Der feige Untergang des Instituts Johannes Paul II. oder die Gefahr des Neokonservatismus

(Das Bild stellt die Plünderung Roms durch die Vandalen im Jahre 410 dar)

Weigel und de Mattei – zwei Sichtweisen

Roberto de  Mattei hat recht, wenn er in seinem jüngsten, höchst lesenswerten Artikel behauptet, dass das Päpstliche Institut Johannes Paul II. untergegangen ist, ohne auch nur eine Salve zur Verteidigung der Orthodoxie abgefeuert zu haben. So schreibt Roberto de Mattei:

Das Schreiben Amoris laetitia vom 19. März 2016 hat das klare Ziel, Veritatis splendor und die Morallehre von Johannes Paul II. zu zerstören, um sie durch ein neues Moralparadigma zu ersetzen. Die Dozenten des Instituts Johannes Paul II. hätten sich im Namen von Veritatis splendor und ihrer persönlichen Geschichte wie ein Mann gegen dieses Attentat gegen die katholische Moral erheben müssen, vor allem nachdem Papst Franziskus sich geweigert hatte, die vier Kardinäle, die Autoren der Dubia, zu empfangen, und nach dem Reskript von Franziskus vom 5. Juli 2017, laut dem die authentische Interpretation des päpstlichen Dokuments die der Bischöfe der argentinischen Kirchenprovinz Buenos Aires ist. Die Absicht von Papst Franziskus war und ist allen klar. Keiner der Theologen des Instituts hat jedoch die Correctio filialis de haeresibus propagati vom 24. September 2017 unterschrieben, und keiner hat irgendein Dokument veröffentlicht, in dem Amoris laetitia einer notwendigen, strengen Kritik unterzogen wird.

Am 3. August präsentierte sich Msgr. Livio Melina in einem Interview der Tageszeitung La Verità als Opfer einer ungerechten Säuberung, weil er Amoris laetitia im Licht des kirchlichen Lehramtes interpretieren wollte. Das Problem aber ist, daß Amoris laetitia gar nicht im Licht des immerwährenden Lehramtes interpretiert werden kann, weil es ein neues Paradigma der Moral vertritt, das mit Veritatis splendor unvereinbar ist.

Kurz und gut Msgr. Livio Melina, der sich jetzt bei dem angeblich konservativen Benedikt ausweint, hat absolut nichts unternommen, um sich Bergoglio entgegenzustellen und all das hat ihm nichts geholfen, denn er ist dennoch gefeuert worden. Hätte er etwas unternommen, so wäre er natürlich auch gefeuert worden, aber er wäre sicherlich von den konservativen Katholiken zum Märtyrer hochstilisiert worden. Wenigstens hätte er Mut gezeigt, was er nicht tat. Zwar schreibt Roberto de Mattei:

Ein so tüchtiger Theologe wie Msgr. Melina verfügt über alle intellektuellen Instrumente, um zu verstehen, wie es möglich ist, den doktrinellen und pastoralen Irrtümern zu widerstehen, ohne es zugleich an der gebotenen Liebe und Verehrung gegenüber dem Stuhl Petri fehlen zu lassen.

Doch der italienische Historiker – de Mattei – ist kein Theologe, sodass er die theologische Tüchtigkeit von Msgr. Melina wahrscheinlich gar nicht beurteilen kann. Roberto de Mattei geht einfach davon aus, dass jemand, der im Vatikan eine hohe Position in der Lehre bekleidet etwas können muss, was nicht unbedingt der Fall sein muss. Auch die Annahme der Orthodoxie des Chefs des orthodoxen Johannes Paul II. Instituts ist vielleicht ein Wunschgedanke. Der Schreiber dieser Zeilen (DSDZ) kennt das Schrifttum Melinas nicht, noch weiß er, was das Institut, dem Melina vorgestanden hat, in all den vielen Jahren produziert hat. Es wird wohl die johanneisch-paulsche familienfreundliche Theologie gewesen sein, welche nach außen hin den Anschein der Katholizität gewahrt hat. Leider ist es so, dass das Abdriften von der wahren katholischen Lehre in den vergangenen Jahrzehnten nicht mal für einen ausgebildeten Theologen gleich ersichtlich war. Die Fehler der nachkonziliaren Theologie vor Bergoglio beginnen sozusagen nach der dritten oder vierten Kommastelle und man muss sich in all das sehr gründlich und kritisch hineinlesen, um die Häresien oder Abdriftungen auch wirklich feststellen zu können. Auch formulierten die Theologen ihre Ansichten so verklausuliert oder verworren, um ja nicht bei einer klaren Behauptung gefasst werden zu können. Dennoch waren Häresien recht selten, es waren eher Meinungen, welche auf die lange Sicht betrachtet zu Häresien führten.

Der oben zitierte Artikel de Matteis auf einen früheren Aufsatz von George Weigel „Die Vandalen plündern Rom… erneut“ zurückzuführen, den großen Propheten des Johannes Pauls II. in Amerika und einen der Grundpfeiler des Neokonservatismus. Es ist diejenige Anschauung, welche annimmt, dass man das Zweite Vatikanische Konzil konservativ im Sinne der vorhergehenden Tradition interpretieren kann. Sie nimmt an, dass nur der „Entführung des Konzils“ durch die bösen, bösen Liberalen zu verdanken ist, dass wir uns jetzt befinden, wo wir uns befinden. Diese Ansichten wurden natürlich bis zum Bergoglio- Pontifikat verbreitet, dass sie jetzt nicht mal für die Neukonservativen selbst nachvollziehbar sind. Weigel konstruiert in seinem Artikel einen Konflikt zwischen den „starrköpfigen“ und „rücksichtslosen“ Progressiven, welche sich jahrzehntelang zurückhielten und jetzt unter Bergoglio an die Macht kommen, um überall stalinistische Säuberungen durchzuführen. Diese Grundthese ist falsch, was Roberto de Mattei scharfsichtig darlegt. An dieser Stelle aber wollen wir uns einem Aspekt widmen, der bei Roberto de Mattei unberücksichtigt bleibt.

Die Vandalen plünderten schon früher

Unserer Meinung nach ging die Gefahr für den Glauben nach dem Konzil doch tatsächlich mehr von den „Konservativen“ aus, als von den Progressiven oder den Liberalen. Warum? Weil bei den Progressiven das Gift als Gift sehr klar und deutlich erkennbar war. Bei den „Konservativen“ war es nicht so. Hierzu ein wenig Geschichte. H. Reed Armstrong schreibt, dass sich die nachkonziliaren Theologen in zwei Lager spalteten, die sich wiederum um zwei theologische Zeitschriften gruppierten: Communio und Concilium.

Zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (Okt. 1962 – Dez. 1965), von den der Tradition verbundenen Gläubigen, die der Vision von Papst Pius XII und seinen Vorgänger anhingen abgesehen, teilte sich die Kirche in „Konservative“ und „Progressive“, die von der spekulativen Theologie der führenden zeitgenössischer katholischer Denker angeführt wurden. Zum Ende des Zweiten Vatikanums im Jahr 1965 begannen die Progressiven mit der Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Zeitschrift mit dem Titel Concilium, in der unter anderem die Schriften von Yves CongarHans KüngJohann Baptist MetzKarl Rahner S.J., und Edward Schillebeeckx veröffentlicht wurden. In Kontrast dazu gründete eine Gruppe der konservativeren modernen Denker, unter anderem Joseph RatzingerHans Urs von BalthasarHenri de LubacWalter KasperMarc OuelletLouis Bouyer und andere 1972 ein Gegenstück, genannt Communio.

Eine weitere brillante Analyse zu den nachkonziliaren, theologischen Lagern in Rom legt Msg. Spadafora vor, der dort lebte und an der Lateranuniversität bis zu seiner Emeritierung Bibelwissenschaft unterrichtete bis er Zuge der nachkonziliaren Säuberungen aus dem Rennen geworfen wurde. Eine gewisse Verbitterung ist sicherlich seinen Zeilen anzumerken, so wie die Klage über den Verlust der kirchlichen Karriere, sprich Bischofsamt, welche bei ihm nicht eingetreten ist. Aber lesen wir seine Zeilen:

Zwanzig Jahre sind vergangen; ‚Communio‘ hat seine Partie gewonnen. Zumindest, was den Kampf um die kirchliche Vorherrschaft anbelangt. Die Kirche gewährte den drei „Dissidenten“-Theologen [Ratzinger, de Lubac, von Balthasar Anm. Msgr. Spadaro], die an jenem Abend in der Via Aurelia am Taufbrunnen die Idee [dieser Zeitschrift Red.] hielten, die Ansehen erheischende Belohnung des Kardinalshuts.

Aber es gab Ehrenbezeugungen für alle. Die tüchtigsten Mitarbeiter von ‚Communio‘ wurden zu Bischöfen befördert: die Deutschen Karl Lehmann und Walter Kasper, der Italiener Angelo Scola, der Schweizer Eugenio Corecco, der Österreicher Christoph von Schönborn, der Belgier André-Juan Léonard, der Brasilianer Karl Romer. Eine Schar von Bischofstheologen, deren Einfluss in der Kirche viel weiter reicht als ihre Diözesan-Jurisdiktion. Ein wahres Think-tank der Kirche Karol Wojtylas.[1]

Während also die Concilium-Gruppe fast alle theologischen Lehrstühle in der katholischen Welt durch ihren Einfluss besetzte, besetzte Communio-Gruppe viele Bischofsstühle. Vielleicht gab es aber gar keinen Konflikt zwischen Concilium und Communio? Vielleicht war das alles Kayfabe? Vielleicht war es wirklich wie bei der russischen Revolution? Concilium ware die Bolschewiki und Communio die Menschewiki? Während aber bei der russischen Revolution die Bolschewiki die Oberhand behielten, waren es in der kirchlichen Revolution eher die Menschewiki also Ratzinger und Konsorten. Sie wurden fast alle Bischöfe oder Kardinäle und einer wurde Papst, der von den Wölfen davongelaufen ist. Wer hat wirklich mehr Macht und Einfluss in der Kirche? Ein Theologieprofessor oder ein Bischof? Natürlich ein Bischof, den zwar ein Theologieprofessor beeinflussen kann, falls aber der Bischof auf ihn hört. Leider ist die Fähigkeit auf jemanden zu hören ein Zeichen von Intelligenz, welche vielen Bischöfen einfach abgeht. Der Dumme weiß gar nicht, dass er dumm ist und deswegen sucht er auch keine Hilfe.

Aber kehren wir doch zu den Ausführungen von George Weigel, wenn wir schon beim Thema Dummheit sind. George Weigel wird wahrscheinlich bis zu seinem letzten Atemzug den „konservativen“ Johannes Paul II. verteidigen, dem Weigel so viele verkaufte Bücher verdankt. Dennoch ist die These, dass es unter Johannes Paul II. alles noch „gut katholisch war“, sodass das Institut Johannes Paul II. einen orthodoxen Katholizismus vertrat einfach falsch. Johannes Paul II., der leider auch ein Modernist war, holte nach Rom mit Ratzinger Theologen, welche nach außen hin katholisch schienen, im innen aber stark modernistisch verdorben waren. Lesen wir dazu den Zeitzeugen und ehemaligen Professor des Lateranums Msgr. Spadafora:

Die Vorherrschaft der „Neu-Theologen“

1981 ernannte Johannes Paul II.  den deutschen „Neu-Theologen“ Joseph Ratzinger zum Präfekten der Glaubenskongregation; kürzlich bestätigte er ihn für ein drittes Jahrfünft in diesem Amt. Dies ist eine weitere bedeutungsvolle „Geste der Anerkennung“ für die Neue Theologie. Wie in diesen Jahren das ehemalige Heilige Offizium die Orthodoxie des Glaubens gegen die heftigsten Angriffe des Neomodernismus verteidigt hat, lassen wir Ratzinger selbst darlegen: „Der Mythos von der Härte des Vatikans gegenüber den progressistischen Abweichungen hat sich als ein leeres Hirngespinst gezeigt. Bis zu diesem Tag wurden grundsätzlich nur Ermahnungen erlassen und in keinem Fall kanonische Strafen im eigentlichen Sinn verhängt“ (Ansprache an die chilenische Bischofskonferenz, siehe sì sì no no vom 15. Oktober 1988). Dafür hat Joseph Ratzinger die kirchliche Vorherrschaft für die Neu-Theologen sichergestellt. […][2]

Eine kurze Zwischenbemerkung. Da Ratzinger ebenfalls ein Progressist war, was ihm aber nicht auf den ersten Blick von allen anzusehen war, so hat er doch alle seine Fachkollegen aus seiner persönlichen Sicht heraus als rechtgläubig oder auch nicht beurteilt.  Ist es aber nicht immer so?, werden Sie jetzt fragen.  Nein, denn je restriktiver und formeller eine Wissenschaft ist, desto weniger Ermessensspielraum hat ein Gutachter. Wenn Sie einen Gutachter für Mathematik, Logik, Statik oder Ingenieurswissenschaften beauftragen, dann kann er gar nicht sagen, dass etwas grundsätzlich falsch ist, wenn es dies nicht der Fall ist, sondern er wird höchstens die fehlende Eleganz der Lösung oder irgendwelche Details bemängeln. In der nachkonziliaren Theologie, deren Entwicklung wir, Gott sei‘s geklagt, im großen Maße Ratzinger verdanken, kann dieselbe Arbeit an einer Universität als herausragend und orthodox beurteilt werden, während sie woanders als grottenschlecht und häretisch betrachtet werden kann. Der Theologe hat also überhaupt kein Maß der äußeren Beurteilung seines Werkes, weil er sich an Menschen richten muss, welche genauso denken wie er selbst, womit von vornherein die Objektivität der Gutachter infrage gestellt werden muss. Denn wir alle beurteilen viel gnädiger diejenigen Menschen, die uns ähnlich sind und mit unseren Grundüberzeugungen übereinstimmen. Aber lesen wir weiter:

1985 wird in Rom eine Synode zur 20-Jahr-Feier des II. Vatikanischen Konzils abgehalten. Ein anderer Neu-Theologe, nämlich Walter Kasper, ein „alter Kollege“ Ratzingers, wird zum Theologen der Synode ernannt. Und doch leugnet Kasper offen die Geschichtlichkeit und die Echtheit der Evangelien und hält im „Lichte der Formgeschichte“ die Wunder Jesu für erfunden, angefangen von der Stillung des Sturms auf dem See bis zur Auferweckung des Lazarus und der leiblichen Auferstehung Jesu Christi, unseres Herrn, der für Kasper natürlich nicht Gott ist (siehe W. Kasper Jesus der Christus in sì sì no no vom 31. Oktober 1985, S. 4, sowie vom 30. April 1989). Vier Jahre später, nämlich 1989, wurde der gleiche Walter Kasper, der auch Mitglied der Internationalen Theologenkommission ist, ohne auch nur das Geringste seiner Häresien zu widerrufen, zum Bischof von Rottenburg-Stuttgart ernannt. Es handelt sich hier nicht um persönliche Gunsterweisung unter „alten Freunden“ oder wenigstens nicht allein darum, sondern immer und vor allem um „bezeichnende Gesten der Anerkennung“ für einen genau festgelegten theologischen Kurs. Die Karrieremacher wissen somit, welchem Teufel die Seele zu verkaufen ist.[3]

Wer hat also all die häretischen Theologen nach Rom geholt und ihnen die einflussreichen Ämter überlassen? Der gute alte „konservative“ Johannes Paul II., den George Weigel über den Klee lobt. Aber lesen wir weiter:

Die Bürgschaft für Communio

1992 wird in Rom unter Ratzingers Patronat das 20-jährige Jubiläum der Zeitschrift Communio gefeiert, des offiziellen Organs jener, „die glauben, gewonnen zu haben“. Am 29. Mai empfängt Johannes Paul II. die Herausgeber der verschiedenen Länder in Audienz und hält eine feierliche Ansprache, worin er mit „Dankbarkeit an die beiden Initiatoren, hervorragende Theologen des katholischen, an Kardinal Henri de Lubac und an Pater Hans Urs von Balthasar“ erinnert. Er forderte dazu auf, immer „ein Sauerteig der Gemeinschaft und der Einheit“ in der „Verschiedenheit“ zu sein, gemäß dem Gedanken „Paters von Balthasar“. Er ruft folgendes ins Gedächtnis: „Als Erzbischof von Krakau hatte ich Gelegenheit gehabt, die polnische Ausgabe [von Communio] zu ermutigen und zu fördern“ (siehe Communio von Juli-August 1992). Wir können daher gut verstehen, warum de Lubac noch zu Lebzeiten von Paul VI. zu seinen Freunden sagte: „… an jenem Tag, an dem man einen [neuen] Papst braucht, habe ich schon meinen Kandidaten: Wojtyla“ (siehe Angelo Scolas Interview mit de Lubac in 30 Giorni vom Juli 1985).

[…] Daher wollen wir […] auf die Bischofsernennungen verschiedener Mitarbeiter von Communio (Schönborn, Scola, Corecco, Kasper, Lehmann, Martini, Lustiger etc.), die als „konservativ“ ausgegeben werden, in Wirklichkeit aber nur ein wenig vorsichtigere Modernisten sind (und auch das nicht immer), und schließt sich auf all die Ernennungen in den verschiedenen römischen Kongregationen und Kommissionen, in denen es nunmehr von „Neu-Theologen“ wimmelt. (Siehe sì sì no no vom 31. März 1993) [4]

Und was bedeutet das jetzt für uns heute und für die Schließung des Instituts Johannes Paul II.? Eigentlich nichts, denn die einen Modernisten würgen die anderen Modernisten jetzt ab und das arme, naive Kirchenvolk weint, weil ein „guter, frommer, konservativer Priester“ entlassen wurde. So tigerte schnell oder doch gemächlich der vor die Tür gesetzte Msgr. Livio Melina zu seinem ehemaligen Förderer Ratzinger/ Benedikt, welcher ihm wohl sagte: Na und?  Ist eh das Gleiche.

Benedikt ist alles gleich

All diejenigen, für welche die Haltung Benedikts XVI. zum Bergoglio-Pontifikat nicht nachvollziehbar ist, gehen von mehreren falschen Prämissen bezüglich Benedikt aus:

1.Benedikt glaubt an die objektive Wahrheit an sich.

2.Benedikt glaubt an die objektiven Glaubenswahrheiten, wie sie die Kirche lehrt.

3.Für Benedikt sind die Glaubenswahrheiten so wichtig, dass er meint, dass es sich für diese zu kämpfen lohnt.

All diese Prämissen sind falsch.

Ad 1.

Benedikt ist ein Deutscher und somit ein Kind und Opfer des deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Schelling) zugleich. Diese Philosophie behauptet, dass es keine objektive Realität und somit Wahrheit gibt, sondern nur bestimmte Realitätskonstrukte des Einzelnen. Es gibt demnach keine Wahrheit, sondern nur das, was der einzelne für Wahrheit hält und es wäre viel zu unhöflich und zu unakademisch ihn darauf hinzuweisen, dass er sich eventuell im Irrtum befindet. Und Benedikt ist ein höflicher Mensch.

Ad 2.

Weil es keine Wahrheit an sich gibt, so gibt es auch keine Glaubenswahrheiten, weil übernatürliche Wirklichkeit Gottes uns noch weniger zugänglich ist als die Wirklichkeit um uns herum. Vielleicht gibt es tatsächlich Gott, aber die Offenbarung ist doch größtenteils ein Menschenwerk, wie Ratzinger in seiner verworfenen Habilitationsschrift behauptet hat, und daher können wir wirklich nicht wissen, wie es um die Glaubensinhalte geht, zumal Religion ein gesellschaftliches Konstrukt ist, welches dem Wandel der Zeit unterworfen ist. Der Glauben ist somit eine subjektive Überzeugung des Gläubigen seinerzeit und es wäre daher wirklich unmenschlich einen Theologenkollegen nur deswegen zu feuern, weil er nur etwas anderes behauptet als ein anderer Theologenkollege. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Zumal Theologie ein intellektuelles Spiel der Kollegen untereinander ist.

Ad 3.

Weil es keine Wahrheit gibt und konsequenterweise keine Glaubenswahrheiten, so ist es völlig hirnrissig sich über etwas aufzuregen, was der Papstkollege Bergoglio von sich gibt. Das alles ist doch ein intellektuelles Spiel und Theologie ist doch im Wandel begriffen, sodass man sich in seinem Landhaus zurückziehen kann, um dort Leserzuschriften an das bayerische „Klerusblatt“ oder Briefe an Rabbiner zu verfassen. Die dummen Konservativen werden es in die als Widerstand und Martyrium hochjubeln.

Obzwar unsere Erklärungen brutal ehrlich klingen, so sind sie wahrscheinlich wahr, obwohl wir zum Innenleben Benedikts keinen Zugang haben, weil nur aus dieser Perspektive heraus das Verhalten des Papa emeritus einen Sinn macht. Wenn wir jedoch annehmen, dass er immer ein tief frommer Mann war, der für die katholische Wahrheit kämpfte, dann macht sein Verhalten mit dem Rücktritt und nach dem Rücktritt überhaupt keinen Sinn, so sehr sich auch die Benedikt-Fans um die Rechtfertigung Ratzingers bemühen.

[1] Spadafora, Francesco, Die “Neue Theologie“ oder „Sie glauben, gewonnen zu haben“, Verlag Les Amis de St François des Sales: Sion 19962, 131.

[2] Ebd, 162.

[3] Ebd., 152-153.

[4] Ebd., 153-154.

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