Tradition und Glauben

Die „aktive Teilnahme“ steht nirgends in „Tra le sollecitudini“ geschrieben

Die berüchtigte "aktive Teilnahme" steht gar nicht bei Pius X. Mehr zum Kontext und Hintergrund.
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Fragt man, wo die berühmt-berüchtigte „aktive Teilnahme“ in Tra le sollecitudini (=TLS) zu finden ist, dann lautet die Antwort:

Nirgends!

Zumindest betrifft das die lateinische Originalfassung, die im relevanten Abschnitt wie folgt lautet:

Etenim cum nihil Nobis potius sit et vehementer optemus ut virtus christianae religionis floreat et in omnibus Christifidelibus firmior sit, templi decori provideatur oportet, ubi Christicolae congregantur ut hoc virtutis spiritu ex priore fonte fruantur, quae est participatio divinorum mysteriorum atque Ecclesiae communium et solemnium precum.[1] 

Da uns nichts wichtiger ist und wir uns sehr wünschen, dass die Tugend der christlichen Religion in allen Gläubigen gedeihen und stärker werden möge, ist es notwendig, für die Schönheit des Tempels zu sorgen, in dem sich die Christen versammeln, um diesen Geist der Tugend zu genießen, der aus der früheren Quelle [stammt], welche die Teilnahme an den göttlichen Mysterien und an den gemeinsamen und feierlichen Gebeten der Kirche ist.[2] 

Hier ein paar Fragen und Antworten, die das Verständnis es o.a. Textes erleichtern sollen:

  • Was wünscht sich der Papst?
    • Dass „die Tugend der christlichen Religion gedeihen und gestärkt werden möge“.
  • Wodurch soll das erreicht werden?
    • Durch „die Schönheit des Tempels“.
  • Was tun die Christen dort?
    • Sie versammeln sich, um „den Geist der Tugend zu genießen“.
  • Woher stammt dieser Geist?
    • Aus „einer früheren Quelle“.
  • Was ist diese Quelle?
    • „Teilnahme an den göttlichen Mysterien“ (d.h. Messe)
    • „Gemeinsame und feierliche Gebete der Kirche“ (d.h. Brevier)

Der Papst sagt also, dass in einem Tempel, der schön zu sein hat, durch die hl. Messe und das Breviergebet der „Geist der Tugend“ generiert wird, aus dem sich die Gläubigen speisen und den sie genießen können.

Und wo ist die „aktive Teilnahme“?

Nirgends, im Text ist lediglich von der nicht näher bestimmten Teilnahme an den göttlichen Mysterien (participatio divinorum mysteriorum) die Rede. Der Text spricht auch nicht von den Laien die Rede, sondern von den Christifideles – „Christusgläubigen“ und den Christicolae – „Christusehrenden“.

Im lateinischen Original von TRS kommt das Substantiv partitipatio – „Teilnahme“ nur vielmal vor. Die erste Stelle wurde oben angeführt. Schauen wir uns die restlichen an.

II.
De sacrorum musicorum generibus.

3. […] Praesertim apud populum cantus gregorianus est instaurandus, quo vehementius Christicolae, more maiorum, sacrae liturgiae sint rursus participes.

II.
Von den Arten geistlicher Musik.

3. [….] Vor allem muss der gregorianische Choral beim (apud) Volk wiederhergestellt werden, damit die Christen nach Art ihrer Vorfahren wieder stärker an der heiligen Liturgie teilnehmen können.

Hier geht es darum, dass der Choral apud populum also „beim Volk“, „in der Nähe des Volkes“, „in Gegenwart des Volkes“, „in Anwesenheit des Volkes“ wiederhergestellt werden soll. Es soll also in Gegenwart des Volkes, d.h. der Laien, der Nicht-Kleriker gesungen werden, damit das Volk es hören kann. Es wird aber nirgendwo erwähnt, dass das Volk – populus – zu singen hat, geschweige denn von einer „aktiven Teilnahme“ des Volkes.

Die dritte Erwähnung von partipatio in TRS lautet wie folgt:

V.
De cantoribus.

14. Denique ecclesiasticorum musicorum (cappella di chiesa) participes tantum sint viri religione et pietate conspicui, qui pie et devote sacris cum adsint, munere, quo funguntur, digni videantur. […]

V.
Von den Sängern.

14. Endlich sollen [an den Ämter der] Kirchenmusikern (cappella di chiesa) nur Männern von sichtbarer Religion und Frömmigkeit teilnehmen, die, wenn sie fromm und fromm heilig sind, des Amtes, in dem sie auftreten, als würdig erachtet werden sollen. […]

Hier ist davon die Rede, wer bei den Kirchenmusikern mitmachen darf, wobei das Deutsche „teilnehmen“ sich in diesem Kontext recht unglücklich ausnimmt, dennoch aber aus Gründen der Genauigkeit beibehalten wurde. Wieder keine „aktive Teilnahme des Volkes“, soweit das Auge reicht.

Die italienische Fassung

Da DSDZ mehrere Sprachen kann, so viel ihm vor längerer Zeit auf, dass die nachkonziliaren Texte in verschiedenen Sprachen verschieden lauten. Nein, es sind keine „Nuancen“, es ist keine verschiedene sprachliche Idiomatik, es sind wirklich andere Texte, sodass der deutsche Leser eine andere Fassung liest, wohl kundentypisch zurechtgemacht, als ein Amerikaner oder Spanier. Alle diese landessprachlichen Übersetzungen unterscheiden sich auch vom lateinischen Original, sodass man wirklich mehrere Texte und Hermeneutiken des nachkonziliaren Lehramtes zur Verfügung hat. Aber nicht nur der Vatikan nach Vat. II ging davon aus, dass sich niemand die Mühe machen wird die verschiedenen sprachlichen Fassungen zu lesen. Der Vatikan unter Pius X. dachte dasselbe, sonst wäre die fehlende partitipatio actuosa in TRS, auf die sich die GANZE Liturgische Bewegung berief, schon früher entdeckt und zur Sprache gebracht worden.

Es ist nämlich die italienische Fassung, in der die partitipatio actuosa auftaucht, und zwar im folgenden Zusammenhang:

Essendo, infatti, Nostro vivissimo desiderio che il vero spirito cristiano rifiorisca per ogni modo e si mantenga nei fedeli tutti, è necessario provvedere prima di ogni altra cosa alla santità e dignità del tempio, dove appunto i fedeli si radunano per attingere tale spirito dalla sua prima ed indispensabile fonte, che è la partecipazione attiva ai sacrosanti misteri e alla preghiera pubblica e solenne della Chiesa. 

Da es Unser sehr starker Wunsch ist, dass der wahre christliche Geist in jeder Hinsicht gedeiht und in allen Gläubigen erhalten bleibt, ist es notwendig, zuallererst für die Heiligkeit und Würde des Tempels zu sorgen, wo sich gerade die Gläubigen versammeln, um diesen Geist aus seiner ersten und unentbehrlichen Quelle zu schöpfen, der aktiven Teilnahme an den heiligen Mysterien und am öffentlichen und feierlichen Gebet der Kirche.[3] 

Halten wir die deutsche Übersetzung der lateinischen Fassung dagegen:

Da uns nichts wichtiger ist und wir uns sehr wünschen, dass die Tugend der christlichen Religion in allen Gläubigen gedeihen und stärker werden möge, ist es notwendig, für die Schönheit des Tempels zu sorgen, in dem sich die Christen versammeln, um diesen Geist der Tugend zu genießen, der aus der früheren Quelle [stammt], welche die Teilnahme an den göttlichen Mysterien und an den gemeinsamen und feierlichen Gebeten der Kirche ist.[4] 

Wenn man also sagt, dass etwas lost in translation sei, dann haben wir hier mit dem Phänomen added in translation zu tun, denn in der italienischen Übertragung finden wir Ausdrücke, die im lateinischen Original gar nicht stehen. Während der lateinische Text nur die „Teilnahme“ erwähnt, spricht die italienische Fassung von der „aktiven Teilnahme“. Hier liegt der Hund begraben, hier wird die liturgische Lawine ins Rollen gebracht, hier schwammen dem Lohngerber die Felle davon, um das ganze Spektrum der Redeweisen abzudecken.

Warum hat es keiner gemerkt?

Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus welchem niemand bis dato die Häresien von Amoris Laetitia moniert oder die Pachamama-Verehrung im Vatikan kritisiert. Unseren lieben Geistlichen ist es egal, man möchte sich mit niemandem anlegen (die Rente, wissen Sie) und man kritisiert keinen Papst oder päpstliche Dokumente, um im Rennen zu bleiben. Andere Erklärung:

Sie können nicht lesen!

Aber das wäre zu einfach.

Wir haben also im Jahre 2022 mit einer Situation zu tun, wo 1903 die ganze kirchenzerstörerische Bewegung durch ein Zitat losgetreten wurde, das gar nicht stimmt, sich aber vor Carol Byrne niemand dazu bequemte es zu überprüfen. Es ist nicht mehr empörend, sondern einfach lächerlich. Leute, wie der berühmte Father Z. geben sich einer intellektuellen Äquilibristik hin eine Quadratur des Kreises zu errechnen, wenn es dazu dient seine eigene Untätigkeit zu entschuldigen.

Erst neulich spielte Father Z. gedanklich verschiedene Möglichkeiten eines Papa emeritus, der Trennung des Bischofs von Rom vom Papstamt und der Ergänzung der Jurisdiktion Bergoglios nach dem Grundsatz Ecclesia supplet durch. Sollte Franziskus, so Zuhlsdorf, auch kein Papst sein, dann hat er doch eine Jurisdiktion nach dem Grundsatz Ecclesia supplet.

DSDZ war, nachdem er dies gelesen hatte, dermaßen Baff, dass er einerseits bedauerte keinen dermaßen verschlagenen wie Father Z. Verstand zu haben, andererseits sich die Gefahren des hohen Cholesterinspiegels und Übergewichts für die intellektuellen Tätigkeiten vor Augen stellte. Denn Father Z. sieht so aus:

F. Zuhlsdorf – Übergewicht ist niemals ein gutes Zeichen

und postet auch solche Beiträge.

Essen im Vordergrund

Wenn Father Z. recht hätte, dann hätte es niemals Antipäpste gegeben, denn sie wären unmöglich. Denn jeder Antipapst bekäme automatisch eine „Jurisdiktion für die Krisenzeiten“, die so gerne die Piusbruderschaft für sich in Anspruch nimmt.

Lesenswertes über Jurisdiktion und Ecclesia supplet

Aber so hat es die Kirche niemals gehalten, es gab Gegenpäpste, deren kirchenrechtliche Entscheidungen von den richtigen Päpsten entweder für ungültig erklärt oder approbiert wurden. Father Z. wohnt derzeit in Rom, isst gut und gerne und will sich mit der Behauptung, dass Franze ein Antipapst ist, nicht ins Abseits stellen, sodass er solche Theorien erfindet. Einerseits verständlich, andrerseits schwach.

Noch schlimmer ist aber Kardinal Müller, der ebenso wenig Mut hat Bergoglio zur Rede zu stellen und daher entwickelt er wirklich häretische Theorien auf Litesitenews, indem er schreibt:

Der von Papst Franziskus im Juni 2017 plötzlich entlassene deutsche Kardinal macht in seinem Statement deutlich, dass er derzeit einen besorgniserregenden Trend in der Kirche sieht. Er wendet sich sowohl gegen einen starken Papalismus, der die sakramentale Lehrautorität jedes einzelnen Bischofs untergräbt, als auch gegen die Aushöhlung des ordinierten Amtes und der Autorität durch die Delegierung von Führungspositionen in der Römischen Kurie und in Diözesen an Laien.

„Es ist kein Fortschritt in der Ekklesiologie“, schrieb er, „sondern ein eklatanter Widerspruch zu ihren Grundprinzipien, wenn alle Jurisdiktion in der Kirche aus dem Jurisdiktionsprimat des Papstes abgeleitet wird. Auch das große Geschwätz von Amt, Synodalität und Subsidiarität kann den Rückfall auf eine theokratische Auffassung des Papsttums nicht verdecken.“

Sollte das auch stimmen, warum hatte denn Müller solche Töne nicht unter dem „starken Papsttum“ eines Johannes Pauls II. oder dem weniger starken eines Benedikts XVI. gespukt? Weil sich unsere lieben Geistlichen und leider Laien nicht trauen Bergoglio die Stirn zu bieten. Deswegen verdrehen sie die Lehre vom päpstlichen Primat und dem Papsttum selbst, indem sie, wie Peter Kwasniewski und Co. auf onepeterfive vom „Hyperpapalismus“ oder „Ultramontanismus“ reden. Bergoglio ist einfach Gegenpapst und Häretiker, was jedoch die katholische Lehre vom Papsttum und dem Papst als einem absoluten Monarchen weder tangiert noch lädiert.

Die Ableitung aller Jurisdiktion der Kirche aus dem Jurisdiktionsprimat des Papstes scheint eine gefestigte theologische Lehre vor Vat. II gewesen zu sein, die im Lumen gentium Nr.21 geändert wurde. Demnach hat nur der Papst die volle Jurisdiktionsgewalt, die er direkt von Gott erhält und die er an die Bischöfe weitergibt. Vat. II jedoch erklärte, dass jeder Bischof die Jurisdiktionsgewalt aufgrund seiner eigenen Bischofsweihe erhält. DSDZ kennt sich in dieser Materie (Herleitung der Jurisdiktionsgewalt der Bischöfe in der traditionellen Lehre) derzeit noch zu wenig aus, um dazu Stellung nehmen zu können oder zu beurteilen, ob der verlinkte Aufsatz von FSSPX recht hat (denn manchmal haben sie auch recht). Aber die eigene Jurisdiktionsgewalt der Bischöfe macht den Papst überflüssig, sowie den Can. 1382 des Kirchenrechts (CIC  1983) der Bischofsweihen ohne ein Mandat des Heiligen Stuhls verbietet, unverständlich. Die Kirche ist eine Monarchie und daher hängt alles davon ab, wer dieser Monarch – Papst – ist und ob es der echte ist. Weil Müller nicht den Schneid hat Bergoglio für einen Häretiker zu erklären, deswegen entwickelt er solche Theorien, um nicht als Kardinal abgesetzt zu werden. Traurig.

Man muss daher immer schauen, wer etwas sagt, denn meistens ist es eine Rechtfertigung seiner eigenen Lage. Lebt man nach den Gesetzen Gottes, wie hl. Johannes der Täufer, so verliert man zwar seinen Kopf, entwickelt aber keine wüsten Theorien, die die Menschen in die Irre leiten.

Im Jahre 1903 als TRS hatten unsere lieben Geistlichen noch mehr zu verlieren als heute, sodass sie schön den Mund hielten, sollten sie auch die Diskrepanz zwischen dem lateinischen Original und der italienischen Übersetzung bemerkt haben. Sie dachten sich, dass es ein unwesentliches Detail sei, das mit den Jahrzehnten immer wesentlicher wurde. Ein „Detail“ das jetzt als Bergoglio auf dem Stuhl Petri sitzt und die Kirche zerstört. Wer schweigt, macht sich immer mitschuldig, liebe Leser.


[1] Siehe vorletzter Absatz, anfangend mit At suspicantibus Nobis vor Instructio de Sacris Musicis.

[2] Übersetzung DSDZ [der Schreiber dieser Zeilen].

[3] Übersetzt durch Google-Translator.

[4] Übersetzung DSDZ.

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