Fatima is over oder warum Gott nicht intervenieren wird (2 von 3)

Eine wirklich kleine katholische Gnadenlehre

So verhält es sich mit dem Unwillen zur Anstrengung im Natürlichen, im Übernatürlichen ist es noch schwieriger, da die Objekte des übernatürlichen Lebens: Gott, Seele, das ewige Leben, das Gnadenleben übernatürlich sind und aus unserer eigenen Kraft heraus unerreichbar bleiben. Das lutherische Prinzip sola gratia – Gnade allein ist falsch, weil es die Mitarbeit mit der Gnade durch gute Werke und eigene Willensanstrengung unberücksichtigt lässt. Lässt man das Prinzip sola gratia gelten, dann:

  1. gehen einige in die Hölle, weil sie nicht genügend Gnade von Gott erhielten und Gott ist ungerecht
  2. gehen einige in den Himmel, weil sie ausreichend Gnade von Gott erhielten und Gott ist ungerecht
  3. es gibt keinen freien Willen,
  4. und daher keine persönliche Sünde, da alles vom Ausmaß der vorhandenen oder nicht vorhandenen Gnade abhängt,
  5. Christus ist also umsonst gestorben.

Die katholische Gnadenlehre lässt sich in dem folgenden Bibelwort zusammenfassen:

„Denn wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. (Mk 4,25)“

Warum ist es so? Weil das eigentliche Gnadenleben durch die aktuelle Gnade stattfindet. Man unterscheidet nämlich zwischen der

(1) habituellen Gnade (sakramentale Gnade, heiligmachende Gnade oder rechtfertigende Gnade) und der

(2) aktuellen Gnade (Beistandsgnade oder helfende Gnade).

Die (1) ist „eine dauernde übernatürliche Beschaffenheit der Seele, die den Menschen innerlich heilig, gerecht und gottgefällig macht“.[1] Das ist die Taufgnade, welche durch schwere Sünde verloren gehen und in der Beichte wiedererlangt werden kann. Die letztere die aktuelle Gnade ist „eine vorübergehende übernatürliche Einwirkung Gottes auf die Seelenkräfte zu Verrichtung eines Heilsaktes, der entweder die Erlangung der heiligmachenden Gnade oder deren Erhaltung und Vermehrung bezweckt.“[2] Man erhält also nur dann aktuelle Gnade, wenn man im Gnadenstand, d. h. ohne Todsünde, lebt oder diesen erlangen oder wiedererlangen will.

Warum ist es so?

Weil Gott keine Gnade verschwendet und in seiner Vollkommenheit vollkommen das Ökonomieprinzip anwendet, welches darin besteht, „mit möglichst geringem Aufwand (Zeit, Verarbeitungskapazität etc.) ein für die meisten Lebenssituationen hinreichend zufriedenstellendes Ergebnis erzielen zu können“. Wir erkennen Gott per Analogieschluss, indem wir dadurch, was wir als vollkommen und wirkend in dieser Welt wahrnehmen auf Gott und seine höhere Vollkommenheit übertragen. Da Gott der Schöpfer der Welt ist, so hat er seine eigene Wirkungsweise der Welt auferlegt und wie eine Fußspur (vestigium) hinterlassen, sodass der heilige Augustinus von der Schöpfung und ihre Wirkungsweise als den „Fußspuren Gottes“ – vestigia Dei spricht (Enn. In Ps. 74,9). Da also das Ökonomieprinzip in der Welt auf jeder Stufe Logik, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie etc. wirkt, so muss das Ökonomieprinzip, was die Gnade anbelangt, auch bei Gott gelten. Da Gott darüber hinaus die Menschen mit freiem Willen ausgestattet hat, so ist es ersichtlich, dass er nur denjenigen die aktuelle oder die helfende Gnade langfristig gibt, die überhaupt etwas tun. Denn die aktuelle Gnade – gratia actualis – wird, nach Ott, wie folgt unterschieden:

a) nach den von ihr ergriffenen Seelenpotenzen in eine Verstandesgnade und eine Willensgnade oder nach ihrer Wirkung in eine Erleuchtungsgnade (gratia illuminationis) und eine Stärkungsgnade ( inspirationis).[3]

Es erschließt sich aber von selbst, dass man der Verstandes- oder der Willensgnade nur dann teilhaftig wird, wenn man den Verstand und den Willen einsetzt.  Wenn man beispielsweise etwas liest, schreibt oder nachdenkt oder wenn man mit seinem Willen seinen eigenen Willen überwindet. Lesen wir bei Ott über die aktuelle Gnade weiter.  Sie wird unterschieden:

b) Nach ihrem Verhältnis zur freien Willenstätigkeit des Menschen in eine der freien Entscheidung des Willens zuvorkommende Gnade (gratia praeveniens, antecedens, excitans, vocans, operans) und in eine die Tätigkeit des freien Willens unterstützende und begleitende Gnade (gratia subveniens, adiuvans, conconmitans, cooperans).

Ja, Sie ahnen es schon. Man muss schon etwas tun, und zwar mit dem freien Willen, damit die Gnade einem zuvorkommt, ihn unterstützt und begleitet. Liegt man faul herum, so kommt keine Gnade. Aber lesen wir weiter die aktuelle Gnade wird unterschieden:

c) Nach ihrer Wirkung in eine hinreichende Gnade (gratia sufficiens) und in eine wirksame Gnade (gratia efficax). Erstere gibt die Befähigung zum Heilsakt, letztere führt den Heilsakt wirklich herbei.

Dies muss man aber im Zusammenhang mit dem Vorherigen sehen. Hat man ausreichend viel getan, so erfährt man irgendwann einmal die gratia sufficiens und die gratia efficax. Die heilige Theresia von Lisieux verwendet das Bild von einem Kind, das sich abmüht, die Treppe hoch zu klettern, bevor es endlich vom Vater hochgetragen wird. Es muss aber einige Stufen von selbst bewältigt haben, bevor die Hilfe kommt. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass sich die katholische Gnadenlehre hauptsächlich mit der aktuellen Gnade auseinandersetzt. Denn die habituelle Gnade hat man oder man hat sie nicht. Daher ist es absolut verwerflich zu denken, dass Gott alles für uns wirken wird, was unser Heil und Leben anbelangt.

 „Gott hat dich ohne dich geschaffen, rettet Dich nicht ohne Dich“, sagt der heilige Augustinus (Augustinus, Sermo, 169, 13 (PL 38, 923]).

Man kann dennoch davon ausgehen, dass uns Gott seinerseits alle Hilfs- und Gnadenmittel zur Verfügung stellt. So lauten wichtige Grundsätze der Gnadenlehre wie folgt:

Gott will auch unter der Voraussetzung des Sündenfalls und der Erbsünde wahrhaft und aufrichtig das Heil aller Menschen. (Sententia fidei proxima)[4]

Gott gibt allen Gerechten hinreichende Gnade (gratia proxime vel remote sufficiens) zur Beobachtung der göttlichen Gebote. De fide.[5]

Unter Gerechten versteht man Getaufte und in Gnade Lebenden.

Gott gibt allen gläubigen Sündern hinreichende Gnade (gratia saltem remote sufficiens) zur Bekehrung. Sententia communis. [6]

Zwar entzieht Gott seine Gnade auch den verblendeten und verstockten Sündern nicht gänzlich, aber die Kirche lehrt, dass die Getauften [also nicht alle Red.], die in eine schwere Sünde gefallen sind „durch wahre Busse stets wiederhergestellt werden können“ (DH804).[7]

Gott gibt allen schuldlos Ungläubigen (infideles negativi) hinreichende Gnade zur Erlangung des ewigen Heiles. Sententia certa.

Die menschliche Mitwirkung mit der Gnade

Fasst man diese Lehren zusammen, so kann man durch ein Ausschlusskriterium bestimmen, wem Gott die hinreichende Gnade zur Bekehrung nicht geben wird. Er ist nicht verpflichtet diese verstockten und verblendeten Sündern zu geben, noch denjenigen, die schuldig ungläubig geworden oder geblieben sind. Die Lehre, wie sie beispielsweise von der Faustina Kowalski verbreitet wurde, dass Gott jemanden, der jahrzehntelang in schwerer Sünde gelebt hat noch durch den Barmherzigkeitsrosenkranz sozusagen zu fassen bekommt, ist häretisch. Jemanden, der sich durch seinen freien Willen so oft und so lange von Gott durch Todsünde abgewandt hat, ist Gott nichts schuldig. Man erzählt uns, insbesondere in den sogenannten frommen Kreisen (Privatoffenbarungen, Herzrosenduft Maria etc.) etwas anderes, aber es ist falsch, denn es widerspricht der gleichbleibenden Lehre der Kirche. Gott wirkt in denen, die selbst wirken und daher ist das katholische Leben qua Gnadenleben ist ein lebendes unentwegten Voluntarismus. So lesen wir in der Gnadenlehre von Premm:

„Aus Erfahrung und Offenbarung steht fest, dass Gott bei der Zuteilung der Gnaden gewisse Normen einhält, die er selbst freiwillig festgelegt hat. So die Norm, dass er allen Menschen Gnaden schenkt, wenigstens die hinreichende. Dem eifrig Betenden versprach er die Gnade der Beharrlichkeit. Ein Grund für die verschiedene Zuteilung von Gnaden ist auch die verschiedene eifrige Mitarbeit des Menschen mit der Gnade; denn durch jeden einzelnen verdienstlichen Akt kann sich der Mensch weitere Gnaden geradezu verdienen. Gott nimmt sodann Rücksicht auf das Gebet der Menschen füreinander. Die inneren Gnaden [übernatürliches Verständnis, Erleuchtung etc. Red.] werden oft von der guten Nutzung der äußeren Gnaden [Predigt, Lektüre Red.] abhängig gemacht. Doch alles sind nur die nächstliegenden Ursachen der verschiedenen Gnadenführungen.“[8]

Fassen wir das bisher Gesagte zusammen:

  1. Gott will die Rettung aller Menschen,
  2. Gott hat den Menschen den freien Willen gegeben,
  3. Gott gibt jedem ausreichend viel Gnade zur Bekehrung und Rettung,
  4. Gott gibt aktuelle Gnaden denen, die wirken.

Kann man sich denn die Gnade verdienen?

Nein, das war der Fehler des Pelagianismus, sonst wäre es keine Gnade, sondern Selbsterlösung.  Man kann aber durch die guten Werke, die im Gnadenstand verrichtet werden, dies in die verdienstlichen Akte, auf den Gnadenempfang vorbereiten, denn Gott liebt es zu prüfen, ob wir seiner Gnade würdig sind. Wenn wir jedoch nichts tun und herumliegen, so erhalten wir garantiert nichts.

 

[1] Ott, Grundriss der Dogmatik, Bonn 2010, 332.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd., 342.

[5] Ebd., 343.

[6] Ebd., 344.

[7] Ebd.

[8] Premm, Katholische Glaubenskunde. Ein Lehrbuch der Dogmatik. Vierter Band: Gnade, Tugenden, Vollendung, Wien 19582, 136.

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