Georg Ratzinger ist tot – Was folgt daraus? Und wieder einmal vom Benedikts Rücktritt. (4 von 6)

Der autobiografische Abgrund

Vielleicht ist es so gewesen, vielleicht auch nicht. Wir können hier zwar nur mutmaßen, aber wir lassen am besten Joseph Ratzinger für sich selbst sprechen, und zwar in seinem bekanntesten Werk „Einführung in das Christentum“. Wenn Sie Probleme haben sollten dieses Werk einer Literaturgattung zuzuordnen, so handelt es sich dabei, man höre und staune, um eine katholische Dogmatik. Ja, denn an und für sich sollte es in diesem Buch um die Lehre der Kirche gehen, nicht um die recht peinliche Selbstdarstellung des Autors. Jemand sagte sehr treffend:

Biografien lügen immer, die Fiktion nie!

Würde Joseph Ratzinger eine klassische katholische Dogmatik oder Apologetik schreiben wollen, so hätte er dies getan. Er hat also das geschrieben, was er schreiben wollte und in dieser Art und Weise wie er es wollte. Wir haben es also schriftlich. Es ist daher zulässig anzunehmen, dass Joseph Ratzinger im Jahre 1968, d. h. mit 41 Jahren, in „Einführung in das Christentum“ hauptsächlich über sich selbst schreibt.  Ferner ist zu mutmaßen, dass es sich in diesem Werk um das handelt, was Franzosen Crie de coeur – „Herzensschrei“ oder „Ruf des Herzens” nennen. Lesen wir uns doch die folgenden Passagen durch, bei denen es sichtlich von der Beziehung Joseph Ratzingers zu seinem Bruder Georg geht. Da es sich um längere Fragmente handelt, so werden wir Sie mit eigenen Kommentaren durchsetzen, damit sie einfacher und lesbar bleiben, denn sie werden selbst feststellen können, dass es bei diesen Ratzinger-Passagen gar nicht so klar ist, worum es darin wirklich geht.

Joseph Ratzinger stellt die Situation eines Gläubigen, also sich selbst, wohl im Jahre 1968 dar.

Zunächst: Im Gläubigen gibt es die Bedrohung der Ungewissheit, die in Augenblicken der Anfechtung mit einem Mal die Brüchigkeit des Ganzen, dass ihm gewöhnlich so selbstverständlich erscheint, hart und unversehens in Erscheinung treten lässt. […][1]

Würde man diesen Text einem Psychologen übergeben, der noch dazu als Gutachter für die Polizei arbeitet, ohne zu sagen, um wen es sich bei dem Autor des Textes geht, so würde er wohl sagen, dass es sich um eine tief gespaltene Persönlichkeit handelt, die ein Doppelleben führt und Angst hat aufzufliegen und kompromittiert zu werden. Aber lesen wir weiter:

[…] Ihr Verstand [der Theresia von Lisieux Red.] wird bedrängt von allen Argumenten, die es gegen den Glauben gibt; das Gefühl des Glaubens scheint verschwunden, sie erfährt sich, „in die Haut der Sünder“ versetzt. Das heißt: In einer scheinbar völlig bruchlos verfugten Welt wird hier jählings einem Menschen der Abgrund sichtbar, der unter dem festen Zusammenhang der getragenen Konventionen lauert – auch für ihn.

Na, na, muss DSDZ sagen, dass hört sich ja höchst dramatisch, beinahe hysterisch an. Als ein katholischer Professor und Priester noch dazu müsste eigentlich Joseph Ratzinger wissen, was die kleine Theresia auch tat, dass der Glaube nicht im Gefühl besteht, denn das ist die Irrlehre des Modernismus. Glauben ist „die Zustimmung des Verstandes zu einer geoffenbarten Wahrheit“ also ein Willensakt. Kennt jemand die Schriften der kleinen Theresia, so weiß er, dass sie sich viel weniger dramatisch lesen als die oben angeführten Ratzinger-Zeilen. Ja, die heilige Theresia von Lisieux erlebte eine gottgewollte Trockenheit, eine Nacht des Geistes, aber sie schreibt von keinen „sich jählinks auftuenden Abgründen“. Außerdem erwähnt die kleine Theresia nirgends, „dass ihr Verstand von allen Argumenten bedrängt wird“, sie berichtet vielmehr von einer schmerzvollen Gewissheit der Lehre, dass es „keinen Himmel gibt“. Die Heilige von Lisieux hatte keine intellektuellen Kämpfe auszufechten, sondern sie war mit der Gewissheit konfrontiert, dass das, was sie liebt und wohin sie strebt, nicht vorhanden ist. Niemand ahnte etwas von ihren Seelenkämpfen, da sie alles für sich behielt und heroisch nach außen die Nächstenliebe übte. Die kleine Theresia gehörte tatsächlich der kämpfenden Kirche an und jammerte nicht wie ein Waschweib oder wie Joseph Ratzinger. Entweder hat also Ratzinger die heilige Theresia nicht verstanden oder er verstand sie durch seine eigene Situation hindurch. Ferner ist es verwunderlich, warum ein Mann von 41 und Priester sich mit dem Innenleben einer hochsensiblen jungen Frau befasst und gerade damit identifiziert. Aber lesen wir weiter:

Paul Claudel hat in der Eröffnungsszene des »Seidenen Schuhs« diese Situation des Glaubenden in eine große und überzeugende Bildvision gebannt. Ein Jesuitenmissionar, Bruder des Helden Rodrigo, des Weltmanns, des irrenden und ungewissen Abenteurers zwischen Gott und Welt, wird als Schiffbrüchiger dargestellt.[2]

Welcher der Ratzinger-Brüder ist der Weltmann und welcher der Missionar? Warum hat sich der künftige Benedikt XVI.  ausgerechnet diese Claudel-Passage gemerkt und sie in seinem bekanntesten theologischen Werk verwendet?

Sein Schiff wurde von Seeräubern versenkt, er selbst an einen Balken des gesunkenen Schiffes gebunden, und so treibt er nun an diesem Stück Holz im tosenden Wasser des Ozeans. Mit seinem letzten Monolog beginnt das Schauspiel.: »Herr, ich danke dir, dass du mich so gefesselt hast. Zuweilen gar scheint mir, dass ich deine Gebote mühsam fand, und meinen Willen im Angesicht deiner Satzung ratlos, versagend. Doch heute kann ich enger nicht mehr an dich angebunden sein, als ich es bin, und mag ich auch meine Glieder eines um das andere durchgehen, keines kann sich auch nur ein wenig von dir entfernen. Und so bin ich wirklich ans Kreuz geheftet, das Kreuz aber, an dem ich hänge, ist an nichts mehr geheftet. Es treibt auf dem Meere«.[3]

Ja, sie erkennen es auch. Es ist so ziemlich die typisch deutsche Novus Ordo – Predigt, welche nach zwei Lesungen, einem Psalm, einem Halleluja Vers und einem Evangelium, alles natürlich in der Landessprache, „damit die Leute es auch verstehen“, immer starr und dogmatisch mit einem Literaturzitat anfängt. Die Predigt fängt deswegen damit an, da man weiß, dass die modernen Menschen mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne von 8 Sekunden sich wirklich alles merken können: die Lesungen, den Psalm, das Evangelium, das Literaturzitat und die Predigt. Ironie aus. Bei durchschnittlichen und überdurchschnittlichen Menschen lässt entweder dieses Zitat die vorherigen Messelesungen verblassen oder umgekehrt, denkt man noch an das Evangelium, so hört man beim Literaturzitat nicht zu, wie auch bei der restlichen Predigt auch nicht. Aber sei es drum, wir machen weiter.


[1] Ratzinger, Joseph, Einführung in das Christentum, Weltbild 2000 [Erstveröffentlichung München: Kösel 1968], 36.

[2] Ebd.

[3] Ebd., 37.

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