“

Diese Beschreibung erscheint in einem Artikel über die beiden Wunder, die der Fürbitte der Fatima-Visionäre Jacinta und Francisco im Zusammenhang mit ihrer Seligsprechung durch Johannes Paul II. und ihrer Heiligsprechung durch Franziskus zugeschrieben werden. Das erste Wunder bestand in der Genesung eines Querschnittsgelähmten, der wieder normal gehen konnte, und das zweite in der Genesung eines hirngeschädigten Jungen, der 7 Meter gefallen war, auf seinem Kopf landete, einen Schädelbruch, bei dem er Hirngewebe verlor, erlitt, und dennoch nach Gebeten an die Seher ohne Anzeichen von Hirnschäden oder Verlust der körperlichen oder geistigen Funktion aus dem Krankenhaus ging. Mit anderen Worten, beide Fälle beinhalten die tatsächliche Heilung von ansonsten unheilbaren Zuständen und nicht nur die Vermeidung eines Risikos der Schädigung oder Wiederherstellung nach einer „aggressiven“  Behandlung.

Aus gutem Grund hat die nach-tridentinische Kirche eine strenge Überprüfung der angeblichen medizinischen Wunder gemäß dem Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse institutionalisiert.  Urban VIII. (regierte 1623-1644) und später Prospero Lambertini, der Benedikt XIV. (regierte 1740-1758) wurde, schufen den Rahmen, in dem die Kirche über die Funktion des „Advokat des Teufels“ (Promotor fidei), den Lambertini vor seinem Pontifikat ausgeübt hatte, lernte „die Wunderhaftigkeit  durch natürliche Erklärungen zurückzuweisen“[1]. Dementsprechend wurde dem medizinischen Urteil, insbesondere seit den Reformen von Papst Urban VIII. in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, eine immer größere Rolle bei der Bewertung von Ansprüchen auf Wunder gegeben.“  Aber schon im dreizehnten Jahrhundert, dem Jahrhundert, in dem sich die Debatte über die Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen auf dem Höhepunkt befand, wie ich in Teil I zeigte, „war ein wesentlicher Ausdruck einer solchen Skepsis die Konsultation von Ärzten, um die vorgeschlagenen wundersamen Heilungen zu untersuchen und zu entscheiden, ob sie natürliche Ursachen hatten“[2].

Natürliche Erklärungen für die „Wunder“, die auf die Fürbitte von Paul VI. und Oscar Romero zurückgeführt werden, sind eindeutig verfügbar, wobei es sich bei keiner dieser beiden Formen tatsächlich um eine vollständige und sofortige Heilung handelte, sondern es wurde in erster Linie ein medizinisches Risiko vermieden, wie ernst es auch sein mag, und ein gutes Ergebnis erzielt, was sich auch einstellt, wenn man sich einer aggressiven, hochmodernen medizinischen Behandlung unterzieht.

Es scheint also, dass diese bevorstehenden Heiligsprechungen ein weiteres hastiges Produkt der Hochgeschwindigkeits-Montagelinie in der von Johannes Paul II. gegründeten „Heiligen-Fabrik“ sind.  Johannes Paul hat nicht nur die Zahl der erforderlichen Wunder von vier (zwei für die Seligsprechung und zwei weitere für die Heiligsprechung) auf nur zwei (jeweils nur eines für die Seligsprechung und Heiligsprechung) reduziert, sondern auch die traditionelle Rolle des Förderers des Glaubens effektiv beseitigt, so dass es in der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse kein wirklich kontradiktorisches Verfahren mehr gibt, das einen institutionalisierten Widerspruch eines Offiziellen beinhaltet, den wir als „Advokat des Teufels“ kennen. Wie ein Wissenschaftler zu diesem Thema feststellt:

 

„Die Beobachtungen des Förderers des Glaubens (Advokat des Teufels) und die Antworten des Förderes der Gerechtigkeit (Advokat Gottes) sind verschwunden, da der Förderer des Glaubens den Anlass zur Untersuchung erst nach Abschluss der Feststellung [kurzes Befürworten der Heiligkeit] vervollständigte. Nach geltendem Recht nimmt der Förderer des Glaubens nicht an einem formalen Widerspruch einer Gegenpartei teil, sondern äußert seine Meinung bezüglich des Prozesses, nachdem er von den Theologen bewertet wurde. Beim Studium der römischen Phase [des Prozesses (Anm. d. Übers.)] ist zu berücksichtigen, dass  der Förderer des Glaubens selbst niemals auch nur eine informelle Rolle im Widerspruchsprozess  spielte …

Aus diesen Beobachtungen lässt sich schließen, dass es in der aktuellen Gesetzgebung keinen eindeutigen Widerspruch gibt, da die Partei, die im Hintergrund im Widerspruch zum Prozess steht, unklar bleibt …[3].“

Als Verteidiger des „gestrafften“ Prozesses schreibt er über diese praktische Eliminierung des „Advokaten des Teufels“:

 

„Papst Johannes Paul II. änderte diese Rolle in hohem Maße … aber im Gegensatz zum Volksglauben … wurde sie nicht beseitigt … Seine Befugnis, ein Veto einzulegen oder den Prozess zu beenden, ist weg. Er stellt keine Liste der Einwände und Anklagen mehr zur Verfügung, sondern liefert einen Bericht über seine Ergebnisse, aber dieser Bericht schreibt nicht vor, dass es auf jeden Einwand eine zufriedenstellende Antwort geben muss. Dank Papst Johannes Paul II. wurde der Prozess der Heiligsprechung von einer Art Probe im Fegefeuer in einen Untersuchungsausschuss oder ein geschäftsähnliches Treffen umgewandelt.“

Mit anderen Worten, der Advokat des Teufels ist eliminiert worden – nicht nur sein entscheidendes Veto, sondern auch seine Rolle als solche. Er ist nun höchstens noch ein weiteres Mitglied eines Komitees, dessen Aufgabe es im Wesentlichen ist, „Heilige zu machen“, was erfordert,  entsprechende Resultate hervorzubringen, eingeschlossen solcher dass Heilungen, die auf natürliche Weise leicht erklärbar sind und tatsächlich häufig ohne jegliche Anrufung eines angeblichen Heiligen beobachtet werden, „Wunder“ sind.

 

 

[1]   Fernando Vidal, “Miracles, Science and Testimony in Post-Tridentine Saint-Making,” 20 Science in Context 481 (2007). 1] Fernando Vidal, „Wunder, Wissenschaft und Zeugnis in der nachtridentinischen Heiligsprechung“, 20 Wissenschaft im Kontext 481 (2007).

[2]    Ebd. S. 482, 485.

[3]  Jason A. Gray, “ Die Entwicklung des Förderers des Glaubens  im Prozesse der Selig- und Heiligsprechung: Ein Studium des Rechts von 1917 und 1983″, Päpstliche Lateranuniversität (2015) (Dissertation im kanonischen Recht); zugänglich unter http://www.jgray.org/docs/Promotor_Fidei_lulu.pdf

Ursprünglich erschienen in The Remnant.

 

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