Der Wille Gottes Teil 6

III. Die Vereinigung mit dem Willen Gottes erfüllt die Seele mit Glück und Frieden

Die Heiligen haben auf dieser Erde in Vereinigung mit dem göttlichen Willen ein vorweggenommenes Paradies gefunden. Darin lag, nach dem Zeugnis der hl. Dorothea, das Geheimnis der alten Väter, niemals die sanfte Ruhe zu verlieren: Sie empfingen jedes Ding aus der Hand Gottes. Man hörte nur dieses Wort: „der Wille Gottes“, als die hl. Magdalena von Pazzi in einer Vision ganz entrückt war.

Sicher ist es nicht so, daß die Widerwärtigkeiten, die uns begegnen, uns nicht zusetzen würden. Aber dies Leiden geht im niederen Teil der Seele vor sich; im höheren Teil der Seele wird trotzdem der Friede und die Heiterkeit herrschen, sobald unser Wille mit dem Willen Gottes vereint ist. „Ich bin betrübt und doch immer getröstet“, sagt der Apostel Paulus.

„Nichts wird eure Freude von euch nehmen“ (Joh 16, 22), sagte der göttliche Erlöser zu Seinen Aposteln. Und Er sagte ihnen noch: „Eure Freude wird vollkommen sein“ (Joh 14, 24). Derjenige, der in einer fortwährenden Vereinigung mit dem Willen Gottes lebt, der besitzt eine vollkommene und immerwährende Freude; denn nichts fehlt ihm, was er will, wie wir es oben erklärt haben. Es ist eine fortwährende Freude, weil niemand sie ihm entreißen kann; denn, was Gott beschlossen hat, das tritt ein und niemand kann es verhindern.

Der Pater Johannes Tauler erzählt diese Begebenheit, die ihm selbst zustieß. Schon seit Jahren hatte er den Herrn gebeten, ihm jemanden zu schicken, der ihn das wahre geistliche Leben lehre. Eines Tages hörte er eine Stimme, die zu ihm sagte: „Geh in diese Kirche, und du wirst den finden, den du suchst.“ Er gehorchte, und an der Pforte der Kirche begegnete ihm ein Bettler, barfuß, in Lumpen. „Guten Tag, mein Freund“, so begrüßte er ihn. „Meister“, antwortete der Arme, „ich erinnere mich nicht, jemals einen schlechten Tag gekannt zu haben.“ Der Pater antwortete: „Gott möge Ihnen ein glückliches Leben geben!“ —

„Ich war nie unglücklich“, sagte der Bettler … und er fügte hinzu: „Hört, mein Vater, nicht ohne Grund habe ich zu Euch gesagt, daß ich niemals einen schlechten Tag gekannt habe. Denn, als ich Hunger hatte, lobte ich Gott; als es regnete oder schneite, pries ich Ihn; wenn man mich verachtet, wenn man mich davonjagt, wenn ich irgendwelche andere Mißgunst empfinde, so lasse ich es nicht daran fehlen, dafür meinem Gott die Ehre zu geben. Ich habe Euch auch gesagt, daß ich nie unglücklich gewesen bin, und dies ist ebenfalls wahr; denn ich habe die Gewohnheit, alles zu wollen, was Gott will, ohne Vorbehalte. Also alles, was mir zustößt, sei es süß oder bitter, ich empfange es mit Freuden aus der Hand Gottes als das, was für mich am Besten ist. Das ist es also, was mein ganzes Glück ausmacht.“ — „Und wenn Er jemals wollen sollte, was nicht geschehen soll, daß Ihr verdammt würdet, was würdet Ihr da wünschen?“ —

„Wenn Gott das wollte, so habe ich zwei Arme, mit denen ich Ihn umfangen würde: die Demut und die Liebe, und ich würde Ihn so fest ergreifen, daß Er, wenn Er mich in die Hölle stürzen wollte, gezwungen wäre, mit mir zu kommen. Nun, es wäre für mich süßer, mit Ihm in der Hölle zu sein als ohne Ihn die ganzen Wonnen des Himmels zu verkosten.“ — „Wo habt Ihr Gott gefunden?“ —

„Ich habe Ihn da gefunden, als ich alle Geschöpfe ließ.“ — „Aber, wer bist Du eigentlich?“ — „Ich bin ein König.“ — „Wo ist dein Reich?“ — „In meiner Seele, wo ich alles gut in Ordnung halte: die Leidenschaften sind der Vernunft unterworfen und die Vernunft ist Gott unterworfen.“ Schließlich fragte Tauler, was ihn zu einer solch hohen Vollkommenheit geführt hätte. „Die Stille“, antwortete er, „die Stille gegenüber den Menschen, damit ich mit Gott sprechen konnte … und die Vereinigung mit meinem vielgeliebten Herrn: In Ihm habe ich den Frieden gefunden und in Ihm finde ich ihn für immer.“

Um es kurz zusammenzufassen: Dieser Bettler wurde das, was er war, in der Vereinigung mit dem göttlichen Willen, und er ist sicher bei all seiner Armut reicher als die reichen Könige, und er ist glücklicher in all seinen Prüfungen, als es die Weltmenschen mit all ihren Freuden im größten Glück sind.

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