Tradition und Glauben

Ein Federstrich hätte genügt oder auf dem Pius-Auge blind

Pius X. hätte sich gegen die Vorwürfe der Partitipatio actuosa wehren können. Warum hat er es nicht getan?
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An dieser Stelle möchten wir uns herzlich bei dem Blogger und Gläubigen der Piusbruderschaft und Kirchfahrter Archangelus und der gloria.tv-Kommentatorin Theresia Katharina bedanken. Ohne ihre Kommentare und Inspirationen (Tertium non datur) wäre die Thematik der Piusbruderschaft auf unserem Blog nicht zur der richtigen Geltung gekommen. Vergelt’s Gott!

Lesezeit: 6 Minuten

Obwohl wir hier Carol Byrne hochschätzen und deswegen ihre Reihe übersetzen und kommentieren, so scheint die britische Autorin die Schwächen ihrer eigenen Argumentation nicht zu sehen.

Sie meint, dass:

  • Pius X. mit den nachfolgenden Reformen nicht zu tun hatte;
  • er die aktive Teilnahme der Gläubigen niemals wollte;
  • die Wendung partitipatio actuosa im lateinischen Original von Tra le sollecitudini nicht vorhanden ist;
  • sodass er von allen folgenden Reformen freizusprechen ist.

Wir fragen aber:

Wirklich?

Pius X. gab das Motu proprio Tra le sollecitudini, das den Stein der angeblichen „aktiven Teilnahme“ ins Rollen brachte, im Jahre 1903 heraus. Sein Pontifikat dauerte bis 1914. Es gab also ganze elf Jahre Zeit, um ihn selbst nach seiner Absicht und Intention zum Thema Laiengesang oder „aktive Teilnahme der Gläubigen“ zu fragen. Ein Federstrich seinerseits zu seinen Absichten hätte genügt. Warum hat es niemand gemacht? Warum hat man nicht bei den nachfolgenden Päpsten versucht in Erfahrung zu bringen, ob die Leseweise der Liturgischen Bewegung der Absichten von Pius X. qua Partitipatio actuosa = „alle machen mit“ richtig sei? Keine Dubia? Keine Zweifel?

Wenn alle meinen und schreiben, dass Pius X. die „aktive Teilnahme“ wollte, Carol Byrne aber anderer Meinung ist und das Fehlen des Ausdrucks Partitipatio actuosa in der lateinischen Fassung von Tra le sollecitudini (1903) anführt, dann ist es durchaus möglich, dass alle recht haben, sie aber irrt. Denn hätte Pius X. anders gedacht und es gewollt, dann hätte er selbst doch diese angeblich falsche Leseweise seiner Absichten korrigiert. Warum tat er es nicht? War er im ersten Jahr seines Pontifikats der „Gefangene des Vatikans“, von Freimaurern umzingelt, der nicht so konnte, wie er wollte, wie die „frommen Seelen von gloria.tv“ immer gerne behaupten? Las er seine eigenen Texte nicht durch, bevor er sie veröffentlichte? Fiel ihm nicht auf, dass in der italienischen Fassung von der Partitipatio actuosa die Rede war, welche aber im lateinischen Text fehlte? Sah er selbst vor etwas anderes in der italienischen und etwas anderes in der lateinischen Fassung zu schreiben?

Tra le sollecitudini – eine zeitgenössische Darstellung

Wir können sicherlich sagen, dass, wenn Pius X. es gewollt hätte, Tra le sollecitudini auf Lateinisch zu veröffentlichen, er dies sicherlich getan hätte. Denn die Integrität und die Absicht all seiner anderen Texte stellt Carol Byrne nicht in Frage. Sie schreibt nicht, dass ihm jemand Pascendi in die Schuhe geschoben hatte oder die Antrittsenzyklika E supremi apostolatus (1903) auf Italienisch anders lautet.

Sicherlich bekam Pius X. während seines Pontifikats Rückmeldung darüber, wie seine Reformen aufgenommen wurden, daher kann ihm die beim Kirchenvolk verbreitete Auffassung über seine Absichten nicht entgangen sein.

Wenn man DSDZ [dem Schreiber dieser Zeilen] den Anachronismus vorwerfen sollte den Nachrichtenzyklus zur Zeit von Pius X. mit heutigen Maßstäben zu messen, so macht dies DSDZ gerade nicht. Denn niemand erwartet, dass sich am Anfang des XX Jhdts. schon ein Jahr nach der Veröffentlichung von Tra le sollecitudini (1903) etwas in der öffentlichen Meinung des Kirchenvolkes geregt hätte, aber eine Reaktion nach fünf oder zehn Jahren seit diesem Zeitpunkt zu erwarten scheint nicht unvernünftig, da das Pontifikat des Sarto-Papstes von 1903 bis 1914 dauerte. Entweder gab es Anfragen seitens der Theologen, aber sie wurden unterdrückt oder es gab keine, weil alles klar war.

Warum versucht Carol Byrne Pius X. schönzureden?

Weil Sie wohl eine Pius-Gläubige ist und wohl der FSSPX angehört, da sie in Großbritannien deren Magazin betreut. Sie braucht wohl auch einen nicht hinterfragbaren Papst im XX. Jahrhundert, da sie an allen seinen Nachfolgern, zurecht, kein gutes Haar lässt. Beim Sarto-Papst argumentiert sie emotional, bei den übrigen rational. Die Piusbruderschaft macht leider blind, was auch den Besten passiert.

Carol Byrne begeht auch den theologischen Denkfehler anzunehmen, dass persönliche, liturgische Wünsche eines Papstes, wenn sie die ganze bisherige Tradition auf den Kopf stellen, für die Kirche von Belang sind. Sie sind es nicht, denn der Papst ist kein Macher, sondern ein Hüter der Liturgie. Byrne bemerkt zurecht, dass die Mitwirkung der Laien an der Liturgie das ganze liturgische Prinzip, wo die Gnade von den Klerikern zu den Laien fließt, auf dem Kopf stellt. Da der Gregorianische Choral Gnade enthält, daher sollen ihn Kleriker und nicht Laien singen, da nur die Ersteren den Letzteren Gnade vermitteln können.

Änderung des Kommunionalters – ein Fortschritt?

Byrne kann es nicht annehmen, dass Pius X. nicht traditionell ist, wobei gerade er in seinen Dekreten und Entscheidungen auch woanders die liturgische Tradition auf den Kopf stellt:

  • Er warf mehrere Heilige aus dem Kalender (Kalenderreform).
  • Er eliminierte Messen zu Heiligen an Sonntagen, womit eine alte jansenistische Forderung erfüllt wurde[1].
  • Er erlaubte (Decr. S. Congr. Concil., 20 Dec., 1905) häufige, gar tägliche Kommunion, was niemals der Brauch der Kirche war.[2]
  • Er dispensierte Kranke (Decr. S. Congr. Rit., 7 Dec., 1906) vom eucharistischen Fasten, was ihre schlechtere Vorbereitung auf die Kommunion nach sich zog,
  • Er verkürzte und rationalisierte das Brevier (Divino afflatu spiritus).

Und niemand opponierte. Es scheint, dass Pius X. zwar das Wohlergehen der Kirche mit seinen Reformen im Sinne hatte, aber größtenteils auf die rationale und leider auch rationalistische Schiene der Apologetik setzte. Seine liturgischen Reformen standen, ob er es wusste oder nicht, unter dem Vorzeichen des Rationalismus. Man sollte zwar mehr und häufiger praktizieren, aber ohne die richtige spirituelle Vorbereitung und Zurüstung. Das ist liturgischer Aktivismus. Es lässt sich sicherlich sagen, dass Pius X. insgesamt mehr „religiöses Engagement der Laien“, wie man bei Novus Ordo so sagt, wollte, sodass ihm die Partitipatio actuosa beim Kirchengesang zu unterschieben oder einfach zuzuschreiben, gar nicht so fern lag. Wäre die unselige Partipatio actuosa nicht von anderen „aktivistischen“ Reformen des Sarto-Papstes umgeben und unterstützt gewesen, so wäre niemand auf die Idee gekommen, dass der Papst mehr Aktivität der Laien wollte.

Pius X. – busy, busy

Vielleicht ist das Carol Byrne auch klar, nur sie will nicht am Pius X. rütteln, denn irgendwo ist mit Papstkritik wirklich Schluss. Carol Byrne hält Pius X. hoch, weil Sie der FSSPX nahesteht und Pius X. für die FSSPX heilig und unhintergehbar ist, wie Marcel Lefebvre natürlich auch. So einfach ist es. Das Besuchen von Pius-Kapellen macht leider auf dem Pius-Auge blind und verblendet den Intellekt, der in anderen Bereichen recht gut arbeitet. Es ist zwar schwer anzunehmen, dass der gute antimodernistische Pius X. tatsächlich die liturgischen Reformen lostrat und selbst dadurch modernistisch wurde, obwohl er auf anderen Feldern den Modernismus bekämpfte. Was ist das Schlagwort des Modernismus:

Die Religion unseren Zeiten anpassen.

Und was tat Pius X. durch seinen liturgischen Reformen? Genau das. Vielleicht war ihm einfach nicht klar, dass es sich beim Modernismus um eine spirituelle und nicht so sehr einer intellektuelle Bedrohung handelte. Modernismus wollte zuerst den Gläubigen die Gnade wegnehmen, bevor er sie intellektuell angriff. Pius X. entwaffnete leider spirituell die Kirche und seine Nachfolger im Papstamt folgten ihm darin nach. Er war der Anfang der schiefen Ebene, die uns in den Bergoglio-Abgrund führte.

Dennoch hatten seine Entscheidungen nichts mit der päpstlichen Unfehlbarkeit zu tun, da diese im Katholizismus sehr eng ausgelegt ist und die administrativen und politischen nicht betrifft. All die oben beschriebenen liturgischen Entscheidungen des Sarto-Papstes waren schlecht und auf die lange Sicht verheerend, sie waren aber keine Häresien. Beim Pius X. trat zum ersten Mal, wenigstens im XX Jhdt. der Präzedenzfall ein, dass sich ein Papst gegen und über die liturgische Tradition stellte und ein liturgisches Prinzip umkehrte. Während die Traditionalisten Paul VI. vorwerfen, dass vor ihm kein Papst dermaßen in die Liturgie eingegriffen hatte, so vergessen sie dabei Pius X., der dasselbe tat. Die Folgen der Montini-Reformen erfolgten sofort, die Folgen der Sarto-Reformen erst nach einigen Jahrzehnten, die rationalistische Richtung war aber gleich.

Sicherlich würde sich anbieten einen Vergleich zwischen den liturgischen Reformen:

  • des Tridentinums,
  • von Pius X.,
  • von Paul VI.

anzustellen. Wenn das von jemandem bereits gemacht wurde, dann entweder aus der rationalistisch-modernistischen Perspektive, wie leider Gottes von Huber Jedin oder aus der traditionalistischen, wonach alle Reformen vor Vat. II heilig und nach Vat. II vom Teufel waren. Die einen zeigten, dass in der Kirche immer geschraubt und reformiert wurde, die anderen, dass das überhaupt nicht geht. DSDZ an dem dieses Vorhaben wieder mal hängen bleiben wird, denn solche Autoren wie Peter Kwasniewski oder Athanasius Schneider wollen weder Bergoglio noch die Piusbruderschaft verärgern. Sicherlich lässt sich belegen, dass im Laufe der Jahrhunderte die Kirche ihren gläubigen und Klerikern immer weniger Forderungen stellte. Weniger Gebet, weniger Askese, weniger Buße, weniger Liturgie bis allgemein die Orthodoxie in die Heterodoxie umschlug. Es dauerte zwei Jahrtausende bis alle, auch die Päpste die Sicht und das Gespür für das Übernatürliche verloren, das die Kirche in der Welt zu vergegenwärtigen hat. Denn es geht nicht um „den Laden“, die Organisation, die Moral und natürlich nicht die Kirchensteuer, sondern darum die Wirklichkeit Gottes, die die endgültige Wirklichkeit ist, auf Erden durch die Gnade und Sakramente in der Liturgie sichtbar zu machen. Niemand kann auch das Autofahren und sich nach den Verkehrsregeln richten, der die Straße nicht sieht. Durch die fehlende spirituelle Nahrung verloren zuerst die Hirten und dann die Schafe die Sicht der übernatürlichen Wirklichkeit und rasen geradewegs in die Hölle.


[1] Seit Pius X. wird immer die Messe vom Sonntag und niemals das Heiligenfest, das auch auf einen Sonntag fallen kann, gefeiert. So hatten wir z.B. gestern am 28.08.2022 den zwölften Sonntag und das Fest des Heiligen Augustinus. Vor Pius X. hätten die Gläubigen die Messe vom Augustinus und wohl eine Predigt zu diesem Heiligen gehört. Gestern ging er unter, wie andere Heiligen, an die an Sonntagen nicht mehr erinnert wurde, sodass Katholiken immer weniger über die Heiligen wussten, da sie kaum über sie hörten.

[2] Auf das eventuelle Argument, dass die ersten Christen täglich kommunizierten, lässt sich erwidern, dass die ersten Christen kaum täglich die Messe hatten, da sie sich verstecken mussten. Seit Konstantin lässt sich die tägliche Kommunion der Laien kaum belegen.

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