Der Wille Gottes Teil 11

Der hl. Bonoventura hat uns folgende Begebenheit aus dem Leben des hl. Franziskus überliefert: Eines Tages litt der Heilige grausamer als gewöhnlich; da sagte ihm ein Ordensmann von höchster Einfalt: „Vater, betet, daß Gott euch ein wenig sanfter behandelt, denn Seine Hand scheint zu schwer auf euch zu lasten.“ Als er dies hörte, stieß der Heilige einen Schrei aus und antwortete: „Hört Bruder, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr aus Einfalt so gesprochen hättet, so könnte ich es nicht mehr ertragen, Euch noch zu sehen, nachdem Ihr die Kühnheit besessen habt, darüber zu befinden, die Gerichte Gottes über mich zu reduzieren.“

Und, obwohl er von der Krankheit geschwächt war bis zur Erschöpfung, stürzte er sich aus seinem Bett auf den Boden, küßte ihn und sagte: „Herr, ich danke Dir für die Schmerzen, die Du mir geschickt hast. Ich bitte Dich, sie zu verhundertfachen, wenn es Dir so gefällt. Meine Zufriedenheit besteht darin, daß Du mich mit Betrübnissen niederdrückst; denn die Erfüllung Deines heiligsten Willens ist die süßeste Tröstung, die ich in diesem Leben verkosten kann.“

Mit denselben Gefühlen, mit denen wir unsere eigene Krankheit annehmen, müssen wir auch die Krankheit und den Verlust von Personen annehmen, mit denen uns zeitliche oder geistliche Interessen und Bindungen vereinen. Nicht unsere geistlichen Väter geben uns die Heiligkeit, sondern Gott. Ohne Zweifel will Gott, daß wir von den geistlichen Führern unserer Seele Nutzen ziehen, solange Gott sie uns erhält. Aber, wenn Er sie uns wegnimmt, so will Er, daß wir uns unterwerfen und unser Vertrauen zu Ihm bei dieser Gelegenheit verdoppeln und Ihm sagen: „Herr, Du hast mir diesen Halt gegeben, Du ziehst ihn jetzt zurück, immer geschehe Dein heiliger Wille! An Dir ist es jetzt, für meine Bedürfnisse zu sorgen und mich zu unterrichten, was ich tun soll, um Dir zu dienen.“ Eine solche Haltung müssen wir haben, so müssen wir alles annehmen, wenn Gott uns irgendein Kreuz auf unsere Schultern legt.

Ihr werdet mir sagen: „Viele Prüfungen sind nur Züchtigungen.“ Gut, sage ich. Aber die Züchtigungen, die Gott in diesem Leben schickt, sind sie nicht Gnaden und Wohltaten? Wenn wir Ihn beleidigt haben, so müssen wir Seiner göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung leisten in irgendeiner Form: in diesem Leben oder im anderen Leben. Wir müssen dieses Gebet des hl. Augustinus ganz und gar zu dem unsrigen machen: „Hier brenne, hier schneide, Herr! Schone mich nicht hier unten; aber schone meiner in der Ewigkeit!“ . . . und auch dieses Wort des Job: „Darin soll mein Trost sein in den Leiden, mit denen mich Gott bedrängt, darin soll mein Trost sein, daß Er mich nicht schont“ (Job 6, 10).

Ist es in der Tat nicht ein Trost für den, der die Hölle verdient hätte, wenn er sieht, wie ihn Gott in dieser Welt züchtigt, und muß er darin nicht eine Ermutigung finden, zu hoffen, daß Gott ihn dadurch vom ewigen Strafgericht befreien will? Wenn Gott uns also schlägt, sagen wir mit dem Hohenpriester Heli: „Es ist der Herr. Was gut ist in Seinen Augen, das möge Er tun“ (1 Kön 3, 18).

Auch in den Trostlosigkeiten des geistlichen Lebens müssen wir unsere Ergebung in den göttlichen Willen praktizieren. Wenn eine Seele ihre ersten Übungen auf dem Wege der göttlichen Liebe macht, so hat der Herr die Gewohnheit, sie mit Tröstungen zu überhäufen, um sie von den irdischen Tröstungen abzubringen; aber dann, wenn sie ein wenig im geistlichen Leben befestigt ist, so zieht Er sich zurück, um ihre Liebe zu erproben: Er will sehen, ob sie Ihm dienen und Ihn lieben wird, ohne in dieser Welt mit fühlbaren Gnaden bezahlt zu werden.

Solange man noch in diesem Leben ist“, sagte die hl. Theresia, „besteht der geistliche Nutzen nicht darin, Gott zu genießen, sondern mehr darin, Seinen Willen zu tun.“ Und sie sagt weiter: „Und übrigens besteht die Liebe zu Gott nicht in zärtlichen Gefühlen, sondern darin, mit der Kraft der Seele und in Demut Ihm zu dienen.“ Und weiter: „Durch die Trockenheiten und die Versuchungen prüft Gott Seine Freunde.“

Wenn der Herr einer Seele diese Zärtlichkeiten und fühlbaren Süßigkeiten gewährt, so soll sie Ihm dankbar sein; aber sie soll sich nicht von Traurigkeit und Ungeduld erfassen lassen, wenn die Tröstung wieder schwindet. Dieser Punkt beansprucht unsere ganze Aufmerksamkeit. Es kommt in der Tat vor, daß engstirnige Seelen, wenn die Trockenheit über sie kommt, sich einbilden, sie seien von Gott verlassen oder sie seien nicht für das geistliche Leben geschaffen … und siehe da, sie verzichten auf das Gebet, und so verlieren sie die Frucht ihrer früheren Arbeit.

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