Tradition und Glauben

Die schlechten Päpste oder wider den päpstlichen Positivismus (2 von 5)

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Was ist Mobilismus?

Dass der Papst der höchste Diener der Kirche ist und ihre unveränderliche Lehre wiedergibt, war auch bis ca. 1962 klar, als durch das unselige Konzil (ja, ja, es ist langweilig immer davon zu sprechen, aber leider notwendig) die unveränderliche und größtenteils statische Lehre der Kirche auf einmal dynamisch und veränderlich wurde. Dadurch wurden die Aussagen des Papsten zum einzigen Bezugspunkt, was den päpstlichen Positivismus gründete. Der Mobilismus, wie ihn Romano Amerio nennt,[1] hielt in die Kirche den Einzug.

Was ist Mobilismus?

Es ist eine philosophische Ansicht, dass alles beweglich (mobile) ist und nichts ruhig bleibt: nihil quietum in causa. Ein völliger Heraklitismus also, durch Hegel modern aufgepeppt und aufgefrischt. Es ist eine weltliche Sicht der Dinge, die ihren Niederschlag im UNESCO-Bericht aus dem Jahre 1972 mit dem Titel Apprendre à être – „Lerne zu sein“ fand. Aber, wie richtigerweise Amerio deutet,

être -»sein« wird gleichbedeutend mit »devenir« – werden – oder »se développer« – sich entwickeln- betrachtet. Ziel der Pädagogik und der Politik sei, dafür zu sorgen, dass „der Geist nicht bei endgültigen Überzeugungen stehen bleibt“, sondern im Gegenteil, „in hohem Maße bereit wird, sich umzustellen“. Betont wird dementsprechend »die Notwendigkeit, das Denken so zu bilden, dass es darauf eingestellt ist, eine Vielzahl von Lösungen als Hypothesen ins Auge zu fassen«, die in verschiedene – nicht die gleiche Richtungen gehen (Osservatore Romano, 10. Januar 1973).[2]

Wie kommt es aber, dass l’Osservatore Romano, die Zeitung des Papstes, welche Romano Amerio zitiert, fast buchstäblich die Ansichten eines UNESCO-Dokuments wiederholt? Die einfache Antwort lautet:

Weil die Freimaurer außerhalb des Vatikans die Vorgaben den Freimaurern innerhalb des Vatikans geliefert haben.

Sollte sich jemand am Wort „Freimaurer“ stören, dann möge er/sie das Wort „weltliche Agenda“ dafür einsetzen. Die Ansichten des Mobilismus sind ja überhaupt nicht katholisch, da Katholizismus von der Seins-Metaphysik, also einer unwandelbaren göttlichen Wirklichkeit ausgeht, welche das Hier und Jetzt abbildet beziehungsweise abbilden sollte. Kurz und gut: je ruhiger und unwandelbarer, desto besser. Aber leider hat der Mobilismus den Einzug in die Konzilsdokumente gehalten[3].  Zunächst scheint dieser Einzug noch deskriptiv – beschreibend – dargestellt zu werden:

So vollzieht die Menschheit einen Übergang von einem mehr statischen Verständnis der Ordnung der Gesamtwirklichkeit zu einem mehr dynamischen und evolutiven Verständnis. Die Folge davon ist eine neue, denkbar große Komplexität der Probleme, die wiederum nach neuen Analysen und Synthesen ruft. (Gaudium et Spes 5)

Aber schon in GS 41 wird diese Entwicklung hochgeschätzt:

Kraft des ihr anvertrauten Evangeliums verkündet also die Kirche die Rechte des Menschen, und sie anerkennt und schätzt die Dynamik der Gegenwart, die diese Rechte überall fördert. (Gaudium et Spes 41)

Aber warum „verkündet die Kirche die Rechte des Menschen“ und das „Kraft des ihr anvertrauten Evangeliums“? Das Ziel des Evangeliums ist doch die Bekehrung der Menschen zu Gott durch Jesus Christus, sodass der Mensch einen Teil seiner Rechte, beispielsweise das Recht zum Sündigen, einbüßt. Man kann diesen Satz zwar für die Orthodoxie retten, indem man sagt, dass das Evangelium die wahre Würde des Menschen verkündet und hochschätzt. Aber sogar dann würde das Evangelium im Dienste des Menschen, wie unermüdlich Johannes Paul II unterstrich, stehen und nicht der Mensch im Dienste des Evangeliums. So lesen wir beispielsweise in Christifideles laici 36

 Im Dienst am Menschen

36 Weil sie in der Kraft des Geistes das Evangelium aufnimmt und verkündet, wird die Kirche […] zur Dienerin der Menschen. In ihr nehmen die Laien teil an der Sendung, den Menschen und der Gesellschaft zu dienen. Das letzte Ziel der Kirche ist mit Sicherheit das Reich Gottes, dessen »Keim und Anfang… auf Erden« sie darstellt. (130)[4] […] Die Kirche lebt und geht mit ihnen in tiefer und wahrer Solidarität mit der Menschheitsgeschichte.

[…] Sie tut zugleich dem Menschen den Menschen kund, erschließt ihm den Sinn seiner Existenz und öffnet ihn für die volle Wahrheit über sich selbst und sein Ziel.(131)[5] Kraft ihrer eigenen missionarischen Sendung ist die Kirche dazu berufen, dem Menschen zu dienen. Dieser Dienst gründet zunächst in der unerklärlichen und erschütternden Tatsache, daß »der Sohn Gottes … sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt« hat. (132)[6]

[…] Die ganze Kirche ist für diesen Dienst an der Menschheitsfamilie verantwortlich. Aufgrund ihres »Weltcharakters«, der sie auf eigene und unersetzliche Weise zur christlichen Inspirierung der zeitlichen Ordnung verpflichtet, kommt den Laien in diesem Rahmen aber eine besondere Aufgabe zu.

Wozu ist also die Kirche da? Zum Dienst am Menschen. Sie ist also eine Dienstleistungsgesellschaft. Und was ist so falsch daran? An wem soll sie denn ihren Dienst verrichten? Engel brauchen sie nicht und Bakterien und Eichhörnchen auch nicht. Dies ist zwar richtig, aber die Behauptung, dass die Kirche ihre Botschaft an den Menschen richtet, ist wirklich mehr als banal. Doch die Behauptung, dass die Kirche ihre Botschaft an dem Menschen ausrichtet, ist eine johanno-paulinische Neuerung und eine sententia haeresim favens – „eine die Häresie begünstigende Meinung“. Aber erst diese Ansicht, dass der moderne, sich ständig wandelnde Mensch das Maß der Kirche sei, an dem sie ihre Botschaft messen und ausrichten sollte, indem sie diese ständig verändert, macht die nachkonziliare Entwicklung verständlich. Nein, „unsere lieben Geistlichen“ sind kein Irren, die „nicht wissen, wohin der Weg geht“, wie es Kardinal Woelki formulierte, sie realisieren ganz konsequent die mobilistische Agenda der Ausrichtung der Kirche am atheistisch-humanistischen Menschenideal, welches mittlerweile zum androgynen und wohl baphometischen LGTB-Menschenideal mutierte. Und deswegen kann der Jesuit P. Reese sagen, dass „es ihm gefallen hätte, wenn das Wort ‚Gay‘ drinstünde“. Wo drin? Im Schlussdokument der Jugend-Synode auch Sodo-Synode genannt, wo jedoch das Wort LGTB nicht drinsteht, was immer noch kein Sieg der Orthodoxie ist.

[1] Amerio, Romano, Iota Unum. Eine Studie über die Veränderungen in der Katholischen Kirche im XX. Jahrhundert, Edition Kirchliche Umschau 20112, 369

[2] Ebd.

[3] Ebd., 370.

[4] Lumen gentium 5.

[5] Gaudium et Spes 22.

[6] Ebd.

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