Der Wille Gottes Teil 13

Dem hl. Paulus, der ein Nachlassen der Versuchungen der Sinne verlangte, antwortete unser Herr: „Meine Gnade genügt dir“ (2 Kor 12, 9). So bitten wir denn auch beim Ansturm der lästigen Versuchungen den Herrn, uns zu befreien, und wenn Er uns nicht erhört, dann sagen wir: „Herr, tut und erlaubt, was Euch gefällt: Eure Gnade genügt mir; aber haltet mich, daß ich sie nie verliere.“

Nicht die Versuchung läßt uns die Gnade verlieren, sondern die Einwilligung in die Versuchung. Die Versuchungen, wenn wir sie abwehren, halten uns vielmehr in der Demut, lassen uns größere Verdienste erwerben und drängen uns dazu, häufiger zu Gott unsere Zuflucht zu nehmen. Das Endergebnis ist, daß sie uns weiter entfernt halten von der Beleidigung Gottes und die Verbindung der Liebe mit Ihm festigen.

Endlich müssen wir uns mit dem Willen Gottes vereinen, was den Augenblick des Todes betrifft, sei es was die Zeit anbelangt oder die Umstände, die zu bestimmen es Gott gefallen hat.

Eines Tages erstieg die hl. Gertrud einen Berg und stürzte in eine Schlucht. Ihre Begleiterinnen fragten sie dann, ob sie Angst gehabt hätte, ohne Sakramente zu sterben. Die Heilige antwortete: „Ich wünsche sehr, die Sterbesakramente zu empfangen, aber noch mehr halte ich mich an den Willen Gottes; denn ich denke, die beste Vorbereitung, um gut zu sterben, ist die, sich allem zu unterwerfen, was Gott wollen wird. So wünsche ich jene Art von Tod, die meinem gütigen Herrn gefallen wird.“

Der hl. Gregor berichtet in seinem Dialog, daß die Langobarden, nachdem sie einen Priester namens Sanctulus zum Tode verurteilt hatten, ihn die Art für seine Todesstrafe auswählen ließen. Der hl. Mann hütete sich wohl, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen: „Ich bin in den Händen Gottes“, sagte er, „ich werde die Todesart auf mich nehmen, die Er euch erlaubt anzuwenden; ich will keine andere.“ Dieser Akt der Hingabe gefiel dem Herrn derart, daß Er selbst den Arm des Henkers, der ihm das Haupt abschlagen wollte, anhielt, so daß die Barbaren, überrascht durch dieses Wunder, den heiligen Priester am Leben ließen.

Ebenso müssen wir, was die Todesart anbetrifft, die als die Beste für uns erachten, die Gott bestimmt hat. Jedesmal also, wenn wir an den Tod denken, sollen wir sagen: „Herr, gewähre mir zu sterben im Zustand des Heiles; sonst laß mich sterben, wie es Dir gefällt.“

Sind wir auch eins mit dem Willen Gottes, was den Zeitpunkt unseres Todes anbetrifft? Was ist diese Erde denn anderes als ein Gefängnis; da wir hier so viel leiden müssen und da jeden Augenblick die Gefahr besteht, daß wir Gott verlieren! Von daher ist der Ausruf Davids zu verstehen: „Befreie meine Seele aus diesem Kerker!“ (Ps 16, 8). Von daher ist auch das Wort der hl. Theresia von Avila zu verstehen: „Wie langweilig ist dies irdische Leben, wie sehne ich mich nach dem Tod, wie bin ich froh, daß ich mit jeder Stunde immer mehr der Gefahr entgehe, Gott wieder zu verlieren.“

Aus diesem Grunde, auch wegen der Möglichkeit, die dem Leben anhaftet, die göttliche Gnade zu verlieren, dachte der hl. Johannes von Avila, daß derjenige, der sich in der genügenden Verfassung befindet, eher wünscht zu sterben als zu leben.

O welch liebe und wünschenswerte Sache ist der gute Tod, mit der Sicherheit, die er mit sich bringt, daß wir nie mehr der Gnade Gottes beraubt sein können! — „Aber ich“, so wirst du sagen, „ich habe noch nichts erreicht, noch nichts getan für meine Seele.“ — Aber, wenn Gott für jetzt das Ende deines Lebens festgesetzt hat, was könntest du in der Folge Gutes tun, wenn dein Leben verlängert würde entgegen den Absichten Gottes? Wer weiß, später hättest du einen weniger glücklichen Tod als den, den du zu dieser Stunde erhoffen könntest! Wer weiß, ob du nicht in deinem Willen wankend und noch in viele andere Sünden fallen und am Ende noch verdammt würdest? Auf jeden Fall, wenn du weiter leben würdest, dann würdest du zumindest läßliche Sünden begehen!

Warum“, rief deshalb der hl. Bernhard aus, „sich ein langes Leben wünschen, in dem sich unsere Fehler vervielfältigen würden?“ Der hl. Ludwig Maria Grignion sehnte sich, bald sterben zu dürfen, damit er nicht mehr in die Lage komme, Gott durch eine Sünde zu beleidigen.

Und ich füge hinzu, wenn man nur wenig das Paradies wünscht, dann zeugt das von einer geringen Liebe zu Gott. Wer liebt, sehnt sich nach der Gegenwart der geliebten Person. Nun, wir können Gott nicht schauen, ohne diese Welt zu verlassen. So haben die Heiligen brennend gewünscht zu sterben, um sich des Anblicks ihres vielgeliebten Herrn zu erfreuen. Hört die Seufzer eines hl. Augustinus: „Mein Gott, ich möchte sterben, um Dich zu sehen!“ Und die Worte Davids: „Wann werde ich kommen und erscheinen vor dem Angesichte Gottes?“ (Ps 41, 3). Und der hl. Paulus: „Ich wünschte aufgelöst zu werden, um beim Herrn zu sein“ (Phil 1, 23). So ist es mit allen Seelen, die von Gott ergriffen sind.

Ein Autor berichtet, daß ein Edelmann auf die Jagd ging und durch den Wald kam. Plötzlich hörte er die Stimme eines Menschen, einen lieblichen Gesang. Er näherte sich dieser Stimme und fand einen Aussätzigen, einen armen Aussätzigen, dessen Körper schon halb verzehrt war vom Aussatz. „Sind Sie es, der da so singt?“ — „Ja, guter Ritter, das bin ich.“ — „Und wie können Sie singen und glücklich sein mit diesem Leiden, das Sie quält und das Ihnen das Leben zu nehmen scheint?“ — „Guter Ritter, zwischen mir und Gott gibt es keine andere Trennung mehr als diese Mauer von Schlamm, die mein Körper ist. Wenn diese Barriere einmal gefallen ist, werde ich mich meines Gottes erfreuen. Nun, ich sehe diese Barriere jeden Tag mehr einstürzen, Stück für Stück: Ich bin in der Freude, und ich singe.“

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